Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 31 (5.8.1898)
- Date
- 1898-08-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 578 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 31 man so manche interessante Darstellung, unmittelbar aus dem Leben gegriffen, zuweilen die Anliegen und Sorgen des kleinen Mannes anschaulich und lebenswahr geschildert. So sanden wir dieser Tage daselbst eine „Klage der Wafferaufspritzer". Die 130 Aufspritzer unseres „blühenden" Gemeindewesens bekommen, wie wir dieser Zuschrift entnehmen, 1 Gulden täglich. „Der Bürgermeister", schreibt nun ein solcher Aufspritzer dem „Extrablatt", „dem wir mehrmals durch eine Deputation um Aufbesserung des Lohnes gebeten haben, hat uns im April eine solche versprochen. Wir sind schon hoch im Sommer und haben die ersehnte Zulage von 30 Kreuzer per Tag noch nicht erhalten". Meine sehr verehrten Straßenspritzen - Schlauchschleuderer! Haben Sie doch ein wenig Geduld! Der Herr Bürgermeister wird Ihnen schon „rechtzeitig" den Lohn erhöhen. Sie als „Organe der Commune" sollten doch schon wiffen, daß unser Bürgermeister Alles „rechtzeitig" macht. Im Winter werden die Aufspritzer besser bezahlt werden. Und auf die Schneeschaufler wird er auch nicht vergessen, unser Herr Bürgermeister. Die bekommen wieder im Sommer mehr bezahlt. So sorgt unser Carl für Alle, so gut er eben kann, denn Alles auf einmal, das sollten Sie auch schon wiffen, weil er's schon einige Male gesagt hat, kann man doch nicht machen. Das kann, meine Herren Aufspritzer von Wien, nur der liebe Herrgott. Der Dr. Lueger aber, das hat er auch gesagt, ist kein Herrgott. Blos die Anderen halten ihn dafür. Das hat er nämlich auch gesagt. Ferner, meine sehr verehrten Herren Wafferstrahlenversender, bedenken Sie doch die derzeitige finanzielle Lage der Stadt! Fünfzig Millionen und darüber kostet uns die Gasblamage und da soll man Ihnen statt 1 fl. einen Lohn von 1 fl. 30 kr. bezahlen? Schließlich wollen Sie nicht übersehen, daß Ihnen der Herr Bürgermeister diese Lohnerhöhung im April versprochen hat! Uebrigens beruhigen Sie sich! Sie bekommen die Lohnerhöhung, wenn nicht früher, so doch wenigstens gleichzeitig mit dem Gemeindewahlrecht. * * „E r ste r Wiener Gaunerclub", so lautete die Unterschrift auf Brandbriefen, durch welche die Bewohnerschaft eines Hauses in Schrecken gesetzt und als deren Absenderin ein sechzehnjähriges Mädchen eruirt wurde, welches der Brandlegung verdächtig ist. Würden wir in Vergani'scher Manier arbeiten, so würden wir die liebe Kleine ein „Christenmädchen" nennen. Das liegt uns aber selbstverständlich ferne; sie hätte zufällig auch, ohne daß es die Juden etwas kümmern würde, eine Jüdin sein können. In diesem Falle hätten die wackeren Antisemitenblätter die jüdische Brandlegerin fructificirt. Von „Christenmädchen" sprechen sie nur dann, wenn einem christlichen Frauenzimmer durch einen Juden ein Unrecht zugefügt wird; in dem Falle des Pfarrers Seifert, welcher einer geisteskranken Waise widerrechtlich ihr Erbtheil vorenthält, figurirt dagegen nur der Name, obgleich auch dieses unglückliche Geschöpf ein „Christenmädchen" ist. Was uns bei dem Falle jener in so zartem Jugendalter befindlichen Brandlegerin interessirt, ist die Wahrnehmung, wie zuweilen kindliche Einfalt einen Gedanken ausspricht, der bisher nur in der so häufig citirten „Volksseele" schlummerte, einen Gedanken, der sozusagen der ganzen gegenwärtigen Generation auf der Zunge lag. „Erster Wiener Gaunerclub" — das ist eine Corporation, deren Gründung im modernen Wien den Ehrgeiz so manches Strebers wecken sollte. Als Ehrenpräsidenten denken wir uns mindestens einen Stampiglienfälscher, als Obmann einen Gemeindedefraudanten, als Obmannstellvertreter einen Taschelzieher. AlZ Cassier — mit der Wahl dieses Functionär hätte es einige Schwierigkeit, weil ihm die Anderen nicht trauen würden. Sie würden sich wenigstens die Miteinsperre bedingen. Ein meineidiger Universitätsprofeffor könnte die Auszeichnung erfahren, zum correspondirenden Mitgliede, ein Erbschleicher, zum Ehrenmitgliede des „Wiener Gaunerclubs" ernannt zu werden. Nur majorenne Spitzbuben würden Aufnahme finden; bloße „Jugendstreiche" geben kein Anrecht, dem Club beizutreten. Im Gegensätze zu anderen Vereinen wären bei den Clubabenden durch Nichtmitglieder „eingeführte" Gäste willkommen. Die Mitgliederaufnahme erfolgt durch Escamotage der Stimmzettel. Vielleicht besteht übrigens dieser Club bereits in der angedeuteten Zusammensetzung, wenn auch ohne geschriebene Statuten, und das citirte reizende Wort aus Kindermund vom „Ersten Wiener Gaunerclub" hätte einen thatsächlichen Hintergrund. Herr Pfarrer Deckert ist von den Enthüllungen über die 2000 fl., die ihm eine Pfründnerin zur Aufbewahrung übergeben und die nunmehr für die geisteskranke Tochter reclamirt werden, unangenehm berührt. Er unterschiebt den, wie er sich ausdrückt, „knoblauchduftenden Wiener Blättern" jüdische Rachsucht und leidigen Christenhaß als Motiv für die „Hetzartikel" zu. Ueber den „Rechtsfall" müsse er vor der Austragung des Falles schweigen, da er als Präsident des Kirchenbauvereines dessen Interessen zu wahren habe. Herr Deckert bemüht sich da ganz vergeblich, den einfachen Sachverhalt zu verdunkeln. Seine eigenen schriftlichen Bestätigungen stehen, wie nicht die Judenblätter, sondern das Gericht constatirte, mit seinen Ausflüchten im Widerspruch. Der edle Priester versucht einer nothleidenden armen Person ihr armseliges mütterliches Erbtheil zu entreißen, um es als Beitrag zu einem Kirchenbau zu behalten. Zu dieser christlichen Milde des würdigen Pfarrers von Weinhaus stimmt es auch, daß er in der augenscheinlichen Absicht, für den von ihm redigirten „Sendbote des heiligen Josef" Reclame zu machen, bei dieser Gelegenheit darauf hinmeist, daß er in diesem Blatte „alte Ritual mordgeschichten acten mäßig dar stell t". Herr Deckert weiß genau so gut, wie Herr Rohling, daß die Beschuldigung des Ritualmordes eine nichtswürdige Lüge ist. Auch alte Hexenprocesse kann man ja „actenmäßig" darstellen und es hat doch niemals Hexen gegeben. Herr Deckert aber betreibt den Verschleiß von Ritualmord-Märchen als buchhändlerisches Geschäft. Er handelt mit Judenhetze und macht in Antisemitismus. In den letzten Tagen ist viel von anthropometrischen Agnoscirungen von Spitzbuben geschrieben worden, die ihr Jncognito zu wahren suchten. Viel interessanter wären psychometrische Messungen. Wenn es möglich wäre, solche vorzunehmen, da würde sich zwischen den verschiedenen Führern der antisemitischen Campagne eine merkwürdige Congrueuz der Merkmale ergeben, so daß man sie von einander kaum zu unterscheiden vermöchte. Die Heuchelei, die Lüge, die Fälschung und die Schamlosigkeit ist ihnen gemeinsam, den Rohling's und den Deckert's, den Ahlwardt's und den Vergani's. Das wäre die psychometrische A g n o s c i r u n g. Robert Wolf. AuS Westgalizien. Das Standrecht und der Ausnahmszustand bestehen noch, aber die Hetze wird trotzdem eifrig fortgesetzt. Fast ohne Ausnahme ist die polnische Presse bemüht, den Antisemitismus zu fördern, und sie gebraucht dabei jene Mittel, welche sich anderwärts bewährt haben. Es werden täglich theils vollständig erdichtete, theils künstlich bearbeitete Geschichtchen erzählt, welche die Ausbeutungssucht, den Uebermuth und die Anmaßung der Juden bezeugen sollen. In dieser Hinsicht übcrtrifft aber ein in Neu - Sand ec erscheinendes Blättchen, „Bauernbund", alle Mitbewerber, selbst die Organe des Pater S t ojalowski. Als Herausgeber und verantwortlicher Redacteur dieses dreimal im Monat erscheinenden Blättchens fungirt der Abgeordnete Stanislaus Potoczek, derselbe, welcher im Wiener Abgeordnetenhause sich in den Obstructionsschlachten des vorigen November als Kämpfer für Badeni bemerkbar machte. Die Nummer 20 des fünften Jahrganges des Potoczek'schen Blättchens enthält eine Reihe weißer Stellen. Es ist dies nämlich eine Ausgabe, die als Ersatz für eine confiscirte Nummer erschien. Die Juden werden in dieser nicht beanständeten Nummer in unfläthigster Weise beschimpft, der strengste Boycott wird gegen dieselben gepredigt, und sie werden sogar als die Urheber der antisemitischen Excesse verdächtigt. Der Zweck der jüngsten Unruhen in Galizien, beißt es in einem Artikel, sei kein anderer gewesen, als den in starker Zunahme begriffenen rechtlichen Widerstand gegen die jüdische Herrschaft vor den Behörden und der ganzen Welt zu discreditiren. Man habe nach einem listig gesonnenen Plane den gesetzlichen Widerstand in eine gewaltsame Bewegung verwandelt, um diesen Widerstand zu vernichten und das Volk wieder jüdischer Uebervortheilung preiszugeben. An solche Auslassungen knüpft jedoch das Potoczek'sche Blättchen die Mahnung an die Bauern: „Seid nur um Gotteswillen hübsch brav und begeht keine Ungesetzlichkeiten!" Wer den masurischen Bauer kennt, weiß, daß solche Mahnungen, wenn ihnen Beschimpfungen und Beschuldigungen der Juden vorangehen, ganz werthlos sind. Es wird also trotz der Erfahrungen, die man bei den Ausschreitungen im vorigen Monate gemacht hat, fortgehetzt, nnd doch hätten die Veranstalter dieser systematischen Äufreiznngen,