Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 31 (5.8.1898)
- Date
- 1898-08-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 676 Dr. Bloch's WochrnschriN Nr. 31 wurde die unglückliche Dame ermordet, und unter den Zeugen bei der darauffolgenden gerichtlichen Untersuchung war auch der junge Officier Er sollte berichten, welchen Eindruck ihr Zustand auf ihn gemacht. Auch der Gerichtspräsident rühmte sein ritterliches Benehmen. Dieser in die Gerichtsprotocolle ausgenommene, vom Vater und dem Gerichte bezeugte Vorfall sigurirt nun in der Anklageschrift gegen Alfred Dreyfus. Hier ist er folgendermaßen erzählt: Capitän Dreyfus war ein Schürzenjäger, welcher mit einer älteren Dame, die, wie bekannt war, ihre Liebhaber bezahlte, in Beziehungen stand. Sie wurde nachher ermordet und in die darauffolgende scaudalöse gerichtliche Untersuchung war auch Dreyfus' Name hineingezogen. Drastischer kann wohl nicht bewiesen werden, wie der Haß, hier Judenhaß, die Phantasie vergiftet und den Gerechtigkeitssinn irreleitet. Wie von dec natürlichsten Sache der Welt geht die Anklage davon aus, daß ein Jude zu Allem fähig sei; nicht einmal eine Untersuchung wendet man daran. Ein Jude, und wenn er selbst Millionen hat, nimmt gerne von einem älteren Frauenzimmer, das Lust auf ihn verspürt, eine Bezahlung. Er mag ein hochgebildeter Mann mit wissenschaftlichen Interessen sein, das hindert ihn nicht; demr es gibt ja nichts so Unwürdiges, das ein Jude nicht begehen kann; warum also nicht auch Vaterlandsverrath? Blos um diesen glaublich zu machen, wird ja jene Geschichte erzählt. Sowie der Haß die Phantasie des Anklägers besudelt hat und dadurch seinen Wahrheitstrieb, so hat er es dem Gerichte, so hat er es dem Volke gethan. Denn eine moralische P e st mit allen Ansteckungszeichen ist er, dieser Haß, und nach Frankreich wurde diese Pest eingeführt. Hier, in der Bitterkeit der Unterlegenen, in der tiefverwundeten National-Eitelkeit, in der anarchischen Mißgunst, der demokratischen Unzufriedenheit, dem Hasse gegen das Fremde, waren die Bedingungen für deren Wachsthum günstig. Laßt uns von dem Absperrungssystem Gebrauch machen, wie gegen jede andere Seuchengefahr! * * * Im Anschlüße hieran, nehmen wir noch von einem Schreiben Notiz, welches Björnson an den „Temps" gerichtet hat und in welchem es heißt: „Ein Volk kann ebensowenig wie ein Individuum sich isoliren und auf das Urtheil Anderer verzichten. Wir bedürfen der Controle durch Andere, um uns selbst zu beurtheilen. Haben die französischen Journale nicht die Pflicht, ihr Land zu unterrichten, daß die Haltung der Regierung, der Kammer, der Gerichte und der Majorität des Publicums durch die Einstimmigkeit der civilisirten Welt strenge beurtheilt wird? Es scheint uns verbrecherisch, Frankreich hierüber in Unkenntniß zu lassen, denn die Achtung, welche es in dieser Affaire verlöre, wäre ein Verlust für uns Alle. Ich sage für uns Alle und meine damit nicht blos uns alle Republikaner. Frankreich ist noch nicht bis zur wirklichen Republik gediehen, und bedauerlicher ist es noch, daß alles Tadelnswerthe in der Affaire Dreyfus nicht etwa auf Rechnung des Militarisums, des Clericalismus und aller ererbten, von Zola so wunderbar geschilderten Uebel des Kaiserreiches gesetzt wird; man setzt dies auf Rechnung der Demokratie, der Freiheit. Sehet, sagt man, die Früchte der Republik. Die Gesetze werden verletzt, die I u st i z wird durch die Politik unterdrückt, Genie, Mitleid und Aufopferung werden in den Koth gezerrt und dies Alles im Namen der Ehre derArmee! Welch' schönes Beispiel! Sie sehen es selbst, Frankreich steht augenblicklich im Dienste der Reaction und das ist ein u nermeßlichesUn glück für die ganze Welt. Und warum dies Alles? Um den General st ab zu decken. Sie mögen es aber wissen, daß mit Recht oder Unrecht der Generalstab in den Augen Europas und Amerikas so c o m p r o m i t t i r t ist, daß er bei der Revision des Processes Dreyfus nichts zu r i s k i r e n noch zu verlieren ha t." Der Handelsminister und die Iudenfrsge. Das Ereigniß in commerciellen Kreisen bildet noch immer die feierliche Programmrede, mit welcher Handelsminister Dr. Bärnreither den neu constituirten Jndustriebeirath begrüßt hat. Eine neue Aera soll für die Industrie in Oesterreich beginnen, Handel und Wandel im Jnlande sollen gehoben und der Exportverkehr gefördert werden. Wie Dr. Bärnreither dies zuwege bringen will, dies sagt er selbst mit den Worten: „Ich will den großen Zusammenhang zwischen denwirthschaftlichen und gesellschaftlichen Zuständen nicht aus den Augen verlieren". Im ersten Augenblick dürfte man versucht sein, diese Apostrophe in Beziehung zu der Strömung zu bringen, welche schon nahezu anderthalb Jahrzehnte Handel und Verkehr Oesterreichs schädigen. Allein weit gefehlt. Dr. Bärnreither ist dies nicht im Traume eingefallen, er hat nur an das Verhältniß zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern gedacht. Und doch muß es dem Chef des Handelsamtes klar sein, daß die Volksverhetzung, welche der Antisemitimns mit sich bringt, mit dazu beigetragen hat, die desolaten Zustände zu schaffen, an welchen Oesterreich derzeit krankt. Man fängt den Bau eines Hauses nicht mit der Thüre an. Dr. Bärnreither geht von großen Gesichtspunkten aus, vergißt aber dabei an die Kleinarbeit, ohne welche keine weitausgreifende Action eine gesunde sichere Basis findet. Das wirthschaftliche Leben setzt sich aus der großen Zahl wirthschaftlicher Existenzen zusammen; prosperiren diese, gedeiht auch der Staat. Es ist auch kein Zufall, daß der Beginn des wirthschastlichen Niederganges Oesterreichs mit dem Zeitpunkte der Entstehung des Antisemitismus zusammenfällt. Es wird sich zeigen, wie sich Handelsminister Dr. Bärnreither zu den Fragen stellen wird, welche in puncto Handelspolitik und volkswirthschaftlicher Bedeutung nicht der brennendsten Actualität entbehren. Die rüde Hetze gegen das Hausirwesen hat einer großen Zahl von Industrien empfindliche Einbuße gebracht. Der Boycott jüdischer Geschäftsleute hat in ganzen Länderstrichen arge Verwüstungen angerichtet und erst die jüngsten Plünderungen der westgalizischen Handelsjuden, die zu einer förmlichen Unterbindung des Handelsverkehres in einem von drei Millionen Seelen bevölkerten Kronlandstheile geführt haben. Ist Dr. Bärnreither gewillt, Rußland gegenüber auf die Abstellung der unwürdigen Behandlung, welche österreichischjüdischen Kaufleuten zutheil wird, sobald sie die Grenzen des heiligen Reiches betreten, trotzdem sie Bürger eines Staates sind, der auf eine Großmachtstellung Anspruch macht und auch thatsächlich unter den Großmächten rangirt? Die orientalische Akademie wird derzeit einer Reorganisation unterzogen, eine Consular-Akademie wird an ihre Stelle treten — wird auch in derselben Juden der Eintritt verwehrt werden? Es soll ja zugegeben werden, daß die Abstellung aller dieser, den Juden gehässigen, belästigenden und beeinträchtigenden Gravamina so lange nicht durchzuführen ist, als die antisemitische Strömung immer höhere Wellen schlägt. Deshalb muß verlangt werden, daß Handelsminister Dr. Bärnreither sein Veto mit aller im zu Gebote stehenden Energie gegen den, den heimischen Handel und Verkehr und die vaterländische Industrie tief schädigenden Antisemitismus einlege. Zuvörderst müssen geregelte Zustände im Binnenverkehr hergestellt werden, erst dann kann an die Hebung des Exporthandels geschritten werden, dies möge Handelsminister Dr. Bärnreither wohl erwägen und danach handeln. Eduard Beer. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. Der Fälscher und Spion Esterhazy besitzt den Orden der Ehrenlegion. Emil Zola ist aus den Listen dieses Ordens gestrichen worden. Die einfache Gegenüberstellung dieser beiden Thatsachen kennzeichnet die Situation in Frankreich, in welchem