Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 31 (5.8.1898)
- Date
- 1898-08-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 31 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 575 Auf welche Mittel immer eine solche stolze, bis zum Aeußersten pflichtgetreue Kraft verfallen mag. um die Cameraden auf Pferdekopflänge zu überholen, so müssen diese Mittel innerhalb der Linie: Fleiß, Ordnung, Gewissenhaftigkeit liegen. Oder auch innerhalb der parallel laufenden: sich zu informiren, sich unentbehrlich, vielleicht gefürchtet zu machen. Was hätte Verrätherei ihm nützen sollen? Sie hätte ihn aus seiner Bahn geworfen, und indem sie seine Interessen zersplittert, seine Zeit vergeudet, Verworrenheit in seine Arbeit gebracht, hätte sie seiner Energie das Rückgrat gebrochen. Ein junger, ehrgeiziger Jude, der im Wettlaufe zahlreichere Hindernisse zu überwinden hat, als seine Cameraden, und der daher auch unter einem strengeren Gebote steht, sich ganz für dies einzig Eine zu sammeln, wird sich sicherlich am allerwenigsten versucht fühlen, nach etwas so Fremdem und Wahnwitzigem zu greifen. Heutzutage bringt Berrath Keinen vorwärts. Heutzutage kann Verrätherei einzig und allein das Ergebniß von Geldgier sein. Dreyfus' glückliches Familienleben und seine vorzüglichen Zeugnisse als Militär lassen Rachegefühlen keinen Raum, und weder sein Leben, noch seine Transactionen deuten darauf hin, daß er sich in Geldverlegenheiten befand. Alles Gegentheilige hat sich als Unwahrheit erwiesen. Er war ordentlich und sparsam. Er selbst besaß eine halbe Million Francs, und seine Gattin brachte ihm ebensoviel zu. Wo bleiben also hier die V o rb e d in gungen eines Verrathes? Ferner: Sind es diese mit Fleiß, Ehrgeiz, Wissensdurst verbundenen Willenstriebe, sind sie es, die in wilde Fehlwege zerflackern? Nicht die Festen, sondern die Schlaffen, nicht die Beherrschten, sondern die abenteuerlich Schwankenden, die phantastisch Speculirenden sind es, die es heutzutage hinauszieht, dem gewagt Unmöglichen entgegen,, um in einen solchen Abgrund zu stürzen. Wir brauchen blos die Briefe Alfred Dreyfus' zu lesen, um zu sehen, welch' starkwüchsiger, strenggeschulter Natur wir hier gegen übersiehe». Nicht ein Abschwenken — weder im Inhalt, noch in den Schriftzügen — von dem klar gesunden Gefühl. Ueberall mannhafte Selbstzucht. Ja, mitten im furchtbaren Schmerze nicht eine Grimasse der Menschenverachtung, des Hohnes. Und doch wären gerade diese von Nöthen, um einem Verräther seinen Gleichmuth zu geben oder seine cynische Willfährigkeit zu erklären. Unerschütterlicher Glaube an den Sieg der Wahrheit, leuchtende Liebe zu den Seinen, eine fast unfaßliche Treue für das Vaterland, das ihm so viel Böses zugefügt. Wäre etwas davon Verstellung gewesen, so hätte es sich offenbaren müssen. Ein oder das andere Wort hätte sich eingeschlichen, eine kalte Bemerkung, ein übertriebener Ausdruck, ein vereinzelter Seufzer der Selbstaufgabe. Nichts von alledem! Stets gleich stark und klar! Den Hauptbeweis aber lieferte er während der Degradation, die dies theatertolle Volk für sich in Szene setzte. Kein Seelenkundiger, der darüber gelesen, hält es für möglich, daß ein Schuldiger dies aushalten könne. Ringsum das Militärcarre, ein Publicum von Tobenden. Kaum war der erste erschütternde Auftritt vorbei, die Ofsiciersdistinctionen ihm von Uniform und Käppi gerissen, der Säbel entzweigebrochen, Gürtel, Schärpe und Tressen ihm genommen, als die Wüthenden ein Gebrüll erhoben. Er mußte rings um das Viereck gehen, und wohin er kam, starrten böse, wilde Augen, schrie, pfiff und spie man ihn an. Je weiter, je ärger! Sie vermochten nicht, ruhig stehen zu bleiben, sie wollten zu ihm hin ihn schlagen, ihn zerreißen. Nur mit größter Schwierigkeit gelang es, sie zurückzuhalten. Während alledem schritt Alfred Dreyfus mit erhobenem Haupte, aufrecht, stolz dahin. Aus voller Luugenkraft rief er ihnen zu: „Ich bin unschuldig! Es lebe Frankreich! — I ch bin unschuldig! Es lebe Frankreich!" Sie versuchten seine Worte zu überbrüllen; es gelang nicht. Man ließ die Trommeln schlagen und dennoch hörten die Nächsten: „Ich bin unschuldig! Es lebe Frankreich!" Als er zu dem Platze der Presse kam, schrie er: „Ihr habt Zugang zu den Ohren des Volkes, Ihr sollt es verkünden, daß ich unschuldig bin! Unschuldig! Unschuldig!" Ich glaube, nicht oft wurde kühnerer Muth bewiesen. Ein Schuldiger Hütte dies nicht eine Minute ertragen. Alfred Dreyfus ertrug es zehn Minuten. Er trotzte ihren haßerfüllten Augen, ihren Schimpfworten, ihren Drohungen und Beleidigungen; ihre Versuche, über ihn herzufallen, ihm das Leben zu nehmen, bändigten ihn nicht, brachten ihn nicht zum Schweigen. Ein Schuldiger wäre hiebei zusammengebrochen. Die Augen hätten ihm versagt, die Stimme, die Knie hätten ihn im Stiche gelassen. Die menschliche Gesellschaft hat ein Etwas herangezogen, was Gewissen heißt. Bei dem Einzelnen kann es verhärtet oder stumpf sein; aber Aug' in Aug' mit Tausenden, unter Umständen, wie diesen, Hütte ihm die Masse mit der fürchterlichsten Gewalt das ihrige aufgezwungen. Ein Mann, der diese Probe bestanden, ist so stark in seiner Unschuld, daß er den größten Märtyrern gleichzustellen ist. Noch eine infame Comödie mehr war es, als man erfand, Dreyfus habe nachher — gestanden. Nein, einige Stunden später schrieb er einen Brief an seinen Rechtsanwalt, in welchem er in starken, klaren Worten wiederholte, was er ihm vor der Degradation geschrieben: er sei unschuldig, unschuldig, und es möge gethan werden, was zu thnn sei, um den Schuldigen zu entdecken. Dem Kriegsminister schrieb er: „Die einzige Gnade, die ich mir erbitte, ist, daß Sie mit der Untersuchung fortfahren. “ Er sagt selbst — und einem Manne der so viel mit hoher Standhaftigkeit ertragen, kann man glauben: „Nicht die mindeste Unvorsichtigkeit habe ich begangen." Björnson führt sodann den detaillirten und auf den genauesten Beobachtungen basirten Nachweis, daß der berühmte Bordereau nicht von der Hand des Dreyfus, sondern von der E st e r h a z y's herrühre. „Verzweifelt über diese Ähnlichkeit, verfielen die Schriftkundigen vor dem Kriegsgerichte über Esterhazy darauf, Dreyfus habe Esterhazy's Schrift copirt. Aber mit einer einzigen Frage tödtete Advocat Labori diese Behauptung; warum hatte dann Dreyfus zu seiner Verteidigung nicht angeführt, daß die Handschrift der Esterhazy's gleiche? Und wir können weiter fragen: warum war Niemand bei dem Kriegsgerichte über Esterhazy zugegen, der dieselbe Frage thun konnte? In nieiner kurzen Darstellung kann die Art und Weise der Führung des ersten und zweiten Kriegsgerichtes und der Processe Zola nicht zur Sprache kommen. Die tiefer wirkenden Kräfte jedoch will ich veranschaulichen. Vorerst mit einer Aufklärung. Die Rolle des Jude nh a s s e r s D r u m o n t in dieser ganzen Sache war eine so hervorragende, daß sie sogar die des Menschentigers Rochefort übertraf Als Drumvnt die „Libre Parole" gründete, wußte alle Welt, daß er das Geld hiezu bekam! Von wem? Von Odelin, dem Manne, der das Vermögen der Jesuiten in Frankreich verwaltet. Nun, noch eine Geschichte, die sich von selbst darbietet. Vor einer Reihe Jahren wohnte eine reiche, nicht mehr junge Dame in Bille d'Avray bei Paris. Sie war eine ehrbare Frauensperson von ausgezeichneter Erziehung, allein durch den Gebrauch narkotischer Mittel wurde ihr Geist derart zerstört, daß sie auf der Straße den Männern nachlief. Eines Tages erhielt ihr Vater den Besuch eines jungen Officiers, welcher ihn bat, um seine Tochter Sorge zu tragen: sie war ihm auf der Straße gefolgt, doch hatte er eingesehen, daß sie geisteskrank sei Der Vater dankte dem jungen Manne für sein ritterliches Betragen. Kurz darauf