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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-08-05 · 31 (5.8.1898) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
31 (5.8.1898)
Date
1898-08-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 574 1 Dr. Vloch's Wochenschrift sich auf allen Gebieten des öffentlichen Berufes durchwegs glänzend bewährt haben". Und trotz alledem ist Fürst Bismarck der B a t er des Antisemitismus, der Inspirator der modernen Inden- Hetze geworden. Nicht aus Grundsatz, nicht aus Ueberzeugung, sondern aus politischer Taktik,- und das ist das Verwerfliche an der Sache! Als er durch das Emporkommen der Socialdemokratie einerseits, durch die wachsende Macht des Centrums anderseits sich zum Abbruch des Culturkampfes und zum Einlenken in conservative Bahnen entschloß, traf er auf den zähen Widerstand Eduard L a s k e r's, der damals eine dominirende Stellung in der nationalliberalen Partei einnahm. Da erhob sich die eiserne Faust und fiel unbarmherzig und zerschmetternd auf diesen edlen Kämpfer, diesen besten und treuesten Weggenossen. Um Lasker's Ansehen und Einfluß zu vernichten, verband sich Bismarck mit Stöcker und gab die Juden, deren Werth, deren Patriotismus er so offenherzig anerkannt Hatte, rücksichtslos den antisemitischen Hetzaposteln preis. Er war frei von der „Schwäche" der Dankbarke't, von der sentimentalen Anwandlung der Treue. Wie er den Grafen Arnim zerschmetterte, weil er es gewagt hatte, in einer Frage der auswärtigen Politik anderer Ansicht zu sein, so zerschmetterte er nun Lasker und brachte unendliches Weh über dessen Glaubensgenoffen, weil er ihm in der inneren Politik in den Weg trat. Das ist die große tragische Schuld des Fürsten Bismarck, die verderblich fortwirkt auf Geschlechter hinaus. Das Mittel, das er anwendete, stand in keinem Verhältniß zu dem gewollten Zweck. Um einen einzigen Mann zu bezwingen, hemmte er das laufende Rad der Zeit und schraubte es auf Jahrhunderte zurück, entfesselte er den Racenhaß gegen Millionen opferfreudiger, hingebender Staatsbürger, die redlich mitgekämpft und mitgearbeitet an der Errichtung des neuen Deutschen Reiches, die ihr Herzblut auf den Schlachtfeldern vergossen, deren Tapferkeit der deutsche Generalstab anerkannt hatte und die ihm ihre reichen Geistesgaben freudig in seinen Dienst gestellt hatten bei der inneren Wiedergeburt des Deutschen Volkes. Der Tod löscht Alles aus — er löscht die Schuld, aber er löscht nicht ihre Wirkung. Auf fremder Scholle ist Eduard Lasker gestorben, ein gebrochener, verbitterter Mann, und zur Fremde hat man uns Allen die Scholle gemacht, auf der unsere Väter ihr mühseliges Dasein geschleppt, auf der aber die Söhne im Lichte der Freiheit zu wandeln gehofft hatten. Furchtbar lastet auf uns die Erbschaft, die der große Kanzler hinterläßt, furchtbar stöhnt aber auch die ganze Welt unter der Last des Militarismus, des bewaffneten Friedens, und unter der Last des autoritären Systems, die gleichfalls seine Werke sind. Seine eiserne Faust hat mit den Juden auch den ganzen Welttheil getroffen. Die böse That trug die Rache in sich. Das deutsche Volk trauert um feinen glorreichen Einiger, Europa aber trauert um die verlorene Freiheit! Der Titan des Jahrhunderts ruht eingesargt unter den Wipfeln des Sachsenwaldes. Er war ein fehlbarer Mensch wie wir Alle, und darum sei chm im Tode verziehen, was er im Leben uns Uebles gethan! Die „Ruhe" in Galizien. Der Statthalter von Galizien, Graf Pininski, weilt seit einigen Tagen in Wien, um die Aufhebung des Standrechtes in Neu-Sandec und Simanova zu erwirken. Davon, daß auch die Aufhebung des Ausnahms-Zustandes in ganz Westgalizien erwünscht wäre, ist vorläufig nicht die Rede. Dem Herrn Statthalter find geflügelte Boten vorangegangen. Privatmeldungen berichteten, daß trotz des Standrechtes in Przydonice und in Jaszyna (Bezirk Neu-Sandec) Bauernbanden neuerdings jüdische Schanker überfielen und ausplünderten. Das waren unwillkommene Posten in dem Augenblicke, wo der Herr Statthalter sich anschickte, in Wien daraus hinzuweisen, daß im Ausruhrgebiete vollständige Ruhe eingetreten sei. Diese „vollständige Ruhe" hat freilich die antisemitische Hetzpresse nicht gehindert, ihre verbrecherische Thätigkeit fortzusetzen, und weiterhin zu Gewaltthätigkeiten gegen die jüdische Bevölkerung aufzureizen. Man hat auch nichts davon gehört, daß die intellectuellen Urheber des Raubznges in Alt-Sandec der verdienten Strafe zugeführt und die als „Provocateure" verhafteten jüdischen Bewohner von Neu- Sandec freigelassen worden wären. In Lemberg aber weht Beschwichtigungsluft, und so mußte denn den alarmirenden Meldungen aus Przydonice und Jaszyna rasch widersprochen werden. Wie dies geschah, ist überaus charakteristisch. In der betreffenden Depesche heißt es, daß über den „ohne Angabe der Thäter" zur Anzeige gebrachten Ueberfall „eingehendste Erhebungen" eingeleitet wurden, welche jedoch „vollkommen resultatlos geblieben sind": Was heißt das? Nach welcher Richtung blieben die Erhebungen „resultatlos"? Hat man nur den Räuber nicht gefunden oder auch nicht den Beraubten? Die Depesche schweigt über den letzteren Punkt vollständig. Sie ist so gefaßt, als ob die ganze Meldung überhaupt grundlos wäre. Aber, wenn es einen Beraubten gibt, so muß es doch auch Räuber geben! Und wenn es noch immer Räuber im Neu-Sandecer Bezirk gibt, daun ist die Ruhe noch immer keine „vollständige", dann hat das Standrecht seine Wirkung noch nicht gethan und es ist noch nicht an der Zeit, es aufzuheben Wir müssen daher an den Herrn Grafen P i n i n s k i die nackte und klare Frage richten, ob die Erhebungen auch bezüglich des Opfers des gemeldeten Ueberfalles von Przydonice „resultatlos" geblieben sind, das heißt ob der Schänker des genannten Ortes, am 24. Juli nicht überfallen und ausgeplündert wurde? Denn es wäre eine seltsame Logik, die Thatsache nur deshalb leugnen zu wollen, weil es den Behörden von Neu-Sandec nicht gelungen ist, der Thäter habhaft zu werden. In Wien passirt es manchmal, daß Menschen sogar umgebracht werden, ohne daß man die Mörder erwischt! Aber Niemandem ist es bisher eingefallen, den Ermordeten deshalb lebendig werden zu lassen, weil nicht sofort sestgestellt werden konnte, welcher Ehrenmann den Mord begangen hat. Im Uebrigen schließen wir uns nicht nur dem Verlangen nach Aufhebung des Standrechtes an, sondern wünschen sogar die Aufhebung des Ausnahmszustandes. Ersteres deshalb, weil das Standrecht den Hetzereien gegen die Juden kein Ziel zu setzen vermochte, letzteres deshalb, weil für die Schuldiger die Unschuldigen büßen müssen. Es kommt immer daraus au, wie und gegen wen man die Schärfe einer Waffe gebraucht. Wenn in der galizischen Statthalterei der richtige Geist waltet, so findet man auch mit den ordentlichen Gesetzen sein Auslangen; ist dieser Geist nicht vorhanden, dann Helsen Standrecht und Ausnahmszustand vielleicht gegen die Socialdemokratie, nicht aber gegen die antisemitischen Hetzer und Räuber Diesem Raisonnement wird man sich wohl auch im Ministerium des Innern anschließen. Die seelischen Gründe sür Dreyfus' Unschuld. Die letzte Nummer der Wochenschrift „Die Zeit" bringt einen hochinteressanten Artikel von Björnstjerne Björnson über die Affaire Dreyfus. Der berühmte norwegische Schriftsteller schreibt: Die seelischen Gründe für Alfred Dreyfus' Unschuld soll ich angeben, so wie ich sie sehe; wohlan denn, doch in aller Kürze. Der erste und für mich entscheidende ist, daß er als junger, ehrgeiziger Jude die Militärlaufbahn wählte, obschon ihm ein vortheilhasterer Lebensweg offen stand. Rastlos arbeitete er sich weiter und gelangte als einziger Jude in den Generalstab. Sein Vorgesetzter, Oberst S a n d h e r r, mochte die Juden nicht, mehrere seiner Standesgenossen gleichfalls. Die Familie Dreyfus' wollte daher auch, er solle wieder austreten, allein der junge Ehrgeizige setzte seinen Stolz darein, zu bleiben.

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