Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-08-05 · 31 (5.8.1898) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
31 (5.8.1898)
Date
1898-08-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021223-3021255--08043-3032402
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

Nr. Bl Dr. Bloch’s Jahrgang XV. Centralorgan für die gesammtrn Interessen des Iudrnthums. Wien, 5. August 1898. -»--1—- Erscheint jeden Freitag. -I I - Bries-Adrrffe: Wien, L, Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Blocht Wochenschrift Wien. I K. k. Poysparkssten-Ztmt Eiraringvrrkrhr Nr. 810.976. LrdarNon und AduriMstrstion: Wien { II., Mntggg Vrrgsrtrnflr. la. j Tele phon - Nr. 6535. ii r f Ä- »,prg«pr,l» flr Srstrrrrich Halbjährig 4 ff. ----- S Lr. Einzelexemplare 24 kr. Für'» Ausland: halbjährig 4 st. =■ 10 Ar. ganzjährig 10 „ 20 „ Aazeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 12 kr. HS Inhalt. Leitartikel: Bismarck. — Die „Ruhe" in Galizien. — Die seelischen Gründe für Dreyfus' Unschuld. — Der Handelsminister und die Judenftage. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschrchte. Aus Westgalizien. Herr Dr. Eder hat sich „getäuscht". Sodawasser beim Wimberger. Pater Heydenreich. Eine Klage gegen Dr. Lueger. Die Ehrenrettung Vergani's. St.-R. Dr. Wahner und G.-R. Tagleicht. Vorsicht! Gebrechlich! 'Nicht stürzen! Die Spitzen des „Christlichen Jugendbnndes". Zur synagogalen Liturgie. — Korrespondenzen: Wien. Mähr.-Ostrau, Sadska, Kuttenberg, Agram, Bukarest, Berlin, Breslau, Baden-Baden, Paris, Constantinopel, Petersburg, Odessa. Warschau, Athen, Algier, Tunis, Neuseeland, Jamaica. — Vermischtes: Wien, Plankenstein, Prerau, Saaz, Troppau, Humpoletz, Budapest, Berlin, Bad Nauheim, Sarajevo. — Feuilleton: Der Letzte. — Briefkasten. — Inserate. Bismarck. Der Tod löscht Alles aus. Der gewaltige und gewaltthätige Mann, der nun auch, wie andere Sterbliche, dem Allbezwinger Tod sich beugen mußte, hat sich an dieses schöne Wort nie gehalten. Er hat seine Feinde bis in's Grab verfolgt und sein Haß ist hinausgewachsen über die Grenzen des Lebens. Wir aber wollen, wie es jüdisches Gesetz und jüdischer Brauch vorschreibt, die Majestät des Todes ehren. Unser Urtheil über den Fürsten Bismarck sei gerecht, aber milde. Bor dem titanischen Schöpfer des Deutschen Reiches, der mit eiserner Consequenz alle guten und bösen Kräfte in den Dienst jener großen Idee stellte, die Zweck und Inhalt seines Lebens war, stehen auch wir in aufrichtiger Bewunderung. Es ist dieselbe Empfindung, die uns beherrscht, wenn die furchtbare Lawine zu Thale geht, wenn die Windsbraut hundertjährige Bäume entwurzelt, wenn das Feuer der Erde hervorbricht und durch die gewaltigen Erschütterungen einer solchen Eruption, Inseln im Weltmeere versinken nnd andere neu entstehen. Wie eine elementare Kraft hat Bismarck das alte Europa durcheinandergerüttelt, wie das umbarmherzige Verhängniß ist er hinweggeschritten über Rechte der Fürsten und Rechte der Völker, um durch Eisen und Blut den Einheitstraum des deutschen Volkes zu verwirklichen. Die Einheit ist erreicht — ob aber auch der Zweck dieser Einheit: das Geistige und materielle Wohl des Volkes, darüber wird erst die Zukunft urtheilen. Nicht von dem Gründer des Deutschen Reiches wollen wir hier sprechen, sondern von dem Uebermenschen, der einem ganzen Zeitalter den Stempel seines rücksichtslosen Willens, seines Denkens und Entscheidens aufgedrückt, der Millionen von Menschen in den Bannkreis seiner individuellen Anschauungen gezwungen hat. Sein Wesen wird vielleicht am besten gekennzeichnet, wenn man sagt, daß er den Grundsatz der Grundsatzlosigkeit in die Politik getragen. Er selbst hat von sich geäußert, daß er sich gewöhnt habe, politische Fragen wie ein Naturforscher zu behandeln. Aber die Politik ist keine exacte Wissenschaft, sie ist eher eine Kunst, welche die Schwingungen des Gemüthes nicht entbehren kann. Im Leben der Völker und Staaten spielen die Gefühle eine wichtige Rolle, und wenn Fürst Bismarck die Bedeutung des Nationalgefühles für die Einigung Deutschlands schon früh erkannt hat, so hätte er auch eine Berechtigung der Freiheitsliebe seines Volkes anerkennen müssen. Hier klafft der ungeheure Gegensatz zwischen seiner auswärtigen und inneren Politik, hier ist die Stelle, an der auch dieser hörnerne Siegfried des neunzehnten Jahrhunderts verwundbar war und die Todeswunde empfing. Als Repräsentant des starrsten Autoritätsprincipes ist er in das politische Leben eingetreten, als solcher hat er den Kampf in der Confictszeit durchgefochten. Und als nach den glänzenden Siegen von 1866 und 1870/71, wo an ihn die Nothwendigkeit herantrat, das neue Reich auf breite, unerschütterliche Fundamente zu stellen, da stieß er seine alten junkerlichen Freunde von sich und schrtt den Reichstag auf Grundlage des allgemeinen Wahlrechtes, da eröffnete er den Culturkampf gegen Rom, den unerbittlichen historischen Feind einer starken deutschen Kaiser- und Reichsgewalt und nährte im deutschen Volke den Traum eines fteien, auf das Selbstbestimmungsrecht gegründeten Staatswesens. Das war die Zeit der Macht und Blüthe der nationalliberalen Partei und der Höhe seines Ruhmes. Er hatte Mitarbeiter gefunden, die für die innere Gestaltung des Reiches nicht weniger bedeuteten als die „Moltke und Roon" für die Erfolge nach Außen. Unvergänglich leuchten aus dieser großen Epoche die Namen eines D e l b r ü k, Forckenbeck und Bennigsen, eines Lasker, Gabriel Rießer und Bamberger. Nicht ohne Absicht haben wir die Namen dieser Paladine der Culturkampfzeit nach der Confesiion getheilt. Es zeigt dies, wie hoch damals die Juden nicht nur im öffentlichen Ansehen, sondern auch in jenem des Kanzlers standen, der namentlich in Lasker seine festeste Stütze, seinen scharfsinnigsten Mitkämpfer und Berather gefunden und ihm unendlich Vieles zu danken hatte. Das war auch die Zeit, in welcher die ehemaligen junkerlichen Anschauungen des Fürsten Bismarck über die Juden, die er noch als Bundestagsgesandten in Frankfurt festgehalten hatte, eine gründliche Correctur erfuhren. „Ich hatte keine anderen Juden gekannt", äußerte er damals „als die, welchen ich auf meinen pommerischen Gütern als Hausirern begegnet bin. In diesem Typus habe ich mir alle Juden gedacht. Als ich aber später im öffentlichen Leben mit Juden in Berührung kam, die Achtung verdienten und auch mir Achtung abgerungen, schämte ich mich nicht, meinen Jrrthum ei n zu ge stehen. In Bezug auf den Werth der Juden, habe ich meine Erfahrungen gesammelt, die mich zu einer diametral entgegengesetzten Meinung von ihnen gebracht haben. Darum trage ich kein Bedenken, hier öffentlich die Erklärung abzugeben, daß in dieser kurzen Zeit, seit der die Emancipatton auch eine praktische Bedeutung erlangt hat, die Juden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.