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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-07-29 · 30 (29.7.1898) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
30 (29.7.1898)
Date
1898-07-29
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 30 j&x. Bloch's Wochrnschrifi Seite 571 dienste, wobei aus dieser Thorarolle der Abschnitt vorgelesen wurde. Voriges Jahr hatte ich noch die silbernen Geräthe, Xle Ko<ie8ch, in Prag machen lassen und so bekleidet stand die Thorarolle unten im Fache, neben anderen Silbergeräthen, die wir alle bei der Flucht hier zurückließen. Und als wir dann zurückgekehrt waren und in der Furcht dieses Haus wieder betraten, nichts von alledem mehr vorzufinden, wie groß war da unser Erstaunen! Alles befand sich an seinen! früheren Platze, nichts von Allem fehlte, bis auf — diese Thorarolle. Sie allein war verschwunden, sie a l l ei n n i ch t m e h r z u find e n! Wir forschten in der ganzen Wohnung, wir durchsuchten jeden Winkel, Alles vergebens. Während sonst, bis auf die Vorräthe an Speise und Trank im Gewölbe, kein Nagel von der Wand fehlte, war die Thorarolle von ihrem Platze verschwunden, wo ich sie noch kurz bevor wir das Haus verließen, so wie jetzt genau gesehen hattte" . . . Hier hielt der Erzähler inne und blickte mir gespannt in's Gesicht, als wollte er darinnen lesen, was ich zn diesem sonderbaren Ereignisse sagte. Doch als ich noch immer schwieg, die weitere Entwicklung seiner Geschichte ruhig erwartend, fuhr er fort: „Seither waren 2 Wochen vergangen, gestern endlich, gerade einen Tag vor Ihrer Ankunft, Herr Rabbiner, hat das Wunder seinen Höhepunkt erreicht. Ich hatte des Morgens auf dem Dachboden des Häuschens kleine Arbeit. Ich suchte unter dem vielen Gerümpel von Schachteln und Kisten, wie sich solche bei einem Kaufmann im Laufe der Zeit anhäufen, nach einem passenden Kistchen zur Verpackung von Maaren, welche ich nach dem nahegelegenen Gutshofe schicken sollte. Und als ich den Deckel von einer der in dem äußersten Winkel des Dachbodens stehenden Kiste abhebe, da — ich wollte meinen eigenen Augen nicht trauen — liegt in derselben ans Stroh gebettet, unser Sefer-Thora, unsere Thorarolle mit all' dem Schmucke angethan, wie Sie sie hier stehen sehen! Freudigerschreckt drückte ich das heilige Gut wie ein wiedergefundenes Kind in meine Arme, eilte die Bodentreppe herab, nur daß ich mich vor Freude nicht überstürzte und zeigte, das Wunder meinem Weibe. Denn ein Wunder ist und bleibt es, darüber sind wir Beide einig, die Thorarolle hat nach unserer Flucht ihren Platz verlassen und, uni nicht etwa in die Hände Unberufener zu fallen, sich am Boden versteckt. Anders ist dieses Räthsel nicht zu lösen." Wieder hielt der gute Mann inne und sah mir, die Wirkung dieser seiner letzten Worte abwartend, mit ängstlicher Spannung in's Gesicht. Ich aber lächelte. „Aber lieber W., Sie sind doch sonst ein kluger, nicht ungebildeter Mann? Wohin verirrt sich Ihre Phantasie? Gibt es denn nicht eine einfachere Lösung für dieses vermeintliche Wunder? Kann nicht irgend ein Glaubensgenosse, ein jüdischer Soldat, der das verlassene Haus zufällig betreten, die heilige Thorarolle bemerkt und vor etwaiger Profanation in ein sicheres Versteck gebracht haben? Dieses und Aehnliches brachte ich vor, um den guten, gläubigen Mann von seinem Wahne abzubringen. Doch umsonst. Die beiden Leutchen ließen sich ihren Glauben an das Wunder von der Wanderung der Thora nicht nehmen. Eine Stunde darauf verließ ich das Haus, nachdem ich den biederen Leutchen noch das Versprechen abgenommen, mir von einer eventuellen Lösung des Räthsels Nachricht zu geben. „Dies wird wobl kaum der Fall sein", rief mir der Mann noch in der Thüre nach, „hier geschah ein göttliches Wunder!" Die Woche neigte ihrem Ende zu. Am Morgen des Freitag bestieg ich meine Kutsche, um vor Eingang des Sabbath in meine Gemeinde, zu meiner Familie zurückzukehren, die mich seit meiner Thätigkeit in den Spitälern viele Tage lange entbehren mußte. Um 4 Uhr Nachmittags fuhr ich in das Gäßchen ein, das zum Tempel und der daran anstoßenden Rabbinerwohnung führte. Der am Eingänge des Gäßchens stehende Tempeldiener hatte mich schon von Weitem bemerkt und meine Ankunft zu Hause gemeldet. Freudig stürzten mir Weib und Kinder entgegen. Und nachdem ich kaum den Staub von den Reisekleidern geschüttelt, ging es an's Erzählen. Von all dem Jammer, den ich, ach, erfahren von der Welt von Schmerz und Kummer, die ich in den wenigen Tagen mit angesehen, auf dem noch vom Blute rauchenden Schlachtfelde, in den übervollen Spitälern. Und welch' großen Trost, welche Beruhigung auch nur mein Erscheinen bei den meisten jüdischen Verwundeten bewirkte. Da wurde ich mitten in der Erzählung von meiner Gattin unterbrochen. „Richtig, daß ich es nicht vergesse," begann sie, zu melden, daß heute Vormittags ein preußischer Sergeant bei mir war. Er ist seit drei Tagen hier beim Messerschmied Dworacek bequartirt und stellte sich als Sohn des Rabbiners F. aus Stargard in Pommern vor. Dann bat er mich, ihm zu gestatten, daß er heute Abends bei uns den „Kiddusch" anhöre, da er dies von seinem Elternhause aus gewohnt sei und seit seiner Einberufung unter die Waffen hiezu nicht Gelegenheit gehabt." „Nun, Du hast ihn doch wohl eingeladen?" worauf meine Frau bejahend mit denr Kopfe nickte..'. Und als ich dann des Mends, aus dem Tempel kommend, die sabbathlich hell erleuchtete Stube betrat, erhob sich ein hochgewachsener Soldat in Parade-Uniform rasch von seinem Sitze, nahm eine stramme Haltung an. nannte mir seinen Namen und Herkunft und bat mich, ihn, wie sein Vater zu hause es gethan, hier in Feindesland zu segnen (deutschen). Gerührt willfahrte ich seinem Wunsche. Dann aber lud ich ihn ein, bei Tische zu bleiben. Kiddusch und Broche mitzumachen, was er dankbarst annahm... Das Thema bei Tische drehte sich, wie nicht anders zu erwarten, um die letzten kriegerischen Ereignisse. Auch ich erzählte von meinen traurigen Fahrten und Begegnungen am Schlachtfelde, wobei ich bemerkte, daß meine letzte Station in I. bei Chlnm gewesen. Gespannt horchte der Sergeant meinen Worten. Bei Nennung des letzteren Ortes aber begann er: „Verzeihen Sie, Herr Rabbiner, daß ich Sie unterbreche. Aber gerade an diesem Orte, den Sie soeben genannt, ist mir etwas ganz Besonderes begegnet. Ich war auf dem Marsche durch denselben mit der von mir geführten Abtheilung an einem Krämerladen vorübergekommen, der Anfangs des Ortes lag. Ich trat ein, um zusehe n, ob dort etwas an Speise und Trank zu holen sei, indem ich meine Leute indeß draußen warten ließ. Au der Thür, die vom Laden in die Wohnung führte, bemerkte ich eine Mesusa. Ich trat deshalb durch die Thür in die Wohnung. Das ganze Haus war jedoch verlassen, keine Menschenseele zu erblicken, Alles hatte sich geflüchtet. Da, als ich meine Blicke rasch durch die Zimmer gleiten lasse, bemerkte ich in einem Glaskasten eine kleine Thorarolle. Ein wahrhaftiges Sefer-Thora mit K'le Kodesch; ich nehme dasselbe rasch heraus und suche nach einem sicheren Verstecke. Jnr Vorhause gewahre ich eine Holztreppe zum Dachboden. Dort eilte ich hinaus und berge das heilige Gut in einer Kiste im äußersten Winkel des Dachbodens. Dann stürze ich wieder zurück, so wie ich gekommen, zum Hause hinaus und führe meine Leute, die schon ungeduldig meiner harrten, unter dem Vorwände, daß wieder nichts als ein paar Flaschen Liqueure, die ich in den Händen trug, zu holen sei. Neugierig wäre ich nun, so schloß der Sergeant, ob der Besitzer des Hauses schon zurückgekehrt und ob er die Thorarolle in dem Verstecke gefunden?" Ich hatte dem Erzähler ruhig zugehört. Die Antwort auf seine letzte Frage ließ nicht lange auf sich warten, denn ich gab sofort die Episode von meinem Besuche im Hause des Krämers W. zum Besten. Damit war auch das Räthsel und Wunder auf die natürlichste Art gelöst. Dieser mündlichen Lösung aber folgte gleich am Sonntag auch die schriftliche, in einer aufklärenden Epistel an W., welche den Zweck hatte, ihn zu heilen von dem Wunderglauben an die — wandernde Thorarolle. Vriefksstrn. Notariatssubstitut im 16. Bezirk. Nach den Aeußerungen des Notars Dr. G i r i c z e k und seines Substituten Dr. H l o z a n e k soll die Erbserklärung des Alexander P u r s ch t zu dem Nachlasse der Philomene Mark ohne Vorwissen des Purscht überreicht worden sein und der genannte Notar hat seinem Clienten Purscht hierüber sogar eine Bestätigung ausgestellt. Die Erbserklärung wurde von deni genannten Substituten in Abwesenheit seines Chefs überreicht und das kann unmöglich geschehen sein, ohne daß den Acten eine Information des Purscht beigelegen wäre Die Ansprüche des Kindes der Mark wurden hiebei gänzlich ignorirt. Es ist überflüssig, zu erörtern, inwieweit bei diesen lleberreichungen und Zurückziehungen die Veröffentlichung der Sache von Einfluß war. Als Thatsache wird vom „Wiener Tagblatt" hervorgehoben, daß von den zweijährigen Einkünften der Lasterhöhle am Spittelberg nichts im Nachlaffe vorhanden war, daß also Herr Purscht das Erbe der Mark schon bei ihren Lebzeiten angetreten hat.

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