Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 30 (29.7.1898)
- Date
- 1898-07-29
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 570 Vr. Bloch's Wochenschrift Nr. 30 Paris. Salom. Strauß, Bataillons-Chef des Genie- Corps in Madagaskar, ist zum O f f i c i e r der Ehrenlegion ernannt worden. Feuilleton. Die wandernde Thorarolle. Erinnerungen eines Feldpredigers. Nacherzählt von Dr. Leo Ehrentheil, Hof- und Gerichtsadvocaten in Wien. I. Mehr als dreißig Jahre sind seit jener Zeit verstossen. Unsere — übrigens wahre — Geschichte reicht in jenes unheilvolle Jahr 1866 zurück, wo auf den böhmischen Schlachtfedern der ruhmvolle Doppelaar Oesterreichs vor dem Einadler Preußens die Fittige streichen mußte, unsere tapferen Soldaten vom „preußischen Schulmeister" überwunden worden waren. Aber aus dem blutgetränkte» Boden der böhmischen Schlachtfelder erwuchs eine segensreiche, goldene Saat, nicht nur für das ganze große Staatswesen, sondern auch für jeden Einzelnen seiner Bürger, insbesondere auch für unsere Nation, die jüdischen Unterthanen. Die Sonne der Freiheit, Toleranz, Duldsamkeit ging wieder auf und erglänzte Heller denn je über den früher Geächteten, neu Gleichberechtigten, Gleichberechtigten nicht am Papiere blos, sondern auch in der Wirklichkeit.... Ein Vierteljahrhundert später, welche Veränderung! Welch traurige Wandlung! Doch genug, kehren wir zurück zu unserer Geschichte! Anfangs August 1866 war's. Die Entscheidungsschlacht bei Königgrätz war geschlagen, der Nebel von Chlum hatte sich verflüchtigt. Das Gros der Nordarmee hatte sich immer weiter bis nach Mähren zurückgezogen, was von derselben im nördlichen Böhmen noch zurückgeblieben, waren Verwundete und Marodeure. Die Spitäler waren von Freund und Feind überfüllt, das Zündnadelgewehr und die tapferste zähe Bertheidigung hatten Taufende und Abertausende an Menschenopfern gefordert. Unter den Verwundeten, welche die Spitäler füllten, befanden sich auch viele, viele tapfere Soldaten jüdischen Glaubens. Sie hatten mit gleicher Liebe und Opferfreudigkeit, mit gleichem Muthe und Freudegefühl ihr eigen Gut und Blut fürs Vaterland hingegeben. Und in stiller Eintracht lagen sie nun entweder noch duldend neben ihren christlichen Kameraden in den Feldspitälern, oder zur ewigen Ruhe gebettet mit denselben in gemeinsamer Erde, auf den katholischen Friedhöfen, in improvisirten Schachtgräbern .... Zum ersten Male im Kriege war damals bei uns in Oesterreich das Institut der jüdischen Feldprediger. in Wirksamkeit getreten. Auch mein hoch seliger Vater, dessen Sitz als Rabbiner in H o r i c sich gerade im Centrum des nördlichen Kriegsschauplatzes befand, war einige Zeit vorher zum k. k. Feldprediger für das böhmische Armeecorps ernannt worden. Das Kriegsministerium hatte ihm und Anderen auch eine größere Zahl von Gebetbüchern, Mänteln (Talesim) und Riemen (Teffillin) zur Verfügung gestellt, damit er die Feldspitäler bereise, die jüdischen Verwundeten aufsuche, sie mit den genannten Utensilien für ihre religiösen Verrichtungen ausstatte, oder aber den mit dem Tode Ringenden den letzten Trost ihrer Religion spende. Und wie viele Hunderte haben in Dankbarkeit von diesen Wohlthaten Gebrauch gemacht! Manchem sterbenden jüdischen Krieger hat es die Todesstunde verschönt, daß, wie am Lager seines christlichen Kameraden, auch an seinem Sterbpfuhle der jüdische Seelsorger stand und bevor er das brechende Auge zugedrückt, ibm noch die Erfüllung seines einzigen, letzten Wunsches Zusagen konnte, auf dem jüdischen Friedhofe begraben zu werden. II. Es mochte etwa in der dritten Woche meiner feldgeistlichen Thätigkeit sein — so erzählte mein hochseliger Vater, den ich nunmehr, der Klarheit halber, selbstredend anführe — als ich auf meiner Wanderung durch die Spitäler auch in dem Dorfe I. Raft machte. Dasselbe war aus den Ausläufern der bewaldeten Anhöhen von Chlum, also mitten im dichtesten Schlachtgewühle gelegen, gewesen. Eines der kleinen Häuschen am Anfänge der einzigen Straße des Ortes gehörte einem braven, frommen, jüdischen Krämer, dessen Bund mit seiner ebenso gottesfürchtigen jungen Ehegattin ich vor kaum 3 Jahren erst gesegnet hatte. Selbstverständlich war ich daher auch um das Los dieser guten Leutchen bekümmert, und da mein Weg gerade hier vorüber führte, trat ich in den jetzt bereits wieder offenen kleinen Krämerladen. „Guten Tag, Herr Rabbiner"! scholl es mir alsbald entgegen. „Seien Sie mir herzlich willkommen, willkommen gerade heute gleichsam als ein Sendbote des Himmels." Und dabei stürzte der Besitzer des Hauses, Herr W., sichtlich erregt auf mich zu und faßte meine Hand, die er fest schüttelte und sich dann eine Thräne aus dem Auge wischte. „Was hat es denn gegeben, mein lieber W.", erwiderte ich kopfschüttelnd über seine Erregung. „Mich hat es allerdings gedrängt, hieherzusehen, wie es Ihnen ergangen, ob Sie überhaupt noch hier leben, da ich ja wohl wußte, daß Ihr Haus sich mitten drinn im dichtesten Kugelregen befunden." „Ja, Herr Rabbiner, da haben sie Recht! Doch ich vergesse in meiner freudigen Aufregung darüber, daß Sie gerade jetzt, gerade heute kamen, Sie weiter zu führen." Und mit diesen Worten öffnete er die vom Kcämerladen in seine anstoßende Wohnung führende Glasthüre, durch welche er mich alsdann in ein bescheiden, aber sehr nett eingerichtetes Wohnzimmer geleitete und mir einen Sitz am Sopha anwies. Zugleich rief er auch sein junges Weibchen aus der Küche herbei, welche sofort erschien und die gleiche freudige Aufregung über meinen Besuch an den Tag legte. Dies Alles machte mich neugierig und ich forderte alsbald Herrn W. auf, mir den Grund hiefür zu erzählen. Gleich darauf setzte er sich und begann, zu mir gewendet: Wie Ihnen, Herr Rabbiner, bekannt und wie übrigens figara zeigt — dabei deutete er zum Fenster hinaus auf die in der Ferne blinkenden bewaldeten Höhen — stand unser Dörflein mitten im dichtesten Schlachtengewühle. Auf den gegenüberliegenden Anhöhen waren die Kanonen aufgefahren und sandten aus ihren Feuerschlünden furchtbare Verheerung ins Thal. Gerade unser Dorf war am meisten vom Kugelregen bestrichen. Selbstverständlich suchten alle Bewohner ihr Heil in der Flucht. Und nachdem die größte Gefahr geradezu über Nacht gekommen war— der Nebel hatte vorher Alles eingehüllt — konnten wir nichts als das nackte Leben in Sicherheit bringen. So habe denn auch ich mir meinem Weibchen und unserm einzigen Kinde dieses Haus verlassen wie es stand, mit Allem was drinn und drann war und uns zu unseren Schwiegereltern, hoch oben ins Gebirge auf der anderen Seite geflüchtet. Alles, wie gesagt, mußten wir zurücklassen, nichts von dem, was dieses Haus enthielt, konnten wir mitnehmen, bis auf die geringe Baarschaft, die ich in meine Taschen steckte. Nicht einmal den geringen Silbervorrath, den wir besitzen, konnten wir bergen, so rasch kam die größte Gefahr und so blieb auch dieser unbehütet zurück, ganz so, und dort, wo er sich jetzt befindet, in dem Glaskasten nebenan im Schlafzimmer. Dabei erhob sich W. von seinem Sitze und öffnete beide Thüren zum Schlafzimmer, indem er mich bat, auf einige Minuten weiter zu kommen. „Hier dieser Kasten", dabei wies er auf einen kleinen Glasschrank mit 3 Fächern, wie sie in früherer Zeit bei den wohlhabenderen Leuten zur Schaustellung des Porzellan- und Silbergeschirres dienten, „mußte gerade so Zurückbleiben, wie Sie ihn jetzt sehen mit allem Geschirre, den silbernen Leuchtern und Bechern, Nippsachen und Zierraten." „Nun, und das Alles haben Sie so wiedergefunden, als Sie zurückkehrten", frug ich erstaunt? „Das ist es ja eben, Herr Rabbiner, und nun kommt erst das Wunderbarste, das sich ereignet. Als wir einige Tage nach der entscheidenden Schlacht vom 3. Juli zurückkehrten, um nach dem Unseren zu sehen, da fanden wir, welches Wunder, unser Haus von Außen wenig beschädigt. Zagend trat ich in's Innere ein. Aber noch ein größeres Wunder zeigte sich hier meinen vor freudiger Aufregung thränenerfüllten Blicken. Nahezu Alles war unverändert, wie es gewesen, Alles unberührt, wie wir es verlassen. Auch in diesem Glaskasten fehlte kein einziges Stück, Alles stand schön geordnet und unversehrt, bis auf Eines. Sehen Sie Herr Rabbiner hier im untersten Fache diese kleine Thorarolle? Ich habe sie bald nachdem ich mir dieses Haus erworben, gekauft. An jedem Sabbath und Feiertag versammelten sich bei mir die auf den nahen Dörfern zerstreut lebenden Glaubensgenoffen zu einem kleinen Gottes-