Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 30 (29.7.1898)
- Date
- 1898-07-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 566 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 30 wurden. Das Werk ist in hebräischer Schrift geschrieben; die Sprache ist deutsch mit mannigfachen Eigenthümlichkeiten des jüdisch-der.sschen Jargons, sowie des Hamburger Dialects durchsetzt, spriu.t aber sehr häufig in das Idiom der Bibel über, dem die sehr belesene Verfasserin viele Worte und Wendungen, oft ganze Sätze entnommen hat. Der Herausgeber hat es bei dieser Sachlage, um dem Buche nicht den eigeuthümlichen Reiz des Originals zu nehmen, mit Recht als seine Aufgabe betrachtet, statt einer deutschen Paraphrase, die sich an einen größerer: Leserkreis hätte wenden können, Glückel's Aufzeichnungen in ihrer ursprünglichen Form der Nachwelt zu überliefern. Die Verfasserin hatte ihre anspruchslosen Blätter nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt; sie hatte sich nur vorgenommen, zu Nutz und Frommen ihrer Kinder alle ihre Erlebnisse vor: ihrer Jugend an zusammenzustellen. In diesen Lebenserinnerungen bietet sie uns eine reiche Fülle thatsächlichen Materials zur Geschichte ihrer Zeit und gewährt uns namentlich einen interessanten Einblick in das sociale Leben unserer Glaubensgenossen, von dem wir sonst so spärlich Kunde haben. Insbesondere erhalten wir über manche sonst unbekannte Vorgänge in ihrer Vaterstadt Hamburg, in der die Verfasserin mehr als 50 Jahre ihres Lebens zugebracht hat, werthvolle Aufschlüsse. Außer Hamburg und der sagenumwobenen Heimat ihres ersten Gatten (der sie ihren Familien»amen Hameln verdankt) erwähnt Glücke! noch viele andere deutsche und außerdeutsche Städte, zu denen sie in Folge ihrer weitverzweigten Bekanntschaft in Beziehung getreten ist, und gibt uns von den Verhältnissen ihrer Glaubensgenossen daselbst Kunde. Nach dieser allgemeinen Beurtheilung des Buches und seines Werthes als Quellenschrift stellt der Vortragende an der Hand der Memoiren das Leben der Verfasserin in seinen Hauptzügen dar. Er geht bei der Betrachtung ihrer Jugendzeit genauer auf die damalige Lage der deutschen Juden in Hamburg ein, über die wir aus Glückel's Mittheilungen viel Neues und Wissenswerthes erfahren. Im Alter von 14 Jahren verheiratete sich Glücke! nach Hameln (circa 1660), siedelte aber schon nach einjährigem Aufenthalt in dem armseligen, unlustigen Ort mit ihrem Gatten nach ihrer geliebten Vaterstadt Hamburg über. Von ihren Erlebnissen als verheiratete Frau werden besonders die des Pestjahres 1664 ausführlicher erzählt, die uns zeigen, wie schon damals Leuten, die aus einer verseuchten Stadt kamen, durch übertriebene Aeugstlichkeit Anderer das Leben schwer gemacht wurde. In Hamwver, wo sie auf ihrer Reise nach Hameln Station gemacht hatte, wurde jeder aus Hamburg kommende Brief zweimal durchgeräuchert und dann nach den: Lesen mußte er ins Wässer geworfen werden. Als plötzlich eines ihrer Kinder ein kleines Geschwür bekam und dies von einer Magd ausgeplaudert wurde, verbreitete sich das Gerücht, daß das Kind von der Pest befallen sei und es mußte trotz des Flehens der Mutter, die den wahren Charakter der Krankheit kannte, mit einer Pflegerin außerhalb der Stadt an einem entlegenen Ort bleiben; der Vater, der dem Kinde täglich das Essen brachte, mußte in Begleitung eines Wächters von und nach der Stadt gehen, der darauf strenge zu achten hatte, daß der Vater nicht mit seinem Kinde in Berührung kam — nach acht Tagen stellte sich die Ungefährlichkeit der Krankheit heraus, wie die Mutter es vorhergesagt hatte. Einen sehr breiten Raum nehmen in dem Buche Glückel's die Verheiratungen ihrer zahlreichen Kinder und die denselben vorausgehenden oft sehr diplomatischen Verhandlungen ein. Sehr glanzvoll ist der Bericht von der Hochzeit ihrer ältesten Tochter in Cleve (1674), bei der auch der Kurprinz von Brandenburg (der spätere König Friedrich I. von Preußen) und viele andere vornehme Persönlichkeiten zugegen waren. Ueber Reisen zu Lande und zu Wasser und die mannigfachen Beschwerden, die diese damals in Folge der vielfach mangelhaften Verkehrsverhältnisse hatten (an einzelnen Orten gab es noch keine Post oder es war diese erst kürzlich eingeführt), berichtet sie in lehrreicher, dabei oft humorvoller Weise. Nach dem Tode ihres Gatten, mit dem Glücke! beinahe 30 Jahre in glücklicher Ehe gelebt, hatte sie allein die weitverzweigten Geschäfte des Verstorbenen, besonders seinen umfangreichen Gold- und Juwclenhandel weiterzuführen und daneben für die Erziehung von acht unmündigen Kindern, später auch für deren Verheiratung zu sorgen. In dieser Lage bewährte sich ihre Energie und Leistungsfähigkeit aufs Glänzendste, und sie bringt es so weit, daß sie an der Börse einen Credit von 20.000 Thalern besitzt und ihr Geschäft den bedeutendsten jüdischen Firmen Hamburgs zugezählt wird. Dabei ist sie stets peinlich besorgt, Keinem „zu kurz zu thun", und ihre kaufmännische Ehre rein und makellos zu erhalten; sie kommt auch häufig in die Lage, ihren verheirateten Kindern in geschäftlichen Verlegenheiten beizuspringen und große Summen für sie zu opfern. Nach zehnjährigem Witwenstande entschließt sie sich, aus Furcht, den körperlichen und geistigen Anstrengungen, die die selbstständige Geschäftsführung mit sich brachte, auf die Dauer nicht gewachsen zu sein — auf ihre alten Tage noch zu einer zweiten Heirat. Die glänzenden Verhältnisse ihres zweiten Gatten, eines hochangesehenen Banquiers in Metz, schienen ihr einen behaglichen Lebensabend zu verbürgen. Aber ein Jahr nach dieser Heirat brach das Geschäft ihres Gatten zusammen und sie sah sich mit diesem an der: Bettelstab gebracht. Was ihr von jeher als das Schlimmste erschienen war, Anderen etwas schuldig zu bleiben und von den Ihrigen abhängig zu werden, dieses Unglück ereilte sie nun. Aber ohne Murren hat sie das böse Schicksal, das ihr durch liebevolle Kinder nach Kräften erleichtert wurde, bis zu ihrem im Jahre 1719 erfolgten Tode ertragen. Am Schluß faßt der Redner die glänzenden Vorzüge Glückel's noch einmal zusammen und hebt hervor, daß die Seelenbekanntschaft mit einer so edlen und hochbegabten Frau der reichste Gewinn sei, den wir ans der Lectüre ihres Buches ziehen können. Der Vortragende empfiehlt daher Jedem, der die hebräischen S.chriftzeichen des Buches zu entziffern im Stande ist, sich den Inhalt desselben, von dem sein Vortrag nur eine schwache Vorstellung habe geben können, im Original zugänglich zu machen. Die interessanten Ausführungen des Redners fanden bei bei dem zahlreich versammelten Publicum lebhaften Beifall. Correspondenzen. Wien. (Wie m an das jüdische Gewerbe unterstützt.) Wir erhalten folgende Zuschrift: „Geehrter Herr Redacteur! Soeben kommt mir der V. Jahresbericht der Israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien für das Schuljahr 1897—98 zu. Derselbe ist bei der christlichen Firma Carl Fromme in Wien gedruckt!. Ich glaube in Uebereiustimmung mit der großen Mehrheit meiner Glaubensgenossen zu handeln, wenn ich über die Thatsache, daß der Druck des Jahresberichtes einer jüdisch-theologischen Lehranstalt an eine christliche Firma abgegeben wird, obgleich wir in Wien eine Anzahl sehr leistungsfähiger jüdischer Druckereien besitzen, mein tiefstes Bedauern ausspreche. Hochachtungsvoll G. R.*)" - Karlsbad. (Die C o n f e s s i o n eines Badearzte s.) In der letzten Nummer der „Prager Medicinischen Wochenschrift" befindet sich eine Concursausschreibung der Gemeinde S a n g e r b e r g für eine Stadt- und Badearztens-Stelle. Von den Bewerbern wird außer den gesetzlichen Bedingungen auch die christliche Religion und das Absolutorium eines Curses in einer Kaltwasserheilanstalt verlangt. Die Aerztekammer für Böhmen hat gegen diesen Concurs, trotzdem daß sie eine große Zahl jüdischer Aerzte zu ihren Mitgliedern zählt, noch keine Schritte eingeleitet. Der Concurs ist ein Hohn auf den Beruf des Arztes im Allgemeinen und involvirt eine Beleidigung und Zurücksetzung der jüdischen Kammer-Angehörigen im Besonderen. Den Gemeindespitzen vom „Bade Sangerberg" wird vielleicht kaum bekannt sein, daß sie den arischen Bewerber, der ohne die „Standesehre" zu verletzen, um diesen Posten competiren sollte, zuerst zu einem jüdischen Hochschulprofessor, der die erste Lehrkanzel für Hydrotheraphie inne hat, in die Lehre schicken müssen, damit ihm in einem vierwöchentlichen Cursus mit einem Nürnberger Trichter die Grundlehren der Hydrotherapie eingeflößt werden. Es wäre überhaupt sehr interessant, zu erfahren, ob das Bewerben um solche Stellen sich mit der „Standesehre" vereinbart. Marienbad. Unter den Curgästen Marienbads befanden sich heuer auch, wie alljährlich, Herzog Philipp von Orleans und seine Gemahlin Frau Erzherzogin Maria Dorothea. Die hohen Gäste dinirten sehr oft im Restaurant des „Hotel *) Name und Adresse des Einsenders sind der Redaction bekannt«