Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 30 (29.7.1898)
- Date
- 1898-07-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 30 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 565 8000 fl. brachtet! nur 350 st.; Tuch- und Mauufacturwaaren im Werthe von 8000 st. blos 600 st. Specerei-, Galanterie- und Modewaren, die im Werthe von circa 60.000 fl. gestohlen wurden, liegen in arg beschädigtem und fast werthlosem Zustande in einem schmutzigen Haufen im Gerichtsgebäude. Diese Ueberbleibsel werden bei einer Licitation kaum 150 fl. erzielen. Vollständig verschwunden sind geraubte Lose, Pretiosen, Möbel, Bettzeug, insofern sie einen größeren Werth repräsentiren, minder werthvolle Objecte sind in zertrümmertem Zustand aufgefunden worden. Herzzerreißend ist die Noth und das Elend der sechsundzwanzig Familien, welche noch am 25. v. M. eine gesicherte Existenz hatten und nun dem Hungertode preisgegeben sind. Wir bitten eine löbliche Redaction um Veröffentlichung dieser Thatsachen. Vielleicht finden sich edle Menschenfreunde ohne Unterschied der Confession bereit, diese Noth zu lindern und den unschuldigen Opfern der organisirten Plünderung von 25. Juni wieder zu einer menschenmöglichen Existenz zu verhelfen. (Folgen die Unterschriften.) Michelet über die Juden. Das hundertjährige Jubiläum des berühmten Geschichtsschreibers Michelet wird jetzt gefeiert; da dürfte es von Interesse sein, zu hören, was er über die Juden schrieb: „Ich liebe die Juden! Noch habe ich keine Gelegenheit verloren, die sich bot, ohne an die Märtyrer derselben, ihre Familientugenden, ihre ausgezeichneten Talente, die sie gegenwärtig zeigen, zu erinnern. Wie sollte man nicht von dem Schicksal dieses Volkes gerührt sein, das die christliche Welt geschaffen hat und so von seinem Sohne verfolgt und gekreuzigt wird. Wenn man streng sein will, muß man es bedauern, man sage, „Seine Laster sind diejenigen, die wir ihm anerzogen, aber seine Tugenden gehören ihm selbst." Achtung vor dem Duldervolke, auf welches die Welt seit so viel Jahrhunderten eingehackt hat, und welches noch so viel in Rußland erleiden muß. Respect vor der Treue dieses Volkes, dessen Cultus uns noch zeigt, wovon man ausging und wohin man zurückkehrt, jenes Priesterthum des Hauses, dem die Zukunft gehört. Achtung vor seiner lebendigen Kraft, welches aus einem orientalischen Quell in unseren Tagen so viele Talente hat sprudeln lassen, Gelehrte und Künstler jeder Art! (Bible de l’Humanite p. 38' Note. Björnson über die Asfaire Dreyfus. Paris. Björnson hat nachfolgenden Brief an Zola gerichtet: Ich bin jetzt in München. Eine hervorragende Person dieser Stadt hatte Gelegenheit, kürzlich den Reichskanzler Fürsten Hohenlohe zu sprechen. Auf seine Bitte versicherte ihm der Fürst ohne Zögern, daß Dreyfus niemals in irgend welcher Beziehung zu Deutschland gestanden und daß er, was Deutschland betrifft, absolut unschuldig ist. Der Fürst nannte den wahren Schuldigen, aber die Franzosen, fügte Hohenlohe bei, werden niemals die Revision des Dreyfus-Processes zugeben. Dreyfus wird sterben wie der Jude von Nazareth, welcher für die Sünden Anderer büßen mußte. Ich lese in dem Journal des Generalstabes, „Echo de Paris", Dreyfus habe militärische Geheimnisse an Italien verrathen. Das ist nachder Erklärung der italienischen Regierung in der Kammer unglaublich. Ich habe den Winter in Rom verbracht, wo man vermuthet, daß diese vom französischen Generalstabe nicht gewürdigte Erklärung von König Humbert selbst ausgegangen ist. Ich weiß, daß der Märtyrer von der Teufelsinsel die ganze Sympathie des königlichen Hofes hat, welcher wie ganz Italien sehnlichst die Revision des Processes wünscht. Ueberdies weiß ich, daß schon zur Zeit der ersten Dreyfus- Jnterpellation im Palais Bourbon, da von Esterhazy noch keine Rede war, ein Professor in Florenz von einem O f f i c i e r des italienischen General st abes hörte, daß Dreyfus nicht schuldig ist, sondern daß ein anderer O f f i c i e r es wäre, der älter und um einen Grad höher als Dreyfus gewesen ist. Ich kann den Namen meiner Gewährsmänner bezeichnen, welche zur Ablegung einer Zeugenschaft bereit sind. Björnsterne Bjö rnson." Die Antisemitenblätter sind über diesen hochinteressanten Brief des norwegischen Dichters ganz außer sich. Der Berliner Correspondent der „Franks. Ztg.", dessen Verbindungen bekannt sind, vervollständigt aus eigener Wissenschaft die Angaben Björnson's in folgender Mittheilung: „Ob die Aeußernng des Reichskanzlers in der Form richtig wiedergegeben ist, wissen wir nicht, in der Sache ist sie jedenfalls richtig, ja sie bietet Dem, der die Angelegenheit einigermaßen verfolgt hat, gar nichts Neues. Die Unschuld des Dreyfus, soweit Deutschland in Betracht kommt, ist durch Herrn v. Bülow im Reichstag öffentlich bekundet worden. Aber da es selbst in Deutschland noch Leute zu geben scheint, die nicht wissen oder wissen wollen, daß man hier den Dreyfus an allen amtlichen Stellen, die in der Sache ein Urtheil haben, überhaupt für unschuldig hält und für ein Opfer der Vergehen, die Esterhazy begangen hat, so wollen wir das aus unserer Kenntniß heraus doch noch einmal ausdrücklich constatireu. Die Ueberzeugung von dieser Unschuld und die Beweise dafür reichen auch noch höher hinauf als bis zum Reichskanzler. Es gibt Politische Rücksichten, die eine öffentliche Erklärung darüber verbieten, aber in vertrauten Kreisen, auch in ziemlich großen, machen die in Betracht kommenden Persönlichkeiten aus dieser ihrer Ueberzeugung schon seit Monaten keinen Hehl. In Rom ist's ebenso und in Petersburg, wie wir wissen auch. Es wird auch eine Zeit kommen, in der dies offenbar wird." Der „Kölnischen Ztg." wurde hierüber aus Berlin gemeldet: „Die in der Presse in Umlauf gesetzte Erzählung B j ö r n s o n's in seinem Briefe an Zola von angeblichen A e u ß e r u n g e n des Reichskanzlers Fürsten Hohenlohe über den Fall Dreyfus wurde bis jetzt nicht dementirt, weil es nicht für möglich gehalten wurde, daß der s eben Glauben beigemessen werden könnte. Nachdem aber die Sache noch weiter besprochen wird, sind wir in der Lage^ zu erklären, daß jene angeblichen Aeußerungen des Reichskanzlers ihrem ganzen Inhalte nach unwahr sind. Insbesondere wird es wohl Niemand, der den Reichskanzler kennt, für möglich halten, daß derselbe eine so geschmacklose Aeußerung, wie die vom Juden von Nazareth gethan haben könnte." Mit Bezug auf dieses Dementi richtete Björn st er ne Björnson folgendes Telegramm an den „Temps": „München, 25. Juli. Ich habe dem Fürsten Hohenlohe meinen Gewährsmann genannt. Ich werde ihn öffentlich nur dann bezeichnen, wenn Zola es wünscht. Ich berufe mich auf diesen Gewährsmann, der mir übrigens keine Geheimhaltung zur Pflicht gemacht hat und welcher den Fürsten Hohenlohe seit Langem kennt. B j ö r n s o n." Schließlich veröffentlichte Björnson am 26. Juli in der „Frankfurter Zeitung" folgende Erklärung: „Ich sehe, daß antisemitische (und auch „christliche") Zeitungen es dem Reichskanzler Fürsten Hohenlohe übel genommen haben, daß er in der Sache Dreyfus die unverschuldeten Leiden Jesu von Nazareth zum Vergleich herangezogen hat. Es kann ja sein, daß mein Gewährsmann oder ich den Wortlaut nicht richtig wiedergeben, aber ich will diese Gelegenheit ergreifen, um festzustellen, wie richtig es ist, die I u d e n h e tz e r dann und wann wieder daran zu erinnern, daß unser Religionsstifter wirklich ein Jude war. Wenn der Jude Dreyfus die Sünde Anderer tragen muß, so folgt er insofern einem großen Beispiel, als er es mit der edelsten Würde thut, die möglich ist. Seine Briefe bezeugen das. Man vergleiche damit das Betragen seiner christlichen Verfolger, wie das der Judenhetzer überhaupt." Aus den Memoiren einer Hamburger Jüdin im Zeitalter des großen Kurfürsten. Im „Verein für Jüdische Geschichte und Literatur" beschloß Herr Dr. Alfred Feilchenfeld den Cyclus der letztwinterlichen populär - wissenschaftlichen Vorträge mit einem Bortrage über das Thema „Aus den Memoiren einer Hamburger Jüdin im Zeitalter des großen Kurfürsten". Der Vortragende wies einleitend darauf hin, welches Bild man sich gewöhnlich von schriftstellernden Frauen, insbesondere von Memoirenschreiberinneu und ihren Werken macht. Nicht sehr diesem Bilde entsprechend ist ein Werk der Frauenliteratur, das von dem modernen Herausgeber auch mit dem Namen „Memoiren" bezeichnet worden ist, aber eine einfache, anspruchslose Hamburger Jüdin des 17. Jahrhunderts zur Verfasserin hat. Es sind dies die Memoiren der Glücket von Hameln, die von Prof. Dr. Kaufmann-Budapest 1806 nach einer Handschrift der Merzbacher'schen Bibliothek in München herausgegeben