Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 30 (29.7.1898)
- Date
- 1898-07-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3020846-3021223-3021254--08031-3032389- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gelte 668 Dr. Vloch'r Wochrnschrist Nr. so viel größeren Eindruck gemacht, als die christlich-socialen Machthaber glauben zu wollen scheinen. Für die Leichtfertigkeit, mit welcher Dr. Lueger in der Gasfrage die ihm anvertrauten Interessen der Stadi aufs Spiel gesetzt, gibt es überhaupt keine Entschädigung. Seine Genossen an dieser Schuld waren theils die gewissen Barrierestöcke, deren Jdeenkreis über den Luegermarsch nicht hinausreicht, theils „zielbewußte" Lieferungspolitiker, welche an der Errichtung neuer Gaswerke materielles Interesse hatten. Um über die Tragweite des die christlich-sociale Gemeindewirthschaft tief beschämenden Urtheils nicht sprechen zu müssen, klammerten sich die publicistischen Organe der derzeitigen Bürgermeisterei und Herr Dr. Lueger selbst daran, daß die „N. Fr. Presse" das Urtheil früher veröffentlichte, als Dr. Lueger von demselben Kenntniß erlangte. Ohne der Sache näher auf den Grund zu gehen, wurden im „Deutschen Volksblatt" zur Abwechslung wieder einmal die Gerichte verdächtigt. Das geschah natürlich in jesuitisch verclausulirten und perfid gedrechselten Sätzen, auf den schließlichen Gesammteindruck berechnet, daß man an die folgenden unerhörten Behauptungen glauben müsse: „Ueberall in allen Zweigen der Staatsverwaltung haben die jüdische Presse und die großen jüdischen Unternehmungen ihre Freunde sitzen, die jederzeit zu Gefälligkeiten bereit sind, durch die, wenn auch nicht das Gesetz tangirt wird, so doch eine Ungleichheit in der Behandlung der Parteien platzgreist, die unter Umständen schließlich auch direct auf die Entscheidung einer Angelegenheit nicht ohne Einfluß bleiben kann." Die Einschaltung, „wenn auch nicht das Gesetz tangirt wird", ist das Hinterthürchen, durch welche der Urheber einer so miserablen Verdächtigung nöthigenfalls durchschlüpfen kann. Wird denn aber, wenn eine Ungleichheit in der Behandlung der Parteien eintritt, und wenn diese Ungleichheit schließlich auch auf die EntscheÜmng nick t ohne Einfluß bleibt, das Gesetz nicht tangirt? Um aber auch in dem harmlosesten Leser keinen Zweifel über die wohldurchdachte Infamie dieser publicistischen Leistung aufkommen zu lassen, heißt es am Schluffe: „Ein derartiges Verfahren ist im höch sten Grade geeignet, die Bevölkerung zu beunruhigen und dasVertrauen gegen die Behörden in der empfindlichsten Weise zu schädigen." Und warum das Alles? Weil die „Neue Freie Presse" am 18. Juli im Abendblatt das Urtheil brachte. Nun folgten dem citirten Artikel des „Deutschen Volksblatt" die amtlichen Berichtigungen auf dem Fuße nach. Es wurde amtlich festgestellt, daß der Vertreter der Gemeinde bereits am 17. Juli das Urtheil sammt Gründen in Händen hatte und daß der Vertreter der Gasgesellschaft am 18. Juli Vormittags die Urtheilsgründe in der Gerichtskanzlei copiren ließ. Vom Handelsgerichte rechtzeitig in die Fichtegasse zu gelangen, um das Urtheil noch der „Neuen Freien Presse" für das Abendblatt mitzutheilen, war gewiß keine Hexerei. Daß das Gericht selbst mit dieser Veröffentlichung nicht das Geringste zu thun hatte, war für Jedermann klar, auch wenn die amtliche Berichtigung nicht erflossen wäre. Aber das Urtheil ist dem Herrn Lueger und den Christlich-Socialen unangenehm, und um den ersten Eindruck abzuschwächen, muß vor Allem das Gericht verdächtigt werden. Das geschieht durch Organe derselben Partei, welche auf die „Beamtenfreundlichkeit" ein Patent genommen hat. * * He Nachträglich wurde den gegen den gesammten Richterstand gerichteten Verdächtigungen noch ein antisemitisches Mäntelchen gewissermaßen als Passepartout umgehängt. Der Name Kohn — sonst gewöhnlich mit Ausrufungszeichen versehen — wurde genannt als der angebliche Name des Landesgerichtsrathes, welcher im Gasprocesse in 1. Instanz als Referent fungirt haben soll. „Kohn" — das wäre alsdann einer jener „Freunde", welche die jüdischen Unternehmungen überall „sitzen haben". Es ist durchaus nebensächlich, daß es im Handelsgerichte, welches die erste Instanz im Gasprocesse war, einen Landesgerichtsrath Kohn nicht gibt. Auch ein jüdischer Richter hätte zufällig das Referat führen können. In diesem Falle hätte sich derselbe über die erwähnten Andeutungen einfach mit derselben Verachtung hinweggesetzt, welche seine arischen Collegen den gegen ihre richterliche Ehre und ihre Eidestreue gerichteten nichtswürdigen Verdächtigungen entgegenbringen. Robert Wolf. Schließung des Reichsraths. Der R e i ch s r a t h ist geschlossen und wird nicht so bald wieder eröffnet werden. Damit ist nun das wesentlichste Bolksrecht all' der interessanten Nationalitäten, welche nur im Hasse gegen die Juden einig waren, sistirt. Heute mir, morgen Dir! Die Folgen der unsinnigen Racen- und Nationalitätenhetze in Oesterreich beginnen sich einzustellen. Arische Wohlthäter der Menschheit. In den antisemitischen Kreisen herrscht große Aufregung über die Aeußerung des Gemeinderathes Dr. Mittler, „daß bei den Lebeusmittelhändlern jetzt der Zug vorherrsche, sich auf Kosten der Consumenten bereichern zu wollen". Die Bemerkung Dr. Mittler's ist eine interconfessionelle, und es ist daher doppelt charakteristisch, daß sich just die Christlich-Socialen von derselben getroffen fühlen und Zeter und Mordio schreien! Wer denkt da nicht an Hamlet's Wort: „Wen's juckt, der kratze sich!" Am lautesten bei dem Spectakel benehmen sich just Diejenigen, deren moralische Qualitäten auch das „christliche Volk von Wien" bereits gründlich kennen gelernt hat. Da strampelt allen voran mit Händen und Füßen der Ehrenmann V e r g a n i, der es nicht begreifen will, daß man sich auch in anderer Weise als durch Unterschlagung von Obligationen bereichern kann. Hinter ihm gröhlt Herr Hermann B i e l o h l a w e k, der sich in seiner Greisler-Ehre tief verletzt fühlt und den Juden vorwirft, daß sie die Lebensmittelfälschung en gros betreiben. Nun denn, wir wollen den Herren mit Thatsachen aufwarten. Wir haben uns die Mühe nicht verdrießen lassen, sämmtliche Gerichtsverhandlungen, welche in den Jahren 1896, 1897 und 1898 wegen Lebensmittelfälschung stattfanden, durchzugehen. Es sind dies insgesammt 171 Verhandlungen vor den verschiedenen Bezirksgerichten Wiens. Bei denselben wurden 156 arische und blos 15 jüdische Lebensmittelhändler zu Geld- und Arreststrafen verurtheilt, und zwar finden sich unter diesen Verurteilten 22 Holz- und Kohlenhändler (zumeist wegen Gewichtsverkürzung), 9 Fleischhauer, 44 Gemischtwaarenverschleißer und Händler (das sind Ihre Collegen, Herr Bielohlawek!) 18 Gastwirthe, 21 Fleischselcher, 9 Milchhändler, 7 Käse-, Butter- und Eierhändler, 4 Zuckerbäcker, 4 Geflügelhändler, 3 Salamihändler, 3 Fischhändler, 6 Obsthändler und 1 Sodawasser-Erzeuger. — Es sei uns gestattet, aus den Strasprotokollen hier eine kleine Blüthenlese der Fälschungen zusammenzustellen: „Stinkendes Selchfleisch", „Tropfbier", „Rinnendes Weinnaß", „Powidl mit Staub, Holzsplittern und Stroh vermengt", „Cervelatwurst mit Glasscherben und einer Nadel", „Verkauf von Kunstals steirische Naturbutter", „verfaulte Eßschwämmc", „in Zersetzung übergegangene Blutwürste", „Windbäckerei mit Alaun", „verweste Hühner", „stinkende Salami, das Kilo um 20 kr.", „Nußstrudel mit Draht", „verschimmeltes Schweinefleisch", „Wurst mit Beimischung von Gedärmen und thierischen Excrementen", „Nußbeugel mit Schimmelpilzen", „Würste mit Unrath, Spagatstücken, Bändern, Schnüren, Thierexcrementen und Haaren", „Primsenkäs mit Fliegenmaden", „von Würmern zerfressene Mandeln", „von Ratten angefressenes Fleisch", „Selchfleisch mit Maden", „verfaulte Leberwurst in stinkender Jauche", „mit Zündhölzchen gefleckte Spargel", „brandige Erdäpfel", „mit Blei verfälschter Paprika", „hochgradig verfälschte Milch", „Wein aus Kaliumsulphyt und Schwefelsäure", „Schwämme mit Täublingen", „Grammeln mit Borsten und Haaren", „Pferdewürste mit Holzstücken", „Butter mit Seife, Schwefelsäure nnd Kalilauge vermischt", „Schweinsgrammeln mit Mänseköpfen", „unreife Kaffeebohnen mit Sand und Steinen vermischt" — das dürfte auch dem verwöhntesten Gaumen genügen! Wir sind übrigens bereit, Herrn Bielohlawek auch die Namen der um das leibliche Wohl der Consumenten so musterhaft besorgten arischen Lebensmittelfälscher zur Verfügung zu stellen! Bergani-Moral. In Arad sitzt gegenwärtig ein Millionendefraudant, der wesene Steuereinnehmer B L c s mit seinen Complicen in Untersuchungshaft und vor wenigen Tagen ist auch der Verwalter der Comitats-Waisencasse, Johann K r i v a n y, nach Unterschlagung von Waisengeldern im Betrage von 200.000 fl. flüchtig geworden. Ernst Bergani gibt von diesen Gaunereien in einem besonderen Artikel unter dem Titel „Defraudation" seinen Lesern Kenntniß. In diesem Artikel heißt es: „Wer wollte auf diese Herren den ersten Stein werfen". Der Spruch „Bleibe im Lande und nähre dich redlich" hat im Reiche Stefans