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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-07-29 · 30 (29.7.1898) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
30 (29.7.1898)
Date
1898-07-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 560 Dr. Bloch's Wochenfchrifl Nr. 30 zur letzten Stunde um die Palme des ersten Siegers ringen mußte, ist in Breslau am 5. März 1862 geboren und ^eirfce ein viel beschäftigter Arzt zu Nürnberg. Seine Spielweise zeichnet sich durch Gedankentiefe und scharfsinnige Gründlichkeit aus. Meisterhaft und von immensen theoretischen Studien unterstützt, legt er seine wichtigen Partieanfänge an, verhält sich im Mittelspiel kühl zuwarteud, bis er einen gegnerischen Fehlzug oder eine feindliche Positionsschwäche mit scharfem Blick erjpäht hat, die er daun mit unerbittlicher Consequenz, mit einer eisernen Folgerichtigkeit ohne Gleichen bis zum Gewinne auszunützen versteht. Man hat diesen großen Rechner unzähligemal mit dem Strategen Moltke verglichen. Er ist nie Waghals, riskirt nicht das Geringste und hat auch in diesem Tourniere in 38 Runden blos 2 Partien verloren — eine Leistung, welche nur von ihm selbst übertroffen wurde, der in Breslau 1889 und in Manchester 1890 beidemale ohne eine einzige Verlustpartie erster Preisträger gewesen ist. Den dritten Preis holte sich der jugendliche Russischpole, David Janowski, welcher gegenwärtig in Paris domicilirt. Janowski ist bis auf das eine, daß er ebenfalls ein erstclassiger und vortrefflicher starker Spieler ist, nach seinem Naturell und nach seiner Spielweise der ausgesprochene Gegensatz zu Doctor Tarrasch. Wenn bei diesem Alles Weisheit, Zögern, Achtsamkeit und Bedachtsamkcit ist, stürmt Janowski am Liebsten in brillanten Husarenattacken dahin, von dem Gedanken geleitet, daß der Wagende gewinnt, und siegt am liebsten im Feuer. Einer der vom Commercialrath Leopold T r e b i t s ch gestifteten Schönheitspreise dürfte ihm außerdem noch winken. Janowski hat Tarrasch und Pillsbury je in einer Partie geschlagen, Steinitz und den großen russischen Meister Tschingorin gar in beiden. „Es steckt viel Schach in ihm", sagen die Kenner in ihrer Sprache. Bei seiner großen Jugend — er zählt kaum 30 Jahre — werden ihm noch viele schöne Erfolge auf den 64 schwarz-weißen Feldern erblühen. Als brillanter und eleganter Spieler hat dieser geistige Enkel des Paul Morphy heutekeinen Rivalen zu scheuen - höchstens den Rudolf Charousek. In zweiter Reihe standen diesmal der deutsch-englische Meister Horatio Caro aus London, der Wiener Alexander H a l P ri n und der Russe Simon A l a p i n, welcher gegenwärtig in Berlin lebt, wo er die Zeitung den „Sch ach freund" herausgibt. Caro, augenscheinlich etwas leidend, war nicht in der Lage, seine volle Spielstärke zu entfalten. H alp rin, welcher zum erstenmal in einem großen Turnier mitkämpfte, hat in Anbetracht dieses Umstandes sich ehrenvoll behauptet und zu wiederholtenmalen gezeigt, daß er tief in die Geheimnisse einer Position hineinzublicken versteht. Alapin hatte zu Anfang die Führung übernommen, war zuerst von der launischen Glücksgöttin begmfftigt, die ihren Liebling bald schnöde im Stiche ließ. Er lebt und webt nur im Schach und Anderes existirt für ihn nicht. Entweder spielt er, oder er glossirt und analysirt. Er ist ein sehrliebenswürdiger, geistreicher Mann und läßt sich die harmlosen Scherze über seine Springereröffnung — Hippopotamus genannt, mit gutmüthigem Schmunzeln gefallen. Als er zum Trebitsch-Bankett auf dem Kahlenberg zu spät kam, hieß es allgemein: „Alapin ist auf dem Nilpferd über das Feld § 2 geritten und hat sich infolge dieses Umweges ein wenig verspätet!" Noch wären, da wir vollständig sein wollen, der um die Turnierleitung hochverdiente Herr Hugo Fähnd rich aus Budapest sowie die beiden ausgezeichneteu Schachjournalisten L. Hoffer aus London und Jacob Mieses aus Berlin, letzterer der getreue und unzertrennliche Adlatus des Dr. Tarrasch, zu nennen. Schade, daß drei andere starke Wiener- Meister aus beruflichen Gründen verhindert waren, an dem langen und aufreibenden Schachwettkampfe theilzunehmen, die Herren Doctor Arthur Kaufmann, Max Weiß und Siegfried Reginald Wolf. Doctor Meitner und die Gebrüder F l e i s s i g haben sich leider schon seit Jahren vom Turnierspiel ganz zurückgezogen, und verfolgen die Partien mit der regen Antheilnahme der sachverständigen Oberkibitze. Auch der hochbedeutende Meister Simon Winaw er in Warschau ist mit Rücksicht auf seine Jahre weise fern geblieben. Der früher so starke Adolf Schwarz that ein Weniges mit und ließ es dann doch lieber sein. — Baron Albert von Rothschild, der Ehrenpräsident des Wiener Schachclubs, ist selbst ein ausgezeichneter Spieler¬ und hat den Meistern in seinem herrlichen Palais in der Heugasse ein solennes Bankett gegeben. Außerdem hat er drei Preise gestiftet für die besten Resultate gegen die Preisträger. Auch Herr Commercialrath Leopold Tr ebit sch setzte 3 ansehnliche Schönheitspreise aus. . . und so wären wir denn glücklich, und hoffentlich den Lesern rasch genug, aus dem grauen Mittelalter bis auf die Tafelfreuden der jüngsten Tage gelangt, und glauben genügend erwiesen zu haben, welch bedeutsamer Antheil an dem Schach der Gegenwart im Allgemeinen und an den jüngsten, für die gesammte Schachwelt interessanten Ereignissen in Wien insbesonders, unseren Glaubensgenossen gebührt. A. Kalmann. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Das Kind der Näherin. — Vergani als Gefühlsmensch. — Zum Schutze der Ehrenbürger. — Rationelle Anleitung für Liebesverhältnisse. — Antisemitische Humanität. — Pfarrer Deckert und das Christenmädchen. — Lueger's schwarzer Montag. — Fortsetzung der Nichterhetze. — Der Name Kohn.) Eine arme Näherin ist verführt und verlassen worden. Der Vater ihres Kindes heiratete eine „Mitgift", und als sein außereheliches Kind erkrankte, kümmerte er sich weder um das Schicksal dieses Geschöpfes noch um das der armen Mutter, welche aus dem Ertrage einer mühseligen und schlecht bezahlten Arbeit die Medicamente bestreiten mußte. Das Kind starb, und die Mutter verlangte von dem außerehelichen Vater 70 fl. Ersatz für die Krankheitskosten, ein durchaus bescheidener und berechtigter Anspruch. Herr Julius G u t t m a n n aber, welchem seine Frau 10.000 fl. Heiratsgut mitgebracht hatte, und welcher als Postbeamter einen Gehalt von 1400 fl. bezieht, weigerte sich, seiner ehemaligen Geliebten, mit welcher er einige Jahre lang Beziehungen unterhalten hatte, den angesprochenen Betrag zu ersetzen, ließ es vielmehr auf die gerichtliche Klage ankommen, und bei der Tagsatzung wendete der als Bevollmächtigter erschienene Schwager Guttmann's ein, der Geklagte sei nach dem Gesetze zur Zahlung nicht verpflichtet, die Mutter hätte das Kind ins Spital schicken sollen, und nachdem sie das nicht gethan, so könne sie ja dem Arzte schuldig bleiben. Schließlich ließ sich der Schwager Guttmann's herbei, im Vergleichswege 40 fl. zu bezahlen. Was wir hier wiedererzählten, ist eine ehrenrührige, wenn auch wahre Thatfache aus dem Privatleben des genannten Julius Guttmann, welche in Folge der öffentlichen Gerichtsverhandlung zur Kenntniß der Oeffentlichkeit gelangte. Die Herzlosigkeit und die Schmutzerei, mit welcher sich dieser Herr inclusive seines Herrn Schwagers benahm, machte auf den Richter und auf die Zuhörer einen peinlichen Eindruck, wie dies aus dem durchaus objectiv gehaltenen Berichte einer Gerichtssaalcorrespondenz, die allen Blättern ohne Ausnahme gleichlautend zukam, klar hervorging. Auch den antisemitischen Blättern ist derselbe gleichlautende Bericht zugekommen. Da bekam allerdings die Sache, durch welche der besagte Julius Guttmann persönlich compromittirt erschien, plötzlich einen ganz anderen Anstrich. Für die schäbige Handlungsweise des genannten Herrn muß nämlich in den Antisemitenblättern das Judenthum herhalten, und das „Deutsche Volksblatt" gibt dem Berichte vor Allem den Titel „Jüdische Gefühlsroheit". Man kennt allgemein die Herzensgüte des Ernst Vergani, insbesondere seit jenem rührenden Appell, den er an die öffentliche Mildthätigkeit zu Gunsten seines schwer erkrankten Redactionsdieners richtete. Die dankbare Mitwelt wird es ihm auch nie vergessen, mit welchem Eifer er Armengelder entgegenzunehmen Pflegte, wenn er auch an die prompte Abführung derselben erst einige Male erinnert werden mußte. Man wird also verstehen, daß die Entrüstung über das Be-

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