Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 30 (29.7.1898)
- Date
- 1898-07-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 30 Vr. Bloch's viel Lärni nach Außen zn machen, ihre Fühler nach allen Seiten ausstrecken und in immer weiteren Kreisen festen Fuß fassen. Die große syrische Hauptstadt eignet sich umsomehr dazu, als sie seit einigen Jahren der Hauptknotenpunkt der drei einzigen syrischen Eisenbahnen geworden ist, der Bahn nach Beirut gegen Westen, nach El-Muzerib im Hauran gegen Süden und der zu bauenden nach Aleppo gegen Norden. So wurde denn dort eine russische Schule errichtet, welche jetzt schon von über 250 Kindern besucht wird; bald folgte der ersten Gründung eine große Zahl anderer in der näheren und ferneren Umgebung der Stadt. Denn daß sie durch die Schulen am sichersten und schnellsten zu ihrem Ziel gelangen könnten, war auch den nordischen Eindringlingen keinen Augenblick zweifelhaft. Von Damaskus zum Hauran war der Weg leicht zu finden, und alsbald wurde auch diese Gegend mit etwa 20 russischen Schulen beglückt. Nicht weit von hier lockte Galiläa zu neuen Gründungen, zumal hier schon früher zu Nazareth außer dem russischen Pilgerhaus auch eine Knaben- und Mädchenschule, ein Waisenhaus und ein Lehrerseminar der Russen bestand, das sehr viel zu der russischen Propaganda beiträgt. Die besten Schüler dieses Seminars werden nach Vollendung ihrer Studien für einige Jahre nach Rußland geschickt und kehren dann als begeisterte Verbreiter des moskowiftschen Geistes in ihre Heimat zurück. Doch auch die nördlichen Gegenden Syriens wurden nicht außer Acht gelassen; Homs, das alte Emesa, sah die neuen Volksbeglücker schon einziehen; Hama sieht ihrem baldigen Kommen entgegen. Nachdem so das Innere des Landes ganz unbemerkt mit russischen Schulen beschenkt ist, kommt die Küste an die Reihe. Für Tripolis meldet man schon die baldige Ankunft der Russen. Vor Allem aber ist Beirut als festes Bollwerk und zweites Centrum im Norden ausersehen. Weil dort sowohl die Katholiken der verschiedenen Riten als auch die amerikanischen Protestanten blühende Anstalten besitzen, wollen auch die nordischen Orthodoxen nicht Zurückbleiben; sie beabsichtigen, in dieser zweiten syrischen Hauptstadt oder in der Nähe nicht blos Schulen, sondern auch ein Collegium und eine medicinische Facultät nebst einem großen Hospital und eine Buchdruckerei zu errichten. Schon lange stehen die russischen Agenten wegen Ankaufs eines großen Grundstückes für diese Bauten in Unterhandlungen. Sowohl in Beirut als auch in Damaskus und in Homs sorgen russische Vereine und Vertreter für den weiteren Fortschritt der Bewegung. Vorläufig erhalten dieselben ihre Weisungen noch von den Lenkern des ganzen Feldzuges in Nazareth, die unmittelbar mit den hohen Herren von St. Petersburg in Verbindung stehen. Nicht ohne Besorgniß wird man dieses zielbewußte Vordringen der Russen beobachten. Gerade die hohe Meinung, welche sich die Bewohner Syriens und Palästinas, wie auch anderer Länder, nicht so ganz ohne Grund von der großen Macht Rußlands gebildet haben, befördert weiterhin gar sehr die russischen Bestrebungen. Je schwächer der Orientale aus sich selbst ist, desto mehr zeigt er sich willfährig gegenüber den Wünschen des Starken, und der Gradmesser seiner Sympathien gegen den Fremden ist die Meinung, welche er von dessen Macht und Ansehen besitzt. Ein großer Theil der Bevölkerung wendet sich deshalb voller Hoffnung dem glanzvoll auffteigenden nordischen Siebengestirn zu. Zu der hohen Meinung von der russischen Macht kommt dann als Hauptfactor für den erfolgreichen Wettbewerb hinzu, daß die Russen auch in Wirklichkeit ihre Kraft durch den Aufwand großer Mittel in der Verfolgung ihres Zieles bekunden. Der goldene Schlüssel kann ja leider im Orient mehr denn irgendwo mit geheimnißvoller Zauberkraft auch die bestverschlossenen Thüren öffnen und selbst den Weg zum Herzen und Gewissen aufschließen. Wochenschrift Seite 659 Daß dabei die Russen auch bei der türkischen Regierung sich Gehör zu verschaffen wissen, braucht wohl nicht erst durch Beispiele erhärtet zu werden. Kann es da noch Wunder nehmen, daß man hie und da schon sagen hört: Der Russe wird Herr werden im heiligen Lande! Die Juden und das Schachspiel. Die Inden haben seit jeher für das edle Spiel eine besondere Veranlagung gezeigt, und es hat bei ihnen schon im frühen Mittelalter sorgsame Pflege gefunden, durch ihren Geist, Witz und Scharfsinn hohe Ausbildung erfahren. Von hebräischen Schachlehrgedichten erzählt ausführlich in einem besonderen, sehr gelehrten Capitel Antonius Van der Linde's classische Geschichte des Spiels. Im vorigen Jahrhundert saß der große Moses Mendelssohn seinem unsterblichen Freunde Gotthold Ephraim Lessing am Schachbrette gegenüber und der Dichter vergaß nicht, den porträtgetreuen Zug auch seinem Nathan zu verleihen, welcher mit dem Derwisch Al Hafi, dem aufbrausenden Schachfanatiker, Partie um Partie spielt. Und in diesem Jahrhunderte, in welchem die Schachkunst und die Schachwissenschaft zu höchster Blüthe und Vollendung gelangt sind, sehen wir wiederum das jüdische Element, wie bei allen geistigen Kümpfen, im Vordertreffen stehen und zu wiederholten Malen sogar die oberste Führung übernehmen. Wir brauchen blos den glorreichen Namen des alten Weltschachmeisters Wilhelm Steinitz zu nennen, welcher aus Anderssen's Händen das Scepter empfing, bis er es nach fast dreißigjähriger, unumschränkter Alleinherrschaft wiederum an einen Angehörigen des jüdischen Stammes, an den jugendlichen Emanuel L a s k e r abzugeben gezwungen war. Diese Woche nun ist in Wien eines der größten Schachturniere, bedeutsam nach jeder Hinsicht, zu Ende gegangen. und wir wollen uns ein wenig mit dm Männern befassen, welche daran in hervorragender Weise Theil genommen haben. Unter den zwanzig Kämpfern gab es Britm, Anglo- Amerikaner, Deutsche, Russen, Oesterreicher, Ungarn. In diesen Blättern jedoch, welche weder fachlich noch schachlich zu sein brauchen, fassen wir nur eine bestimmte Gruppe, die uns besonders nckeressirt, näher in's Auge und gewähren selbstverständlich dem Altmeister Wilhelm Steinitz, wenn er auch diesmal nicht an allererster Stelle stehen konnte, die Ehre des Vortritts. Wilhelm Steinitz ist ein gebürtiger Prager und erblickte am 17. Mai 1836 das Licht der Welt. Aus kleinlichen und beengenden Verhältnissm kam er, vonJugend auf immer schwächlich und stets kränkelnd, empor. In dem kleinen Körper aber lebte ein starker, nie gänzlich niederzudrückender, ewig regsamer Geist. Noch heute erfüllen ihn die Ideale seiner Jugend. Für Menschenrecht und Menschenglück kämpft der edle Schwärmer bis zur Stunde, immer an Andere denkend, sich selber darüber gänzlich vergessend. Er nennt sich mit Stolz einen Juden und nichts betrübt ihn mehr, als das Anwachsm der Wiener antisemitischen Bewegung, welche ihn, den freien Bürger Nordamerikas, persönlich eigentlich gar nicht berührt. Sie bildet den Schmerz seines Lebens. Die ersten Preise aufzuzählen, welche Altmeister Steinitz errungen, würde einen viel zu großen Theil des Raumes in Anspruch nehmen, welcher diesem Aufsatze gegönnt ist. Diesmal hat er sich mit wahrhaftem Löwenmuth geschlagen, ist mehrmals niedergebrochen, hcck sich immer wieder unter Zusammenfassung aller in ihm wohnenden Energie und Kunst aufgerasft, und wenn er schließlich doch an vierter Reihe ehrenvoll steht, so ist dieser Erfolg des alten, schwachen, kranken Mannes, der überdies noch von Sorgen beladen ist, ihm, um so höher anzurechnen. Doctor Siegbert T a r r a s ch, der deutsche Vorkämpfer, welcher mit seinm. Concurrenten Pillsbury bis