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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-07-29 · 30 (29.7.1898) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
30 (29.7.1898)
Date
1898-07-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 558 Dr. Vloch's Wochrnschrifi Nr. 30 haß stärker ist als seine Liebe zur nationalen Sache. Mag die Ehre des deutschen Volkes tausendfach in den Koth getreten werden, mögen die deutschen Staatsmänner als lügnerische Schurken dastehen — der Jude Dreyfus muß weiterhin als Verräther gebrandmarkt bleiben, weil er — Jude ist. Ein drolliger Anblick fürwahr, wie der deutsche Eisenfresser K. H. Wolf um die Reputation eines Esterhaz y, eines Du Paty de Clam, eines Henry und eines M e r c i e r, ja der ganzen französischen Armee besorgt ist, die nur einen einzigen Gedanken, den der Revanche an Deutschland, kennen, während er die Glaubwürdigkeit eines Hohenlohe, eines B ü l o w und eines Schwartzkoppeu in Zweifel zieht. Drollig? Nein, das Wort trifft nicht zu. Diese Herabwürdigung der nationalen Interessen ist eine Schmach für unsere Deutschnationaleu, die sich damit zu Handlangern der von den Christlich-Socialen betriebenen jesuitischen Judenhetze machen. Diese Schmach ist umso größer, als selbst die ftrengkatholischen Organe Bedenken tragen, noch länger den chauvinistischen Hexensabbath mitzumachen und nur um der Judeuhetze willen einen Esterhazy zum Ehrenmann zu stempeln. Im clericalen Pariser „Figaro" hat der monarchisch-clericale Schriftsteller Cornely seine Stimme für die Revision des Dreyfus-Processes erhoben und selbst das Wiener „Vaterland" übt in seiner Nummer vom 19. d. M. die schärfste Kritik an dem Kriegsgericht, welches Dreyfus verurtheilt hat. Nur die Deutschnationaleu erniedrigen sich mit den Christlich-Docialen so weit, zu Gunsten des Judenhasses die Wahrheit noch fernerhin auf den Kopf zu stellen und die nationale Ehre Deutschlands preiszugeben. Nachwort zu den Juden excessen in Galizien. Noch immer ist die Frage ungelöst, wie es möglich war, daß die jüngsten Judenexcesse in Galizien solche Dimensionen annehmen konnten, und in das Dunkel der Vorgeschichte dieser Excesse hat auch das Kommunique der „Politischen Correspondenz", das wir in der letzten dtummer nach Gebühr gewürdigt haben, kein Licht gebracht. Allerdings nur für Jene nicht, die aus jede Offenbarung gouvernementaler Weisheit schwören und officiöse Darstellungen als ein unantastbares Evangelium betrachten. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder sind die Behörden von den Ereignissen überrascht worden — das wäre schlimni; oder sie sind nicht überrascht worden — das wäre noch viel schlimmer. Es ist schwer, sich für die eine oder andere Eventualität zu entscheiden, ohne einer unstatthaften Beeinflußung der öffentlichen Meinung beschuldigt zu werden. Aber die Verhandlungen, welche in den letzten Wochen vor den galizischen Gerichten durchgeführt wurden, haben eine Reihe von Thatsachen festgestellt, die für sich selber sprechen. So ist erwiesen worden, daß schon volle drei Wochen vor Ausbruch der Excesse im Jasloer Bezirke unter den Bauern in der Umgebung von Kalwarya, einem Wallfahrtsorte im Bezirke Wadowice, Gerüchte im Umlauf waren, es sei der Landbevölkerung bewilligt worden, die Juden am 26. Mai auszuplündern und zu erschlagen. Diese Gerüchte wurden so sehr geglaubt, daß die Bauern schon 14 Tage vor diesem Datum sich aller Einkäufe bei den Juden mit der Begründung enthielten, sie würden sich ja am 26. Mai alles Nötbige selbst nehmen können. Es wurde ferner festgestellt, daß am Tage der Mickrewicz-Feier in Kalwarya von mehreren Personen erzählt wurde, die Amtsdiener und Briefträger seien beauftragt, den Juden Todesurtheile zuzustellen. An dem kritischen Tage erschienen auch in Kalwarya die Bauern, genau wie vier Wochen später in Neu- und Alt-Sandec, mit Säcken, Körben und Fuhrwerk in der Stadt zur Plünderung. Die Vorbereitungen hiezu wurden ganz öffentlich besprochen. Schon am 16. Mai äußerte ein Bürger und Hauseigenthümer von Kalwarya, daß er selbst mitplündern werde, und der Sohn dieses Bürgers lud' am 18. Mai im. Dorfe Zakrzow die Bauern ganz ungenirt ein, am 26. Mai in die Stadt zu kommen und die Juden zu plündern. Ein Kaufmann in Kalwarya vertheilte schon tagelang vorher unter den Bauern Zettel mit den Worten: „Es ist zwei Stunden hindurch gestattet, die Juden zu schlagen." Der Ortsrichter Thomas Jaskiemy in Stcmisla dolny bestätigte direct, daß in seinem Dorf solche Zettel circulirten. Wir führen diese Facten an, weil sie von eminent illustrativem Werthe find. In Kalwarya zeigten sich die traurigen Früchte einer Agitation, die überall mit denselben Mitteln arbeitete, fchoic volle drei Wochen vor den blutigen Ereignissen im Jasloer Bezirke und vor dem Alt-Sandecer Raubzuge. Man kann also nicht sagen, daß nicht Wetterzeichen vorhanden waren, welche die Behörden gewarnt hätten. Und da überall dieselbe planmäßige Agitation mit den gleichen Gerüchten und Zetteln betrieben wurde, zerfällt auch die P r o v o c a t i o n s-T heorie, welche man aufzustellen beliebte und an welcher heute noch die amtliche „Gazeta Lwowska" festhält, in Nichts. Wir begegnen dieser Theorie nicht nur in dem bereits früher erwähnten Rundschreiben des Statthalters Grafen Pininski an die Gemeindevorsteher, sondern auch in einer Reihe auffällig übereinstimmender Aeußerungen verschiedener Bezirkshauptleute. So empfahl der Herr Bezirkshauptmaun Szczerbinski den jüdischen Repräsentanten von Wieliczka, welche sich bei ihm beschwerten, daß im Dorfe Poaski zwei jüdische Kaufleute überfallen und wundgeschlagen wurden, sie mögen auf die Klage verzichten, weil sonst die Bevölkerung noch mehr „gereizt" würde. Die „Provocation" war also schon vor den Excessen da und nach den Excessen ist sie erst recht vorhanden! Sie besteht in dem bloßen Dasein der jüdischen Bevölkerung, und es ist höchst auffällig, daß diese Theorie, nach welcher bekanntlich die Wiener Antisemiten arbeiten — siehe die Schneider'sche Unterscheidung zwischen Mensch und Jude — in Galizien so rapide Verbreitung gefunden hat, obwohl hier Volkscharakter, Tradition und wirthschaftliches Bedürfniß die Toleranz gegen die Juden seit Jahrhunderten gefördert und befestigt haben. Es ist nicht ganz ohne Interesse, hier festzustellen, daß den Statthalter Grafen P i n i n s k i noch von seiner parlamentarischen Thätigkeit her eine intime Freundschaft mit den Herren Prinzen Liechtenstein und Dr. Pattai verbindet, und ohne hieraus einen Schluß auf die Haltung des Grafen Pininski während der galizischen Judenexcesse und auf den Gedankengang seines Rundschreibens zu ziehen, können wir doch auf die alte Erfahrung Hinweisen, daß impressionible Naturen sich oft selbst unbewußt den Anschauungen und der Denkweise ihrer Umgebung accommodiren. Keinesfalls können die obgenannten Herren dem Grafen Pininski vorwerfen, daß er sich ihrer Freundschaft unwürdig gezeigt hat. Wenn durch keine anderen bedeutsamen Ereignisse, so wird die Statthalterschaft des Grafen Pininski in der Geschichte doch verewigt bleiben durch die galizischen Judenhetzen, die auch durch das Standrecht und den Ausnahmsznstand noch nicht völlig unterdrückt werden konnten. Russland und Palästina. Die Reise des deutschen Kaisers nach Palästina und Kleinasien hat die Aufmerksamkeit aller politischen Kreise auf jene Landstriche gelenkt. Die „Allgemeine Zeitung des Judenthums" schreibt über die betreffenden Pläne Rußlands: ' Während man sich vielfach mit der Frage beschäftigt, wer an den heiligen Stätten zur Herrschaft gelangen wird, wenn einmal die Türkei ihre Rolle ausgespielt hat, macht der Staat, von dem wir am meisten zu fürchten, am 'wenigsten zu hoffen haben, im heiligen Lande Fortschritte, die die Mächte Europas bisher viel zu wenig beachtet haben, nämlich Rußland. Es ist ein katholisches Blatt, das die Aufmerksamkeit auf diese bisher nur wenig beachtete Thatsache lenkt. Allerdings war es schon früher bekannt, daß sich die Besitzungen der Russen in Palästina seit den letzten Jahrzehnten ganz außerordentlich vermehrt haben. Während aber diese russische Propaganda in früheren Jahren hauptsächlich im Süden sich zeigte, scheint sie in jüngster Zeit mit besonderer Vorliebe sich dem bisher ziemlich verschonten Norden des heiligen Landes zugewandt zu haben. Nach dem Berichte eines Missionärs ist der vorläufige Mittelpunkt der russischen Bestrebungen im Norden das schöne Damaskus. Von hier aus können sie leicht, ohne

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