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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-07-22 · 29 (22.7.1898) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
29 (22.7.1898)
Date
1898-07-22
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 29 iPr Bloch's Wochenfchrifi Sette 55ö die Operation gelang, allerdings nur auf einem Auge, aber Mosche wurde sehend, er hatte ein Glück erreicht, das er sich nie erträumt hatte, und da er ein mährischer Familiant war und ihm sein reicher Schwager Leipnik eine anständige Summe zum Geschenke machte, so fand sich auch bald eine wohlhabende Witwe, die ihn zu ihrem Gatten wählte. Als Kaiser Josef auch bei den Juden die Conscriptiou einführte, und diese sich Familiennamen beilegen mußten, änderte Leipnik seinen Namen. Seine Kinder und Kindeskinder verließen ihr Geburtsland Mähren und zogen nach Ungarn und später nach dem Jahre 1848 nach Wien. Was die andern Personen unserer Erzählung betrifft, so hatte Theodor von Bollwitz es schon nach einem Jahre zum Major gebracht und war dann der glückliche Gatte der Baronesse Pellwald geworden. Auf Baron Pellwald war die für ihn denkwürdige Zusammenkunft nicht ganz ohne veredelnde Einwirkung geblieben. Die imponirende Seelengröße des weisen Monarchen, der mildes Wohlwollen mit bewußtvoller Energie vereinigte, hatte seine alten verrosteten Anschauungen doch erschüttert, er behandelte von da ab seine Unterthanen doch etwas menschenwürdiger seine Beamten etwas höflicher und es ward ihnr das um so leichter, als er eigentlich von Natur aus ein guter Mensch war und nur durch langjährig fortgepflanzte Vorurtheile seine Vernunft wie von giftigen Dünsten umnebelt, worden war. Auch Oberamtmann Graf, der nach seinem kriecherischen Benehmen ein nichtswürdiger Lump zu werden versprach, hatte dieser schlimmen Erwartung nicht ganz entsprochen. Ohne Zweifel mochte die Versicherung des Kaisers, daß er ihn von den Oberbehörden beobachten und sich über ihn Bericht erstatten lassen werde, wesentlich dazu beigetragen haben — aber er war mit Stockschlägen gegen die Bauern nicht munificenter, als viele andere seiner Collegen; so daß man ihn unter den herrschaftlichen Amtleuten jener Zeit, die zumeist Bauernschinder waren, schon in die Kategorie der Besseren, als zum Mittelschage gehörig, betrachten konnte. Der Erzieher Rosenberg, den wir unseren geehrten Lesern allerdings nur flüchtig vorführten, konnte nicht lange mit Ehren- Berthold auskommen. Nachdem dieser wackere Junge das schöne Experiment mit vielem Glücke und günstigem Erfolge wiederholt hatte, seinem Erzieher diverse Säugethiere, als•: Mäuse, junge Katzen, einmal sogar einen jungen Fuchs ins Bett zu prakticiren, erklärte Rosenberg die Erziehung des „jungen gnädigen Herrn" als eine Sisiphnsarbeit, der er und wohl auch kein Anderer gewachsen wäre; und wurde namentlich von dem Barone höchst ungnädig mit einigen hämischen Bemerkungen über seine schlechte Methode entlassen, da es sich bei einer Prüfling, die der durchreisende Bischof, ein Cousin des Barons, mit dem jungen Herrn vornahm, in lichtvollster Weise herausstellte, daß dieser, trotzdem er schon ein volles halbes Jahr im Latein Unterricht erhielt, doch noch nicht mensa decliniren konnte, ein Umstand, der aber in erster Linie der Faulheit und Nichtsnutzigkeit des Schülers zuzuschreiben war. Berthold Pellwald brachte es in der That auch nicht weit in der Wissenschaft; er trat, sich die Genehmigung seiner Eltern hiezu erzwingend, als Cadet in ein Reiterregiment und fiel in einer unglücklichen Schlacht gegen die Türken, von Niemandem als von seinen Eltern betrauert. In Folge dessen fiel nach dem Ableben des Barons die ausgedehnte Herrschaft Brauschitz an Anna von Bollwitz. Kaiser Josef gehört der Weltgeschichte an, und Jedermann weiß es, daß er, so lange seine Mutter, die Kaiserin Maria Theresia, lebte,' nicht jene gewaltige Menschenveredluug bezweckende Reformen vornehmen konnte, deren Oesterreich, ja die ganze Menschheit so dringend bedurfte. Als er 1780 zur Alleinregierung gelangte, wollte er rasch seine Riesenpläne realisiren. Er führte eine neue Proceßordnung ein, schaffte die Todesstrafe ab, hob die Leibeigenschaft und eine große Zahl von Klöstern aus, beschränkte das Lehensrecht und gab ein Toleranz-Edict. Von den Schätzen der aufgehobenen Klöster ließ er Schulen, Kranken- und Arbeitshäuser, Seminarien für Priester und Schullehrer errichten, aber sein flammender Riesengeist war seiner Zeit zu rasch, zu weit vorgeschritten, und die Finsterlinge an allen Enden und Ecken des großen Staates, der zu jener Zeit auch von einem äußern Feinde, den Türken, bedroht war, erhoben theils offen ihr Haupt, theils wühlten sie wie die Maulwürfe im Finstern, und Kaiser Josef erlebte den tiefen Schmerz, sein edles Streben mißkannt und unverstanden zu sehen, und war kurz vor seinem Ableben zu seinem tiefsten Bedauern gezwungen, die meisten seiner neuen Schöpfungen wieder zerstören, ausheben zu müssen, und erst seinem vierten Nachfolger, dem jetzt regierenden Kaiser Franz Josef war es Vorbehalten, unter Mitwirkung aller Edlen seiner Zeit die wahre Volksfreiheit in ausgedehntestem Sinne in seinem weiten Reiche einzuführen und die edelsten Principi-m, welche die Welt kennt, jene der politischen und religiösen Freiheit und Gleichheit, zur vollen Wahrheit zu machen. Literatur. Aus Königsberger Gelehrtenkreisen. Unter diesem Titel veröffentlichte Prof. L. Friedländer im Julihest der „Deutschen Rundschau" einen Aufsatz, der sich mit der Entwicklung des geistigen Lebens in Königsberg beschäftigt. Wie zu erwarten stand, finden auch darin bedeutende Israeliten gehörige Würdigung; vor Allem der Verfasser der „Vier Fragen", Dr. Johann Jacoby (1805—1977). In der Schilderung seiner Persönlichkeit, die Treitschke gegeben hat (Deutsche Geschichte, Bd. V S. 138 bis 140), ist ein falscher Zug; von dem feierlichen Ernst, der ihm dort nachgesagt wird, hatte er keine Spur; sein Wesen war vielmehr das einer vollkommen natürlichen Bonhommie. Er war im Privatleben ebenso mild, wohlwollend und hilfreich wie im öffentlichen starr, schroff und fanatisch; in seinem Rechts- und Freiheitstrotz war er, wie Treitschke bemerkt, weit mehr Ostpreuße als Jude. Was ihm weit über den Kreis seiner Gesinnungsgenossen hinaus Respect verschaffte, das war, außer der unbezweifelten Reinheit seiner Absichten, sein in allen Lagen unerschütterlicher Gleichmuth und seine absolute Furchtlosigkeit. Er hatte zu den Aerzten gehört, die 1831 nach Polen reisten, um die damals in Europa zuerst auftretende Cholera, die auch in medicinischen Kreisen einen panischen Schrecken verbreitete, an Ort und Stelle zu studiren. Als bei ihrem Wiederausbruch 1837 ein Warschauer Arzt ein Specificum gegen „diese ganz unbedeutende, immer heilbare" Krankheit in der preußischen Staatszeitung anpries, schrieb Jacoby in der „Königsberger Zeitung" dagegen; Jener antwortete in Berliner Zeitungen mit persönlichen Beleidigungen; der Entgegnung Jacoby's verweigerte der Berliner Censor das Imprimatur. Alle Berufungen an den Oberpräsidenten, das Obercensurcollegium, den Minister von Rochow, den König waren vergeblich. Jacoby's aus wenigen Seiten bestehenden, die sämmtlichen Actenstücke enthaltenden: „Beitrag zur künftigen Geschichte der Censur" wiesen drei deutsche und zwei schweizerische Verleger, trotz des Anerbietens der Bezahlung der Kosten, zurück; er konnte erst 1838 in Paris erscheinen, nachdem er eine Reise von 1740 Meilen gemacht hatte. Wie so viele ultraradicale Doctrinäre lebte auch Jacoby in einer imaginären Welt; die mit seinen Theorien unvereinbaren Thatsachen und Erscheinungen der Wirklichkeit waren für ihn nicht vorhanden oder ohne Bedeutung. Der Sieg des Princips der unbedingten Volkssouveränetät erschien ihm nicht blos als ein nothwendiges Ergebniß der Weltordnung, sondern auch als ein demnächst bevorstehendes, und dieser Glaube stellte sich nach jeder Enttäuschung von Neuem her. Im Jahre 1852 fragte ihn eine in Königsberg gastirende Hofschauspielerin, zu welcher Partei der Frankfurter Versammlung er gehört habe. Als sie auf seine Antwort: „zur äußersten Linken", eine Geberde des Entsetzens machte, sagte er: „Beruhigen Sie sich, gnädige Frau, nach der nächsten Revolution werde ich auf der äußersten Rechten sitzen." Bei der Einführung des allgemeinen Wahlrechtes äußerte er: „Bismarck arbeitet für uns." Sein Wissensdrang war ein unersättlicher; seine nicht große ärztliche Praxis ließ ihm zu sehr umfassenden Studien reichliche Muße: freilich blieb er unbelehrbar, wenn er auch „immer lernend" alt wurde. Denn daß er in der Geschichte und Philosophie Bestätigungen seiner Ansichten suchte und fand, versteht sich bei einer Natur wie die seinige von selbst. Man wird vielleicht nicht ungern eine Charatteristik Jacoby's lesen, die von einer ihm befreundeten, geist- und gemüthvollen Dame aus altadeliger Familie herrührt. Sie verbirgt sich unter der Maske des „Freundes", an den die „Politischen Briefe" des (späteren Grafen und preußischen Gesandten in Rom) G. v. Usedom gerichtet: Sie schreibt (1848): „Bei Carlyles Charakteristik des Schwärmers habe ich oft an Jacoby denken müssen, seit die Märzrevolution und der Fünfziger-Ausschuß ihm endlich Spielraum gewährte für die Verwirklichung seines Ideals. Ich glaube, man verkannte ihn oft; er ist Schwärmer für eine Idee, kühler, besonnener» zäher, nachhaltiger Schwärmer; dabei ein schlichter, vortrefflicher, ganz ungewöhnlich toleranter Mensch von großen Verstandeskräften, von sehr wohlwollender Gesinnung. Aber Ehrfurcht vor dem heiligen Willen des Gottes, den wir außerhalb der Menschheit denken, kennt er nicht, und Pietät vor irgend welchem irdisch Gewordenen ebenfalls nicht. Der Mensch und seine Einsicht ist das Höchste. Edel, ttef gefaßt, aber dennoch gefährlich; denn wenn der Menschengeist auf diesem Boden steht, hat er, wie ich glaube, den ersten Schritt in die Verdunkelung schon gethan. Dieser toleranteste der Toleranten, dieser stahlharte und lederzähe Kämpfer gegen den Despotismus behauptete neulich: „Die Freiheit dürfe nicht nur, sie müsse despotisch sein." Beinahe wie Herwegh,

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