Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 29 (22.7.1898)
- Date
- 1898-07-22
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Sette 556 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 29 der cs auch als heilige Pflicht empfand, Deutschland, selbst gegen feinen Willen, zur Republik zu machen. Doch möchte ich Jacoby im , klebrigen keineswegs mit Herwegh vergleichen, diesem Don Quixote der Freiheit zusaminenstellen; wenigstens unter das Spritzleder verkriecht sich Jener sicher nie. Jacoby blieb sich bis an sein Ende gleich. Dem Tode sah er mit voller Ruhe entgegen, obwohl er das Leben sehr liebte. Unmittelbar vor einer Operation, die er nur um wenige Tage überlebte, unterhielt er sich mtt Besuchern wie gewöhnlich über literarische Dinge, traf Anordnungen über Kleinigkeiten für den Fall seines Todes und füllte den Rest der Zett mit Lesen von Zeitungen aus; und alles dies war bei ihm vollkommen natürlich. „Meine 72 Jahre", sagte er zu Lehrs, „karm mir doch Niemand nehmen." * * * Es sind jetzt gerade hundert Jahre verstrichen, da diente Jtzig Blume aus Weitersweiler (Kreis Zabern) als Freiwilliger in der röhmlichst bekannten italienischen Armee. Er hatte in den blutigen Schlachten von Mondovi, Roveredo und Rivoli und schließlich im Marz des Jahres 1798 unter dem Eommando des Generals Brune sich auch bei der Erstürmung der schweizerischeu Stadt Bern ausgezeichnet. Doch hier sollte ihm Fortuna untreu werden. Bei einem Wortwechsel mit seinem Hauptmann vergaß sich Blume im Jähzorn dermaßen, daß er mit blankem Seitengewehr auf denselben losstürmte. Er wurde vor das Kriegsgericht gestellt, und das Urtheil lautete auf Tod durch Erschießen. Es war am 12. Germinal des Jahres VII. Alle Vorkehrungen zur Vollstreckung des Urtheilsspruches waren bereits getroffen, als der launige General Brune auf der Richtstätte erschien. Es schmerzte diesen Feldherrn, einen so braven Soldaten zu verlieren, und er ging mit dem Gedanken um, ihn zu retten. Er fragte den Delinquenten nach seinem Namen und nach seiner vormaligen Beschäftigung. Der Unglückliche antwortete: „Ich heiße Blume und bin ein mißrathener Studiosus, dem aus seinen vergeudeten Studienjahren nichts zurückgeblieben ist, als eine gewisse Vorliebe für lateinische Versbildung.«— „So!", entgegnete Brune, „Du verstehst Dich auf den lateinischen Versbau? Was heißt denn Blume auf Französisch?" — „Fleur und im Lateinischen Flos", war die behende Antwort. — „Nun gut", fuhr der in der lateinischen Metrik ebenfalls recht kundige Brune weiter fort. „Flos beginnt mit einem F; die Swbstantiva Blume, Fleur Ftos haben allesammt als zweiten Buchstaben ein l; wenn Du nun in fünf Minuten ein Distichon zusammenbringst, in dem alle Worte mit einem F anfangen, und zudem im Pentameter jedes Wort als zweiten Buchstaben ein 1 aufweist, dann soll Dir Gnade für Recht widerfahren." Der Delinquent schmunzelte freudig, denn Jtzig war nicht blos im Temperament hitzig, sondern auch im Dichtertalent recht witzig. Er blickte sinnend vor sich hin,' und schon nach drei Minuten sagte er mit der classischen Sicherheit eines Virgil folgendes Distichon her: Flog tuerarn, taotum llorem Fortuna fefellit: Florem florentem florida Flora fleat! Die Aufgabe war glücklich gelöst, das Leben gerettet. Blume zeichnete sich noch in mehreren siegreichen Schlachten ehrenvoll aus. Die Dankbarkeit für die rettenden Buchstaben L und F bestimmte ihn, seinen Namen in den gleichbedeutenden La Fleur umzuändern. Er beschloß sein Leben in Paris, wo seine Nachkommen noch heute in der rue Cherche Midi wohnen. * * * In dem neuesten Heft der „Zeitschrift des deutschen Palästina- Vereins" veröffentlicht Dr. G. Schn m a ch e r, deutscher Konsul in Haifa, einen sehr interessanten Artikel über einzelne Provinzen des o st jordanischen Palästina, speciell über den südlichen Theil des Hauran, den der Verfasser 1896 und 1897 im Aufträge der deutschen Palästinagesellschast vermessen hat. Dr. Schumacher ist zweifellos der tüchtigste zeitgenössische Kenner dieses Gebietes, und um so mehr fällt es ins Gewicht, daß er die großen Fortschritte rühmt, welche auch in diesem Theile Palästinas während der letzten fünfzehn Jahre gemacht worden sind. Jedes Dorf weist eine Zunahme der Bevölkerung auf, und ebenso ist die ganze Art der Bewirthschaftung erheblich rationeller, als die ftüher übliche. Schumacher betont auf das Nachdrücklichste, daß Dank der türkischen Militärbesatzungen Leben und Eigenthum der Bewohner jetzt vor Anfällen der räuberischen Beduinen fcfft vollkommen gesichert sind. Er erwähnt auch die im Jahre 1895 begonnene Ansiedlung jüdischerEolonisten imtzauran, welche dort Grundstücke im Umfange von 72.000 Dunam bebauen (es sind bereits 371.000 Bäume verschiedener Gattung angepflanzt, stattliche Administrationsgebäude und Oekonomieschuppen errichtet) und er verspricht sich sehr viel von der Wirkung dieses neuen Culturelements, von dem er geradezu einen „neuen Aufschwung" datirt. Erwähnt mag noch werden, daß nach den Mittheilungen Schumacher's die Drusen vollständig gebändigt und nicht mehr in der Lage sind, ernsthaften Schaden anzurichten. * q- * I» den Ruine» der alten babylonischen Stadt Sip aorl gegenwärtig Abu-Abba, südlich von Bagdad gelegen, ist neuerdings ein hoch st interessanter Fund gemacht worden. Ein spanischer Gelehrter, der, nach Alterthümer forschend, dort umherstöberte, hat eine vo^üglich erhaltene thönerne Tafel entdeckt, deren Jnhatt einen vollständigen Brief vorstellt. Diese einem so unvergänglichen Briefpapier anvertraute Epistel datirt aus der Epoche der Herrschaft von Seusu-Huna, welcher der Genesis zufolge ein Zeitgenosse Abrah a m s w a r. Der Brief wurde also 2500 Jahre vor dem gewesenen Zeiträume geschrieben und hat allem Anschein nach eine junge Frauensperson zur Verfasserin gehabt, die sich fern vom Vaterhause befand. Die eigenthümlichen Schriftzeichen sind jetzt vollständig entziffert worden, und eine spanische Zeitschrift gibt den Inhalt des Schreibens folgendermaßen wieder: „An meinen Vater in Zimri Crama. Mögen die Götter Samas (Sonne) und Marduk Dir für immer das Leben erhalten! O, daß es Dir stets gut ergehen möchte! Ich sende Dir diesen Brief, um Dir Nachricht von mir zu geben. Habe die Güte, mir zu schreiben, wie.es Dir geht. Ich bin jetzt vorübergebend in Dur-Sin, an den Ufern der Meerenge von Bitini-Sikirin. Hier zu Lande gibt es wenige Nahrungsmittel, die ich essen könnte. Anbei schicke ich Dir Geld, zwei Drittel des Silberlings behalte für Dich, und für den Rest kaufe mir getrocknete Fische und andere eßbare Sachen." Wie man hieraus ersieht, haben sich die Zeiten seitdem sehr geändert. Heute dürfte es wohl selten einem Kinde einfallen, seinem Vater Geld zu übersenden, wenngleich es auch die Bitte um etwas „Gutes" zum Essen oft genug an ihn stellen mag. Briefkasten. Dr. I. S. in B. Ihre Mittheilung über den antisemitischen Parteigänger B i e g e l, der mit Hinterlassung betrügerischer Schulden nach Amerika durchgegangen ist, wird uns auch von anderer Seite bestätigt, ebenso daß er einer der eifrigsten Reclamemacher für Schönerer und K. H. Wolf war. Dr. K. in Dirovitica. Sie finden die Notiz in der vorliegenden Nummer. Die Wirksamkeit des dortigen Rabbiners verdient allerdings die vollste Anerkennung. Abonnent in Mödling, ad,'. Die Aeußerung Dr. Lueger's, daß er das Mandat „hinschmeißen" wolle, wurde vom Verganiblatt ans naheliegenden Gründen verschwiegen. Auf Mitleid darf der Mann nicht Anspruch machen, wenn es für ihn auch sehr schmerzlich sein mag, daß er einen Purscht, einen Gregorig, einen Vergani und einen Schneider zu seinen Freunden und Parteigenossen zählen muß; er hat es eben nicht besser verdient. — ad 2. Der Schaden, den die antise- . mitische Parteiherrschaft der Stadt Wien bisher zugefügt, läßt sich nicht berechnen. Hiebei ist zu berücksichtigen, wie viel Unternehmungen und Schöpfungen mit Rücksicht auf die Wiener Zustände allein unterblieben sind. In Sachen der Gasbeleuchtung kommt die antisemitische Parteileidenschaft der Stadt Wien am theuersten zu stehen, mindestens auf achtzig Millionen Gulden. I. H« G. in Ung.-Brod. Ihre Mittheilung über den Vortrag, den Herr Bernhard Schuck, Hörer der Budapester Landesrabbinerschule, über Aufforderung des Vereines „Ehoreth" in Ung.-Brod gehalten hat, bestätigt, daß die genannte Nabbinerschule von ihren Zöglingen vorzügliche Leistungen erwarten darf. Dr. F., Wien. Von einem „Zerfall" der christlich-socialen Partei läßt sich heute noch nicht sprechen, der wird erst eintteten, wenn die Wähler zu Worte kommen, denen allmälig über den Charakter der Parteigrößen und über die Verderblichkeit ihrer Wirtschaft die Augen aufgehen. In einer Versammlung des christlich-socialen Wählervereins am Neubau hätte dieser Tage eine Mißtrauenskundgebung gegen G r e g o r i g beschlossen werden sollen. Die Antisemitenblätter melden darüber: „Die Kundgebung wurde durch das Erscheinen Gregorig's und Axmann's verhindert". Das Mißtrauen ist aber nun einmal da und es ist nur allzusehr begründet. Ein Freund des guten Tones. Sie sind im Unrecht, wenn Sie sich über die Sprache des Bürgermeisters aufhalten. „Ich schmeiß 's Mandat hin" und „Ich bin angehängt wie ein altes Comfortableroß", das sind Redeblüthen, die im Verkehr mit den antisemitischen Wortführern des Wiener Gemeinderathes vollkommen stylgerecht erscheinen. Jüdischer Auskultant. Das „Deutsche Volksblatt" schreibt über den Prager O'berlandesgerichtspräsidenten Geheimrath Rummler: „Es ist nämlich eine in der weiteren Oeffentlichkeit bekannte Thatsache, daß das böhmische Oberlandesgericht die Versuche der Juden, den ohnehin bedeutenden Percentsatz der jüdischen Richter zu erhöhen, mit der passiven Maßregel beantwortet, indem es den Percentsatz jüdischer Richter mit jenem der jüdischen Bevölkerung im Gleichgewicht zu erhalten bestrebt ist." Allerdings ist es nicht Aufgabe des Präsidenten, für die Aufrechterhaltung eines solchen „Percentsatzes" zu sorgen, aber wir müssen es Herrn Geheimrath Rummler überlassen, die beleidigende Zumuthung, welche in der Behauptung liegt, daß er sich gegen das Staatsgrundgesetz vergeht, zurückzuweisen oder die Urheber einer solchen Insinuation zur Rechenschaft zu ziehen. Herausgeber: Dr. Josef S. Bloch. — Verantwortlicher Redacteur r Robert Wolf. — Druck von L. Deck $ Sohn» Wien, VD3«