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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-07-22 · 29 (22.7.1898) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
29 (22.7.1898)
Date
1898-07-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 548 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 29 Mittel in der Hand Höherstehender und Opfer gleichwie die Juden. Die eigentlichen Urheber der Judenhetzen aber werden nicht verfolgt. Die socialdemokratische Partei sei das nächste Opfer gewesen, sie sei unter dem Schutze des Ausnahmszustandes erdrosselt worden, und es gewinne ganz den Anschein, als ob die ganze Judenhetze nur deshalb provocirt worden sei, um den Ausnahmszustand verhängen und sohin gegen die Socialdemokraten losgehen zu können. Redacteur H o l l it s ch er referirt über „Abwehr der Judenhetze". Er führte aus, daß den Judenverfolgungen nur durch einen energischen Widerstand der Betheiligten ein Ziel gesetzt werden könnte. Die Form, in welcher die Juden diesen Widerstand leisten können, ist bald gegeben. Anstatt — wie dies jetzt und namentlich bei den letzten Reichsrathswahlen der Fall war — ganz im socialdemokratischen Lager zu steheu, sollten sich die Inden selbst aus Grund ihrer Zusammengehörigkeit in Glauben und Interessen organisiren. Dieser Organisation sei es dann unbenommen, welcher Partei sie sich anschließen wolle. Redacteur Fleischer, welcher erst kürzlich im Aufträge der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union die gebrandschatzten Gegenden bereiste, schilderte die Vorkommnisse nach seinen eigenen Wahrnehmungen und fand die ungetheilte Aufmerksamkeit der ganzen Versammlung. Herr Fleischer erzählte, wie schwer es gewesen sei, die jüdischen Abgeordneten aus Galizien zu einer Action zu bewegen. Auch habe er die Erfahrung gemacht, daß dem Statthalter von Galizien mehr Autorität zuerkannt werde als dem Landsmannminister und dem Ministerpräsidenten. Man solle ja nicht glauben, daß die Bauern irgendwie gegen die Juden eingenommen gewesen seien. Langsam und stetig hat der Cterus seine Agitation in Scene gesetzt und ein Caplan, der den in Oesterreich vielsagenden Namen Bade ui führt, ein Neffe des gewesenen „Staatsmannes", habe sich besonders hervorgethan. Eine Broschüre, deren Inhalt aus verschiedenen Deckert'schen und Rohling'scheu Schriften zusammengesetzt ist, wurde in vielen tausend Exemplaren vertheilt. Die Staatsanwaltschaft ließ dieselbe ruhig passiven, obwohl die Originalwerke wegen desselben Inhaltes längst confiscirt sind. Die Verthellung geschah auf die denkbarst vielgestaltete Weise, sogar Staatsbedienstete betheiligten sich an dieser Agitation. Es wurden Gerüchte ausgesprengt, die in böswilliger Weise die Juden verleumdeten. So wurde ein Bäcker durch eine anonyme Anzeige beschuldigt, vergiftetes Mehl zu verkaufen. Der Bezirkshauptmann führte allen Ernstes eine Untersuchung und inzwischen liefen die Polizisten im ganzen Ort herum und erzählten überall als eure erwiesene Thatsache, daß die Juden vergiftetes Brod verkaufen. Redner schildert noch viele einzelne Episoden, aus welchen hervorgeht, daß hinter den Bauern die Schlachta und der Clerus als Aufwiegler standen, welche durch die Lässigkeit und das „Sich-blind-stellen" der Behörden ganz offen auftreten konnten. So hat der Statthalter an die Bezirksvorsteher zur Circulation an die Gemeinden eine Mahnung ergehen lassen, sie sollten sich nicht durch die Juden provociren lassen! Med. Dr. Weiß wies darauf hin, daß nicht nur die Juden in Galizien, sondern auch die aller anderen Länder an das Mittel zur Abwehr der Judenhetze denken sollen. Er führt mehrere Beispiele an, um zu beweisen, daß die verfassungsmäßig gewährleisteten Staatsbürgerrechte den Juden auf ungesetzliche Weise verkümmert werden. Die Juden müßten sich organisiren und sich ihre Führer ans dem jüdischen Volle wählen; da sei auch schon der Weg zur Abwchr gegeben. Nach längerer Debatte, wurde die Versammürug in später Nachtstunde geschloffen. * * * Aus Krakau, 15. Juli, wird gemeldet: Heute fand hier die erste größere Strafverhandlung wegen der antisemitischen Exceffe statt, bei welcher die absichtliche Verbreitung aufhetzender Gerüchte im Volke durch Agitatoren fe st ge stellt werden konnte. Zwei Bauern aus dem Dorfe Grondy, Namens Slachurski und Chudyba, waren angeklagt, daß sie an: 28. Juni den Schänker Käufer und dessen Frau mißhandelt und nach deren Flucht die Schänke und Wohnung völlig verwüstet, ja sogar die Fensterrahmen aus der Mauer gerissen hatten, hierauf beim Nachbar Käufer», Jacob Teichler, durch das Fenster eingebrochen seien und dort gleichfalls den Wirth mißhandelt und die Einrichtung zerstört hatten. Ferner waren die Beiden des Verbrechens der Majestätsbeleidigung angeklagt. Die Angeklagten gaben bei der Verhandlung an, es seien unbekannte Leute nach Brgesk gekommen, welche die Nachricht von der angeblichen kaiserlichen Erlaubniß verbreiteten. Slachurski und Chudyb wurden von der Majestätsbeleidigung freigesprochen, dagegen wegen Diebstahls, gefährlicher Drohung und Hausfriedensbruches zu sechs und sieben Monaten schweren Kerkers verurtheilt Lemberg, 18. Juli. Die in Westgalizien mühsam er-' drückten antisemitischen Unruhen scheinen nunmehr in O st g a l i z i e n zu neuem Leben erwachen zu wollen. In Bursztyn bei Rohatyn kam es gestern zu Excessen, welche einen sehr bedrohlichen Charakter annahmen. Die Bevölkerung dieses ungefähr 5000 Einwohner zählenden Städtchens beobachtete schon seit längerer Zeit gegenüber den dortigen Juden eine drohende Haltung, wie sich dies schon in den vor ungefähr zwei Wochen bei Bursztyn ausgebrochenen Tumulten äußerte, welche hinterher als gewöhnliche Wirthshausschlägereien dargestellt wurden. Ein besonders gefährliches Element bilden mehrere hundert Arbeiter, welche bei der Regulirung des Flusses Guila Lipa beschäftigt sind, der Herstammung nach größtentheils Masuren aus Westgalizien, welche auch bei den vorjährigen Excessen in Chodorow die Hauptrolle gespielt haben. Den Ausgangspunkt der gestrigen Vorfälle bildete ein Streit zwischen einem solchen Arbeiter und einem jüdischen Fleischhauer, welcher in eine Prügelei ausartete. Auf beiden Seiten kamen Genossen zu Hilfe und da die Arbeiter den Kürzeren zogen, begannen in der Stadt sofort Gerüchte zu cursiren, die Juden hätten einen Arbeiter ohne Grund überfallen und schwer verletzt, ja sogar getödtet. Den ganzen Tag hindurch sah man Arbeiter, welche die aus Anlaß des Sonntags zahlreich in die Stadt herbeigeströmten Bauern zu einem Vergeltungszuge wider die Juden zu werben suchten. Da diese Bemühungen bei der passiven Natur der ruthenischen Bauern meistens ohne Erfolg blieben, begannen die Arbeiter Nachmittags, über dreihundert an der Zahl, den U e b e r f a l l auf eigene Faust. Den Anfang machten sie mit dem Hause des Rabbiners, wo sie gewaltsam durch T h ü r e n und Fenstern e i n b r a ch e n, d i e E i n r i ch t u n g v e rnichteten und alle Bewohner mißhandelten, den Rabbiner selbst so schwer, daß er einen Armbruch davontrug. Die jüdische Bevölkerung der Stadt flüchtete haufenweise in der Richtung zum Bahnhofe. Die Excedenten überfielen hierauf zahlreiche jüdische Häuser und richteten daselbst Ver - w ü st u n g e n an. Alle Juden, welche sich auf der Straße zeigten, wurden mißhandelt. Erst Abends, als die Bewegung bereits die, ganze Stadt ergiffen hatte, bemühten sich die daselbst zu Feldübungen stationirte Artillerie und die Feuerwehr einzugreifen. Das Erscheinen des Militärs stellte die Ruhe rasch wieder her. Doch sind die Gemüther auch heute angstvoll, da die Baraben, wie diese Arbeiter heißen, die Stadt Nachts anzuzünden drohen. Zahlreiche ärmere jüdische Familien verlassen die Gegend, indem sie ihre Habseligkeiten auf Wagen davonführen. Der Bezirkshauptmann von Rohatyn begab sich noch in der Nacht nach Bursztyn. Nach Berichten, welche der amtlichen „Gazeta Lwowska" zugehen, wurden von den bei den gestrigen Excessen Mißhandelten außer dem Rabbiner noch andere Person en, darunter eine Frau, erheblich verletzt. Heute wurden tagsüber zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Auch in K o s c i e j o w bei Kulikow im Lemberger Bezirke kam es gestern zu Excessen. Die dortigen Arbeiter überfielen das Wirthshaus des Schänkers Simche Erst und verwüsteten

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