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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-07-22 · 29 (22.7.1898) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
29 (22.7.1898)
Date
1898-07-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 29 Dr. Bloch'» Wochenschrift Sette 847 Neue Iudrnplünderungrn m Galizien. Trotz Standrecht und Ansnahmszustaud wird also in Galizien fortgeplündert. Nur haben die Masuren den Schauplatz ihrer menschenfreundlichen Thätigkeit aus Gründen des eigenen Wohlbefindens von Westnach Ostgalizien verlegt. Wäre die Sache nicht so furchtbar ernst, man müßte sich an dem Humor, den die galizische Verwaltung darbietet, erlaben. Die Verhängung des Ausnahmszustandes über ganz W e st g a l i z i e n hat die überaus merkwürdige Wirkung, daß nunmehr die o st g a l iz i s ch e n Inden ausgeplündert und ab und zu auch Einige zu Krüppeln geschlagen werden. Wieder ist es die antisemitische Presse, und ist es die sogenannte „bürgerliche Intelligenz", deren -Agitationen zu solch' blutigen Ausbrüchen führen. In Krakau hat man wohl die socialdemokratischen Zeitungen unterdrückt, die antisemitischen aber, namentlich der „Glos narodu", hetzen nunmehr unter der Präventivcensur lustig weiter, und da jede Nummer drei Stunden vor ihrer Ausgabe dem Staatsanwalte vorgelegt werden muß, so befestigt sich unter dem einfältigen Volke die Meinung, daß alle gegen die Juden gedichteten Lügen und Verleumdungen behördlich autorisirt sind. Die antisemitische Presse in Lemberg, Stanislau und Kolomea aber ist frei wie der Vogel in der Luft. Wohl wird zuweilen eine Nummer des „Dziennik Polski" oder-der „Gazeta Narodowa" confiscirt man findet aber die confiscirte Nummer noch Tags darauf in allen öffentlichen Localen. Zwischen Theorie und Praxis, zwischen dem Gesetz und seiner Anwendung, zwischen behördlichen Verfügungen und deren Durchführung klafft in Galizien eine breite Kluft. Die neuerlichen Plünderungen in Bursztyn und Kosciejow befestigen übrigens den Verdacht, daß die Schlachta, die den Ausnahmszustand in Westgalizien so trefflich zur Zertrümmerung der socialdemokratischen Organisation auszunützen verstand, die gleichen Zustände im Lemberger Kreise schaffen will, dazu muß nun wieder der Buckel des Juden herhalten, dazu muß wieder durch Judenplünderungen der geeignete Vorwand geschaffen werden. Die galizische Autonomie zeitigt immer herzlichere Früchte! Auch in Bursztyn ist natürlich die kostbare Provocations-Theorie zur Anwendung gelangt. Die Juden haben die masurischen Arbeiter dadurch provocirt, daß sich ein jüdischer Fleischhauer nicht gutwillig seine Waare wegnehmen ließ, sondern sich gegen den Raub zur Wehre setzte. Pünktlich schritt auch hier das Militär ein, nachdem dem Rabbiner ein Arm gebrochen und in allen Judenhäusern die Fenster zertrümmert waren. Der officielle Telegraph versichert, daß in Bursztyn nach dem Einschreiten des Militärs Ruhe eintrat und in Kosciejow die Gendarmerie „vorläufig" die Ruhe herstellte. Wir sind neugierig, was „nachläufig" geschehen wird. * * * Man schreibt uns: Wie ein galizisches Blatt berichtete und in der „Oesterreichischen Wochenschrift" bereits erwähnt wurde, soll das HilfscomitS, dem die jüdischen Reichsrathsabgeordneten Galiziens und die Präsidenten der Cultusgemeinden beider galizischen Landeshauptstädte angehören, beschlossen haben, von den Sammelgeldern nur denjenigen Glaubensgenossen Unterstützungen zuzuwenden, die nicht auch gerichtliche Ersatzansprüche gegen die bäuerlichen Excedenten geltend machen, um die Opfer der Verführung vor Ausbeutung und Expropriation zu schützen. Wir hoffen, daß diese Mittheilung unrichtig ist und erwarten eine Berichtigung, weil wir nicht glauben können, daß — wie Standrecht und Ausnahmszustand gegen die antisemitischen „Umstürzler" erlass e n und gegen die vollkommen unschuldigen Socialdemokraten und deren Vereine und Organe an gewendet werden, — auch die „jüdisch e" Hilfsaction für die silbischen Opfer e i n geleitet und zum Vortheile der antisemitischen Plünderer ausgeführt werden soll, um denselben vielleicht empfindlichere richterliche Verurteilungen zu ersparen, ihnen die Unzweckmäßigkeit ihrer Umtriebe klarzulegen und vielleicht in ihren bedrohlichen Gefühlen gegen die herrschende Partei zu beschwichtigen, während wohl auch Hilfsaction und Gerichtsschutz vereint die wirthschaftlichen Schäden der jüngsten Exceffe auch nicht annähernd gut zu machen vermögen. Auch außerhalb Galiziens findet das beispiellose Unglück unserer dortigen Glaubensgenossen allgemeine Theilnahme. Der Verein „O e st e r r e i ch i s ch - I s r a e l i t i s ch e U n i o n", der seit einiger Zeit eine sehr rührige Rechtsschutzaction entwickelt und — wie wir bereits berichtet — von Anbeginn der Lage der Juden in Galizien seine besondere Aufmerksamkeit widmet, stellt auch den durch die jüngsten Exceffe in Galizien bedrängten Glaubensgenossen seine Rechtshilfe zur Verfügung und hat sich das Vorstandsmitglied Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Sigmund Z i o s bereit erklärt, in diesbezüglichen Rechtsfällen unsere dortigen Glaubensgenossen, sei es als Beschädigte, sei es als Angeklagte vor dem Obersten Gerichts- und Cassationshofe oder sonstigen Centralstellen unentgeltlich zu vertreten. *■ * * In Hirsch's Restauration „zum goldenen Widder" fand dieser Tage eine Protestversammlung des „jüdischen Volksvereines" statt, welche durch die Unruhen in Galizien veranlaßt worden war. Gegen 1000 Personen hatten sich in dem Saale eingefunden und harrten trotz der später herrschenden drückenden Atmosphäre bis gegen 1 Uhr aus. Zu der Versammlung war eine Reihe von Abgeordneten und Corporationen eingeladen worden; entschuldigt hatten sich die Abgeordneten Engelbert Pernerstorfer und Dr. Ferdinand Kronawetter, ferners Herr S. B r o d, der Präsident des „Vereines zum Schutze jüdischer Gewerbetreibender". Als erster Referent sprach Herr P i l p e l über die Judenverfolgungen in Galizien. Sonst pflegen derartige Plünderungserscheinungen mit eruptiver Gewalt, plötzlich und unerwartet aufzutreten. Im vorliegenden Falle sei dem aber nicht so gewesen. Man habe genau Tag und Stunde gewußt, wann die Verbrechen verübt werden sollten, und dennoch hat die Behörde nichts gethan, um dem vorzubeugen. Ein solches Vorkommniß sei nur im Lande der Unwahrscheinlichkeiten möglich, in Oesterreich. Angesichts der zur Abwehr berufenen Organe wurden Gegenstände geraubt und vertheilt, wurde gebrandschatzt und geplündert. Für die galizischen Plünderungstage gebe es nur eine charakteristische Bezeichnung und die sei „der öffentlich privilegirte Raub". Redner erwähnt u. A., daß ein vomStaate angestellter und besoldeter Realschulprofessor in einer öffentlichen Versammlung sagen durfte „das beste Mittel zum Schutze gegen die Juden ist das Abschießen derselben". Es sei nicht richtig, daß die Juden das Volk ausbeuten durch Getreide- und Zinswucher, denn der Getreidehandel, Salzverschleiß u. s. w. befinde sich schon lange nicht mehr in jüdischen Händen, die Ausbeuter seien die Schlachzizen, welche immer nur den Juden vorschieben. Was die Wirkung der galizischen Plünderungstage anbelangt, so werde Oesterreich nach Außen hin als ein in der Cultur tief herabgesunkener Staat vor dem Auslande stigmatisirt, nach Innen aber habe die Verhängung von Ausnahmszustand und Standrecht diejenigen am schwersten getroffen, welche mau schützen — nicht wollte, sondern mußte, und die Plünderer gehen frei aus, wenn auch einige derselben jetzt vor Gericht gestellt werden. Sie seien nicht die Schuldigen, sie seien

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