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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-07-22 · 29 (22.7.1898) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
29 (22.7.1898)
Date
1898-07-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 546 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 29 auch, ostentativ für ihre Parteizwecke wie in Berlin so auch in Hamburg Propaganda zu treiben. Auf eine Störung des Festes kommt es diesen Herren eventuell nicht an, wie bereits dagewesene Ereignisse bestätigen. Bierundzwanzig Stunden nach dem Aufenthalt der „Deutschvolklichen", also Sonnabend, den 23. Juli, fährt wieder ein österreichischer Turnerseparatzug durch Berlin nach Hamburg. Diesmal ist es die unter dem stolzen Banner des alten, im Jahre 1862 gegründeten deutschen Turnvereins in Prag vereinigte deutschfortschrittliche Jung Mannschaft der deutsch-österreichischen Turn kreise. Turner aus Wien, Brünn, Prag, Saaz, Budweis u. s. w., die Kerntruppen des national - freisinnigen deutschen Turnwesens in Oesterreich, werden diesmal für einige Augenblicke in Berlin rasten. Sie werden keine Straßenaufzüge, keinen Festrummel in Berlin veranstalten und es a b l e h n e n, aus der U nkenntniß der sie Begrüßenden Borrheil ziehend, billige Ovationen und unverdiente Ehren einzuheimsen. Dies den Berlinern und speciell den Berliner Turnern zur Darnacha ch L u n g." Das „Berliner Tagblatt" fügt dieser interessanten Zuschrift nachstehende „Anmerkung der Redaction" hinzu: „Hoffentlich tragen diese Mittheilungen dazu bei, unfern Berlinern Turnern ein wenig die Augen über diese „deutschvolklichen" Judenfresser in der Turnjacke zu öffnen und sie mit den ihnen gebührenden Ehren zu empfangen. Die „deutschfortschrittlichen" Turner ans Oesterreich treffen am 23. Juli hier ein; denen soll denn auch ein wirklich herzlicher Willkomm geboten werden und nicht jenen unholden Störenfrieden! Ciu antisemitischer Abgeordneter der V. Curie. Aus T r i e st wird gemeldet: Don Z a n e t t i, Abgeordneter der fünften Curie von Görz-Gradiska, hat sich, obwohl seinerzeit mit den Stimmen der liberalen Görzer Union gewählt, an die Spitze der antisemitischen Bewegung im Küstenland gestellt. Die liberalen Abgeordneten des Küstenlandes beschlossen deshalb, dem Abgeordneten Zanetti nahezulegen, aus dem italienischen Club auszutreten, widrigenfalls sie bei Wiederaufnahme der Clubsitzungen seine Ausschließungbeantragen w ü r d e n. Der ezechische israelitische Religionsunterricht. „vrr Mensch soll die Mehrheit nicht allein suchen, sondern sie auch Andern unverstellt mittheilen." Das Gesetz vom 21. März 1890 behufs Regelung der Cultusverhältniffe, speciell die der israelitischen Gemeinden, hat die daselbst herrschenden Einrichtungen noch verwirrter und derouter gestaltet, als dies vordem der Fall war. Wenn auch diese. Verurtheilung hart und entschieden klingt, so ist es doch nur eine überzeugende Thatsache, welche uns zum Ausspruche dieser Anschauung veranlaßt, umsomehr als die allsertigcu diesbezüglichen Klagen dies vollinhaltlich bestätigen. Nicht nur, daß das Interesse der Gemeinde und deren Functionäre gefährdet ist und jeder sicheren Basis entbehrt, auch das moralische Moment, speciell das der Jugend erscheint in keiner Weise geschützt. Es ist nicht Aufgabe dieser Zeilen, die allbekannten und vielbesprochenen Fehler und Mängel obiger Verordnung nochmals vorzubringen. Zweck dieser Zeilen ist, die vorhandenen großen Mängel, wodurch das „sittliche Gefühlsleben" unserer Jugend leidet, offen und ehrlich klarzulegen und denjenigen Kreisen zur Beurtheilung und Verbesserung vorzulegen, welche die erforderlichen Mittel und Wege besitzen, um hier Wandel zu schaffen. Um jedoch einen klaren Einblick in diese Verhältnisse zu gewinnen, muß vorausgeschickt werden, daß sich jetzt insbesondere im czechischen Böhmen eine Metamorphose vor den Augen der älteren Generation vollzieht, der gegenüber ganz andere Mittel als die bisher benützten in Anwendung gebracht werden müssen, um das gesteckte Ziel rnit Erfolg und Sicherheit erreichen zu können. Wohl in keiner Periode, wie gerade in der unseren, bewahrheitet sich der Ausspruch Schiller's: ....... an Sprache und Schrift, Was ich ohne euch wäre, ich weiß es nicht; aber mir grauet, Seh ich, was ohne euch Hundert und Tausende sind." Denken und Sprechen sind einfürallemal die Hauptfactoren, die Generalmittel aller geistigen Bildung. Dieses Denken und Sprechen kann jetzt hier bei uns mit der frei hängenden Magnetnadel verglichen werden, welche aus ihrer natürlichen Lage durch einen äußeren Stoß abgclenkt wurde und nun zitternd wieder ihre frühere Lage einnehmen will, allein stets durch ein Hinderniß von auswärts daran scheitert. Das ezechische Idiom greift immer mehr und mehr um sich und die deutsche Sprache verliert in den Judengemeinden Böhmens stets mehr an Raum. Nicht als ob wir nns speciell als „Deutsche" declariren wollten, nein, man weiß, mit der Zeit wird sich wohl in cein czechischen Bezirken das „Ezechische" zum Allgemeingut der Israeliten heraüsbilden, wie das „Deutsche" und „Ungarische" in deutschen und ungarischen Gegenden, und es wird uns nicht „eigenthümlich" berühren, wenn wir z. B. einer „czechisch-jüdischen Gedächtnißfeier" oder „Predigt" beiwohnen, die speciell auf alte Leute ganz befremdend wirkt. Nein, dieses ist es nicht, sondern der „ezechische Religionsunterricht" ist es, der jene stets mehr und mehr zu Tage tretende Indolenz gegenüber dem Judenthum bewirkt. Nicht nur, daß es bis nun an einem für die niederen Elasten leicht verständlichen und erlernbaren Buche der „biblischen Geschichte" und „Bibel" mangelt, es mangelt hauptsächlich an Lehrkräften, welche den Kindern in dieser Sprache den Unterricht ordnungsmäßig beizubringen im Stände sind. Das Kontingent der bis nun in kleineren Gemeinden wirkenden Religionslehrer und Rabbiner recrutirt sich zumeist aus Herren, welche deutsche Erziehung, deutsche Bildung genossen haben und bereits durch Jahrzehnte hindurch deutsch unterrichteten. Nun verlangt man plötzlich „czechischen" Religionsunterricht von ihnen; wenn sie auch des „Czechischen" so ziemlich mächtig sind, so w.iß doch jeder Fachmann, welche Schwierigkeit es ist, kleinen Kindern Religionsunterricht in einer nicht „geläufigen" Sprache ertheilen zu müssen. In jedem Falle wird man nie vergessen dürfen, daß man in manchen Orten die Kleinen oft gedanken- und spracharm in die Schule bekommt und selbst der geschickteste Lehrer kommt solcher Gedanken- und Wortarmuth gegenüber, in der die Kinder den Lehrer und der Lehrer die Kinder nicht versteht, in die größte Verlegenheit. Manche Leute haben davon keine Ahnung, nur der Berufspädagoge kann dies vollinhaltlich verstehen und man mnß in solchen Schulen unterrichtet haben, um die Schwierigkeit dieses Unterrichtes begreifen zu können. Wo solche Verhältnisse vorhanden sind, empfiehlt es sich, für die Unterclasse den Unterricht in der biblischen Geschichte, falls er nicht eine Versündigung an der Herrlichkeit der Bibel und Kindesnatur werden soll, lieber einige Zeit hinauszuschieben und die sprachliche Ausbildung des betreffenden Zöglings abzuwarten. Aber nicht nur in den Unterclaffen tritt leider dieses Moment zu Tage, auch in den höheren Elasten sind Differenzen vorhanden, die sich eben aus Mangel des sprachlichen Gedankenaustausches schwer überbrücken lassen. Denn ebenso wie es im Deutschen eine „Bibelsprache, Büchersprache und Umgangssprache" gibt, ebenso ist dies im Czechischen, und welche Schwierigkeiten hier erwachsen, ist leicht begreiflich. Der Lehrer ist nicht im Stande, mit jener fteien Ungezwungenheit, mit jenem Feuer und jener Begeisterung das heilige Wort zu lehren, welches unwillkürlich das kindliche Herz erobert und welches der untrüglichste Beweis eines erfolgreichen und fruchtbaren Unterrichtes ist. „Die Freude hell vom Auge blitzt und Liebe warm im Herzen fitzt", wie der alte Arndt sagt; dazu ist jedoch vor Allem nöthig, daß der Lehrer die Sprache vollkommen in seiner Gewalt hat — wo dies aber mangelt, kann von einem Unterrichte — welchem immer — keine Rede sein. Nun wird man aber erwidern, so nehmt euch „czechisch Studirte" — ja, woher nehmen? Das jüdische Lehr- und Erziehungsamt ist so wenig verlockend, insbesondere bei den heutigen Verhältnissen, daß kein Vater sein Kind diesem Beruf widmet. Ist doch die Zahl der israelitischen Lehramtscandidaten in Prag 3, sage drei, und von den czechischen 0, und die wenigen geprüften israelitischen Lehrer ziehen sich zurück oder widmen ihre alten Tage anderen Zweigen, anderen Beschäftigungen, um ihr Brot „sicher und leichter" zu verdienen. Durch diese Verhältnisse und Zustände leidet das Lehramt und noch mehr die „Religion", welche durch diese Mängel der Indolenz, Gleichgiltigkeit und, was am Schlimmsten ist, der Verspottung anheimfällt. Man muß „czechischen Trauungen und Leichenbegängnissen" heigewohnt haben, um selbst dies beurtheilen zu können. Selbst bei der gewähltesten Sprache läßt sich jener gewisse „Accent" nicht vermeiden, der auch bei den heiligsten Handlungen den objektiven Zuhörer nicht blos peinlich berührt, sondern sogar zum unwillkürlichen Lächeln zwingt, wie erst beim Unterricht dem naiven Kindergemüth gegenüber dies wirkt, läßt sich leicht vorstellen. Es ist daher umso unbegreiflicher, wie manche Eltern, und gerade die den besseren Kreisen angehörenden, sich gegen jedes deutsche Wort und überhaupt gegen die deutsche Sprache in „affectirter" Entrüstung erregen, wenn ihnen nahegelegt wird, die Kinder auch in der zweiten Landessprache unterrichten zu lassen, und so sind manche jüdische Kinder, ja sogar Mittelschüler die kein deutsches Wort verstehen und sprechen können, als ob man nicht ebenso gut ein »Narodovec« sein könnte, wenn man deutsch spricht. Oder wären die czechischen Führer heute das, was sie sind, ohne deutsch zu können? Aber abgesehen davon, wie weit kommt heutzutage ein „Jude" ohne Sprachkenntnisse? Immer und immer wieder sollte man jenen Kreisen dies Vorhalten, die ein „Harrikiri" an sich und dem künftigen Geschlecht vollführen, jener Agitation gegen die jüdische Schule Einhalt zu thun, oder wenn schon nicht dies, den Kindern die zweite Landessprache beizubringen, um damit die Religion und seinen Kindern die Gegenwart und die Zukunft zu erhalten. Eduard H. Spielmann.

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