Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 29 (22.7.1898)
- Date
- 1898-07-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 29 Dr. Bloch's Wochenschrif! Seite 543 Kremier vor dem kränkenden Verdachte schützt, als hätten sie einem Juden auch nur das Geringste anthun wollen oder angethan, was ihn in seinem körperlichen Wohlbefinden irgendwie hätte beeinträchtigen können, ist geradezu rührend und zeigt uns den Herrn Statthalter von Galizien als einen liebevollen Beschützer der seiner Obhut anvertrauLen Unterthanen, und zwar auch derjenigen. die sich eigentlich, wie Uneingeweihte glauben konnten, durch ihr Benehmen den Anspruch auf seine väterliche Theilnahme verwirkt haben können. Allein es handelt sich um die Ehre der bäuerlichen Excedenten, denen bei der Beurtheilung ihrer, wie allerderdings zugestanden werden muß, verbrecherischen Handlungen kein Unrecht zugefügt werden darf. Ihr Benehmen war eigenthumsgefährlich, aber nicht gesundheitsschädlich; das muß constatirt werden, und wenn die geplünderten Juden sich nicht einer crassen Undankbarkeit schuldig machen wollen, so wäre es eigentlich ihre Pflicht, eine Dankadresse aufzusetzen und dieselbe, mit Massenunterschriften versehen, dem Pater Stojalowski oder dem Polenclub zu überreichen, eine Dankadresse dafür, daß die so humanen und einsichtsvollen Plünderer sich n u r auf die Vernichtung jüdischen Eigenthums beschränkten. War es nicht wirklich edel von ihnen, daß sie sich so sehr beschränkten? Sie haben nur das jüdische Eigenthum vernichtet. Welche zarte, geradezu vornehme Zurückhaltung haben sie bekundet, indem sie nur sachlich, nirgends aber persönlich vorgingen. Kein Mord, kein Todschlag, keine schwere körperliche Beschädigung, nichts, rein gar nichts, als nur die Vernichtung jüdischen Eigenthums. Die Hauptsache ist und bleibt doch schließlich immer das Leben und die Gesundheit, und wenn schon bei Plünderung, Raub und Brandstiftung Niemandem in seiner Gesundheit ein Nachtheil widerfährt, so wird man mit Vergnügen „constatiren" können, daß Westgalizien zu den gesündesten Gegenden der Monarchie gehört, und von der verdienten Anerkennung, die sich der Herr Statthalter durch die „Politische Correspondenz" aussprechen läßt, gebührt ein gewisser Percentsatz wohl auch dem Sanitätsdepartement der galizischen Statthalterei für die Herstellung so ausgezeichneter sanitärer Zustände. * * * Die Note der „Pol. Corr." wendet sich nach der so nothwendigen Constatirung der Thatsache, wie in der Beschränkung erst die Meister der Plünderungen sich gezeigt, der Frage zu, wann der Ausnahmszustand aufzuhören hätte, und sagt: „In letzterer Hinsicht ist zuvörderst hervorzuheben, daß die in der Regel in den Vordergrund geschobenen und thatsächlich auch richtigen Gründe der Gähruilg unter dem galizischen Landvolke, nämlich dessen mangelhafte Aufklärung und dessen bedrängte ökonomische Lage, deren Quelle vielfach nicht allein in der allgemeinen landwirthschaftlichen Krise, sondern in nicht unerheblichem Maße auch in den auf dem Lande von der galizischen Judenschast nnter verschiedenartiger Bemäntelung noch immerfort straflos betriebenen Wuchergeschäfte gesucht wird, wohl Vieles aufklären, den zügellosen, nachgerade elementaren Ausbruch der Leidenschaften aber selbst bei der notorisch in allen Ländern zum Vorscheine kommenden Ausbreitung der antisemitischen Strömung noch nicht völlig begreiflich zu machen vermögen." Unsere verehrten Leser, deren Wünschen wir sonst gerne entgegenkommen, können von uns nicht verlangen, daß wir jedem Einzelnen von ihnen einen Fremdenführer beistellen, mit dessen Hilfe sie sich vielleicht in dem vorstehend citirten Satze der „Pol. Corr." zurechtfinden könnten. Auch steht uus kein grammatikalischer Faden der Ariadne zur Verfügung, um aus diesem stylistischen Labyrinth den Ausweg in's freie, nichtofficiöse Deutsch zu finden. Wir glauben aber zu vermuthen, daß nach der von der „Wiener-Zeitung" reproducirten Ansicht der „Pol. Corr." die galizische Judenschaft unter verschiedenartiger Bemäntelung noch immerfort straflos Wuchergeschäfte betreibt und daß dies „Vieles aufklärt". Damit würde aber die galizische Landesverwaltung sich selbst ein Armuthszeugniß über ihr bisheriges Wirken ausstellen. Das Wuchergesetz läßt dem Ermessen des Richters so freien Spielraum, daß die Bemäntelung eines Wuchergeschäftes fast unmöglich ist, und einer aufmerksamen Verwaltung könnte das mafienhafte Vorkommen von Wuchergeschäften unmöglich entgehen, respective es stünde in ihrer Macht, das Einschreiten der Gerichte zu provociren. Wenn aber einzelne nichtswürdige Individuen Wucher treiben, denen überdies leicht das Handwerk gelegt werden kann, darf aus diesem Verschulden einzelner Weniger eine Folgerung zu Ungunste" aller anderen ehrlichen Menschen gezogen werden? Wuchere'-' gehören vor's Strafgericht, darüber ist weiter nichts zn sagen. Darf daraus aber die Berechtigung zu der niederträchtigsten Verhetzung abgeleitet werden? Die Plünderungen durch die Wuchergeschäfte Einzelner beschönigen zu wollen, ist des „Deutschen Bolksblatts" und des »Glos narodu« würdig. Die „Pol. Corr." aber braucht die Liebedienerei gegen die galizische Schlachta nicht so weit zu treiben, um die „Gründe der Gährung" in vorgekommenen Wuchergeschäften zu suchen. Solche wurden ja, wie wir „zunächst" constatiren, von einzelnen Mitgliedern der Schlachta auch gemacht, und bei denen ist nicht geplündert worden. Die weiteren Ausführungen des officiösen Organs aber enthalten geradezu das Geständniß, daß der Ausnahmszustand, der ja verhängt worden ist, um den Judenexcessen ein Ende zu machen, benützt worden ist und deshalb auch lange dauern wird, um die Socialdemokratie niederzuschlagen. Die Note spricht von einer „perversen Propaganda", durch welche die Bolksmassen irregeleitet werden und erklärt, der Ausnahmszustand habe den Zweck, diese Propaganda zu bekämpfen und „für die weiteren culturellen Fortschritte eine in Hinkunft unerschütterliche Basis zu schaffen." Die Klagen der „betroffenen Elemente" über die Schmälerung der verfassungsmäßigen Rechte werden „in den intelligenten, um das Wohl des Landes tiefbesorgten Kreisen sicherlich nicht die beabsichtigte Theilnahme erzielen, indem die besagten Kreise die getroffenen Maßregeln gebilligt haben und Sr. Excellenz dem Herrn Statthalter Dr. Grafen Pininski, welchem für sein energisches und erfolgreiches Eingreifen bei der Eindämmung der vorgefallenen Excesse an Ort und Stelle dankbare Anerkennung im Lande zu Theil geworden ist, das schon bei seinem Amtsantritte bekundete sympathievolle Vertrauen nunmehr in erhöhtem Maße entgegenbringen". Offenherziger oder eigentlich cynischer konnte es gar nicht herausgesagt werden, daß die Judenexcesse als das Mittel benützt worden sind, um den Zweck der Unterdrückung der Socialdemokratie zu erreichen. Wären die Excesse nicht vorgefallen, so hätte sich auch eine Handhabe zur Verhängung des Ausnahmszustandes nicht geboten, und für die galizische Landesregierung waren somit die Ereignisse in Westgalizien ein günstiger Erfüll, den sie geschickt benützte, um eine unerschütterliche Basis für die weiteren culturellen Fortschritte zu erlangen. Somit haben die galizischen Plünderer sich nicht blos dadurch um das öffentliche Wohl verdient gemacht, daß sie sich nur auf die Vernichtung jüdischen Eigenthums beschränkten, sondern sie haben sich als die Culturträger Galiziens bewährt. Die Plünderungen der Juden bilden also den geraden Weg zum culturellen Fortschritt und die Alt-Sandecer Bauern marschiren an der Spitze der westgalizischen Civilisation. * * Die originelle Theorie, daß bei Plünderungen durch aufgeregte Bolksniaffen diejenigen, denen nur die Vernichtung ihres Eigenthums zugedacht ist, keine Angst davor zu haben brauchen, daß ihnen persönlich ein Leid widerfährt, war bei den Excessen in Galizien auf ihre Richtigkeit nur deshalb nicht geprüft worden, weil die Juden entweder sich vor den Plünderern flüchteten oder, wenn sie ihre Wohnstätten nicht verließen, ruhig zusahen, wie man nur ihr Eigenthum vernichtete. Auch da fehlte es übrigens nicht an thätlichen Mißhandlungen der Opfer, insbesondere wehrloser Frauen, und es wäre interessant, zu wissen, ob die Redacteure der „Politischen Correspondenz" und der „Wiener-Zeitung" sich frei von jeder persönlichen Besorgniß fühlen würden, falls irgend einmal ein Pöbelhaufen sich in ihren Wohnungen einfinden würde, um nur ihr Eigenthum zu vernichten. Was wäre aber geschehen, wenn die Plünderer auf Widerstand gestoßen wären, wenn die Juden, die sich ja im Zustande der Nothwehr befanden und denen Niemand einen Vorwurf hätte machen können, wenn sie sich energisch zur Wehre gesetzt hätten, sich die Vernichtung ihres Eigenthums nicht hätten gefallen lassen? Wäre es da auch ohne Blutvergießen abgelaufen? Ist es vielleicht ein Verdienst der Plünderer und verdienen sie darum ein officiöses Lob, weil die Juden Alles über sich ergehen ließen, und sind die Juden vielleicht, wie man beinahe glauben möchte, zu einer solchen Passivität verpflichtet? Die neuesten Ereignisse in Bursztyn zeigen übrigens, daß die Juden auch ihres Lebens nicht sicher sind. Zahlreiche Personen wurden dort verwundet und dem Rabbiner wurde „nur" der Arm gebrochen. Hat der Rabbiner