Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-07-15 · 28 (15.7.1898) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
28 (15.7.1898)
Date
1898-07-15
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021223-3021252--08006-3032362
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 28 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 539 „Ihr verfluchten Heuochsen! Daß Euch dreitausend Teufel reiten! — Ihr blöden Esel, erkennt Ihr denn nicht die Majestät des Gesalbten? Wir stehen da vor unserem allergnädigften Herrn und Kaiser Josef! — hoch, hoch; dreimal hoch!" und dabei schwang er den Chapeau-bas, den er unter dem Arm getragen, wie ein Wahnsinniger um seinen Kopf. Die Bauern stutzten einen Augenblick, als aber der Baron in den Ruf einstrmmte, schrieen sie ganz verwundert: „Ei der Tausend! das ist unser guter, gnädiger Herr Kaiser? hoch, hoch, dreimal hoch!" und als einer den glänzenden Gedanken hatte, seine nun entbehrlich gewordene Waffe weit weg zu schleudern, seine Mütze vom Kopf zu reißen, auf die Knie zu fallen und des Kaisers Rockzipfel zu küssen, folgten alle andern diesem Beispiel, die Blumenbeete des Gartens waren bald mit den improvisirten Bauernwaffen bedeckt, und der Kaiser sah sich von knieenden Bauern umringt, die nach seinen Rocksaum schnappten. Der Kaiser war von dieser Huldigung halb belustigt, halb geärgert, und er rief lachend: „Steht doch auf„ ich kann das nicht leiden — und Graf Rosenberg sorgen Sie gefälligst dafür, daß wir aufbrechen können, damit wir noch vor Einbruch der Nacht das Fürst Liechtenstein'sche Schloß erreichen." Sieben tes Capitel. Der Sonntag war für die Landjuden im Allgemeinen und daher auch für jene des Dorfes Brauschitz ein hoch» wichtiger Tag. Bon einer drückenden sinnlosen Gesetzgebung vom Staats¬ und Militärdienste, vom Lehramte, vom Grundbesitz, vom Ackerbau, indirect durch ein blödsinnigis, verrottetes Zunftwesen auch von der Ausübung des Handwerkes ausgeschlossen, waren die Bekenner des jüdischen Glaubens gewaltsam zum Handel gedrängt worden, und dieser bildete fast ihren einzigen Erwerbszweig. Sonntag war es verboten zu hausiren, und die Juden mußten zu Hause bleiben; dagegen strömten die Bauern aus allen umliegenden Dorfschaften nach Brauschitz, um Vormittags die Kirche, Nachmittags das Wirthshans zu besuchen, und da die durch Frohndienst und Robot schwer gedrückten Bauern nur Sonntag freie Zeit hatten, benutzten sie diesen Tag auch, um alle Gegenstände, deren sie bedurften, einzukaufen, und Pflegte sich Sonntag nach der Kirche im Brauschitzer Dorfghetto ein recht lebhaftes Geschäft zu entwickeln. Auch heute hatten die Juden in gewohnter Weise die ausgewähltesten Prachtstücke ihres Waarenlagers als starke Magnete an ihre Hausthüren geheftet, und standen, ihre Kundschaften erwartend, vor ihren Wohnungen. Nach der Kirche strömten nun auch große Haufen Bauern und Bäuerinnen in die Judengasse. Die Juden luden ihre Geschäftsfreunde mit lauter Stimme ein, die Verkaufslocalitäten zu betreten, und all die Herrlichkeiten, die sie halb umsonst bekommen sollten, in Augenschein zu nehmen. Den Männern ward dringend die Ansicht der allerschönsten Pfeifenköpfe mit den Brustbildern Maria Theresias, Kaiser Josefs, Friedrich des Großen, Prinzen Eugens, Feldmarschall Dauns, des Pandurenanführers Trenk u. A. — dann prachtvoller bocklederner Hosen, Peitschen. Hosenträger, Geldgürtel, Tabaksdosen, Ackergeräthe, Tuche, fertiger Kleider — empfohlen, während die Frauen und Mädchen zur Besichtigung von farbigen Kopftüchern Kattunen, Schürzen, rothen Strümpfen, Schuhen, Ohrgehängen, Korallen und andern Toilettegegenständen eiugeladen wurden. Das Wesen und die Gepflogenheit der Käufer war verschieden, einige ließen sich nicht lange bitten und traten sofort ein, während bei andern oft das milde Wort nicht genügte, und sie mit Anwendung von sanfter Gewalt ins Innere gezerrt werden mußten. Nun entstand ein zuweilen stundenlang währender Kampf zwischen Käufer und Verkäufer, der Erstere verließ mindestens zwanzigmal das Verkaufslocal und ließ sich zurückwinken, zurückrufen bei gesteigerter Halsstarrigkeit zurückschleppen, — bevor der zuweilen sehr geringfügige Handel abgeschlossen wurde. Während der Verkäufer mit orientalischer Lebhaftigkeit, mit oratorischem Schwung den zu verkaufenden Gegenstand anpries, setzte ihm der Käufer entweder eine destructive Antikritik, oder was bei der angeborenen Lebendigkeit der Juden auf diese noch unangenehmer wirkte, scheinbar stumpfe Gleichgiltigkeit entgegen, die aber oft nichts anderes als bäuerliche Schlauheit war — denn oft fand der Bauer schon an dem Feilschen und Handeln selbst ein eigenthümliches Vergnügen und Behagen. Es war Nachmittag, der geschäftliche Verkehr hatte seinen Culminationspunkt erreicht, die Käufer flutheten in der engen Dorfgasse, welche das Brauschitzer Ghetto bildete, auf und ab, und nur vor Veit Weritsch Hause war es ruhig wie an einem Sabbath. Hanna, ihr Vater und Bruder waren am frühen Morgen, nachdem sie sich von Leipnik verabschiedet hatten, tief betrübt zurückgekehrt. In der menschlichen Natur liegt eine gewisse Unsicherheit, ein gewisses Schwanken, in der Regel — (die Starkgeistigen, welche, wenn sie einmal zu einem Entschlüsse gelaugt sind, an diesem mit Consequenz und Zähigkeit festhalten. bilden die verschwindend kleine Minderzahl) — bedauert man jeden richtigen Schritt, den man gethan und deffen Erfolg noch nicht gesichert ist, und quält sich damit, zu glauben, daß der gegeutheilige der richtige gewesen wäre. Als Veit Weritsch und seine Tochter heimgekehrt waren, begannen sie von Neuem zu reflectiren; sich heute mit launischen Bauernkunden zu plagen, dazu fehlte ihnen Lust und Stimmung und sie öffneten heute nicht ihr Verkaufsgewölbe. — Beit setzte sich zum Tische, er versuchte es zuerst zu lernen'), aber er war mit seinem Geiste nicht bei der Sache; er konnte sich nicht sammeln und schob das Sefer') weit weg von sich — dann versuchte er es, eine Pfeife Tabak zu rauchen; aber auch diese schmeckte ihm nicht; unruhig schritt er im Zimmer auf und ab, endlich lehnte er sich an den Ofen und starrte kummervoll vor sich hin. Auch der noch gestern Abend so vertrauensselige Mosche saß wortlos auf der Ofenbank und richtete nur zeitweilig seine lichtlosen Augen in jene Richtung, in welcher er seinen Vater und seine Schwester vermuthete. Jetzt schlug es von der Schloßthurmuhr gerade drei, als Veit Weritsch, um das lange Schweigen, das endlich bedrückend zu werden begann, zu brechen, die müßige Frage aussprach: „wo wird Jakow jetzt sein?" Unwillkürlich stieß Hanna einen tiefen Seufzer aus, Mosche aber antwortete mit seiner sanften traurigen Stimme: „Wo er ist, kann ich Euch freilich nicht sagen, wahrscheinlich auf dem Wege nach der ungarischen Grenze; aber das 'Stne kann ich Euch mit Bestimmtheit versichern, er steht unter Gott boruch hu's ü) Schutze." „Das habt Ihr recht, Mosche!" ließ sich jetzt plötzlich eine Stimme vernehmen; „aber auf dem Wege nach Ungarn ist Jakob Leipnik nicht!" David, der Schulschammes4), war nämlich unbemerkt eingetreten, aber sein bescheidenes: „boruch ha uimzo5)'', war von den in Gedanken Vertieften überhört worden. David Schammes, ein kleiner ältlicher Mann, war nämlich in Amtsgeschäften zu Reb Veit Weritsch gekommen, welcher Mewuror °) im Synagogenvörstande war. „Was sprecht Ihr da?' frug Weritsch erregt, „wie so wißt Ihr das?" Reb David konnte Weritsch' Aufregung nicht begreifen. „Ich habe Euren Schwestersohn, Jakob Leipnik vor einer halben Stunde mit zwei noblen Herren gehen sehen, fie haben ganz freundlich mit ihm geredet; mir scheint, er hat Ihnen den Weg zum Szoren7) gewiesen." Diese Mittheilung an und für sich, hatte eigentlich nichts Beunruhigendes an sich; aber bei der Aufregung, in der sich die Familie befand, wirkte sie erschreckend; was konnte Jakob bewogen haben, plötzlich sein Vorhaben aufzugeben und zurückzukehren — und warum war er nicht zu ihnen gekommen? Wer waren jene Fremden? — Diese Fragen waren kaum aufgetaucht, als plötzlich das gewohnte Gesumme auf der Straße verstummte und sich ein Geräusch, etwa als wenn sich viele Menschen in -einer Richtung in Bewegung setzen würden, bemerkbar machte. Mosche, der, wie in der Regel alle Blinden, ein geschärftes Gehör besaß, wurde zuerst aufmerksam, und ohne es auszusprechen, verfielen Weritsch und seine Kinder auf den ihnen stets naheliegenden Gedanken, daß die draußen plötzlich entstandene Unruhe in irgend einer Beziehung zu Jakob Leipnik stand. Beit stürzte hinaus und kam nach wenigen Minuten blaß und fassungslos zurück. ') Talmud oder Mischna studiren. 2) Buch. 3) Gelobt sei er. 4) Synagogendiener. 5) Gesegnet, den man hier findet. ') Ausschußmann, Beisitzer. 7) Grundherrn, Cavalier.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.