Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-07-15 · 28 (15.7.1898) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
28 (15.7.1898)
Date
1898-07-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021223-3021252--07997-3032353
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 530 Dr. Bloch's Wochenschrifl Nr. 38 Es ist erinnerlich, wie Bergani nach dem Schwurgerichtsproceffe, besten Ausgang ihn als notorischen Defraudanten kennzeichnete, über einzelne Grschworne herfiel, wie er sie durch Mittheilungen über ihr Privatleben und über ihre Geschäftsführung zu verdächtigen und zu schädigen suchte. In dem Falle Tachau erfrecht sich das „Deutsche Bolksblatt", von dem Berhandlungsleiter als einem „Richter aus Gänserndorf" in einem Tone zu sprechen, wie man kaum von einem wandernden Schauspieler sprechen darf, der von irgend einer Provinzschmiere „nach Wien berufen" worden ist. Das ist eine infame Beleidigung des gesummten österreichischen Richterstandes, denn es ist selbstverständlich, daß nur der allerkleinste Percentsatz der Richter in der Großstadt sein kann. Die meisten Richter fungiren bei den Gerichten auf dem Lande, und es gehört ein unglaublicher Grad von Verlogenheit und Dummheit dazu, sich auf den Standpunkt zu stellen, als ob die aufs flache Land entsendeten Gerichtsbeamten weniger tüchtig, weniger gesetzeskundig, weniger juristisch gebildet sein müßten, als die Rrchter in der Stadt. Es gibt unter allen österreichischen Richtern vielleicht keinen einzigen, der nicht eine Anzahl von Jahren auf dem flachen Lande zubringen mußte. Was für einen Sinn hat also die freche Redensart von dem „Richter aus Gänserndorf"? Der Mann muß dafür, daß er nach Eid und Gewisten ein Urtheil fällte, das dem Dr. Lueger und der christlich-socialen Partei unangenehm ist, gezüchtigt werden. Und Sie, meine Herren Richter, die Sie die Collegen des Herrn „Richter aus Gänserndorf" sind, merken Sie sich diese Lectum zur Darnachrichtung für alle künftigen, Ihrer Entscheidung unterliegenden Fälle, an denen die christlich-sociale Partei von Wien ein Interesse hat. Sie haben Ihr Urtheil so zu fällen, wie es der Dr. Lueger, seine Anhänger und ihre „christliche Presse" wünschen, verstanden? Sie werden sonst vom Dr. Lueg^.' kritisirt und vom „Deutschen Volksblatt" verrissen. Das ist der klare Sinn, der deutlich erkennbare Zweck, die unvermeidliche Wirkung der ohne jede Umschreibung als niederträchtig zu bezeichnenden Campagne gegen die Geschwornen und gegen den Richterstand, durch welche die Justiz zu einer parteiischen Rechtsprechung im Sinne der Antisemiten gezwungen werden soll, und weil es nicht der Privatmann Dr. Lueger ist, sondern der Bürgermeister von Wien, welcher eine solche Campagne eröffnet hat und fortsetzt, muß einem solchen Beginnen auf das Entschiedenste entgegengetreten werden. Die Stadt Wien darf keinen Magistratsdirector an der Spitzx ihrer Verwaltung haben, der wegen Verletzung der Staatsgrundgesetze abgestraft ist, und sie darf keinen Bürgermeister dulden, der eine solche Gesetzesverletzung durch seine Person und durch seine Anmaßung zu decken sich erkühnt. * * * Die Ausführungen Dr. Lueger's fanden den stürmischen Beifall seiner Parteigenossen und am stürmischesten und auffälligsten applaudirte ihm sein Parteigenosse Alexander P u r s ch t, der in jener Sitzung zum ersten Male nach seinem „Urlaub" wieder im Gemeinderathssaale erschien. Dabei zeigte es sich, daß die neue Fraktion, die sich innerhalb der christlich-socialen Majorität gebildet hat, nämlich dieSpittelber g-P a r t e i, viel zahlreicher ist, als selbst Diejenigen glauben konnten, die von den Christlich-Socialen die schlechteste Meinung haben. Eine ganze Anzahl von Herren fand sich bereit, mit dem Nutznießer des Hanfes Nr. 9 Händedrücke zu tauschen und sich mit ihm zu unterhalten, als ob nichts geschehen wäre, und sein allergetreuester und allerintimster Freund G r e g o r i g bedrohte Diejenigen, die es wagten, Herrn P u r s ch t durch Zurufe zu verletzen, durch demonstrative Bewegungen mit den Fäusten, wobei er ausrief: „Kummt's nur her, da könnt's Ihr Euch was kaufen." Nach diesem Debüt Purscht's zweifeln wir nicht im Geringsten mehr daran, daß die Dinge sich so abspielen werden, wie wir es vorhergesagt. Ueber das Haus in der Spittelberggasse wird zwar kein Gras wachsen, weil das für die Gäste ein Paffagehinderniß bilden würde, aber der gewesene Compagnon der Licitationshyänen und Universalerbe nach Philomene Mark wird Gemeinde: ath bleiben nach wie vor, ein „verdienstvolles" Mitglied der christlich-socialen Partei, vielleicht von einigen Wenigen gemieden und von einigen Wenigen ignorirt, aber von allen Uebrigen collegial begrüßt und collegial behandelt. Er gehört untrennbar zu ihnen und bleibt bei ihnen; er wird Beifall klatschen, er wird Zwischenrufe machen, er wird auch sprechen, und wenn ihn Jemand stören sollte, dann wird irgend ein stiernackiges Mitglied der Spittelberg-Partei sich kampfbereit die Aermel auffchürzen und damit einen neuen Typus in unserem communalen Leben schaffen, den eines Hausknechtes im Dienste der Ehrlosigkeit. In publicistischer Hinsicht hat bekanntlich Ernst Bergani diesen Dienst freiwilllg übernommen, und er erklärt das Verhalten der Majorität gegen Purscht — nämlich das vor der Gemeinderathssitzung am letzten Freitag — als einen Act der Connivenz gegenüber der Judenpresse und als einen Beweis dafür, daß auch Antisemiten im Banne der Judenfurcht stehen. Diese Gelegenheit benützt er im Vorübergehen auch zu einer aufgelegten Fälschung zu Gunsten seines Freundes Purscht. Er sagt nämlich, eine der vom Obmanne des Bürgerclub veröffentlichte Richtigstellung betone, „daß es unwahr sei, daß Purscht aus seinem Verhältnisse zur Mark materielle Bortheile gezogen habe." Das ist in keiner Berichtigung behauptet worden; der Obmann hat nur berichtigt, es sei unwahr, daß der Bürgerclub die Ueberzeugung gewonnen habe, daß Purscht aus dem Erträgnisse des gewissen Hauses Vortheil gezogen habe. Den zwischen den beiden Behauptungen liegenden Unterschied hat Bergani — einer alten Gewohnheit folgend — seinen Lesern unterschlagen, und diese Fälschung, respective Verdrehung rst um so offenkundiger und unverschämter, als Bergani selbst wiederholt darüber wehklagte, daß der Bürgerclub sich in eine meritorische Prüfung des Falles nicht einlassen wolle. Die Feststellung der Wahrheit soll verhindert werden, wie wir es bereits auseinandersetzten, und damit ist für einen richtigen Antisemiten Alles gewonnen. Wenn es wahr ist, daß auf den Bergen die Freiheit wohnt, so wohnt auf einem dieser Berge, nämlich dem Spittelberg, für einen Christlich-Socialen die Freiheit, Miteigenthümer eines Bordells gewesen zu sein und dennoch Gemeinderath der Stadt Wien zu bleiben. * q- * Die Christlich-Socialen sind Gegner des Großkapitals und des Speculantenthums und geschworene Feinde des Baufchwindels. Was ist es auch anders als eine Bauspeculation oder vielleicht gar ein Bauschwindel, wenn die raffinirt-schlauen Juden, um ihre Herrschaft in Währing zu befestigen, das Rothschildspital durch einen Zubau eines Pavillons mit einem Belegraum von 50 Betten erweitern wollen. Der Wunsch, einer größeren Anzahl von Kranken, als es bisher möglich war, Pflege und Heilung zu gewähren, ist offenbar nur ein Vorwand, durch welchen sich aber der antisemitische Bezirksausschuß von Währing nicht foppen läßt, und um sich vor der beabsichtigten Einschmuggelung von fünfzig jüdischen Patienten zu schützen, hat er sich entschiedenst gegen jede Vergrößerung des Rothschildspitals ausgesprochen. Aus sanitätspolizeilichen und Verkehrsrücksichten, erklärte diese erleuchtete Körperschaft, müsse sich Währing dagegen verwahren, und „mit allen Mitteln", so lautet der Beschluß, müsse die projectirte Erweiterung des Rothschildspitals hintertrieben werden. Man bat kein Recht, sich darüber zu beklagen. Die Partei, welche Alles unterdrückt und bekämpft, was irgend welchen humanitären Zwecken dient, wird doch keine Ausnahme machen, wenn es sich um ein Judenspital handelt! Robert Wolf. Herrn Purfcht's Nachfolger im Bezirksschulrath. Der Hausherr von Nr. 9, Gemeinderath Alexander Purscht, bekleidete nebst vielen andern Ehrenstellen auch die eines Mitgliedes des Wiener Bezirksschulrathes. Nachdem er diese Stelle niedergelegt, hatte der Gemeinderath ein anderes Mitglied in den Bezirksschulrath zu entsenden und seine Wahl fiel auf einen antisemitischen Parteigänger, der bisher ebenso eifrig und verdienstvoll gewirkt hat, wie Herr Alexander Purscht, nämlich auf den bekannten Cooperator Dittrich. Da wird immer gesagt, die antisemitische Majorität sei clerical; wahrscheinlich. um nur zu zeigen, daß sie einen solchen Vorwurf nicht zu scheuen hat, wählt sie justament einen Cooperator in den Bezirksschulratb. Herr Dittrich wird voraussichtlich die Stelle als Purscht's Nachfolger zur vollen Zufriedenheit der Partei auszufüllen verstehen. Eine faustdicke Lüge. In einer am 20. Juni gehaltenen Brandrede erzählte unter Anderem der antisemitische Gemeinderath Professor Sturm Folgendes: „In einigen Spitälern Bordeaux, wo jüdische Aerzte die Herren im Hause sind, hat man es bis vor Kurzem stillschweigend gestattet, daß kleine christliche Knaben von Juden beschnitten wurden, damit dieser chirurgische Eingriff, wenn er an Judenknaben vorgenommen wird, schon mit Geschick und ohne . Unheil anzustisten, vollführt werde. Erst als bei einem solchentSggfiaHBB

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.