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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-07-15 · 28 (15.7.1898) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
28 (15.7.1898)
Date
1898-07-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 628 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 28 Gewißheit, über die ein Mensch gar nicht hinausgelangen kann. Wie kam nun Herr Cavaignac zur „absoluten Gewißheit"? Ganz verblüfft läßt uns nun die Wunderrede Cavaignac's doch nicht darob stehen; sie deutet die Lösung des Räthsels doch wenigstens an. Der Begriff „Unfehlbarkeit" klingt nicht mehr so ganz ftemdartig, ist auch geeignet, die gähnende Kluft zwischen menschlicher Unzulänglichkeit und absoluter Gewißheit zu überdecken. Herrn Cavaignac zufolge ist die ftanzösische Armee unfehlbar. Ist dann die französische Armee, der Stolz, die Zuversicht, die Zukunft Frankreichs, unfehlbar, dann müssen es ja auch ihre Führer sein, und ist es ja auch der französische Generalstab sammt allen Fälschern, Meineidigen, Jntriguanten, die dort aus- und emgehen. Wenn nun ein von diesem Generalstab commandirtes und völlig gehorsames Kriegsgericht, und wäre es auch mit Verletzung der Gesetzlichkeit, Urtheile erläßt, dann ist es auch absolut sicher, daß Dreyfus schuldig ist, wenigstens so sicher schuldig, als Esterhazy umarmungs- und küffenswerth ist, wie cs der Untersuchungsrichter seines Processes befunden hat. Ja, wenn, wenn, wenn, dann ist es absolut gewiß — mit andern Worten eine relative absolute Gewißheit! Wenige Tage nach dem Jubelruf dieser „absoluten Gewißheit" wird der vom Prinzen Orleans geküßte Commandant Esterhazy sammt seiner Geliebten verhaftet, der Liebling der europäischen Antisemiten steht vor der Gefahr — der Enthüllung und Entblößung! Nein, auch Herr Cavaignac hat kein Wunder zu Stande gebracht, die Gewißheit zerfließt in unfern Händen, noch ehe wir sie dem Auge nahegeführt haben; nur das Absolute allein bleibt als schmutziger Bodensatz zurück. Die absolute Lüge, die absolute Selbstfopperei und Bolkstäuschung, die absolute Ungerechtigkeit und brutale Gewalt, und daß hier das absolut anwendbar sei, darüber sind alle Philosophen der Welt einig. Doch das geht ja Alles nur in Frankreich und sollte uns als Fernstehende kalt laffen. Aber Jeden, der den Weltengang und die Bedingungen der socialen Entwicklung nur einigermaßen kennt, den ergreift jede Wahrnehmung von Lüge und Gewalt mit unüberwirwbarem Schmerze. Man fühlt sich wie heimatslos und trostlos auf der bewohnten Erde, man hat das Gefühl, als schwände der sichere Boden unter den Füßen. Ungerechtigkeit bleibt nie bei dem einen Falle stehen. Da durchschauert uns all das Weh, das durch Unrecht über Menschen schon gebracht und das man ahnungsvoll wieder emportauchen sieht. Das Schlimmste ist, daß so leicht fromme Heuchlerworte geschnitzt werden, um das Unrecht zu beschönigen, und noch schlimmer ist, daß so viele Menschen, ganze Abgeordnetenkammern, auch ganze Völker sich so leicht einreden, es sei in solchen Worten irgend ein Sinn enthalten. Feier! Feier! schrie ein daherstürmender und eilte mit der Spritze, den Brand zu löschen. Feuer! Feuer! mußt du rufen, stellte sich ihm ein Fanatiker richtiger Aussprache entgegen. O, sei kein Narr, es ist ganz gleichgiltig, ob Feier oder Feuer, wenn nur nicht die Stadt verbrennt, behauptet der Erste. Nein, eher verbrenne die ganze Stadt, als daß ich die deutsche Sprache verderben lasse. Gerechtigkeit ruft der edle Zola, rufen die Jntellectuellen, rufen alle Menschenfreunde, die mit der Feuerspritze herbeieilen, um die Menschenwelt vor Unheil zu bewahren. Die Armee, die Armee! Der Generalstab! Der Generalstab! rufen Drumont, der Präsident der französischen Repuplik, die herrschbegierigen Minister, die feigen Abgeordneten, der erkaufte Pöbel. So muß die Ehre der Armee, welche ursprünglich berufen ist, die Ehre und die Gesetze des Landes zu schützen, erkauft werden durch die Schmach des Landes, durch die grobe augenfällige Verletzung und Verhöhnung der Gesetze. Auch Cavaignac hat sich in diesen Sumpf führen laffen, die Radicocken chm nach. Welch' entsetzliches Bild, die Edlen, die Jntellectuellen, die Dichter, die Rechtsgelehrten beschimpft, die Jesuiten, die Eidvergeffenen, die Gewissenlosen umarmt, umjubelt, das Volk sinnlos, die Kammer selbstsüchtig, die Streber feige, sicher Keiner! Wahrlich, wo man die Ungerechtigkeit nackt und bloß auf dem Markte umhertollen, in den Abgeordnetenhäusern gespensterhast umherschleichen sieht, da sollten Alle, die noch über Geist, Witz, Humor und Satyre verfügen, sich erheben und mit ihren stärksten Knitteln auf das elende Gespenst losschlagen, bis es zu Tode getroffen niedergeschmettert liegt. Jndeß die unerwartete Verhaftung des dem Generalstab „so theuren Commandanten" zeigt, daß die Wahrheit denn deck mit Ctmmschristen „anmarschirt". _ Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur TageSgeschichte. (Eine Hilfsaction für die Plünderer. — Der Herr Magistrats» director. — Unter christlich-socialem Commando. — Der Abgeordnete als Spitzel. — Wir vom Magistrat. — Dr. Lueger und die Justiz. — Der Richter aus Gänserndorf. — Was die Richter zu thun haben. — Purscht und die Spittelberg- Partei. — Die Hausknechte der Ehrlosigkeit. — Gegen den Dauschwindel.) Der öffentliche Appell an die Wohlthätigkeit zu Gunsten der aus geplünderten galizischen Juden und ihrer von bitterster Noch heimgesuchten Familien hat bisher nicht jene Wirkung geübt, welche man in diesem Falle wenigstens von der Opferwilligkeit der wohlhabenden Juden hätte erwarten dürfen. Allerdings hat ein Passus in dem von den galizischen jüdischen Abgeordneten veröffentlichten Aufrufe allgemeines Befremden hervorgerufen und wahrscheinlich viele davon abgehalten, einen Beitrag zu widmen, weil sie befürchten müssen, daß er nicht an die richtige Adresse gelangt, nämlich nicht an die Opfer der Excesse, sondern an die Familien der Plünderer, und den Wohlthätigkeitssinn der Juden für diese in Anspruch zu nehmen, ist allerdings eine unerhörte Zumuthung. Es heißt nämlich in dem Aufrufe, in welchem das Elend in Galizien geschildert wird: „Auch schuldlose Familien der irregeleiteten Excedenten sind der Noth vielfach preisgegeben". Gewiß, die Noth und das ihr zugewendete Mitleid sind unabhängig von der Confession, allein eine Hilfsaction zu Gunsten der Familien der Plünderer bei jüdischen Wohlthätern einzuleiten, erscheint als eine Selbsterniedrigung und Entwürdigung, für welche es kein Präcedenz gibt. Am allerwenigsten sind die jüdischen Abgeordneten zu einem solchen Appell berufen. Der citirte Passus des Aufrufes ist offenbar wieder eine Concession jener Abgeordneten an den Polenclub, bei welchem sie sich im Interesse ihres Mandats nicht als allzu eifrige Anwälte ihrer Glaubensgenossen mißliebig machen wollen, und da ist der Unmuth begreiflich, welchen diese Haltung der galizischen jüdischen Abgeordneten überall hervorgerufen hat. Als die Excesse ihren Höhepunkt erreichten, waren Deputationen aus Galizien hier in Wien, die von ihren Abgeordneten verlangten, sie zum Ministerpräsidenten zu führen. Das haben die Herren aber abgelehnt, abermals aus Furcht vor dem Polenclub; höchstens wollten sie zum polnischen Landsmannminister gehen, als ob die Plünderungen in Galizien eine ausschließliche Landesangelegenheit wären, die für das Reich kein Interesse hat. und in dieser Auffassung wurden die berufenen parlamentarischen Vertreter der galizischen Juden durch die umfassenden Maßregeln der Regierung geradezu desavouirt. Die polnischen Blätter berichten über den Verlauf der Verhandlungen des Hilfscomitäs, und da ist die merkwürdige Thatsache zu verzeichnen, daß die zu erwartenden Spenden nur an solche geplünderte Juden zu vertheilen sein sollen, welche auf die anderweitige gerichtliche Geltendmachung von Schadenersatzansprüchen gegen die Excedenten verzichten. Die Nothlage der Geplünderten soll also geradezu ausgenützt werden zu Gunsten der Plünderer, um diese vor der Nothwendigkeit, den angerichteten Schaden gut zu machen, zu schützen, und das ist wieder nur ein Act der Unterwürfigkeit gegenüber dem allmächtigen und über die Mandate verfügenden Polenclub. Mit tiefem Bedauern registriren wir die Thatsache, daß diese Haltung der jüdischen Abgeordneten aus Galizien mit den moralischen Verpflichtungen, welche ihre Vertrauensstellung ihnen auferlegt, nicht im Einklang steht. * * Die Aera der christlich-socialen Parteiherrschaft in Wien könnte sich am besten durch eine Statue des Herrn T a ch a u personificiren lassen, durch die Gestalt des Magistratsdirectors, welcher der Verletzung der Staatsgrundgesetze vom Gerichte schuldig erkannt und deshalb verurtheilt worden ist. Das Gesetz zum Schutze des Hausrechtes ist in die Staatsgrundgesetze ausdrücklich als integrirender Bestandtheil ausgenommen worden, und da sollte man eigentlich nicht gar so erstaunt darüber sein, daß in einer Zeit, in welcher die Bestimmungen des Staatsgrundgesetzes über die Gleichberechtigung aller Bürger, sowie über die Zugänglichkeit aller öffentlichen Aemter für alle Staatsbürger tagtäglich nicht blos ignorirt, sondern positiv übertreten werden, auch das Gesetz zum Schutze des Hausrechtes mißachtet wird. Der Chef der städtischen Verwaltungsbehörde, welche selbst die Befolgung des Gesetzes in

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