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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-07-15 · 28 (15.7.1898) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
28 (15.7.1898)
Date
1898-07-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 28 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 527 Der politische Volksverein in Wien sendet uns nachstehende Zuschrift. Verehrte Redaction! Wir ersuchen um Aufnahme nachstehender Zuschrift: Die jüdische Barmherzigkeit hat einen ungeahnten Triumph zu verzeichnen! In dem Sammelaufrufe, zu welchem sich die galizischen Großjuden — Landtags- und Reichsrathsabgeordnete im Vereine mit den Cultusvorstehern der beiden Landeshauptstädte — emporgeschwungen, werden diejenigen, die man sonst als räuberische Plünderer zu bezeichnen pflegt, mit rührender Nächstenliebe auf „irregeleitete Excedenten" reducirt und in seltsammer Gleichstellung der Beraubten und der Räuber wird wehmuthsvoll betont, daß „auch schuldlose Familien der irregeleiteten Excedenten vielfach der Noth preisgegeben sind". So rufen die Häupter und Führer der galizischen Judenschaft Euch Glaubensgenossen zu einem Werke der Hilfe, indem sie zugleich die Urheber der Gräuel mit schonungsvoller Nachsicht zu entlasten und Euerer Mildthätigkeit zu empfehlen suchen. Wir aber und mit uns gewiß alle Juden protestiren hiemit gegen eine solche von politischen Rücksichten inficirte Verletzung der Empfindungen und Interessen unserer vergewaltigten Stammesgenossen und rufen Euch Juden vielmehr zu: Lasset für diese sogenannten „Irregeleiteten" diejenigen sorgen, welche der Ruhm und das Verdienst solcher planmäßigen Irreleitung trifft — Ihr aber concentrirt Euere Kräfte in gesteigertem Maße auf unsere zahllosen und beklagenswerthen Glaubensgenossen, die dieser famosen „Irreleitung" den Verlust ihrer letzten Habe, ihres letzten Vermögens und Erwerbes zu verdanken haben, und spendet, spendet reichlich aber nur dort, wo ausschließlich für diese Opfer und nicht zugleich auch zu Gunsten Jener gesammelt wird, deren Unthaten in den letzten Wochen wir schaudernd miterleben mußten. Wien, 11. Juli 1898. Politischer Volksverein in Wien: Dr. MarcellHoffmann Dr. H. Fi all a Schriftführer. Präsident. Die Juden Galiziens in der Criminalstatistik. Seit Jahrzehnten wird der Antisemitismus in Galizien unverhüllt mit sehr hoher Genehmigung propagirt und gepflegt, beim „Glos Rarodu" in Krakau ist ein Staatsanwalt Mitarbeiter. Von k. k. Bahnbediensteten werden die infamsten antisemitischen Hetzschriften an die Reisenden verkauft. Ist es also zu verwundern, wenn die Bauern in den Bezirken Jaslo, Frysztak und Neu-Sandec daraus endlich die praktische Consequenz zu ziehen versuchen, zumal dort classischer Boden für handgreiflichen socialen Kampf ist? Die Anstifter dieser Judenplünderungen sind, wie allgemein bekannt, Seelsorger, die dem dummen und rohen Volke zuwinken: bicis zydow, schlaget die Juden. Man spricht von der socialen Nothlage des Bauernstandes, dessen Steuerüberbürdung, allein der Saatenstand ist dort kein ungünstiger der Landesausschuß vertheilte Heuer überall im ganzen Land an die Bauern Getreide zum Anbau und auch Geldunterstützungen. Die Juden in den Dörfern Westgaliziens sind aber ebenso arm und meist viel ärmer als die Bauernbevölkerung. Da sie dort sehr gut polnisch sprechen, so ist der Verkehr dort mit den Bauern im Allgemeinen stets bisher ein sehr freundlicher gewesen, das Schuldenmachen beim Juden ist dem Bauer meist erträglicher als bei den Vorschußkassen, da er dem Juden nicht Pünktlich zu zahlen braucht und oft gar nicht zahlt, hingegen die Borschußcassen gleich nach Fälligkeit die Schuld gerichtlich eintreiben müssen. Die polnische Presse, selbst die nicht specifisch antisemitische, sucht zur Entlastung des bäuerlichen Raubgesindels die armen galizischen Juden in jeder Art anzuschwärzen, als wären sie ausschließlich Blutsauger, Verbrecher u. s. w. Dem gegenüber empfehlen wir zur Prüfung den neuen Jahrgang der österreichischen Criminalstatistik, der reiches Material zur Entkräftung jener Anklagen liefert. Heft 3 der Oesterreichischen Statistik (Band XIV) beschäftigt sich mit den Ergebnissen der Strafrechtspflege und bespricht auch die persönlichen Verhältnisse der im Jahre 1893 wegen Verbrechens verurtheilten Personen. Dabei stellt sich folgendes Resultat heraus: Es gelangten zur Bestrafung 28.498 Personen, darunter 1012 Juden, d. h. 3'6 Percent. In dem österreichischen Staat wohnen aber 4'8 Percent Israeliten, so daß nach dem Berhältniß 1349 hätten verurtheilt werden können. Noch günstiger stellt sich der Vergleich, wenn man die Ziffern des Vorjahres mit heranzieht. 1892 wurden 30.867 Personen, darunter 1157 Juden, verurtheilt; während also die Ziffer der Bestrafungen im Allgemeinen um 7-/3 Percent fiel, sank die der jüdischen Verbrecher um 12'/, Percent. Wir wollen nun prüfen, wie es in Galizien steht. Im Jahre 1893 kamen in Ostwie Westgalizien zusammen 6943 Personen zur Verurteilung, erheblich weniger als im vorangegangenen Jahre, wo diese Ziffer 8112 erreichte; es ist mithin im Allgemeinen eine Verminderung um 1169 Fälle 14 Percent eingetreten. Davon wurden in Galizien Juden verurtheilt im Jahre 1893 nur 628 gegen 773 im Jahre 1892, es war also hier eine Abnahme von 19 Percent zu constatiren. In Galizien bilden die Juden 11'/, Percent der Gesammtbevölkerung, es hätten demnach von 6943 Gesammtbestrafungen auf die Juden entfallen können 788, während es nur 628, d. h. nicht 11 'A Percent, sondern nur 9 Percent waren. Schließlich wollen wir die Bestrafungen der galizischen Juden mit der Criminalität der Juden in Ganz-Oesterreich vergleichen. In Galizien wohnen 69 Percent der jüdischen Seelenzahl Oesterreichs. Nun wurden im ganzen Staate bestraft 1012 Juden, das läßt 698 Criminalfälle bei unseren Glaubensgenossen in Galizien erwarten, es sind aber deren nur 628 vorgekommen. Also auch dieser Vergleich fällt zu Gunsten der geschmähten galizischen Juden aus. Man mag die Ziffern wenden, wie man will, vergleicht man die Juden mit den Nichtjuden, die galizischen Israeliten mit den galizischen Christen, unsere Glaubensgenossen in Galizien mit denen im übrigen Oesterreich, überall stoßen wir auf Zahlen, die eine beredte Sprache zu Gunsten der österreichischen, und zumal der galizischen Juden reden. Wieder einmal ist eine antisemitische Behauptung, die, weil sie mit solcher Keckheit immer wieder ausgesprochen wurde, sogar schon jüdische Kreise zu beeinflussen begann, in ihrer Verlogenheit aufgedeckt. „Absolute Gewißheit." Von Dr. M. L. Stern. Was ist „absolute Gewißheit"? Ernste Philosophen haben - das Problem noch nicht zu lösen vermocht, aber Herr Cavaignac, der französische Kriegsminister, besitzt „absolute Gewißheit". Wallfahrten sollten veranstaltet werden, Pilger sollten frommen Sinnes nach Paris wandern Dort ist Köstliches, Göttliches zu sehen, etwas, was bisher die Jahrtausende noch nicht darzustellen vermochten — „absolute Gewißheit"! Dort in Paris lebt der Heilige, der Wundermann, der Prophet, mit dem Gott von Angesicht zu Angesicht redet, der uns endlich sagen, ja zeigen kann, wie „absolute Gewißheit" aussieht. Es kann ja gar nicht mehr daran gezweifelt werden. Mit gar zu ftommem Augenaufschlag hat ja Herr Cavaignac erklärt, daß er aus gar keinen Rücksichten einen Menschen im Bagno ließe, wenn er nicht die „absolute Gewißheit" seiner Schuld hätte und die ganze Kammer der ftanzösischen Abgeordneten hat beschlossen, das Wunder „absoluter Gewißheit" in ganz Frankreich öffentlich kund zu machen. Das ist eine „Gewißheit", mit der man sich „als Herr im eigenen Lande nach eigenem Willen einrichten kann" und die öffentliche Meinung von ganz Europa nicht mehr zu scheuen braucht. Die besten Philosophen leugnen nun zwar eine „absolute Gewißheit" überhaicht stellen fest, daß es keine gibt. Diese lasse» auch nicht den einfachen Satz »a« ist gleich ->agelten und formuliren den Satz vielmehr dahin, daß er lauten muß: wenn »a« ist, dann ist »a« *a«. Das wäre aber nur eine relative

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