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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-07-15 · 28 (15.7.1898) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
28 (15.7.1898)
Date
1898-07-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 526 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 28 uns im Interesse der ungarischen Juden als konfessionelle Körperschaft aus vielfachen Gründen für die Errichtung jüdischer Mittelschulen aussprechen. Jedermann kennt die Verheerungen, welche der religiöse Jndisferentismus, der Mangel an Pietät für Althergebrachtes, die Geringschätzung gegen jüdische Sitte und Brauch in dem moralisch religiösen Leben der jüdischen Familien und Gemeiirden angerichtet haben. Zur Sanirung dieser Uebelstände wären vorzüglich die Familie und die Schule berufen. Doch wie die Verhältnisse heute stehen, ist in absehbarer Zeit von der Familie diesbezüglich wenig zu erwarten, und so fällt die Lösung dieser Aufgabe der Schule zu. Der wöchentlich zweistündige Religions-Unterricht, möge er noch so gewissenhaft und intenfiv ertheilt werden, kann jedoch diesem Verderben keinen Damm entgegensetzen Hier kann nur eine jahrelange, systematische Erziehung, besonders in der Lebensepoche des Erwachens und der raschen Entwicklung des Gemüthsnnd Seelenlebens, ein nennenswerthes Resultat erzielen. Die Mittelschule, welche berufen ist, die edelsten Gefühle, die herrlichsten Ideen und ideale Lebensanschauuug im Herzen der Zöglinge zu erwecken und zu pflegen. Als jüdische Anstatt würde sie demzufolge Anhänglichkeit zur angestammten Religion, durch steten Hinweis auf die rege Theilnahme der Juden an der Culturarbeit der europäischen Völker Selbstbewußtsein und Selbstachtung im Schüler erwecken, überhaupt würbe sie solch feste Bande zwischen Confession und ihren Bekennecnknüpfen, die kein Feind zerreißen könnte. Die Gesundung des religiösen Gefühlslebens und die Kräftigung des confessionellen Pflichtgefühles fordern unbedingt die Errichtung jüdischer Gymnasien. Als zweiter nicht minder wichtiger Grund für die Errichtung jüdischer Gymnasien mögen folgende, auf statistische Daten beruhende Thatsachen angeführt Werdend- Unter den 158 Gymnasien Ungarns sind blos 25 rein staatliche, 8 commuuale und 6 Privatanstatten, also 119 sind christlich-confessionellen Charakters. Von den 33 Realschulen waren 24 Staats-, 4 communale und 5 confessionelle Anstalten. Sämmtliche Gymnasien besuchten 46.703, die Realschulen 10.243 Schüler, unter denen waren an Gymnasien 7365, an Realschulen 3682 jüdischer Confessiou oder in Percenten gerechnet waren an G Y m n as i e n 17%, an Realschulen 36%. Noch deutlicher sprechen diese Ziffern, wenn wir den Umstand anführen, daß in den großen Provinzstädten mit zahlreicher jüdischer Bevölkerung nur christlich-confessionelle Gymnasien sind, wie z. B. in Preßburg, Miskolcz, Debreczin, Kaschau, Szegedin, Oedenburg u. s. w. Diese Städte besitzen zugleich Realschulen, und da zeigt sich folgende Anomalie: Das Gymnasium in Kaschau war während des laufenden Schuljahres von 464 Schülern besucht, darunter waren 54 Juden. Die Realschule daselbst besuchten 283 Schüler, darunter waren 153 Juden. Kecskemet hatte im Gymnasium unter 299 Schülern 28 Juden und an der Realschule unter 216 Schülern 61 Juden. Das Fünfkirchner Gymnasium besuchten 348 Schüler, darunter waren 10 Juden, die Realschule besuchten 407 Schüler, worunter 187 Juden waren. Oedenburg hatte an den beiden confessionellen Gymnasien 799 Schüler, darunter waren 39 Juden, in der Realschule unter 267 Schülern 102 Juden. In Groß-Wardein besuchten das Gymnasium 454 Schüler darunter waren 37 Juden, die Realschule 247 Schüler, worunter 156 Juden waren. Daraus folgt erstlich, daß jüdische Schüler im Gymnasium nur daun ausgenommen werden, wenn es die Raumverhältnisse gestatten, ferner daß jüdische Schüler in überwiegender Mehrheit zur einseitigen Ausbildung gedrängt werden, was in jeder Hinsicht von uachtheiliger Wirkung ist. Daß auf diese Weise ein „modernes Ghetto" geschaffen wird, daß eine, im national-ökonomischen *) 27. Jahresbericht des ungarischen Ministeriums für Cultus und Unterricht, Jahr 1898. Sinne genommen, sociale Separation fürs ganze Leben geschaffen wird, daß eine Ueberproduction jüdischer Techniker künstlich gezüchtet wird, liegt auf der Hand. Am Budapester Polytechnicum allein waren unter 1273 Hörern 509 Juden, wie viel im Auslande studieren, ist uns schwer, zu ermitteln. Jeder denkende Leser wird daraus folgern, daß durch die jüdische Mittelschule die sogenannte „sociale Separation" viel weniger gefördert würde als durch den gegenwärtig herrschenden Zustand. Ueberdies lehrt die Erfahrung, daß gute,.jüdische Schulen mit Vorliebe von christlichen Schülern frequentirt werden, und dieser Fall würde auch bei den jüdischen Gymnasien eintceten. Hat doch auch zum Beispiel unser Cultusminister Dr. Wlaffich an einer jüdischen Schule den ersten Unterricht genossen; und nicht nur scheut er sich dessen nicht, sondern erwähnte dankerfüllt diese Thatsache einer Deputation gegenüber. Die Zahl der christlichen Schüler, welche die Vagnjhelyer israelitische Realschule besuchen, nimmt jährlich zu; die Kanizsaer Handelsschule, die Bajaer Bürgerschule und zahlreiche andere jüdische Anstalten werden von christlichen Schülern aufgesucht. Ebenso wenig stichhältig ist der gegen die Errichtung jüdisch.r Gymnasien erhobene Einwand, daß durch dieselben die Zöglinge „nicht in unmittelbarer Berührung mit dem ungarischen Nationalgei st e wären". Dieser „n atio n a l e G e i st" offenbart sich weder beim christlichen Schulnachbar,- noch theilt ihn ausschließlich der Professor vom Katheder herab mit; denn wäre dem so, da müßte der - Nationalitätenhader in Ungarn schon längst im Grabe ruhen; und doch sehen wir, daß die Anführer der den Magyaren feindlichen Nationalitäten aus der magyarischen Schule hervorgegangen sind und 12 Jahre hindurch mit diesem „nationalen G e i st e" genährt wurden. Nicht d a sind seine Quellen zu suchen, aus denen er frisch und lebendig hervorsprudelt, ■ sondern die Familie - und - das ungarische Schriftthum bergen den lebendigen Quell des nationalen Geistes, Gott sei Lob, daß in den ungarischjüdischen Familien der patriotische Sinn und der magyarische Geist solch feste Wurzeln gefaßt haben, daß sie nicht mehr nöthig haben, Nahrung aus christlichem Boden zu ziehen, und wo er noch fehlen sollte, da würde, ihn die jüdische Mittelschule viel eher ersetzen können, als jene Anstalt, die den jüdischen Studenten blos duldet. An der jüdischen Mittelschule würden die ungarischen Classiker mit ebensolcher Begeisterung gelesen werden, ungarische Geschichte und Verfassung würde mit ebenso warmen Patriotischen Gefühlen vorgetragen werden, als an jeder andern Mittelschule. Wozu sich in Kreise drängen, wo man blos geduldet wird, wenn man sein eigener Herr sein kann? Täuschen wir uns nicht! Trotz der 30-jährigen Emancipation und der vor Kurzem erfolgten Reception hat die s o c i a l e Gleichstellung nur sehr geringe Fortschritte gemacht, und wo wir diesbezüglich günstigere Erscheinungen wahrnehmen, verdanken wir dieselben allen anderen Umständen eher, als der gemeinsamen Schulbank. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß die ungarischen Juden durch die jüdischen Mittelschulen, welche Patriotisch gesinnte, ihrem Glauben treu anhängende, wissenschaftlich gebildete Jünglinge erziehen, einer höheren Achtung theilhaftig würden, als jetzt bei dem blos geduldeten Besuch der christlich-confessionellen Mittelschulen. Lassen wir uns nicht von der lächerlichen Behauptung abschrecken, daß der Staat über kurz oder lang sämmtliche confessionellen Gymnasien verstaatlichen würde; stützen wir uns nicht auf § 3 und 4 des XX. Gesetzartikels vom Jahre 1848, welche die Aufnahme Andersgläubiger an confessionellen Mittelschulen anordnen, damit werden wir den uns gemachten Vorwurf nicht zum Schweigen bringen. Solange die ungarischen Juden ihren Pflichten gleich den anderen Confessionen nicht Nachkommen, wird ihnen der beschämende Ruf .entgegenschallen: Ihr lasset Eure Söhne an christlichconfessionellen Anstalten erziehen, weil es billiger ist.

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