Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 27 (8.7.1898)
- Date
- 1898-07-08
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 520 Dr. Bloch's Wochenschrist Nr. 27 verweigerte die Bezahlung der ausgewiesenen Schadensumme mlt dem Hinweise darauf, daß nach ihren Statuten nur Katholiken versichern können und daß der beschädigte Kläger, indem er seine jüdische Confession verschwieg, die ihm obliegende Mittheilungspflicht verletzt habe und somit der Versicherungsvertrag im Sinne des Artikels 475 des Handelsgesetzes null und nichtig sei. Auf die Klage des Beschädigten hat nun die königliche Curie in ihrer Entscheidung vom 17. Juni ausgesprochen, daß — abgesehen davon, daß an den Versicherten die Frage gar nicht gerichtet wurde, welcher Confession er angehört — die Verschweigung dessen, welcher Confession der Versicherte angehört, absolut von keiner Wichtigkeit auf die Eingehung des Versicherungsgeschäftes sei und somit Grund zur Nichtigkeit desselben nicht sein könne, weshalb die geklagte Gesellschaft zur Bezahlung der ausgewiesenen Schadensumme verurtheilt wurde. Hiermit wurde jedoch nicht auch ausgesprochen, daß bei der Eingehung des Bersicherungsgeschäftes" nicht auch persönliche Momente von solcher Wichtigkeit sein können, welche unter den Gesichtspunkt des § 475 des Handelsgesetzes fallen, dieselben müssen aber von absoluter Wichtigkeit sein und sich auf solche persönliche Eigenschaften beziehen, welche das einzugehende Risico der Versicherungsgesellschaft berühren. — Das Urtheil der königlichen Curie ist gerecht. Darum ist es aber noch nicht zu billigen, daß Juden bei einer solchen Gesellschaft Versicherung nehmen. Budapest. Die Israelitische ungarische literarische Gesellschaft hielt eine außerordentliche Generalversammlung, der die modificirten Statuten vorgelegt wurden, ab. Nach Annahme derselben hielt Prof. Dr. Wilhelm Bacher einen Vortrag „Ueber drei Bibelübersetzungen". Nachher erstattete Dr. Josef Bänüczi den Bericht über das Resultat der Preisausschreibung für rine Geschichte der auf dem Gebiete von Budapest bestehenden jüdischen Gemeinden. Der Preis beträgt 2000 Kronen, die Paul Tenzer für diesen Zweck sammelte. Es war nur eine Arbeit eingelausen, welche den Preis auch erhielt. Der Verfaffer der Preisarbeit ist Dr. Alexander B ü ch l e r, Rabbiner in Keßthely. — Dem Jahresberichte des Ungar ischen israelitis che n Handwerks- und Ackerbauvereins entnehmen wir, daß im abgelaufenen Jahre 431 Handwerkszöglinge, 18 Gewerbeschüler und 3 Ackerbauzöglinge der Wohlthaten des Vereins theilhaftig wurden; im Vehrlingshelin waren 28 interne Zöglinge untergebracht; 66 Zöglinge wurden freigesprochen und 10 angehende Meister erhielten Unterstützungen. Die erste inländische Ledergalanteriewaarenfabrik wurde durch einen Vereinszögling eröffnet. — Der Gencraldircctor Wilhelm S a r b ö wurde in den ungarischen Adelsstand erhoben. Es wurde ihm gleichzeitig das Prädicat „Szepesväralja‘- verliehen. — Der Sectiousrath Ludwig Balbai wurde durch Verleihung des Eisernen Kronenordens Ul. Classe ausgezeichnet. — Das stille Heim des Professors Dr. Wilhelm Bacher war der Schauplatz einer erhebenden Feier. Die Edition einer ungarischen U> Versetzung der Bibel veranlaßte einige Bibelfreunde, ihm Dank und Anerkennung auszusprechen und chm als Souvenir eine mit biblischen Scenen geschmückte Platte zu überreichen. — Die traurigen Lebens- und Erwerbsverhältuiffe der im nordöstlichen Theil des Landes wohnenden Juden werden nun endlich in weiteren Kreisen beachtet und gewürdigt. Man geht zwar noch nicht daran, durchgreifend und ausreichend zu helfen, doch wird vorläufig durch Errichtung von Schulen dem im Argen liegenden Schulwesen dieser Gegend aufgeholfen. In der jüngsten Sitzung der Verwaltung des israelitischen Landesfonds wurde ein Antrag unterbreitet, in den Comitaten Bereg Marmaros und Uug je eine Mutterschule zu errichten, die mit je einem unter der Aufsicht des Localrabbiners stehenden Beth-Hamidrasch für den Religionsunterricht verbunden sein soll. Der Antrag wurde angenommen und der Beamtenkörper mit der Ausführung betraut. Die erste Schule wird im Karacsonyfalva im Marmaroser Comitat errichtet. Den eifrigen Bemühungen des Secretärs Dr. Franz M e z e y wird es auch hoffentlich gelingen, zur Besserung und Hebung der allgemeinen Erwerbsverhältnisse neue Erwerbsquellen zu finden, welche sich an die bestehenden Beschäftigungen der Juden und die damit erlangten Fähigkeiten anschließen. Neustadt! a. d. W., 28. Juni. Der 37. Jahresbericht der israelitischen Realschule zu Waag-Neustadtl bietet in seiner Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit ein deutliches Bild von dem Leben und Wirken dieser einzigen jüdischen Mittelschule Ungarns. Die ersten Blätter sind pietätvoll der Erinnerung an den jüngstverstorbenen Rabbiner Josef Weisse gewidmet, der 17 Jahre lang als Direktor und 32 Jahre als Religionslehrer an der Anstalt gewirkt hat. Der warmgehaltene Nachruf und der Holzschnitt, welcher den Verstorbenen darstellt, verfolgen den religiösen Zweck, durch dieses Beispiel die Dankbarkeit und Pietät im Herzen der studirenden Jugend zu kräftigen. Der leitende Artikel bespricht die Hilfsmittel der Erziehung, um Charaktere zu bilden. Hierauf folgt die Geschichte der Schule, welche zahlreiche erfreuliche Momente enthält. Nach langjährigen Kämpfen ist es der israelitischen Realschule gelungen, ihren Fortbestand zu sichern. Die ungarische Regierung hat sich nach langem, langem Zögern endlich entschlossen, der hilflos dastehenden Schule unter die Arme zu greifen und erhöhte die bisherige jährliche Subvention von 2400 fl. auf 5000 fl. unter folgenden Bedingungen: Der Gehalt der Professoren sei dem ihrer Collegen an staatlichen Mittelschulen gleichgestellt. Der Minister für Cultus und Unterricht hat das Recht, den Director und zwei Professoren auf Vorschlag der israelitischen Cultusgemeinde zu ernennen; der confessionelle Charakter der Schule bleibt unberührt. Die Cuttusgemeinde, als Erhalterin der Schule, hat außer dem Schulgelde eine den Bedürfnissen entsprechende Quote zu leisten. Diese Bedingungen bilden den Kern des zwischen Regierung und Cultusgemeinde in nächster Zukunft abzuschließenden Vertrages. So groß auch die materiellen Opfer sind, welche die Gemeinde für ihre Schule bringt, sie werden reichlich ausgewogen durch die Consolidation der Anstalt und das beruhigende Bewußtsein, daß die einzige jüdische Mittelschule Ungarns nunmehr ausgehört hat, das Aschenputtel unter den confessionellen Mittelschulen zu sein. Jene jüdischen Eltern, welche ihren Söhnen nebst gründlicher wissenschaftlicher Bildung eine jüdisch-religiöse Erziehung geben wollen, können nun getrost ihre Lieblinge dieser Mittelschule anvertrauen. Wie uns der Jahresbericht ferner erzählt, legt die Schule großes Gewicht auf die körperliche Entwicklung und sorgt ernstlich für die Erhaltung der Gesundheit ihrer Schüler. Zu diesem Zwecke wurden . im Laufe dieses Jahres zwei Anstalten errichtet. Die Cultusgemeinde erbaute einen Turnsaal, der allen Anforderungen vollkommen entspricht, und jedem Freunde der fröhlichen Jugend lacht das Herz im Leibe, wenn er den Eifer und die Behendigkeit sieht, mit der die Zöglinge ihren körperlichen Uebungen obliegen. Ferner wurde von Seite der Gemeinde eine mit modernem Comfort eingerichtete Badeanstalt erbaut, welche der studirenden Jugend für das geringe Entgelt von 10 Kreuzern zur Verfügung stehr. Befriedigend sind die auf dem Gebiete des Unterrichtes und der Erziehung erreichten Resultate. Im sittlichen Betragen erhielt die größere Hälfte der Schüler Noten erster Classe, der Rest die zweite Classe und blos ein einziger die Note „nicht entsprechend". Von den 147 Schülern, welche die Anstalt im laufenden Schuljahre besuchten, erhielten 13 Percent Vorzugsnoten, 25 5 Percent machten gute, und 41 5 Percent genügende Fortschritte, 8 Percent sind zur Wiederholung der Classe verurtheilt. Dieser Umstand weist darauf hin, daß der Lehrkörper die Leistungen der Schüler nicht gar zu nachsichtsvoll beurtheilte. Trotz des prononcirt jüdischen Charakters wurde diese Anstalt von 24 Schülern christlicher Confession besucht, und daß ihrer nicht mehr sind, findet seinen Grund darin, daß der überwiegende Theil unserer christlichen Bevölkerung ihre Söhne üherhaupt nicht studiren läßt. Wir laden daher jene Herren ein, welche die jüdische Mittelschule als modernes Ghetto betrachten, diese Anstalt zu besuchen und jeder Unbefangene wird dieser Schule die vollste Anerkennung zollen und blos ihre Armuth bedauern, welche bald ein Ende nehmen würde, wenn unsere wohlhabenden Glaubensbrüder dieselbe dem Verdienste gemäß ivürdigen und unterstützen würden. Daß diese Schule von 51 Einheimischen und 96 Auswärtigen besucht war, spricht für das große Vertrauen, welches diese Anstalt in weiten Kreisen genießt. Nicht minder wird diese Thatsache durch den gewiß seltenen Fall bestätigt, daß während des Schuljahres blos ein einziger Schüler seinen Austritt aumeldete. Schließlich sei noch erwähnt, daß die Schule von der Baronin Clara v. Hirsch mit 2500 fl. unterstützt wurde. Hamburg. (Ein jüdischer P o l i z i st.) Kürzlich ist hier, 81 Jahre alt, „der letzte jüdische Polizist", G. Meyer, gestorben. Er war der einzige noch übrige Beamte der sogenannten jüdischen Fremdencommission, die bis zur neuen Verfassung von 1859 von Staatswegen das jüdische Fremdenwesen, namentlich die polnisch-russische Einwanderung, zu überwachen hatte. Meyer war mit einem Collegen bei Aufhebung der Fremdencommissiou im Dienste der jüdischen Gemeinde als der