Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 27 (8.7.1898)
- Date
- 1898-07-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 27 Dr. Bloch's Wochrnfchrifi Seite 515 Religion, welche noch immer die Trösterin in ihren Leiden blieb, war jedoch nicht mehr der hemmende Damm, der ihren Bestrebungen im Wege stand. Nach und nach begann man auch im Judenthum den Wissenschaften zu huldigen. Man bewies den Völkern, wie auch der Jude ein nützliche r Bürger im Staate sein könnte, sofern er nur dürfte. Die schönste» Ergebnisse wurden nun sichtbar. Jüdische Jünglinge kämpften in den Schlachten und verspritzten ihr Blut für das Wohl des Vaterlandes; Handel und Gewerbe fanden an Juden die thätigsten Beförderer. So zog Israel durch seine reißenden Fortschritte die Aufmerksamkeit der Völker auf sich. Dem Verdienste ward aber auch Anerkennung zu Theil; es standen nämlich edle Männer auf, die ihren Mitbürgern die Tugenden der Israeliten ins Gedächtniß riefen — und gerade diese Tugenden bildeten die eigentlichen Motive, welche die E m a n c i p a t i o n zur Berathung brachten. Man wies auf einzelne jüdische Persönlichkeiten hin, die sich besonders hervorgethan, und entkräftigte die ihnen gemachten Beschuldigungen. — Allein nicht leicht sollte es den Armen gemacht werden! Viele, ja die Meisten erkannten die Wahrheit, sahen das Unwürdige in der Behandlung der Juden, doch edelmüthig ein Opfer zu bringen, uneigennützig sich des Vortheils zu entschlagen, dies vermochten sie nicht, dazu waren sie nicht mehr fähig. Was Wunder daher, daß man in den Kammern endlose Debatten einzuleiten wußte, die sich alle um die einzige Frage drehten, ob auch die Juden reif wären zur Emancipation! Mit dem Lächeln der Hyäne, mit glatten, süßen Phrasen versuchten nun die Männer der Opposition alle Bestrebungen der Juden zu verdächtigen. Die alten, verrosteten Waffen aus der Rüstkammer des Fanatismus wurden wieder hervorgeholt und gegen die Juden in Anwendung gebracht. Es braucht nicht erst erwähnt zu werden, daß die Verfechter der Emancipation — und deren gab es nur wenige - stets vollauf zu thun hatten, um nur die Anklagen der Gegner zu entkräften. Unter diesen rüstigen .Vorkämpfern der Judenemancipation ragt in besonderer Weise der badensische Abgeordnete I. Merk hervor. Bereits im Mai des Jahres 1831 trat er offen für die Gleichstellung der Juden ein, doch sein Antrag, dahin lautend, daß „durchgreifende Vorbereitungen zur Erzielung der Emancipation getroffen werden sollten, blieb in der Minorität. Dadurch aber keineswegs entmuthigt, arbeitete er unverdrossen weiter; denn schon zwei Jahre später*) sehen wir ihn wieder die Rednerbühne der zweiten badischen Kammer besteigen. Die Rede, die er nun hielt — ein Meisterstück der Rhetorik — machte dem schwankenden Zustand der Kammer ein Ende, zumal er jeden gegnerischen Einwand durch schlagende Beweise zu entkräften verstand. — „Ich bedauere," so beginnt er in seiner so berühmt gewordenen Rede, „daß mit den Einleitungsmaßregeln nicht gedient sein wird, sondern es besser ist, wenn sich die Kammer geradehin für die Gleichstellung ausspricht. Man sage nicht, daß die Israeliten der Regierung nicht entgegengekommen seien und daß sie unterlassen hätten, eine Neigung zu zeigen, sich unseren bestehenden Einrichtungen zu assimiliren. Wäre dies aber auch nicht geschehen, so glaube ich, daß man ihnen deshalb mit Recht keinen Vorwurf machen kann. Der Impuls zur Verbesserung ihres Zustandes muß meiner Ueberzeugung nach von uns ausgehen, und es ist, psychologisch betrachtet, eine verkehrte Forderung, daß sie sich zuerst assimiliren sollen. Vielmehr glaube ich, daß der andere Weg naturgemäßer sei. Der Unterdrückte ist nicht gerade in der Lage, sich selbst emancipiren zu können, sondern man muß ihm dazu verhelfen, und solange der Israelit keine Gewißheit hat, daß er bei erreichter Bildung auch deren Nutzen haben werde, so lange er fürchten muß, ungeachtet dieser erreichten Ausbildung doch von der Ausübung der allgemeinen öffentlichen Rechte zum Theile a u s g e s ch l o s s e n zu bleiben, kann er auch kein besonderes Interesse daran haben; erst wenn er dessen gewiß und die Bahn sich freigegeben sieht, wird er auch in einem freieren Aufschwung das höhere Ziel des Staatsbürgerthums zu erstreben sich bemühen. Meiner Ueberzeugung nach bleibt also nichts übrig, als die Israeliten in die Masse der christlichen Bevölkerung mit gleichen Rechten hineiuzuwerfen, damit sie, vom Strome fortgerissen, gleich den in einem Flußbett dahinrollenden Kieseln sich abrunden und dem Bestehenden sich anfügen........ Schon das erste Constitutionsedict hat in dem § 8 den Hauptgrundstein zu ihrer Emancipation gelegt, indem nach dessen Hauptprincip keine Religion im Staate in dem Sinne herrschend sein kann, daß die Mitglieder irgend einer solchen von der Theilnahme an dem Ausfluß der allgemeinen staatsrechtlichen Vortheile auszuschließen seien. Der zweite Hauptpfeiler, worauf die Forderungen auf Gleichstellung beruht, ist der aus der natürlichen Billigkeit in das Staatsrecht übergegangene Satz, daß Derjenige, der gleiche Lasten zu tragen hat, auch den Mityennß an den gleichen entsprechenden Rechten haben sollte. Eme andere und entgegengesetzte Folgerung aus der nämlichen Grundlage wurde durch das Rechtsprincip verliehen und man konnte eine solche Forderung nicht durch das Vorgeben beschwichtigen, daß religiöse Sitten und Gewohnheiten es hindern, diese Rechte gehörig mit unseren Einrichtungen zu üben. Denn wenn die Israeliten^ diese Sitten und Gewohnheiten nicht hindern, so sehe ich nicht ein, welche Bedenklichkeit *) Am 31. August 1833. Seine Emancipationsrede, die wir im Nachsteheuden auszugsweise wiedergeben, ist zum erstenmale abgedruckt im „Handbuch der Beredsamkeit" von Dr. Wolff. II. Theil. Leipzig 1846. S. 235.^ff. in der Gestattung der Ausübung der diesen Verpflichtungen entsprechenden Rechte liegen soll. Betrachtet man nämlich diejenigen Israeliten, die in ihrer Bildung fortgeschritten sind, so findet man nicht, daß ihre Religion und Sitten hierin ein besonderes Hinderniß sind. Der jüdische Arzt wird auch am Sabbath seine Kranken besuchen und der Advocat seine Processe führen. Es ist auch insbesondere nicht zu leugnen, daß der Widerspruch gegen die Gleichstellung der Juden einen Still st and im Gange der Civilis a t i o n bewirken würde. Man kann sich auch nicht verhehlen, daß nicht wegen der Religiosität, nicht wegen der Besorgniß eines Eintrages in das Christenthum selbst viele Stimmen im Volke gegen die Emancipation sind, sondern nur wegen der Besorgnis, daß bei einer Gleichstellung die Thätigkeit der Christen noch überflügelt werde, und wegen der Besorgniß, daß bei einer Zulassung zum Staatsdienste ihre Gewandtheit die Christen verdrängen werde. Dies ist es, was besonders im Volke den Widerstand gegen die Emancipation erhält. Es ist also eigentlich, beim rechten Licht betrachtet. das Mißtrauen in unsere eigenen Kräfte und sogar die Voraussetzung unserer eigenen Schwäche und Zugänglichkeit...Meine Herren! so schließt Merk seine von Beiallsbezeugungen oft unterbrochene Rede, ich glaube, daß es in dieser Sache nichts mehr taugt, zu zögern und zu temporisiren, daß in Vergleichung dessen, was in fast allen konstitutionellen Staaten geschehen ist, dieses Zögern uns in eine sonderbare Stellung bringt. Ein Beschluß auf die Tagesordnung würde für Diejenigen in Deutschland, welche die Harmonie der Gerechtigkeit lieben, als Dis s o n a n z tönen." — Wahrlich! Egoismus oder andere gemeine Rücksichten fanden in Merk's edlem Herzen keinen Eingang. Von rastlosem Eifer für das Wohl des Vaterlandes belebt, zog er iebe Rücksicht in vorurtheilsfteier Erwägung. Die Gefühle des Mitleids und der Billigkeit waren die einzigen Hebel, die seine rühmenswerthe Thätigkeit in Bewegung setzten. Zwar wurden bekanntlich seine Vorschläge — in Folge des heftigen Widerstandes von seiten des Abg. v. Rottek — nicht sofort realisirt*), doch segnend wird die Nachwelt diesen Mann ehren, der mit den herrlichsten Beispielen der Toleranz und der Aufklärung voranging und so heitere Tage der Cultur herbeigeführt. Merk hat sich daher durch sein humanes Wirken im Herzen aller Israeliten ein unzerstörbares Monument errichtet. Werbung für die neue Export- Akademie. Wien, im Juli. In der „Oesterreichischen Wochenschrift" ist jüngst die Werbetrommel für die neu zu gründende Export-Akademie gerührt worden Es heißt in dem betreffenden Artikel, „daß dem jüdischen Vater kein besserer Rath gegeben werden könne, als daß er seine Söhne, ihren Talenten entsprechend, für diesen vom Patriotischen Standpunkte aus hochwichtigen und zugleich für diese Söhne selbst ehrenvollen und gewinnreichen Beruf erziehe, und wir begegnen ferner dem Satze: „Es ist klar, daß ein braver und tüchtiger Schüler der Export-Akademie ein versorgter Mensch ist". Dieser Ansicht gegenüber dürften nachstehende Bemerkungen angezeigt erscheinen. Welche Aussichten eröffnen sich für jüdische Zöglinge an der Export-Akademie? Man gibt zu, Oesterreich besitzt nahezu keinen oder doch nur minimalen Exporthandel, nämlich solchen, zu dessen Propagirung es specieller Emissäre bedarf. Mit absolvirten Export-Akademikern ist aber dieser Export noch nicht geschaffen, günstigsten Falles dürften dieselben sich zur Förderung des Außenhandels eignen. Zuvor muß aber dieser Außenhandel erst erobert werden. Es hieße sich aber einer Täuschung hingeben, daß mit jedem maturirten Jünger der Export-Akademie auch schon ein Exporteur als äeu8 ex maehina aus dem Boden wachsen werde. Es mag allerdings ein schwacher sachlicher Zusammenhang bestehen, aber was nützt der Mantel, wenn er nicht gerollt ist, was soll mit den Eleven der Export-Akademie geschehen, wenn keine Exporteure vorhanden sind, welche sie vertreten können? Weit *) Vgl. den Nr. 3, 4 und 5 des „Orient" (Jahrgang 1844) veröffentlichten Aufsatz: „Die Geschichte der Juden-Emancipation im Großherzogthum Baden". Ferner „Allgem. Zeitung des Judenthums" Jahrgang I, „Herr v. Rottek und die Emancipationsfrage", S. 229 ff.