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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-07-08 · 27 (8.7.1898) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
27 (8.7.1898)
Date
1898-07-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette S14 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 37 Beweisstücke vor und fragt ihn, ob er darüber etwas zu äußern habe und ob er sie anerkenne. Ist die Vernehmung beendet, dann muß dem Angeklagten das Protokoll vorgelesen und ihm eine Aeußerung abverlangt werden, ob seine Antworten correct wiedergeqeben sind. Der oberwähnte Artikel 441 handelt von der Verantwortung der Amtspersonen (Richter, Polizisten, welche rechtswidrige Acte begangen haben). Der Justizminister gibt in diesem Falle den Auftrag an den Generalprocurator, die Criminalkammer des Cassationshofes mit der Feststellung zu betrauen, ob rechtswidrige Acte begangen wurden, welche die Annullirung des Urtheiles begründen. „Cohn" in der Chemie. In einem Nachrufe, den die „Breslauer Zeitung" Ferdinand Cohn, dem berühmten Botaniker und Ehrenbürger Breslaus, widmet, wird folgende Anecdote erzählt: „Wenige akademische Lehrer besaßen die Gabe, den Studirenden ihre Specialfächer so klar darzustellen, wie Ferdinand Cohn, der das Semester wiederholt mit dem Scherze eröffnete: „Die vier Grundstoffe der Pflanze sind Kohlenstoff C, Sauerstoff O, Wasserstoff H und Stickstoff N." Dabei hatte er, scheinbar absichtslos, diese vier Buchstaben an die Tafel geschrieben und setzte lächelnd hinzu: „Sie sehen, daß ich von den Pflanzen etwas verstehen muß." Fürsterzbischof Dr. Kohn. (Original-Correspondenz der „Oesterreichischen Wochenschrift".) U n g.-B r o d, 2. Juli. Der Fürsterzbischof von Olmütz wird bekanntlich von den Antisemiten wegen seiner Abstammung angefeindet, und es ist ihnen höchst unbequem, daß dieser Kirchenfürst die Obliegenheiten seines hohen Amtes in edelstem Sinne auffaßt. Erzbischof Dr. Kohn steht gewiß geistig so hoch, daß ihm seine jüdische Abstammung — in den Augen der Menge ein Geburtsfehler — kein Unbehagen verursacht. Er denkt wahrscheinlich wie Benjamin Disraeli, der bekanntlich einmal im englischen Parlamente ganz freimüthig sagte, es könne doch unmöglich schimpflich sein, von einem Volke abzustammen, welches schon einen hohen Culturgrad besaß zur Zeit, als die germanischen Völker noch ganz culturlos in ihren Wäldern hausten. Erzbischof Dr. Kohn betrachtet seinen hohen Posten nicht als bequeme» Ruhesitz. Zur Zeit der Firmung fährt er von Dorf zu Dorf in alle Theile seiner Diöcese, verläßt wochenlang seine behagliche Sommerresidenz und arbeitet manchmal buchstäblich im Schweiße seines Angesichtes. Seine Vorgänger auf dem erzbischöflichen Stuhle in Olmütz waren Grafen und Fürsten, die sehr wenig mit dem Volke in Berührung kamen. Erzbischof Dr. Kohn demokratisirt sein Amt, verkehrt in leutseligster Weise mit dem Geringsten aus dem Volke und ist von wahrhaft evangelischer Milde. So sprach er unlängst hier in der Kirche über Nächstenliebe so ergreifend, daß kein Auge trocken blieb, ja lautes Schluchzen vernommen wurde. Bauern, Taglöhner, Dienstboten, Alles verstand die Herzenslaute des begeisterten Priesters und ein schlichtes Bauernweib gestand, eine so glückliche Stunde habe es im Leben nicht gehabt. Erzbischof Dr. Kohn kümmert sich um alle Details seines Berufes. Nach dem Gottesdienste prüft er die Schuljugend aus dem Religionsunterrichte, besucht Friedhöfe, revidirt Kirchenbücher, Amtsacten rc. Man sieht es ihm an, seine Würden laden ihm auch Bürden auf; er ist seit seiner Erhebung fast weiß geworden, und seine Beamten und Diener erzählen, in welcher Weise er treue Pflichterfüllung übt und verlangt. In Summe ergibt sich: Der ob seiner Abstammung so angefeindete Erzbischof ist ein Mann im Sinne des Apostel Paulus: „Wir geben Niemand auf irgend eine Weise Anstoß, damit unser Amt kein Vorwurf treffe, sondern bei allen Gelegenheiten beweisen wir uns als Diener Gottes rc. bei schweren Arbeiten, bei schlaflosen Nächten, durch unbefleckten Wandel, durch sanftes liebreiches Betragen mit heiligem Geiste und unverstellter Liebe." Wir Juden bekennen es ganz offen: Wir wissen, Erzbischof Dr. Kohn ist nicht Priester unserer Religion, er ist katholischer Priester mit Leib und Seele, er fördert die Interessen der Kirche und nicht unsere Interessen und doch freuen wir uns, daß ein Kirchenfürst, der unserem Volke entsprossen und der seine Abstammung nicht verleugnet, lebendig veranschaulicht, wie ein edler Mensch, ein ftommer, würdiger Diener Gottes, ein wahrhaft pflichtgetreuer Oberhirte beschaffen sein soll. Von dieser Freude legen Zeugniß ab die herzlichen Begrüßungen, die überall, wo Juden wohnen, dem Erzbischof zutheil werden. Hier fand unlängst eine solche Begrüßung seitens der Cultusvertretung statt. Der Redner der Deputation, Rabbiner Dr. Moriz Jung, richtete an den Erzbischof folgende Ansprache : „Euer erzbischöfliche Gnaden! Als Lehrer der Religion, die der Welt die zehn Gebote, die Grundlage aller Gesittung, gegeben, deren höchstes Ideal die von den Propheten verkündete, innige Verbindung der Gesammtmenschheit ist und die in einer jeden erhabenen irdischen Größe den wenn auch schwachen Abglanz der göttlichen Majestät erblickt, begrüße ich in Euer erzbischöflichen Gnaden den im Dienste der Gesittung stehenden, von reiner und darum allgemeiner Menschenliebe erfüllten und mit irdischer Hoheit ausgestatteten Kirchenfürsten. Euer erzbischöfliche Gnaden! In unserer Zeit, in der die Veredlung des Herzens nicht gleichen Schritt hält mit dem materiellen und geistigen Aufschwünge ist es doppelt erfreulich, einer Persönlichkeit zu begegnen, in der wie in Euer erzbischöfliche Gnaden irdische und geistige Größe mit wahrhaftem Herzensadel harmonisch gepaart ist. Daraus quillt aber auch unsere unerschütterliche Ueberzeugung, daß Euer erzbischöfliche Gnaden den erleuchteten Kirchenfürsten sich anreihen werden, die dem Judenthum stets Wohlwollen entgegengebracht haben. Möge der Allgütige Euer erzbischöfliche Gnaden den für jeden ideal Gesinnten höchsten Segen verleihen, der in dem beglückenden Bewußtsein ruht, den Fortschritt der Menschheit in allem wahrhaft Guten und Edlen gefördert zu haben; möge es Euer erzbischöfliche Gnaden vergönnt sein, zur Verwirklichung der prophetischen Verheißung beitragen zu können, welche lautet: Sie üben nichts Böses, sie handeln nicht verderbt auf meinem ganzen heiligen Berge, denn voll ist geworden die Erde mit Erkenntniß Gottes, wie die Wasser des Meeres Bette decken. Amen!" Der Erzbischof nickte während der -Ansprache des Rabbiners unausgesetzt beistimmend mit dem Kopfe, und da er sichtlich ermüdet war — er hatte von 8 Uhr Morgens bis 2 Uhr Nachmittags diverse Functionen geübt — so entgegnete er nur mit folgenden Worten: „Ich danke Ihnen sehr, daß Sie gekommen sind, es freut mich dies sehr. Besonders freut es mich, daß Sie sich an meinem Empfange in so hervorragender Weise betheiligt haben. Danken Sie Allen in meinem Namen; es hat mich sehr gefreut; ich danke Ihnen sehr." Diese schlichte Sprache, dieses ungekünstelte, vielfache Betonen des Dankes charakterisirt den Mann, es ist echt menschlich. Wer den Erzbischof Dr. Kohn in seiner Totalität ins Auge faßt, findet es ganz begreiflich, daß er den Antisemiten nicht zu Gesichte stehen kann. Wohin käme der Antisemitismus, wenn es lauter solche Bischöfe und Geistliche gäbe? Wer über Nächstenliebe in solcher Weise denkt und spricht, ist kein heutiger „Gottesmann" im Sinne Stöcker's. I. Merk. Ein nichtjüdischev Vorkämpfer -er Jndenemancipation. Von Dr« Josef Hoff, Rabbiner in B i f e n z. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts waren die Verhältnisse der Juden in allen europäischen Staaten noch höchst traurige. Als rechtlose Geschöpfe betrachtet, durste sie Jeder nach Willkür behandeln. Ueberall machte sich das Recht des Stärkeren mit seiner Unverschämten Arroganz, der religiöse Fanatismus mit seiner giftigen Wuth, das Dunkel der Zeit mit seinem Grauen geltend. Und Israel selber, aller Kraft und Energie des Geistes baar, ließ sich willenlos und ohne Murren Ketten anlegen, welche die Macht ihm schmiedete, würdig jener Vorfahren in Egypten — und das Kainszeichen des Unglücks auf seiner Stirne tragend, kam es zerknirscht und gedemüthigt, für seinen wunden Körper eine Zufluchstätte zu erflehen. Doch allerorten ward es zurückgestoßen, weil kein menschlich-fühlend Herz sich fand. Da — zu Beginn unseres Jahrhunderts — ward auf einmal das Gewissen der Völker rege. Nicht mehr wurden die Zügel der Herrschaft mit solcher Strenge gehandhabt, aber gänzlich aus den Händen geben wollte man sie dennoch nicht. Die der Frohn und Unterdrückung gewohnten Juden fingen allmälig an, ihrer Schmerzen bewußt zu werden, und sahen sehnsüchtig der Heilung entgegen. Die

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