Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 27 (8.7.1898)
- Date
- 1898-07-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 512 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 27 B e r g a n i, Ernst Schneider und Karl Mittermayer. Es können aber auch Andere sein; die Unbefangenheit eines antisemitischen Ehrengerichtes gegenüber einem antisemitischen Parteiführer ist über jeden Zweifel erhaben. * * * „Ohne Juden kein Betrug!" So lautete der packende Titel eines Berichtes im „Deutschen Volksblatt". Und was stand in diesem Berichte? Ein Postbeamter in Lemberg hat desraudirt und ist durchgegangen. Wer hat ihm den Einschlag dazu gegeben, daß er defraudirte? Selbstverständlich ein Jude, u. z. war das ebenfalls ein Postbeamter, der früher schon defraudi rt hatte und seinem Collegen die Anleitung gab, wie er es machen soll. Also der Jude A. hat desraudirt und hat dem B. gerathen, ebenfalls zu desraudiren. Damit ist also für ein echtes und rechtes Antisemitenblatt auch schon der Titel gegeben. „Ohne Juden keine Defraudation", denn in dieser Sache hat Niemand betrogen, weder der A noch der B, sondern sie haben Beide — in dem Berichte selbst steht es ja ausdrücklich — desraudirt. Das „Deutsche Volksblatt" aber zwängt die an sich sehr interessante Geschichte in einen unrichtigen Prokrustestitel, zu dem der erzählte Sachverhalt nicht paßt. Das ist nur ein Beweis für die wohlbegründete Wahrheitsliebe des „Deutschen Volksblatt". In Mühldorf sind nämlich, wie die Redacteure des „Deutschen Bolksblatt" genau wissen, Gemeindeobligationen desraudirt worden, und zwar ohne Juden. Der Titel „Ohne Juden keine Defraudation" hätte also eine Unwahrheit behauptet, und die gibt's beim „Deutschen Bolksblatt" nicht. * * * Unter den gewissen Annoncen, deren Aufnahme den Zeitungen vom Staatsanwalt übelgenommen wird und welche auch von der Aerztekammer höchst ungern gesehen werden, findet sich auch eine Ankündigung, daß gewisse Zustände gegen kleines Honorar und ohne Berufsstörung auch brieflich geheilt werden „von einem christlichen Doctor". Wenn also einem raceureinen Arier, der nicht in die Gefahr kommen will, von einem jüdischen Arzte behandelt zu werden, ein Malheur passirt, so steht ihm dieser „christliche Doctor" zur angenehmen und billigen Verfügung. Diese kleine unscheinbare Annonce ist uns ein überaus heiteres Beispiel dafür, wie der geschäftsmäßige Antisemitismus auch die dunkelsten Partien des großstädtischen Lebens aufzusucheu versteht. Warum auch nicht? Der Eine liefert Gasmesser, weil er Antisemit ist, der Andere bekommt eine Schankconcession und der Dritte wird Stadtratb. Man darf es also dem „christlichen Doctor" nicht verargen, wenn er speciell die geheimen Leiden seiner anttsemitischen Mitbürger als die Avenue seiner Ernährung betrachtet. Robert Wolf. Der Raubzug von Alt-Sander. Wiener Blätter bringen über die Plünderungen in Alt- Sandec einen ausführlichen Bericht, aus welchem hervorgeht, wie ungenirt und ungestört die Plünderer bei ihren Raubzügen Vorgehen konnten. Samstag Früh trat inAlt-Sandec plötzlich das Gerücht auf, Abends werde geplündert werden. Einige ch.r i st l i ch e B ü r g e r des Ortes traten an ihre jüdischen Freunde heran und riethen ihnen, ihre Frauen und Kinder für Samstag Abends sortzuschickeu, da furchtbare Exceffe Abends stattfinden würden. Als die jüdischen Mitbürger dies nicht glauben wollten, wurden sie von ihren christlichen Freunden direct angefleht, sie mögen doch ihre Familien retten. Thatsächlich führten einige Christen iur Laufe des Tages einige angesehene Juden aus dem Bereiche der Stadt und versteckten sie. Es kamen auch solche Fälle vor, daß man von den Juden Lösegeld für die Rettung verlangte und solches auch erhielt. Gegen 6 Uhr Abends, als bereits das Bevorstehen einer Plünderung klar war, zogen ttotz des Sabbaths jüdische Frauen mit ihren Kindern aus der Stadt weg. Bangen Herzens ließen sie ihr Hab und Gut zurück und verließen ihre Männer, welche aus der Stadt nicht weichen wollten. Nach 6 Uhr begannen sich die Bauern auf dem Ringplatz anzusammeln. Der Notar Obminski trachtete die Bauern zum Auseinandergehen zu bewegen, da nichts „losgehen" werde und gab den ärmeren unter ihnen je eine Krone. Da kam der Apotheker Fia lkowski auf die Bauerngruppe zu und sagte : „Höret nicht auf Obminski, das ist ein Jude". Ein Theil der Bauern befolgte beu Rath des beliebten Notars, die Anderen glaubten dem Apotheker. Bekanntlich begannen die Plünderungen in Alt-Sandec Samstag Abends nach 8 Uhr. Vor 8 Uhr verließ plötzlich die in Alt-Sandec weilende Husaren-Abtheilung die Stadt, da Telegramme eingetroffen waren, daß in der Ortschaft R y t r o Exceffe ausgebrochen seien. Die Husaren eilten nun im Galopp dorthin. Auch von Gendarmen befand sich gegen Abend nur einer in der Stadt, -weil die Uebrigen auf Streifungen waren, und von der Infanterie, welche in der Stadt zurückblieb, wurde ein Theil zum Patrouillendienst außerhalb der Stadt verwendet, um das Eindringen der Bauern in die Stadt zu verhindern. Einige Minuten nach 8 Uhr gab der Ruf „Hurrah, los auf die Juden!" das Signal zur Plünderung. Zuerst wurde das Haus der Familie Steinreich überfallen. Die Männer ergriffen die Flucht. Werthvolle Sachen wurden auf die Straße gebracht. Die Plünderer theilten den Raub, in vollständigster Ruhe unter einander feilschend. Nach der Vertheilung des Raubes wurden die Einrichtungsgegenstände des ganzen Hauses zertrümmert. Die Plünderer — fast lauter Alt- Sandecer — begaben sich sodann zum Restaurateur Finder. Die reiche Einrichtung seiner Privatwohnung, sowie die Gasthauseiurichtung fiel den Excedenten zum Opfer. Möbelstücke, Sessel, Wäsche, Silber und Porcellan wurden von den Plünderern aus der Wohnung ausgeräumt und weggeführt. Der Rest wurde zertrümmert. Die Bauern drangen hierauf ins Casinolocal. Hier war nichts zu rauben, außer einigen Sesseln, welche auch weggeführt wurden. Das Uebrige, wie Spiegel, Lampen und. so weiter, wurde zertrümmert. Nach Finder kam die Reihe an das Galanteriewaarengeschäft Weisberger. Was die Plünderer untereinander nicht auftheilen konnten, was sich ihnen bei sonst reicher Beute nicht wegzuführen lohnte, das wurde mit Wasser und Pettoleum begossen. Nur zwei Geschäfte, die sich in christlichen Häusern befinden, wurden von den Excedenten geschont. Die Beute wurde auf Wagen geladen und weggeführt. Außerhalb der Stadt wurde nun abgeladen, worauf die Wagen nochmals in die Stadt fuhren, um die zweite Ladung aufzunehmen. Gegen 12 Uhr kehrten endlich aus Rytro die Husaren zurück. Die Plünderung war aber bereits beendigt. Die ausgeplünderten Geschäftsleute sind für lange Zeit ruinirt, sie haben keine Aussicht, sich zu erholen. Ein großer Theil der Alt- Sandecer Bürger und der Bauern in der Umgebung ist mit Zucker, Kaffee, Salz, Galanteriewaaren, ja sogar mit Zuckerln und Kinderspielzeng für lange Zeit versehen. Unter den in Haft genommenen Personen befinden sich auch einige Mitglieder des A l t - S a n d e c e r Gemeinder a t h e s. Des scandalösen Vorgehens dieser Ehrenmänner thun die antisemitischen Polenblätter selbstverständlich auch nicht mit einem Worte Erwähnung, dafür lassen sie sich in eine weitläufige Discussiou über die Sanirung der wirthschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse Galiziens ein. Ein bezeichnendes Detail des Judenrummels wird von der „Gazeta Narodowa", die sonst ebenfalls nur den Splitter im Auge des Andern zn sehen pflegt, mitgetheilt. Danach soll der Statthalter Graf P i n i n s k i folgenden Fall erzählt haben :• In ein westgalizisches Dorf sei von der Umgebung eine Bauernrotte eingedrungen, in der Absicht, das jüdische Wirthshaus dieser Ortschaft auszuplündern. Rasch entschlossen vereinigten sich nun die Ortsinsassen zur Abwehr dieses Ueberfalles, um aber gleich darauf selbst das betreffende Wirthshaus auszurauben, indem sie das Argument vorbrachten, daß ihnen, wenn schon geplündert werden soll, als den Räch st e n das Vorrecht gebühre. Dies hindert aber die bekannten Sittenrichter nicht, über die moralische Verkommenheit der armen jüdischen Schankwirthe wacker weiter zu schimpfen. Das Militär sah bis Mitternacht den Plünderungen zu. Es wurde in aller Seelenruhe geraubt. Säcke mit Mehl wurden auf den Ringplatz geschleppt, dort untersucht und die besseren Sorten auf Wagen geladen. Küchengeräthe wurden sortirt und unter die Menge vertheilt. So ging es bis zum Morgen fort. In B i e g o n i c e bei Alt-Sandec machten sich die Bauern erbötig, die Sachen des jüdischen Mauthpächters, um dieselben dem Raube der Horden zu entziehen, in Verwahrung zu nehmen. Der in Todesangst befindliche Jude, welcher mit Grauen die Verwüstung und Plünderung des benachbarten Wirthshauses