Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 27 (8.7.1898)
- Date
- 1898-07-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 510 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 37 In Neu- und Mt-Sandec weist man mit Fingern auf die der städtischen „Intelligenz" angehörigen, intellektuellen Urheber der Plünderungen. Wissen Sie, wie der Rummel in Neu-Sandec losging? Ein hiesiger Bürger erstattete beim Bürgermeister Lipinski die Anzeige, daß der jüdische Mühlenbesitzer und Brotbäcker Hermann Lax vergiftetes Mehl und Brot verkaufe. Der Bürgermeister gab sich den Anschein des guten Glaubens und forderte in einer Eingabe an den Bezirkshauptmann eine Untersuchung. Die Anzeige wurde sofort in der ganzen Stadt und unter der bäuerlichen Bevölkerung bekannt und selbst städtische Polizisten sorgten für die Verbreitung des Gerüchtes. Bor mir liegt die Anftage eines Kaufmannes in Kroscienka an einen jüdischen Geschäftsfreund in Neu-Sandec, ob die Nachrichten über die Vergiftung von Mehl und Brot durch die Juden auf Wahrheit beruhen. Der Originalbrief mit den Namen steht zur Verfügung. Die Meldung kam nach Kroscienka durch einen jungen Mann, der in Neu-Sandec das Gymnasium besucht. Die jungen Leute von Neu-Sandec machten sich noch in anderer Weise verdient. Auf Bicycles fuhren sie die Dörfer ab und streuten daselbst Zettel mit dem kaiserlichen Adler und der gefälschten Unterschrift von Amtspersonen aus, in denen die Bauern aufgefordert wurden, die Juden zu berauben, ihr Leben jedoch zu schonen. Einer der wüthendsten Antisemiten von Neu- Sandec ist ein Buchdrucker gegen welchen unter Anderem die Anzeige erstattet wurde, daß er sich auf den Dörfern als „Commissär" ausgegeben habe. Vielleicht weiß dieser Herr auch Näheres über eine Broschüre, welche unter der Landbevölkerung verbreitet wurde und die Unterschrift einer höchststehenden Persönlichkeit tragen soll, oder über den Inhalt der Unterredung, welche der Abgeordnete Dr. Danielak der Stojalowski-Partei am 22. und 23. Juni mit dem Bürgermeister hatte? Seit der Verhängung des Standrechtes ist in Neu-Sandec eine merkwürdige Erscheinung wahrnehmbar. Die Bauern kommen wieder ruhig zur Stadt und machen ihre Geschäfte mit den Juden, als ob nichts geschehen wäre, ja Viele von ihnen versichern, daß sie das Vorgegangene bedauern und nur deshalb mitgethan hätten, weil man ihnen sagte, es liege ein obrigkeitlicher Befehl zur Beraubung der Juden vor. Die Städter aber gehen mit grimmigen Gesichtern umher und ballen die Faust im Sacke. Die energische Hand der Regierung, die sich unter Anderem in der plötzlichen Enthebung des Kreisgerichtspräsidenten äußerte, ist ihnen unbequem. Die Agitatoren bemühen sich in aller Stille, dis ernüchternde Wirkung der drakonischen Maßregeln abzuschwächen. Sie sagen den Bauern, das Standrecht werde nicht ernsthaft gehandhabt, es sei nur verhängt worden, um die Juden von weiteren „Provocationen" abzuschrecken. Eine sehr angesehene und einflußreiche Dame äußerte öffentlich, die Juden hätten noch immer zu viel, man hätte ihnen mehr wegnehmen sollen, und ein hiesiger Jugendbildner erklärte seinen Schülern das Standrecht folgendermaßen: „Wenn ein Jude nur ein Ei stiehlt, so wird er sofort aufgehängt." Rückhaltloses Lob verdient der Neu-Sandecer Bezirksobmann Glembocki, dessen energischem Eingreifen die Entsendung ausreichender Militär-Assistenz aus Krakau zu danken ist und der dem Statthalter sreimüthig die Augen über die wahren Ursachen des von langer Hand vorbereiteten Raubzuges öffnete. Er hat alle Versuche zur Vertuschung und Verheimlichung des angerichteten Unheils durchkreuzt und den Grafen Pininski in die Lage versetzt, Menschen und Dinge hier in ihrer wahren Gestalt zu sehen und darnach zu beurtheilen. Verfolgt man genau die ursächlichen Symptome, Umfang und Verlauf der gesammten, gegen das Eigenthum der Juden gerichteten Bauernbewegung in Westgalizien, so erscheint es unbegreiflich, wie die Lemberger Statthalterei sich von den Ereignissen so völlig hat überraschen lassen. Es ist lächerlich, diese extensiv wie intensiv ungeheure Bewegung ausschließlich auf die Wahlagitationen einer einzelnen, in der Wahl ihrer Mittel allerdings gewissenlosen politischen Partei zurückzuführen. Niemand ist in Galizien weniger Judenfeind, als der Bauer, und es bedarf langer, planmäßiger Verhetzung, um ihn zu einem solchen zu machen. Diese planmäßige Verhetzung, diese Organisirung der Massen zu Raub- und Plünderungszügen nun ist monatelang betrieben worden und die Organe der politischen und autonomen Verwaltung hätten von allem dem keine Ahnung gehabt? Man hat Broschüren mit einer Namensfertigung, die wir näher zu bezeichnen uicht wagen dürfen, Zettel mit amtlichen Insignien in Tausenden von Exemplaren vrrtheilt, und es wäre hievon nichts zur Kenntniß des einen oder anderen Bezirkshanptmannes gelangt? Es ist ein offenes Geheimniß, daß bei einem Theile der Beamtenschaft der „praktische Antisemitismus" seine eifrigsten Bekenner findet. Je nach Umständen treten dann noch locale Ursachen hinzu, wie zum Beispiel in Neu-Sandec, wo seit Langem ein stiller Minenkrieg zwischen dem .Bürgermeister L i p i n s k y und dem Bezirkshauptmann Friedrich geführt wurde, in welchem der Erstere die Judenhetze dazu benützte, um dem Chef der politischen Verwaltung Verlegenheiten zu bereiten, was ibm auch gründlich gelungen ist. Ein gemeinsamer Zug aller Bezirkshauptleute in den aufgewühlten Bezirken ist das — Beschwichtigungsfieber. Anzeigen von verdächtigen Vorkommnissen, Warnungen vor befürchteten Uebersällen, Bitten um Entsendung von Gendarmerie oder Militär wurden überall mit der übereinstimmenden Bemerkung zurückgewiesen, daß die Juden an übertriebener Furchtsamkeit leiden und daß kein Anlaß zu Besorgnissen vorhanden sei. Als an dem kritischen Freitag eine Abordnung der Neu-Sandecer Juden dem Herrn Bezirkshauptmann nahelegte, den Wochenmarkt zu sistiren, entgegnete er mit einer an diesem Tage sehr deplacirten Bonhomie, daß ja dann seine Frau ihre Speisekammer nicht versorgen könnte. Als die ersten Plünderungen bei den Brotständen vorkamen, stürzten sich Polizeileute auf die geplünderten Juden und verhafteten sie, um dem sofort in Umlauf gesetzten Märchen von der „Provocation durch die Juden" eine Unterlage zu schaffen. Als ein gegen ein jüdisches Haus geschleuderter Stein vom Dache abprallte und wieder zu Boden fiel, wurde der jüdische Hauseigenthümer unter der Beschuldigung, er habe mit Steinen auf die Soldaten geworfen, in den Kotter gesteckt, wo er noch heute sitzt. Gestatten Sie, daß ich Ihnen als Beleg für die an manchen Stellen herrschende Auffassung aus dem Rundschreiben des Herrn Statthalters an die Gemeindevorstände eine Stelle wörtlich citire. Nachdem der Statthalter die Gemeindevorsteher ermahnt hatte, ihren Einflußzur Beruhigung der Gemüther aufzubieten, fährt er fort: „denn es ist eine Wiederholung der Excesse zu befürchten, zumal das Verhalten der jüdischen Bevölkerung berechtigten Anlaß zur Erregung der bäuerlichen Bevölkerung gibt." Stellen Sie sich vor, welchen Eindruck ein solcher Ausspruch des Regierungschefs auf die leicht zugänglichen Gemüther seiner Subalternen übt. In der Lemberger Statthalterei schlugen alte Beamte die Hände über dem Kopf zusammen, als sie diesen Passus lasen. Den Jungen allerdings, an ihrer Spitze der Präsidialist Ritter v. Zaleski, war das aus dem Herzen gesprochen. Daß unter solchen Umständen die Bezirkshauptleute recht zu thun glaubten, wenn sie ihre väterlichen Mahnungen mehr an die Juden als an die verhetzten Bauern richteten, ist wohl begreiflich. Die antisemitischen Blätter Galiziens leisten Ungeheuerliches. Seit der Verhängung des Ausnahmszustandes wird ab und zu der „Glos uarodu“ oder der „Dziennik polski“ confiscirt. Aber in vielen Fällen bleibt die Beschlagnahme nur auf dem Papier. Vor einigen Tagen wurde gegen den „Dziannik polski“ wegen eines „Eingesendet", in welchem direct zum Todschlage an Juden aufgefordert wurde, die Consiscation verfügt. Ich fand die Nummer noch tagsdarauf in allen öffentlichen Localen Lembergs. Charakteristisch für galizische Zustände ist die Episode der Enthebung des Kreisgerichtspräsidenten von Neu-Sandec. Am 28. Juni Nachmittags war in der Bezirkshauptmannschaft aus Wien die telegraphische Anordnung des Standrechtes eingelangt. Der Statthalter schickte um 3 Uhr zum Gerichtspräsidenten und ersuchte ihn uni Entsendung mehrerer Beamten zur Verkündigung des Standrechtes. Der Gerichtspräsident ließ den Statthalter um Entschuldigung bitten, er könne momentan seine Beamten nicht entbehren und werde dieselben um 6 Uhr zu seiner Verfügung stellen. Aber noch vor 6 Uhr hatte der Herr Kreisgerichtspräsident ein Telegramm des Justizministers in Händen, das ihn seiner Stelle enthob und die sofortige Uebergabe der Agenden an seinen Nachfolger anbefahl. Die „furchtbaren Versäumnisse" haben überall eine traurige Rolle gespielt. Die Anwesenheit des Statthalters in Neu- Sandec dürfte wenigstens die Erkenntniß gereift haben, daß man bei solchen Ausbrüchen der Volksleidenschaft mit eigenen Augen sehen und mit eigenen Augen hören muß und daß die amtlichen Berichte allein nicht immer eine verläßliche Grundlage zur Beurtheilung der Situation bieten.