Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 26 (1.7.1898)
- Date
- 1898-07-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 506 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 26 mann, stehen Sie auf, treiben Sie keine Narrenspossen! augenblicklich erheben Sie sich, ich, der Kaiser, beseht' es Ihnen!" und als der zerknirschte Amtmann sich mit einem kreideweißen, von gelben Erdflecken getigerten Gesichte zitternd erhob, konnte sich Kaiser Josef eines lauten Lachens nicht erwehren, in das zuerst seine Cavaliere, dann alle Anwesenden bescheiden einstimmten, der Amtmann fühlte sich durch diesen Heiterkeitsausbruch beruhigt, und der Kaiser fuhr mit freundlichem Humor fort: „Wenn Sie da behauptet haben, ein formidabler Dummkopf zu sein, will ich als höflicher Mann mich darüber nicht m weitschweifige Disputationen mit Ihnen einlassen, da ich voraussetzen muß, daß Sie sich besser kennen, als ich Sie. Ueber Ihren übermäßigen Eifer, mich und meinen Freund Rosenberg einsperren zu lassen, zürne ich Ihnen gar nicht, und verzeihe Ihnen auch Ihre wohlwollende auf Menschenveredlung und Besserung abzieleude Absicht — jeden von uns väterlich mit einer nicht allzugeringen Zahl von Stockschlägen zu bedenken" — der unglückselige Amtmann schauerte bei der Entdeckung seiner entsetzlichen, hochverräterischen Gedanken zusammen, als wollte er in sich selbst verkriechen — „aber", der Kaiser war wieder ernst geworden, „Sie übernehmen ein wichtiges Amt und eine große Verantwortlichkeit, Sie sind Oberamtmann und zugleich Justiziär auf den großen Herrschaften des Herrn Baron Pellwald; ich habe" mich auf dieser meiner Reise davon überzeugt, das Wohl und Wehe vieler Tausende liegt in den Händen der Amtleute und Justiziäre, und Sie flößen mir nicht das Vertrauen ein, daß Sie Ihr Amt mit jener Unparteilichkeit, Gerechtigkeit, richtig angewandter Strenge, richtig angewandter Milde, welche jenes erfordert, verwalten werden. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß Jene, welche sich vor Höhergestellten zu tief beugen und demüthigen, in der Regel die Tyrannen und Bedrücker ihrer Untergebenen werden, Sie haben sich zuerst vor Ihrem Patron, später vor mir in nahezu menschenunwürdiger Weise gedemüthigt; — während Sie mit unschöner, widriger Heftigkeit und einer gewissen freudigen Gier unsere Verhaftung vornehmen lassen wollten." „Euer Majestät!", rief der Baron, „wenn der Mann das Unglück hat, Allerhöchst dero Mißfallen erregt zu haben, so will ich ihn sofort entlassen." „Nein, Baron, das wünsche ich nicht; vielleicht wird dieser Graf, als Oeconom ein tüchtiger Fachmann, vielleicht ein bedeutender Jurist sein — und vielleicht sind meine Worte nicht wirkungslos geblieben, und er kann noch ein tüchtiger Beamter werden. Es soll mich fteuen, Amtmann Graf, wenn diese Stunde keine verlorene in Ihrem Leben war; — doch sage ich es Ihnen offen, ich werde dem Kreisamte, Ihrer unmittelbaren Oberbehörde, den Befehl ertheilen lassen, Sie scharf zu beobachten und mir Bericht über Sie zu erstatten. Sollten meine Befürchtungen eintreten; — dann sind Sie lange genug Amtmann gewesen; — aber ich will das Bessere hoffen." „Euer Majestät, darf ich es allerunterthänigst wagen, die ehrfurchtvollste Bitte auszusprechen, mein Schloß durch Allerhöchstdero Gegenwart zu beglücken?" frug der Baron. „Ich danke, Baron, Sie waren ja soeben daran, mir Ihre Gastfreundschaft zu bezeugen. Sie wollten mir und meinem Begleiter, Grafen Rosenberg, Obdach und eine allerdings sehr mäßige Kost anweisen." „Euer Majestät!" rief der Barou entsetzt. „Sie haben mich ja nicht gekannt," fuhr der Kaiser gutmüthig fort, „ich habe es Ihnen ja schon gesagt, Sie können vollkommen überzeugt sei», daß ich Ihnen darüber nicht im Mindesten zürne — aber ich will, da Coronini mit dem Postwagen da ist, weiter fahren — ich habe nur noch einige Geschäfte zu ordnen, und Sie gestatten wohl, Herr Baron, daß ich diese hier sofort erledige." „Majestät! Mein Leben, mein Vermögen, mein Gut, Blut ist Allerhöchstihnen gewidmet." In dem Augenblicke fiel es dem verwirrten, befangenen Pellwald ein, daß der Kaifer für Jakob Leipnik die erledigte Judenfamilie gewünscht hatte, und er beeilte sich nun zu sagen: „Euer Majestät haben es allergnädigst auszusprechen geruht, daß dem Jacob Leipnik die auf meiner Herrschaft erledigte Judenfamilie verliehen werden soll, und es versteht sich ganz von selbst, daß ich in gebührender pflichtschuldigster Obedienz dem allerhöchsten Befehle gehorsame und dieselbe auf Jacob Leipnik — ohne jede Vergütung übertrage." Der Kaiser hatte, wie er zu thun Pflegte, die Hände auf den Rücken gefaltet und hielt sein Haupt ein wenig gesenkt; jetzt erhob er dieses und mit einem vielsagenden Blick, der dem Baron durch Mark und Bein drang, erwiderte er : „Nein Baron, ich nehme dieses schwere Opfer nicht von Ihnen au. Ich bereise meine Staaten, wie Sie wissen und sich zu überzeugen Gelegenheit hatten — incognito, um meinen Beruf, die Regierung eines großen Reiches auch praktisch zu erlernen, die Verhältnisse in meinen Staaten, namentlich die bestehenden Uebelstände genau kennen zu lernen und sie nach Kräften zu beheben. Meine Feinde — und ich besitze deren viele, behaupten, ich wäre ein Gegner des Adels — das ist nicht wahr — ich will nur die Ausschreitungen desselben bekämpfen. Sehen Sie, Baron Pellwald, die Herren Barone in meinen Staaten wollen auf ihren Gütern den Monarchen spielen, — aber der Grundherr hat nicht nur Rechte, er hat auch Pflichten, er muß ja auch für das Wohl seiner Unterthanen, das in seine Hände gelegt ist, väterlich sorgen; — aber die Herren benützen nur das, was sie als ihr Recht anerkennen; aber sie wollen von den ihnen auferlegten Pflichten nichts wissen! Sie betrachten ihre Unterthanen als Nutzvieh, das sie in ausgiebigster Weise und in jeder Richtung verwerthen, denen sie das Mark aus den Knochen, das Blut aus den Adern saugen würden, — aber sie kümmern sich nicht um ihre Wohlfahrt! — Sehen Sie, dieser Jacob Leipnik da, den ich erst heute vor wenigen Stunden das Erstemal gesehen, ist — ich bin Menschenkenner und irre mich nicht, — ein braver redlicher Mensch; aber er hat das doppelte Unglück, ein Jude in Mähren und Ihr Unterthan zu sein; er liebt ein Mädchen, das seine Neigung erwidert und ohne Zweifel derselben auch würdig ist; — aber ein Gesetz, das jetzt noch, in voller Kraft besteht, und das ich leider in dem Momente nicht allein ausheben kann, beschränkt die Zahl der Judenehen, in einer Weise, die — das können sie versichert sein, — bei einer kommenden, vernünftigen erleuchteten Generation keinen Beifall, vielmehr den verdienten, härtesten Tadel finden wird; — allein die Ausführung, des an und für sich drakonischen Gesetzes darf nicht noch durch Vexation und Erpressung erhöht, verschärft werden. Sie, Herr Baron, haben von einem mittellosen Manne, der Ihr Unterthan ist, für das Recht, sich verehelichen zu dürfen, eine Riesensumme, ein Vermögen, gefordert, und wollen, wenn Ihre Habsucht nicht befriedigt werden kann, zwei Ihrer Unterthanen unglücklich machen, und die Familienstelle ohne jede Rücksicht auf Würdigkeit dem ersten Besten vielleicht auch dem ersten Schlechtesten verkaufen; — glauben Sie, daß ein solcher Vorgang mir wohlgefällig sein kann? — wahrhaftig nein — Ich hatte, als Sie mich noch für Ihren Oberamtmann' hielten, geglaubt, Sie würden eine mäßige Forderung, etwa in Form einer Taxe, aussprechen, und die hätte ich in diesem speciellen Falle gerne aus meiner Privatchatouille bezahlt; — aber als ich erkannte, daß Sie mit Ihren Rechten Schacher treiben, daß Sie diese bis zur äußersten Grenze, bis zum Extreme ausnützen wollten, bin ich von der Idee abgegangen; — verkaufen Sie das Glück zweier wackerer Menschen an wen Sie wollen, und ich wünsche Ihnen zu dem „Cavaliergeschäfte", ein bitteres Lächeln umschwebte die Lippen des Kaisers, „recht viel Glück"; aber er wandte sich wieder an Leipnik, „trotzdem können Sie doch ganz ruhig nach Hause gehen und Ihrer Verlobten sagen — daß Sie eine Familienstelle bekommen. Ich werde von meinem Kaiserrechte Gebrauch machen und für meine allezeit getreue Provinz Mähren eine neue Judenfamilie creiren; dagegen wird selbst meine allergnädigste Frau Mutter Majestät, die an den bestehenden Verordnungen festhält, nichts einzuwenden habe». Graf Coronini, zeigen Sie gefälligst der Hofkanzlei an, daß ich befunden habe, dem Jacob Leipnik aus Brauschitz eine neue Judenfamilie zu verleihen, fügen Sie hinzu, daß er an keinen Ort gebunden ist und sich überall in Mähren, auch in einer Stadt, niederlassen kann. Ich beabsichtige nämlich nicht", der Kaiser wandte sich mit einem ironischen Lächeln an den Barou, „Ihnen Concnrrenz zu machen und Ihre Judensamilien im Preis herabzusetzen. Die Hofkauzlei soll es sofort dem mährischen Landesgubernium intimiren und diesen meinen Befehl in geeignetem Wege zur Ausführung gelangen lassen. Auf eines müssen Sie sich doch gefaßt machen, lieber Leipnik! einige Wochen wird es immerhin dauern, denn meine Entschließung hat einen weiten Bogen zu beschreiben, bis sie, wie man sich im langweiligen Amtsstyl ausdrückt, zu Ihnen herablangt, und es ist mir noch immer nicht gelungen, meinen Herren Staatsbeamten