Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 26 (1.7.1898)
- Date
- 1898-07-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2.6 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 503 Krakau. Ms Anlaß des hundertsten Geburtstages des großen Dichters M i c k i e w i c z, dessen Toleranz und Wohlwollen für die Inden die „Oesterreichische Wochenschrift" in ihrer letzten Nummer hervorgehoben hat, fand hier am Sonntag den 26. v. M. in der alten Synagoge ein feierlicher Gottesdienst statt. Zu dems-lben war der Cultusvorstand mit dem Präsidenten der Cultusgemeinde, Gemeinderath Dr. Leon Horowitz und dem Vice-Präsidenten Gemeinderath Hirsch-Landau an der Spitze, sowie ein überaus zahlreiches Publicum erschienen. Die Festrede, die tiefen Eindruck auf die Znhörer übte, hielt Rabbiner-Stellvertreter Herr Chaim L. Horowitz. Eine Stunde später fand ein Gottesdienst im israelitischen Tempel statt, zu welchem ebenfalls das Präsidium der Cultusgemeinde mit den Cultusvorstehern erschienen ist. Hier hielt Prediger Dr. Thon in polnischer Sprache die Festrede, die beifällig aufgenotnmen wurde. Am Montag den 27. v. M. nahm der Cultusvorstand mit dem Präsidenten Dr. Leon Horowitz und dem Vicepräsidenten Hirsch-Landau an der Spitze an dem Festzuge auf das königliche Schloß Wawel theil, cm dem sich auch Rabbiner-Stellvertreter Herr Chaim L. Horowitz im Namen des Rabbinats betheiligte. Prag. Hochverehrter Herr Redacteur! Ich ersuche Sie höflichst, einem Nothschrei Raum zu gewähren. Keine Woche verläuft, in welcher nicht irgend ein Anonymus Rathschläge über das ertheilt, was unserer Religion zur Ehre gereichen könnte. Die Fülle der Rathschläge erdrückt uns, und in der Unmasse von Spreu geht auch manches Korn verloren. Wäre es nicht an der Zeit, daß jeder Unberufene das Haus Israel mit seinen Rathschlägen verschone und daß nach stillschweigender Uebereinknnft zunächst Jeder bei sich Umschau und. Einschau halte, ob er stets die Ehre und das Ansehen des Judenthums allein im Auge hat? Da ärgert sich in Nummer 25 ein Herr L. aus Prag darüber, daß die meisten jüdischen Trauungen in Hotels abgehalten werden. Die Leser der Wochenschrift wissen wohl nicht, wo das hinaus will, da ein Nicht-Prager die Verhältnisse unmöglich genau kennen kann. In Prag werden jährlich etwa 3—400 jüdische Trauungen vollzogen. Vier Fünftel derselben sind Trauungen vom Lande. Die Landleute, die die Hochzeitsgäste auf dem Dorfe oder in der kleinen Stadt nicht beherbergen können, laden die Angehörigen lieber nach Prag und halten dort in einem Hotel Trauung und Hochzeit ab. Wollten sie die Trauung in einer Prager Synagoge vornehmen lassen, hätten sie erstens eine horrende Gebühr zu zahlen, zweitens könnten sie die Trauung nickt von ihrem Rabbiner vornehmen lassen, die Trauung müßte einer der ihnen und ihrem Hause ganz fernstehenden Prager Rabbiner vollziehen. Die Prager Rabbiner, die ohnedies mit Berufsgeschäften überladen find, einige haben jährlich 70—80 Trauungen im Jahre zu vollziehen die dabei ein großes Einkommen besitzen, würden sich sicherlich als die Ersten melden, die dagegen protestiren würden, wenn man das so spärliche Einkommen der Rabbiner auf dem Lande dadurch schmälern wollte^ daß man ihnen die Möglichkeit entzöge, die Trauungen in Prag vorzunehmen. Doch, vor Allem die Ehre und das Ansehen des Jndenthums! Wie verhält es sich nun damit? In ganz Deutschland sind fast alle Trauungen in Hotels, zuweilen auch im Hause, fast nie im Tempel. Kein Mensch fand in diesem Vorgänge etwas, was einer Unsitte ähnlich sieht, nur der Herr L. in Prag. Die ganz würdig verlaufenden Trauungen in den Hotels haben Keinen weiter zu bekümmern als die Trauungsgäste. Wenn diese zufrieden sind, hat keiner ein Recht, ein Wort darüber zu verlieren. Trauungen sind Privatangelegenheiten wie Beschneidungen, und darum sind Trauungen giltig, selbst wenn sie ohne Minjan stattfinden. Es ist auch nicht wahr, daß Katholiken und Protestanten nur in einer Kirche getraut werden können, Haustrauungen sind bei Christen nicht so selten, wie Herr L. glaubt. Wenn wir uns schon am Vorgänge Andersgläubiger ein Beispiel nehmen sollen, so sei es dies, daß nicht jeder Unberufene gerade in religiösen Angelegenheiten seine Weisheit offenbare. Ist es denn wirklich würdiger, wenn in einer großen Synagoge einige Leute, die kaum zwei Bänke füllen, sich dort ganz allein finden, und ein Rabbiner, der das Brautpaar zum ersten Mal sieht, die Trauung vollzieht. Das sieht dann so geschäftsmäßig aus, daß der Trauungsact Jedem kühl läßt. Ein Anonymus, der keine Rathschläge ertheilt. Melnik, 26. Juni. Gestatten Sie zu der Korrespondenz aus Prag, bezüglich der Bestätigung der Statuten des Pensions- Vereines der israelitischen Lehrer Böhmens eine kleine Ergänzung. Die Bestätigung ist, weil kaum erhofft, sehr erfreulich. Aber mit der vollen Actionsfähigkeit dieser Institution hat es trotz des Fondes von 100.000 fl. feinen Haken. Dieser Fond müßte dreimal so stark sein, wollte nran von einer „vollen" Actionssähigkeit sprechen. Was er aber jetzt bietet, ist zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben, nämlich anstatt der festgesetzten Normalpension bis jetzt 35 Percent derselben. Die löbliche Landesjuden-Repräsentanz von Böhmen hat für diese Institution Großes geleistet, was ihr die dankbare Lehrerschaft nie vergessen wird. Auch einzelne rühmenswerthe Gemeinden leisten seit Bestand dieser Institution regelmäßige Jahresbeiträge, sowie durch Comites in ziemlich vielen Gemeinden jährlich gesammelt wird, aber die große Allgemeinheit steht dieser eminent wichtigen Angelegenheit kühl bis an's Herz gegenüber. Und doch läge es im Interesse einer „jede n" Gemeinde, den Fond zu stützen, um vorkommenden Falles ihre arbeitsunfähigen Beamten gesichert zu wissen und doch aus eigener Tasche nichts hergeben zu müffen. Man hatte auf das Jubilänmsjahr große Hoffnungen gesetzt; doch sie wurden leider enttäuscht. Wohlthäter, die sonst wohlthätige Institutionen auf's Munificenteste bedenken, hatten für die Bitten der Lehrer — nicht einmal eine Antwort. Wie ersichtlich, hat es also bis zur „volle n" Actionsfähigkeit noch gute Wege. Gott bessere es! Breslau, 25. Juni. (Ferdinand Cohn.) Heute Nachmittag um drei Uhr ist der Geheime Regierungsrath Professor Dr. Ferdinand Cohn hier am Herzschlag verschieden. Cohn war erst vor Kurzem bei Gelegenheit seines 70. Geburtstages zum Ehrenbürger der Stadt Breslau ernannt worden. Durch den plötzlichen Tod des berühmten Botanikers Ferdinand Cohn hat nicht nur die schlesische Hochschule einen unersetzlichen Verlust erlitten, sondern die ganze wissenschaftliche Welt betrauert in dem Heimgegangenen eine ihrer edelsten Zierden. Der so plötzlich vom Tode ereilte Gelehrte stammt aus einer hochangesehenen, gebrldeten Breslauer Kanfmannsfamilie, in welcher ein ungemein reger Sinn für Bildung und echte Menschenliebe herrschte. Der junge Ferdinand verrieth schon in der frühesten Jugend Spuren einer ungewöhnlichen Begabung. Dank der klugen Fürsorge seines Vaters durfte sich der Heranwachsende, zu den größten Hoffnungen berechtigende Jüngling in einer wirklich harmonischen Weise seinen eigenen Neigungen entsprechend entwickeln. Im Gegensatz zu den meisten hervorragenden deutschen Gelehrten, die ein Wanderleben von einer Hochschule zur anderen zu führen pflegen, blieb Ferdinand Cohn ein getreuer Sohn der Hochschule, an welcher er hauptsächlich durch Göppert, Nees v. Esenbeck, Purkinje in die Naturwissenschaften eingeführt wurde. Mit einer kurzen Unterbrechung in Berlin hat Ferdinand Cohn seine ganze arbeits- und ruhmreiche Gelehrtenlaufbahn in Breslau von Anfang bis zu Ende durchmessen. Hier hat er sich als 22jähriger junger Mann habilitirt, hier wurde er neun Jahre später, im Jahre 1859, nachdem er durch seine pflanzenphysiologischen Arbeiten bereits das größte Aufsehen in der gesammten naturwissenschaftlichen Welt auf sich gelenkt hatte, zum außerordentlichen und erst zwölf Jahre später, 1871, zum ordentlichen Professor der Botanik ernannt. Es ist, wie man sieht, dem großen Forscher nicht leicht geworden, sich in den Augen der preußischen Unterrichtsverwaltung zur Geltung zu bringen. Er hatte bereits als 26jähriger Forscher durch seine bahnbrechenden Entdeckungen auf dem Gebiete der Biologie die Aufmerksamkeit der ganzen naturwissenschaftlichen Welt auf sich gelenkt. Er ist durch seine im Jahre 1854 veröffentlichen Entdeckungen über die pflanzliche Natur der Bacterien der Schöpfer einer so ungemein folgenreichen Wissenschaft geworden. Man kann mit vollem Rechte behaupten, daß Ferdinand Cohn durch seine pflanzenphysiologischen und pflanzenbiologischen Untersuchungen der eigentliche Schöpfer nicht nur der modernen wissenschaftlichen Bacteriologie, sondern der modernen wissenschaftlichen Hygiene geworden. Auf Ferdinand Cohn's Schultern steht so recht eigentlich sein großer Schüler Robert Koch, der mit Stolz und Genugthuung zu seinem Breslauer Meister emporblicken darf. War doch Ferdinand Cohn einer der Ersten gewesen, der die bakteriologischen Arbeiten des damals noch ganz unbekannten Wollsteiner Kreisphysicus Robert Koch sofort in ihrer ganzen schwerwiegenden Bedeutung für die Theorie wie für die praktische Medicin und für die ärztliche Gesundheitspflege erkannt hatte. Paris. Rabbi Raphael Lewy, General-Almosenier der Gefängnisse und Hospitäler im Departement der Seine ist zum