Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 26 (1.7.1898)
- Date
- 1898-07-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 26 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 499 schwungvollen Toast auf die glückliche Mutter, „Frau Bertha, die keuscheste der deutschen Frauen," ausbrachte. Bald daraus wußte die im Hause bedienstete Magd Anna U r b a n e k ihrem Herrn zu erzählen, daß der Mann, der die Keuschheit Frau Berthas so schwungvoll gefeiert hatte, zu'dieser in Beziehungen stehe, welche jenem Toaste jede Existenz-Berechtigung nahmen. Auf Grund dieser Mittheilung constituirte sich ein aus dem Vormunde der Frau, Herrn Josef P a u l y, ihrem Gatten und dem der Familie nahestehenden Herrn Alois Eigl bestehende „Keuschheitscommission". Die Beobachtungen derselben hatten einen Ehescheidungs- und einen Ehebrnchsproceß zur Folge. Der Letztere wurde vorgestern durchgeführt und endete vorläufig mit der Verurteilung des Herrn P e r s ch i n k a zu vier Wochen Arrests. Gegen Frau Wöhrer wurde die Verhandlung vertagt. ..Deutsch" und „jüdisch". Von L. Riesenfeld» Oberlehrer in Ung.-Brod. Deutsche und deutscheste Blätter erklären seit dem Auftreten des modernen Antisemitismus: Juden seien keine Deutsche; durch ihr Gebühren beweisen sie, daß ihnen deutscher Jdealisms fremd ist, daß ihnen deutsche Treue vollständig mangelt und daß sie von deutschem Streben keine blasse Ahnung haben. Das sind Absagebriefe in aller Form rechtens, und es ist in der That auffallend, daß trotz alldem noch sehr viele Juden in Oesterreich gut deutsch gesinnt sind. Man hat diese Anhänglichkeit aus der Anziehungskraft der höheren Cultur des Deutschthums zu begründen versucht. Das ist aber nur theilweise richtig. Der Jude ist seitens des Staates, solange derselbe sein Heil im sogenannten Centralismus gelegen sah, für das Deutschthum erzogen worden und dieses Festhalten andemselben ist nichts Anderes als ein Product der Erziehung. In den „k. k. Erbstaaten" dachte man seit Josef II. ernstlich daran, Bildung und Erziehung des jüdischen Volkes planmäßig zu betreiben. Ein Hofdecret vom 15. April 1786 verfügt: „Es soll kein Jude getraut werden, wenn er sich über den in einer öffentlichen Schule oder zuhause empfangenen Unterricht in der deutschenSp rache mit dem vorgeschriebenen Zeugnisse nicht ausweisen kann. Diejenigen, welche sich dieser Anordnung zuwider trauen lassen, werden nach dem Gesetzbuch über schwere Polizeiübertretungen, XIII. Hauptstück, § 252 behandelt; Diejenigen aber, welche die Trauungen verrichtet haben, ihres Amtes entsetzt und für unfähig erklärt, jemals ein Amt zu bekleiden." Man sieht also, daß der Polizeistock zunächst auf die Juden eine fascinirende Wirknng geübt hat. „Deutsch" mntzte gelernt werden. Nachdem die ersten Schwierigkeiten überwunden waren, leuchtete den Juden das Verständniß für weltliche Bildung bald ein, und unter dem Namen „deutsch" verstand man bald alles profane Wissen: Rechenkunst, Erd- und Völkerkunde, Naturwissenschaft und dergleichen. Im Gegensätze zum „deutsch" bildete das „jüdisch" den Ausdruck für religiös-wissenschaftliche Kenntnisse. Der Staat, der damals Alles reglementirte, nahm sich auch des „jüdisch" an, und ein Hofdecret vom 14. December 1810 verfügte: „Jeder Bräutigam und jede Braut von der israelitischen Nation müssen, da sie die Heiratsbewilligung ansuchen, über den Inhalt des Lehrbuches Bne-Zion von dem Kreisamte geprüft werden und nur dann die Bewilligung zu heiraten erhalten, wenn sie bei der Prüfung wohlbestanden sind." Wenn man in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts einen Juden mit Stolz sagen hörte, meine Kinder können „jüdisch" und „deutsch", so erkennt in dieser väterlichen Aeußerung die Wirkung der beiden citirten Hofdecrete. „Deutscher Idealismus, deutsche Treue und deutsches Streben", für die der Jude angeblich keinen Sinn hat, beseelt nur Arier reinsten Blutes und begeistert sie zu heroischen Thaten! In Oesterreich sucht man vergeblich diese heroischen Thaten. Die deutsche Strammheit müßte sich zunächst an den Sprachgrenzen zeigen, und was hören wir stets äußern: Zurückdrängen des Deutschthums, Ueberfluten deutscher Marken durch slavische Hochwässer! Wo ist da der deutsche Idealismus, die deutsche Treue? Wer das Hasenpanier ergreift, ist kein Held und wer zurückweicht kein Idealist. Wie sieht es aber an der Sprachgrenze in Wirklichkeit aus? Man braucht nur in Mähren ein Bischen auszublicken, so gewahrt man Folgendes: ganze Bezirke, die noch vor 20 Jahren von deutschen Abgeordneten vertreten waren, sind heute dem Slavismus gewonnen; viele Städte, in welchen deutsche Vertretungen amtirten, sind czechisirt worden; die in denselben befindlichen Lehranstalten sind entweder schon nationalisirt oder die deutsche Sprache und Cultur liegt daselbst hoffnungslos danieder; die Spuren des Deutschthums in diesen Städten und Bezirken finden sich nur noch — bei Juden. Liest man in denVerordnungsblättern der Schulbehörden von deutschen Schuln an der Sprachgrenze, so findet man sicherlich hinten den Städtenamen in der Klammer ganz klein beige, fügt: Israelitische Gemeinde. Wieso das gekommen? Die Vertreter der „deutschen Gemeinbürgschaft", die ehemals an der Sprachengrenze tonangebend waren, bestanden aus Beamten, aus Bürgern, denen die Beamten in Allem Muster abgaben, aus Strebern und kleinen Leuten, die den Machthabern stets zu Diensten stehen. Die Juden bildeten, vollbewußt, das sogenannte Stimmvieh, welches nach vollzogenen Wahlen wieder ignorirt wurde. Beamte und Bürger hatten auch ihre Geselligkeitsvereine, zu welchen ein Theil der Juden, aber beileibe nicht als vollberechtigt, zugelassen wurde. Ohne daß es in den Bereinsstatnten verzeichnet gewesen wäre, blieb die Scheidewand zwischen der „deutschen Gemeiubürgschaft" und den Juden aufrecht. Hie und da ertönte auch das Deutsche Lied aus deutscher Heldeubrust, deutsche Turner wurden gefeiert und besungen, kurz der deutsche Idealismus schien für die Ewigkeit gefestigt. Der deutsche Geist lebt aber im deutschen Leib, und dieser besitzt Schwächen wie bekanntlich alles Fleisch. Wie leicht entsteht nicht bei einer Kegel- oder Kartenpartie ein Verdruß; durch Zwischenträgerei wird eine Kluft geschaffen, es ein steht Feindschaft, die die * Geselligkeitsvereine sprengt. Feindliche Brüder haben noch immer das Vaterhaus zerstört. Die Communalwahlen rücken heran, der deutsche Geist wird mächtig, der alte Bürgermeister und dessen Anhang müssen gestürzt werden, um jeden Preis! Aber es sind doch Deutsche? Durch den Zwist übergeht die Communalverwaltung in die Häude der Czechen? Thut nichts, diesen Lumpen muß der Garaus gemacht werden! Und richtig, am Tage der Wahl glänzt die „deutsche Gemeinbürgschaft" entweder durch ihre Abwesenheit oder sie stimmt direct für die Gegenpartei. Und die Juden? Die Besonnensten unter ihnen verhalten die Massen, welche den Untergang des Deutschthums schmerzlich empfinden, zur Neutralität und verhüten dadurch mannigfache Gefahren, welche der Sieger zweifellos über die jüdischen Gegner herbeigeführt hätte. Aus ist es mit deutschen Festen, deutschen Heldenjungfrauen und dergleichen, der deutsche Geist zieht ab. Deutsche Schulen bestehen, deutsche Zeitungen und Bücher werden gelesen und deutsche Cultur wird sang- und klanglos gepflegt — bei den Juden. Bon Brünn bis zur ungarischen Landesgrenze wird mau bald das „deutsch" nur noch finden bei dem „jüdisch", und wenl es in diesem Kreise nicht gefällt, der wird auf dieser Strecke getrost fragen können: Wo ist des „Deutschen" Vaterland? Zur Geschichte der Justizirrthümer. Die Juristen Laillier und Vonoven haben in jüngster Zeit ein Buch veröffentlicht, das den Namen >Les Erreurs judicaires en France«*) (Rechtsirrthümer in Frankreich) führt. Das überaus lehrreiche Werk beschäftigt sich nur mit der Wiedergabe jener Fälle, in denen schließlich die Rechtsirrthümer behördlich constatirt wurden. Alle zweifelhaften Proceffe, sowie die Processe der Märtyrer politischer Wirren find ausgeschlossen worden. Wir unterlassen es selbstverständlich, von jener Zeit zu sprechen, die dem Code Napoleon voranging; aber auch von da ab finden wir, daß die Geschichte der Justizirrthümer reich an traurigen Fällen ist. Gleich zu Anfang des Jahrhunderts, 1815, spielte sich ein Proceß ab, der heute, wo die Dreyfus-Affaire alle Gemüther bewegt, die Worte Ben Akiba's „Alles ist schon dagewesen", auf *) Pedone, Paris.