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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-07-01 · 26 (1.7.1898) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
26 (1.7.1898)
Date
1898-07-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 498 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 26 Eperies, 27. Juni. Ungefähr 60 jüdische Familien sind aus Neu-Sandec hieher geflüchtet. Sie erzählen, daß die Plünderungen sich unter den Augen des Militärs abspielten. Die Meldung, daß ein Bataillon von Eperies nach Neu-Sandec entsendet worden fei, ist unrichtig. Lemberg, 27. Juni. In Neu-Sandec und in der Umgegend haben die antisemitischen Excesse die größten Berherungen an gerichtet. In der Stadt Alt-Sandec wurde Samstag dieganzeNachthindurch geplündert. Die Unruhen brachen um 8 Uhr Abends ohne jeden äußeren Anlaß aus. In der Stadt waren blos 2 Gendarmen und 40 Mann Militär. Da kam eine Menschenlawine aus den Dörfern und begann ein Geschäft nach dem anderen zu plündern und dann zu demoliren. Die geraubten Sachen wurden von den B auern hinter die Stadt zu d ort vorbereiteten Fuhren getragen, welche ihre Beute in die Dörfer brachten und dann zurückkehrten. Es war ein vollkommen organisirter Plünderungszug. Bis 1 Uhr Nachts dauerte dieser Naubzug, welchem Militär aus Neu-Sandec dann endlich ein Ende machte. Die ganze Stadt ist ruinirt. Der Schade ist ein enormer. In Neu-Sandec dauerten die Unruhen und Plünderungen den ganzen Sonntag. In L o u c k o bei Alt - Sandec mußte das Militär Feuer geben. Ein Mann wurde getödtet, mehrere verwundet und verhaftet, darunter angeblich die Rädelsführer. Auch in allen umliegenden Dörfern, wie Milkonoy, Leka und Pittkowa wurde geraubt, geplündert und demolirt. In der ganzen Gegend herrscht eine unbeschreibliche Panik. Der „Gazeta Lwowska" wird aus Neu- Sandec gemeldet, die Lage sei dort Samstag ernst gewesen. An diesem Tage Früh wurden Juden geplündert. Es erfolgten Angriffe auf Kaufläden, Wirthshäuser, Spirituslager und Gebäude der Gutsbesitzer. Samstag Abends fanden in Alt-S andec ebenfalls Excesse statt. Die auf dem Ringplatze in kleineren Gruppen versammelten Bauern stürzten sich auf ein Losungswort auf den Kaufladen Steinrich's. Eine Compagnie Infanterie schritt sofort ein. In diesem Augenblicke entströmten den Häusern ungefähr zweitausend Ortsinsassen, welche andere jüdische Geschäfte überfielen. Das Militär machte von der Waffe Gebrauch und vertrieb die Menge. Mehrere Bauern wurden verwundet. Zwei weitere Compagnien Infanterie sind dahin abgegangen. 69 Personen wurden verhaftet. — In Kouiuszowa (Bezirk Grybow) wehrte ein Gendarm einen Ueberfall auf zwei Wirthshäuser ab; die Excedenten wurden verhaftet. Zur Miekiewiez-Feier. Ein grelleres Bild des Contrastes als uns die Vorgänge der letzten Tage in Galizien vor Augen führen, ist kaum denkbar. Während die bäuerliche Bevölkerung Westgaliziens in entmenschter Bestialität fortfährt, Brand, Raub und Mord zu stiften, während sich das westgalizische Bauernvolk, aufgereizt wie ein wildes Thier, auf den armen trotz der gewährleisteten Gleichberechtigung, dennoch vogelfreien Juden blutgierig stürzt — feiert das polnische Volk die hundertste Wiederkehr jenes Tages, an dem Polens größter Mann, der Dichterfürst Adam Mickiewicz das Licht der Welt erblickte. Es feiert das polnische Volk in diesen Tagen die Wiederkehr eines Tages, an dem ihm die Vaterlandsliebe und das ideale Streben nach Freiheit geboren ward. Was kann nun schmerzlicher berühren, als wenn man sieht, daß der größte und beste Mann eines Volkes mit der Sprache seiner göttlichen Kunst ins Herz seines Volkes nicht zu dringen vermochte, wenn man die Wahrnehmung machen muß, daß Mickiewicz's sehnlichster Wunsch nicht in Erfüllung ging, der da lautet: »O, gdybym kiedys dozyl t6j pociechy, Zeby te ksiegi zbladzily pod strzechv; Zeby tez wziely wiesniaczki do reki Te ksiecgi proste jako ich piosenki. (In beiläufiger deutscher Uebersetzung.) O, daß ich je die Freude noch erführe Zu sehen diese Bücher an der Bauernthüre, Die Bücher in der Bäuerinnen Kreise, So einfach, wie ihres Liedes Weise. Die traurige Wahrheit läßt sich nicht leugnen, daß die Dichtungen Mickiewicz's in die Seele des polnischen Volkes noch nicht gedrungen sind. Denn wäre dies der Fall, dann müßte sich das Volk bei der Feier seines hundertsten Geburtstages auch daran erinnern, daß dieser gottbegnadete Sänger auch dem polnischen Juden, dessen Charakterzüge er in seiner Dichterseele genauer erfaßte, als je ein Pole, eines der herrlichsten Denkmäler setzte in seinem „Pan Tadeusz" in dem Juden Jankiel. In dem Bewußtsein dieser Thatsache könnte aber das polnische Volk die Weihe des gegenwärtigen Augenblicks nicht mit Handlungen beschmutzen, deren entsetzlichen Schauplatz Galizien zur Zeit bildet. Adam Mickiewicz verdiente besseren Dank, als ihm von Seiten der Polen abgestattet wtrd. Das polnische Volk weiß den Größten seiner Großen nicht zu ehren. Louchet. Unbemerkt abschießen. Herr Redacteur! Der Realschulprofessor Herr Josef Stur m hat, wie Sie in ihrer letzten Nummer berichteten, das unbemerkte A b s ch i e ß e n von Juden als die radicalste Selbsthilfe empfohlen, um sich von dieser, wie er sich ausdrückte, verächtlichen Race von Fremdlingen zu befreien. Dieses Auftreten eines Individuums, welches auf die volle Anerkennung seitens eines Ernst Schneider und aufdessen alleinige Achtung Anspruch hat, ist keines > egs überraschend in einer Zeit, in welcher die antisemitische Hetze eine Empfehlung ist und als ein nahezu sicherer Weg erscheint, um politische, vielleicht aber auch andere Earriere zu machen. Wenn also der genannte Mensch es für gut findet, diesen Weg einzuschlagen und die Lehre Schneider's vom Schußgeld für Juden in eine neue Form zu kleiden, so ist das seine Sache. Eine andere Frage aber ist es, ob solche Auslassungen, durch welche ausdrücklich der Meuchelmord gutgebeißen wird, gesetzlich gestattet sind? Es wurde bereits von Ihnen die Anwesenheit eines Regierungscommissärs bei jener Versammlung constatirt, und wenn dieser solche Reden ruhig anhört, ohne gegen eine solche flagrante Gesetzesverletzung Einspruch zu erheben, so nröchte ich denn doch wissen, was überhaupt noch das Erscheinen eines Regierungscommissärs in einer antisemitischen Versammlung für einen Sinn hat. Nach dieser Probe zu schließen, darf eben in einer solchen Versammlung Alles gesagt werden und die Anwesenheit des Bürgermeisters der Stadt Wien scheint auf die Leute vom Schlage S ch n e i d e r 's und seines neuaufgetauchten Schülers eher aneifernd als mäßigend cinznwirken. Endlich sehe ich mich veranlaßt, aufs Allerentschiedenste dagegen zu protestiren, daß cs einem Professor an einer öffentlichen Mittelschule gestattet sein soll, eine so nichtswürdige Hetze mit so nichtswürdigen Mitteln zu betreiben. Wie können jüdische Schüler erwarten, von einem solchen Lehrer objectiv behandelt zu werden, und welchen Eindruck soll es auf die Knaben und Jünglinge machen, wenn sie lesen, daß ihr Lehrer die Angehörigen einer gesetzlich anerkannten Konfession als eine verächtliche Race von Fremdlingen ungestraft beschimpfen darf, und welche Folgen sollen daraus für die Verträglichkeit zwischen den Schülern verschiedener Konfessionen erwachsen? Meines Erachtens ist der U n t e r r i ch t s m i n i st e r verpflichtet, diesem unerhörten Fall seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Entweder antisemitischer Agitator oder Lehrer — Beides vereint ergibt eine scandalöse Erscheinung. Hochachtungsvoll der Vater eines jüdischen Realschülers. Die moderne Wissenschaft im Dienste der Kirche. Unter dem Titel: „Ein merkwürdiger Fall" veröffentlicht der „Osservatore Romano" eine Correspondenz aus Turin, worin mitgetheilt wird, in welcher Weise eine mit elektrischem Lichte hergestellte Photographie des jüngst ausgestellten heiligen Grabtuches eine Abbildung des Körpers Christi zeigte. Ursprünglich zögerte König Humbert, der erbliche Hüter der Reliquie, die Erlaubniß zur Herstellung der Photographie zu ertheilen, aus Furcht, damit Speculationszwecken zu dienen. Später ermächtigte jedoch der König den Advocaten Secondo Pia (ein Mitglied des Conlites der heiligen Kunst) hiezu, welcher sich erbötig machte, auf eigene Kosten, lediglich um der Frömmigkeit und Geschichte zu dienen, eine Photographie anzufertigen. Auf einem nach einem speciellen System bereiteten Negativum ließ Pia starke elektrische Reflectoren wirken und bald wurden zunächst die Umrisse und nach und nach das Antlitz, die Hände und Glieder! Christi sichtbar. Die keuscheste der deutschen Frauen. Im Hause des Platzagentea Georg W ö h r e r wurde ein fteudiges Familienfest gefeiert. Die junge, hübsche Frau des Hauses hatte ihren Gemahl mit einem Stammhalter beschenkt und nach vollzogener Taufe wurde das frohe Ereigniß durch ein Festmahl gefeiert, an dem Verwandte und Freunde der Familie theilnahmen. Zu Letzteren gehörte auch Herr Carl P e r s ch i n k a, ein strammer Deutschnationaler, der im Verlause des Festes einen

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