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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-07-01 · 26 (1.7.1898) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
26 (1.7.1898)
Date
1898-07-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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wesmmsBG* Nr. 26 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 497 von Eltern, die Sie als einer verbrecherischen Race zugehörig bezeichnen. Sind das auch „Bürgen der Zukunft?" Oder fällt diese Function nur den Kindern antisemitischer Väter zu, die allerdings „Bürgen der Zukunft" zu sein sehr nothwendig haben, in Anbetracht der Schuld, welche ihre Vertreter in der Gegenwart auf sich laden? „Ich bin kein Schütze in Ihrem Sinne, ich habe kein Gewehr getragen, aber ich muß oft ein Schütze in anderem Sinne sein, und so weiß ich sehr gut zu schätzen, was es heißt, in's Centrum zu treffen." Herr Dr. Lueger versteht diese Kunst vortrefflich. Alle Wege führen nach Rom, und Dr. Lueger hat mit Leichtigkeit, von der Demokratie ausgehend, das C e n t r u m getroffen, und wenn er auch noch auf der äußersten Linken sitzt, so ist er selbst doch ebenso schwarz wie dieses. Auch seine diversen Parteigenossen sollen sich vortrefflich auf's Waidwerk verstehen. Neben den nie und nirgends fehlenden Stellenjägern findet sich da ein Manu, der es mit jedem ABC-Schützen aufnehmen kann, Herr Bergani, der auf einem Bogen mehr grammatikalische Böcke zu schießen vermag, als Andere auf tausend Druckseiten. Viele von ihnen fühlen sich nur dort wohl, wo es „wildelt"; — merkwürdig ist nur, daß sie so wenig auf den A n st a n d geben. * * * Der antisemitische Wählerverein in Hernals hat Herrn Purscht aufgefordert, sein Mandat niederzulegen. „Wir müssen aufrichtig gestehen," schreibt hierüber Bergani, „daß wir kaum unseren Augen trauten, als wir diese Zuschrift sahen". Wie Recht hat Bergani, daß er seinen Augen nicht traut; er kennt sich genau und weiß, daß ihnen wirklich nicht zu trauen ist. In Accenten der innigsten Theilnahme mit einem tief gekränkten Ehrenmann beklagt das „Deutsche Volksblatt" den — man denke nur — ohne jede Angabe eines Grundes gefaßten Beschluß, den der Verein zurücknehmen sollte, weil er sonst in Gefahr käme, von der Judenpresse gelobt zu werden. Der Nekrolog aber, den Bergani seinem im Weggehen von „dem" Leben begriffenen Freunde widmet, zeigt die ganze Größe des schmerzlichen Verlustes, den die antisemitische Partei erleidet. „Gemeinderath Purscht war und ist bekanntlich einer der verläßlichsten Männer von der Garde Lu ege r's. Er war es, der mit aller Entschiedenheit bei den Unterhandlungen mit Badeni für die vom Gemeinderathe gewünschte Bestätigung Lueger's zum Bürgermeister sich einsetzte. Er war es, der trotz seiner radicalantisemitischen Richtung es verstand, stets treu und ohne Widerspruch die Intentionen Lueger's und Strobach's zur Durchführung zu bringen." Das sind sehr kostbare Enthüllungen, harmlose Denunciationen und versteckte Drohungen. Die Antisemiten haben also mit Badeni wegen der Bestätigung Lueger's unterhandelt. Das haben ja die Antisemiten bisher so entschieden abgeleugnet. Alexander Purscht war der P r 0 t e c t 0 r L u e g e r's bei Badeni; aus den Händen Purscht's also hat eigentlich Lueger die goldene Kette erhalten. Am allerinteressantesten aus diesen Bekenntnissen schöner Seelen ist die Verdächtigung des Lueger'schen Antisemitismus. Die Intentionen Lueger's — der Strobach lauft nur so nebenher und scheint überhaupt nur einbezogen zu werden, um bei dieser Denunciation Lueger's vor seinen Anhängern die Mauer zu machen — hat Purscht durchgeführt trotz seiner radicalantisemitischen Richtung. Es bestand also ein Gegensatz zwischen ihm und Dr. Lueger; Purscht ist ein echter Antisemit und Dr. Lueger ist es nicht, denn Purscht mußte sich dessen Intentionen fügen — trotz seines Antisemitismus. Was das „Deutsche Volksblatt" seinem Purscht sonst noch nachrühmt, wird Niemand ohne Thränen der Rührung lesen können. „Er war als Referent in Schulangelegenheiten stets in erster Linie darauf bedacht, daß unsere Kinder stets nur wahrhaft christliche und deutsche Lehrer erhalten, und durch keine Vaterlands- und religionslosen Erzieher in ihrem jungen Gemüth verdorben werden. Er ging da Hand in Hand mit Dr. Geßmann." Welche Vielseitigkeit hatten doch die Hände Purscht's. Auf der einen Seite ging er Hand in Hand mit Philomene Mark, auf der anderen Seite Hand in Hand mit Dr. Geßmann! „Purscht war ein treuer uud aufrichtiger College," heißt es weiter in dem Nekrolog, der mit raffinirter Grausamkeit die Herzensqualen der Partei steigert und das Scheiden zu einer überaus schmerzhaften Operation gestaltet. Für die Philomena Mark sei er nur ein ,goldener Vogel" gewesen, den sie zu rupfen gedachte, und daß er der Vater der kleinen Alcxandrine geworden, sei für ihn — — wie schön gesagt — ein unverhofftes und unverdientes Glück gewesen. Die Philomene, so erzählt das Organ Purscht's aber weiter, erhielt von ihm 2500 fl. zum A n k a u f e d e s Hauses in der Spittelberggasse und weitere 3000 fl. als zweiten Haussatz. Als er erfuhr, an wen sie das Haus verm'ethe, habe er ihr Vorwürfe gemacht, und anläßlich einer solchen Scene sei sie zum Fenster hinausgesprungen. Und da verlange man, daß Purscht klagen soll! „Der Proceß Bergani hat wohl den besten Beweis erbracht, welche Genugthuung man als Kläger für die beleidigte Ehre erreichen kann." Sie sind eben nicht blos Gesinnungs-, sondern auch Schicksalsgenossen, der Purscht und der Bergani. Man hat sie Beide so sehr verkannt, und wahrhaft edel ist es von dem Ernst, daß er nunmehr sich um seinen Alexander annimmt und geradezu gegen die Partei frondirt, weil sie ihn fallen lassen will, denn er selbst hatte sich wahrlich nicht zu beklagen. Die Agitation für die sogenannte christliche Presse wird noch immer mit gleichem Schwung wie früher betrieben und unter dieser christlichen Presse versteht man einzig und allein das „Deutsche Volksblatt". Das ist auch ein goldener Vogel, aber keiner, der sich rupfen läßt, sondern einer, der goldene Eier legt, und der von Purscht protegirte Bürgermeister mag sich ernstlich in Acht nehmen, daß er sich die Gunst dieser christlichen Presse nicht verscherzt, die ihn bereits ziemlich frech in die Waden beißt. Robert Wolf. Ei» Hilferuf der Kaufmannswelt. An den Wiener Kaufmännische »Verein ist über die Zustände in Galizien gestern eine von hervorragenden Firmen in Krakau und Tarnow gezeichnete Depesche eingelangt. Dieselbe lautet: Krakau, 27. Juni. Plünderungen und Raub i n W e st g a l i z i e n dauern fort. Freitag und Samstag wurden neuerdings in vielen Orten, besonders in A l t - S a nd e c, g e s ch l 0 s s e n e Geschäfte erbrochen und a u s g e r a u b t. Wir ersuchen, sämmtliche Mitglieder zu verständigen, daß bei weiteren Vorkommnissen der g e s a m m t e H a n d e l s st a n d W e st g a l i z i e n s h ö ch st g e f ä h rd e t i st. Alle Interessenten mögen auch im eigenen Interesse bei den competenten Behörden raschest das Möglichste veranlassen, um schleunige Abhilfe zu erwirken. Gefahr im Verzüge. (Unterzeichnet ist die Depesche von Jacob Bober, Krakau; Salomon R i t t e r m a u n, Krakau; K 0 s ch e s und Birnbaum, Krakau; David Zins, Tarnow; Abraham Thor n, Tarnow; Mendel H e r z b a u m, Tarnow; P ar i s e r und D a n k 0 w i tz, Tarnow.) Die Vereinsleitung des Wiener kaufmännischen Vereins hat sofort eine diesbezügliche Eingabe a n d a s M i niste r i u m des Innern gerichtet und des Weitern die hervorragendsten kaufmännischen Corporatiouen eingeladen, ebenfalls die erforderlichen Schritte competenten Ortes zu unternehmen. Die Action der Wiener Handelskammer. Eine Anzahl der hervorragendsten Industriellen hat sich in einer Eingabe an das Präsidium der Wiener Handelskammer gewendet, in welcher sie darlegen, daß sie durch die Excesse in Galizien auf das Empfindlichste betroffen werden, da die Geschäftsverbindung mit der g a l i z i s ch e n Kundschaft vollkommen unterbrochen ist und die Gefahr besteht, daß, wenn denselben nicht sofort Einhalt gethan werde, sowohl der ö st e r r e i ch i s ch e n Industrie als auch den galizischen Kaufleuten schwerer Schaden zugesügt werden würde. In Folge dessen begab. sich der Handelskammer - Präsident Max M a u t h n e r zum M i n i st e r p r ä s i d e n t e n, um ihm die großen Gefahren darzulegen, welche nicht nur einen Theil der Bewohner von Galizien, sondern auch die österreichische Industrie bedrohen. Der Ministerpräsident erwiderte darauf, daß er die gegenwärtige Bewegung in Galizien sehr e r n st a u f f a s s e, und die Gefahren, welche sich aus derselben weiter entwickeln, durchaus nicht unterschätze. Er habe in Folge dessen bereits in zwei Bezirken das Standrecht eingeführt, und er werde weitere strenge Maßregeln ergreifen, um normale Zustände in Galizien wieder herbeizuführen. Er gebe sich der Erwartung hin, daß weitere Ausschreitungen nicht mehr erfol-. gen und eine wirthschaftliche Schädigung für die österreichische Industrie nicht platzgreifen werde.

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