Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 26 (1.7.1898)
- Date
- 1898-07-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 496 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 26 Constsrirk! Der Mangel an Energie, den die Excedenten in Kolaczyce und Jaslo wahrgenommen hatten, sollte sich bitter rächen. Nach 24 Stunden ging der Tanz in zwei Dörfern östlich und westlich von Jaslo los, genau nach der Zeit, welche die nach zwei Richtungen abgezogenen Banden gebraucht hatten, um einen neuen Schauplatz zur ungestörten Befriedigung ihrer Zerstörungswuth zu erreichen. Es begann der Glaube in ihnen Wurzel zu fassen, daß die Agitatoren Stojalowski's die Wahrheit gesprochen hatten, als sie ihnen von der behördlichen Ermächtigung zur Plünderung der Juden erzählten. Nach weiteren 24 Stunden wurde in Osten und Westen und in zwei anderen Dörfern eingefallen und jetzt wuchs, durch den Zuzug großer Bauernschaaren genährt, die Bewegung plötzlich zu ganz unvorhergesehenen Dimensionen an und breitete sich auch in die Bezirke Stryzow und Gorlice aus, bis die Schüsse von Fcysztak die erste Ernüchterung brachten, Noch immer aber bekundete der Bezirkshauptmann von Jaslo einen höchst befremdlichen Optimismus und sprach von den unnützen Kosten, welche die Herbeiziehung des Militärs verursachen. Nach dem übereinstimmenden Urtheile aller Persönlichkeiten, welche den Charakter der bäuerlichen Bevölkerung und die localen Verhältnisse genau kennen, hätte die ganze Bewegung im Keime erstickt werden können, wenn man den plündernden Banden schon in Kolaczyce und dann in Jaslo Ernst gezeigt und Einige von ihnen zum warnenden Erempel einfach ins Loch gesteckt hätte. Man hätte dann das Blutvergießen von Frysztak, durch welches die Erbitterung ins Ungeheure anwuchs, vermieden. Ein alter Jude mit ehrwürdigem Pattiarchenbart und langen Schläfenlocken steht vor uns. Seine Züge sind vergrämt, aber aus seinem Auge blitzt ungebrochener Lebensmuth. Es ist Herr F r a n t, der unglückliche Besitzer der uiedergebrannten Raffinerie. Die Früchte eines in mühseliger Arbeit, in redlichem Fleiße verbrachten Lebens sind dahin, aber der Mann jammert nicht. Er will von vorne anfangen, will sich und seinen sieben Kindern eine neue Existenz gründen, wenn man ihm nur ein wenig unter die Arme greifen will. Eine lebendige Illustration zu dem ergreifenden Familienbilde in der „Glocke". „Einen Blick nach dem Grabe seiner Habe sendet noch der Mensch zurück, greift fröhlich dann zum Wanderstabe." Solches Vertrauen in die eigene Kraft flößt Respect ein — auch den Bauern. Hier ein Beweis dafür: In Sieklürka brach die Horde in die Dorfschänke ein und verlangte zu trinken. Der alte Jude schleppt herbei, was seine Hände tragen können. Als sie genug getrunken, sagen sie zu dem Wirthe: „Jankel, jetzt geh' fort!" Der Mann schreit, er sitze 60 Jahre auf der Wirtschaft. „Sechzig Jahre hat sie dir gehört, jetzt gehört sie uns! Geh' fort, sonst schlagen wir dich todt." Der alte Jude flieht mit Weib und Kind. Nur eine fünfzehnjährige Tochter bleibt. Sie ergreift eine Schnapsflasche und schlägt sie dem betrunkenen Anführer an den Kopf. Der Getroffene taumelt blutend zurück, die Genoffen starren verblüfft auf das tapfere Mädchen, erhoben sich und schleichen von dannen. Es ist schade, daß die Frauen bei uns noch nicht politische Rechte besitzen. Die Schankwirthstochter von Sieklürka wäre ein tüchtiger — Bezirkshauptmann für Jaslo. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. Die Nachrichten über die furchtbaren Ereignisse in Galizien rufen den Eindruck hervor, als ob die Negierung in Wien über die dortig n Ereignisse nicht ausreichend unterrichtet gewesen, als ob der gefahrdrohende Eharatter der Bewegung, die nunmehr in so schrecklicher Weise ausartet, beschönigt worden wäre. Es ließe sich anders gar nicht erklären, wieso es möglich ist, daß in einem civilisirten Lande, in einem modernen mitteleuropäischen Staate ganze Städte und Dörfer von organisirten Banden ausgeraubt werden können, wie dies nunmehr in Alt- und Neu-Sandec geschehen ist. Mit dem bäuerlichen Gesindel verbanden sich wohlhabende städtische Bürger zur Ausräubung der armen Juden. Beinahe muß man glauben, daß der Negierung die Wahrheit vorenthalten wurde, weil es sonst, undenkbar wäre, daß nicht ausreichende Maßregeln zum Schutze der wehrlosen jüdischen Bevölkerung, deren Leben und Gut der Wuth fanatisirter Horden preisgegeben ist, ergriffen wurden. Zahlreiche jüdische Familien sind bereits an den Bettelstab gebracht und die telegraphische Bitte, welche eine Anzahl von jüdischen Kaufleuten an den Wiener Kaufmännischen Verein gerichtet hat, kennzeichnet die Gefahr, welche nicht auf die Juden allein beschränkt bleibt, sondern in ihren Folgen auch schwere Nachtheile für die christliche Geschäftswelt nach sich ziehen wird. Endlich hat das Ministerium sich zu einem energischen Versuche aufgerafft, die Ordnung herzustellen, denn mit den Jnspectionsfahrten des Statthalters, der sich immer nachträglich von den stattgefundenen Plünderungen überzeugt, imponirt man den Mordbrennern nicht. Ich muß aber noch einen anderen Punkt, zur Sprache bringen. Zahllose Familien sind, durch die Plünderungen ihrer Habe beraubt, in Noth und Elend gerathen. Wer hilft diesen von so schwerem Unglück schuldlos heimgesuchten Menschen? Als sich in Prag Judenexcesse ereigneten, die gegenüber dem, was in Galizien geschieht, als eine scherzhafte Unterhaltung erscheinen, wurden Sammlungen hier zu Gunsten der Beschädigten eingeleitet. Sind die galizischen Juden nicht bemitleidenswerthere Opfer, und wo bleiben denn die aus Galizien stammenden reichen Juden in Wien? Warum ergreifen sie, die zunächst berufen sind, ihren Landsleuten zu helfen und denen sich die anderen Juden gewiß opferwillig anschließen werden, nicht die Initiative zu einer umfassenden Hilfsaction? Vielleicht veranlassen diese Zeilen unsere Glaubensgenossen, zu thun, was in einem solchen Falle als ihre Pflicht erscheint. * * „Wir werden Alles dazu beitragen, um Ihnen Freude zu bereiten, und wenn der Bürgermeister im Rathhause einen Schützen zu sehen bekommt, soll es mich freuen, und ich werde ihm sagen: „S e h e n Si e sich nur das R a t h h a u s an!" Sehen Sie sich nur das Rathhaus an, meine Herren Schützen, genießen und bewundern Sie die Schönheit seiner Architektur und freuen Sie sich des herrlichen Anblickes. Ist es nicht schön, ist es nicht großartig? Nicht wahr, wer ein solches Werk geschaffen hat, der kann doch nicht so ganz und gar verderbt sein, wie z. B. die seinerzeitige liberale Majorität! Nicht die Liberalen haben dem Rathe der Stadt dieses Haus errichtet, sondern Dombaumeister Schmidt hat es erbaut, und jene haben nur das Geld dazu nicht gegeben, sondern aus den Mitteln der Bürgerschaft es bewilligt. Der heutige Stadtrath, der erbaut sich ganz andere Häuser, deren heiliger Charakter auch die Verwendung interconfessioneller Mittel zu confessionellen Zwecken rechtfertigt. Dr. Lueger hdßt die Liberalen, doch ihr Rathhaus sieht er gern. Er freut sich seiner Gothik, wenn er auch manchmal sehr zum Byzantinismus hinneigt, und er fühlt die innige Uebereinstimmung, die zwischen dem hochstrebenden Idealismus mit seinem den Stein vergeistigenden Styl und den erhabenen Ideen des Antisemitismus besteht. „Sehen Sie sich nur das Rathhaus an!" Alte Formen erscheinen von modernem Geiste erfüllt, gothische Vorbilder in bedürfnißmäßiger Weise variirt. Die aber drinnen den Tyn und den Styl angeben, die sind ganz und gar mittelalterlich, echtes, ältestes Mittelalter, die haben der Mode, die man anmaßend den culturellen Fortschritt der Neuzeit nennt, nicht die geringsten Concessionen gemacht. Der asketische Geist, er lebt auch in den Parteigenossen des Herrn P u r s ch t. Hoch ragt der Thurm G r e g o r i g über unsere Stadt hinweg und, wie das Rathhaus, so hat auch die Stadt Wien in ihrem Hause keine Säulen mehr, sondern nur — Strebepfeiler. Sehen Sie sich nur das Rathhaus an, Herr/Dr. Lueger! Auch Sie sind unter den Arkaden gewesen, aber die alle Menschen gleichmachende Wirkung der Kunst haben Sie nicht empfunden. Oder haben Sie sie doch empfunden? Wenigstens haben Sie sich in der letzten Woche außerordentlich tolerant gezeigt. Sie haben alle Kinder ohne Unterschied der Confession zu „Ihrem" Huldigungsfestzuge zugelassen und auch die Jnbiläumsschützen mußten sich nicht mit dem Taufscheine legitimiren. Das waren entschieden Ihre bisher liberalsten Züge. In der Liebe zum Kaiser sind eben nach Ihrem Ausspruche alle Bewohner dieses Reiches einander gleich, aber in der Liebe zu Gott sind die einen Menschen, und die anderen — Juden. Unter den Kindern, die Sie dem Kaiser vorführten, befanden sich doch auch jüdische Kinder, die Kinder