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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-07-01 · 26 (1.7.1898) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
26 (1.7.1898)
Date
1898-07-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 26 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 465 Barmherzigkeit. Im Vertrauen auf die mit Repetirgewehren bewaffneten Heerschaaren Gottes sind Viele von ihnen, namentlich die Städtebewohner, schon wieder zurückgekehrt, um die verwüsteten Heimstätten nach Möglichkeit wohnlich zu machen und die Erwerbsthätigkeit aufzunehmen. Sind's auch nur wenige Kreuzer, die man erschwingt, so ist es doch besser, als aus die öffentliche Mildthätigkeit der „Gasse" angewiesen zu sein. Nur die vereinsamten Dorfjuden wagen sich noch nicht nach Hause, und namentlich jene von Frysztak uno Umgebung fürchten die Rache für die elf Erschossenen. Schon nach der ersten Station südlich von Rzeszow merkt man, daß hier feindliche Gewalten hausen. An den Bahnübergängerl halten Husaren Wache, die Brücken sind militärisch besetzt, die Landstraßen werden von Cavallerie-Patrouillen abgeritten, vor den Bahnhöfen stehen Gendarmerie- und Jnfanterieposten mit schußbereitem Gewehr. Mein Coups theilt ein Generalstabshauptmann in feldmäßiger Ausrüstung, der von Station zu Station die Meldungen der Streifcommanden entgegennimmt. Er steht am Fenster und die Bauern auf den Feldern grüßen demüthig, wenn der Zug an ihnen vorübersaust. Es sind Bauern wie andere, sie arbeiten ruhig und gleichmäßig und nichts gemahnt an die wilden Leidenschaften, deren Beute diese Menschen noch vor wenigen Tagen waren. Vor Stryzow bivouakirt eine ganze Compagnie ans offenem Felde. Sie hatte unter einem Nothdache die Feldküche aufgerichtet und eben abgekocht. Das war ein ergötzliches Schauspiel für zahlreiche Bauernweiber, die sich in der Runde geschaart hatten. Ein kriegerisches Idyll voll packendem Humor! In Frysztack verließ ich den Zug. Ein schönes, augenscheinlich wohlhabenderes Dorf, anmuthig an einem Hügel gelagert. Vor der Frachtenrampe des Bahnhofes werden Langhölzer verladen, ein Jude im Kaftan, mit langwallendem weißen Barte und Schläfenlocken ertheilt den Arbeitern seine Anweisungen. Auch das ist ein recht beruhigendes Bild. Droben aber, auf dem Marktplatze, zeigt man mir eine demolirte Judenschänke und unweit davon die Stelle, wo vor acht Tagen die Kugeln der Gendarmen sechs Aufrührer getödtet und fünf tödtlich verwundet hatten. Während ich die Dorfgasse hinaufschreite, fliegen Hüte und Mützen von den Köpfen, in den Blicken der Leute aber scheint mir ein unheimliches Feuer zu lodern. Sie sollen geschworen haben, nach dem Abzug des Militärs ihre Genossen zu rächen. Vor den Husaren ducken sie sich und würgen ihren Grimm hinunter — aber dann? Es sind trotzige Gestalten unter ihnen, für welche selbst losgegangene Gewehre vielleicht noch kein ausreichendes Argument bilden. Man versichert mir, daß unter den Erschossenen mancher harmlose Gesell war, den nur die Neugierde in die Schußlinie getrieben. Um so schlimmer! Wer den kritischen Moment nicht miterlebt, kann schwer beuctheilen, ob es nothwendig war. in die Menge zu feuern. Der Bezirkshauptmann von Stryzow spricht von einem Angriff nnt Sensen auf die Gendarmen. In Frysztak will kein Mensch den Sensenmann gesehen haben und im Allgemeinen waren die Bauernbanden völlig unbewaffnet. Seit dem Bluttage von Frysztak ist übrigens ein merkwürdiger Stimmungsumschlag bei den. Bauern wahrzunehmen. Sie sind auf Pater Stojalowski und dessen Anhang wüthend und gestern entging der geistliche Agitator in Krosno nur mit Noth der Lynchjustiz der empörten Landbewohner. Sie beschuldigen ihn, daß er sie belogen und betrogen und gewissenlos vor die Gewehre der Gendarmen gehetzt habe. Sie erzählen Jedermann, der es hören will, es seien fremde Agitatoren zu ihnen gekommen und hätten ihnen gesagt, die Juden hätten in Wien einen Raseur zu einem frevelhaften Attentat gedungen; sie hätten ferner Briefe des in Amerika weilenden Kronprinzen Rudolf gezeigt, wonach den Bauern gestattet werde, die Juden drei Wochen lang zu prügeln. Bedenkt man, wie groß die allgemeine Unzufriedenheit und Noth in Folge der vorjährigen schlechten Ernte ist, wie das Landvolk durch eine gewissenlose Hetzpresse, namentlich den „Glos narodu" in Krakau, direct zu Gewaltthätigkeiten gegen die Juden aufgestachelt wird, so findet man es begreiflich, daß die Tartarennachrichten der Agitatoren auf fruchtbaren Boden fielen. Ein geschriebenes und gedrucktes Wort ist für dieses einfältige Volk ein Evangelium. Zudem schürt auch die niedere Geistlichkeit seit Jahr und Tag das Feuer. Sie predigt von der Kanzel, man soll nicht bei Juden kaufen, nicht bei Juden dienen. In Chrzanow versammelte ein Jesuitenpater das Volk unter freiem Himmel vor der Kirche, ließ rechts einen Tisch mit Wein und Braten, links einen solchen mit Wasser und Haidegrütze ausstellen und rief der Menge zu: „Seht, das hier »ffen die Juden, das dort müsset Ihr essen. So beuten Euch die Juden aus!" Solchen Demonstrationen sä oculo8 sind ja sogar unsere Wiener Kleinbürger zugänglich, um wie viel mehr die galizischen Bauern! Von Frysztak fuhr ich zu Wagen nach Jaslo, wo Heulen und Zähneklappern herrschte. Denn am folgenden Tage sollte die Reichsrathsersatzwahl der V. Curie des Wahlkreises Jaslo- Sanok stattfinden und man erwartete für diesen Tag die ent' setzlichsten Dinge. Jaslo glich einem Feldlager. Alle zur Stadt führenden Straßen waren durch starke, aus Infanteristen und Gendarmen bestehende Posten abgesperrt, ebenso sämmtliche Zugänge zum Ringplatze. Im Gemeindehause war eine Hauptwache etablirt und dicht neben der Brücke, welche den Vorort Ulaszowice mit der Stadt verbindet, hatte sich eine Compagnie gelagert. Im Angesichte der Bezirkshauptmannschaft hatte man vor einer Conditorei einen Tisch aufgestellt, an welchem der Oberst mit seinen Officieren sein Hauptquartier ausschlug und bei Gefrornen und Limonade den ganzen Tag aushielt. Also auch da wieder eine lustige Mischung von Krieg und Frieden. Wer würde diesem reizenden Städtchen ansehen, daß es der Mittelpunkt einer so wilden, aufrührerischen Bewegung ist? Es schlägt ganz aus der Schablone der galizischen Städte und gleicht eher unserem Wiener Cottageviertel. Fast sämmtliche Häuser find in modernem gefälligen Villenstyl erbaut und von hübschen Anlagen umrahmt. Die Trottoirs sind mit breiten Granitplatten gepflastert und — höre Wien! — seit drei Jahren durchfluthet blendendes Bogen- und Glühlicht die Straßen. Vielleicht reizen gerade diese Errungenschaften einer fortgeschrittenen Cultur den Neid und die Begehrlichkeit der armen Landbevölkerung! Es ist nicht gut, das Elend elektrisch zu beleuchten. Ich schritt über die Brücke nach Ulaszowice, dem Schauplatze des Ueberfalles vom 12. Juni. Um diese Brücke wogte der Kamps. Nachdem es am Frohnleichnamstage in Kolaczyce zu wenig bedeutenden Excessen gekommen war, zogen am darauffolgenden Sonntag vom Südwesten her starke Bauerntrupps gegen Jaslo. Der Bezirkshauptmann hatte sich Mittags mit 8 Gendarmen nach Kolaczyce begebeu, obwohl er gewarnt worden war, daß sich etwas gegen die Stadt vorbereite. Nur zwei Mann Gendarmerie waren zurückgeblieben, denen mit 8 Polizisten das Heil der Stadt anvertraut war. Die Banden kamen von Kolaczyce auf Feldwegen, während der Bezirkshauptmann auf der friedlichen Landstraße fuhr und nichts Beunruhigendes wahrnahm. Um 9 Uhr Abends durchzuckte die Stadt wie ein Blitz die Schreckensnachricht, daß 500 Bauern vor der Brücke von Ulaszowice ständen und den Vorort plünderten. Und schon erleuchtete auch greller Feuerschein den nächtlichen Himmel, die Spiritusrasfinerie Front stand in Flammen. Die Stadt schien wehrlos der Raubgier der Unholde preisgegeben, denn die handvoll Bewaffneter konnte das Ueberschreiten der Brücke nicht aufhalten. Eine behördliche Autorität gab es nicht, der Bürgermeister weilte auf seinem Gute, der Bezirkshauptmann noch immer in dem nur dreiviertel Stunden entfernten Kolaczyce, wo Alles vollkommen ruhig war. Was er von Mittags bis 10 Uhr Abends dort zu thun hatte, ist ein Räthsel. Die Sturmglocke wurde geläutet, die Bürgerschaft sammelte sich auf dem Ringplatze, aber kein Mensch wagte die Brücke zu betreten. Selbst die Feuerwehr weigerte sich, zur Bekämpfung des Brandes der Frant'schen Raffinerie nach Ulaszowice hinüberzusahren. Da faßte ein tapferer Mann einen beherzten Entschluß. Der Advocat Dr. A d a m s k y ries die vierundzwanzig Mitglieder des Jagdclubs zusammen ließ sie bewaffnen und stellte sich mit ihnen den andringenden Schaaren entgegen, ihnen mit Donnerstimme zurufend, daß Jeder des Todes sei, der die Brücke betrete. Die Entschlossenheit der „Herren" — unter ihnen befand sich der Kreisgerichtspräsident und der Staatsanwalt — wirkte. Die Bande wich zurück und zog langsam ab, nachdem sie ihr Bernichtungswerk beendet hatte. Nun eilte auch die Feuerwehr zur Brandstätte. Die Raffinerie brannte lichterloh, aber noch hatten die Flammen nicht das Magazin mit den Spiritusvorräthen ergriffen, noch konnte ein guter Theil der Habe des unglücklichen Besitzers gerettet werden. Constsrirt!

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