Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 25 (24.6.1898)
- Date
- 1898-06-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 486 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 25 Moritz Jokai. Ullter der Ueberschrift „W ie ich ein Freund der Juden wurd e", erzählt der gefeierte ungarische Dichter Moritz Jokai folgende „Rückerinnerung": „Soll ich es leugnen, auch ich war in meiner Jugend ein Antisemit, gerade wie jeder unentwickelter Mensch. Die Dienstboten hatten mir den Gedanken in den Kopf gesetzt, daß die Juden an ihrem Osterfeste das Blut von christlichen Kindern gebrauchen, und zwischen unserem Hause und der Schule befand sich das jüdische Viertel. Die Metzger wohnten dort, und jeden 'Tag sah ich. wie die geschlachteten Gänse neben dem Thore hingen, und meine Phantasie ergänzte das Bild. Welche schrecklichen Dinge mußten da stattfinden! Unser Hund theilte völlig meine Anschauungen. Wie sprang er auf, wenn eine bärtige Gestalt unseren Hofraum betrat! Auch ein Held war ich. Wie hetzte ich den Hund auf, und wie lachte ich, wenn ich sah, wie der Jude in seinen Pantoffeln den Rückzug antrat! Als ich älter wurde, wurde ich nach Preßburg geschickt, um deutsch zu lernen. Dort nahm ich wahr, daß am Ende der Stadt ein verachteter und nur von Juden bewohnter Platz war, Schloßberg genannt. Er mußte jedes Verbrechen gegen Gott und Menschen beherbergen; denn wenn man erfuhr, daß ein Student den Schloßberg betrat, wurde er von der Schule ausgestoßen. In meinem Glauben bestärkt, kehrte ich nach Kouiorn zurück, wo es ein nicht sonderlich berühmtes Gymnasium mit drei Elasten gab. Bisher hatte ich weder im Lyceum noch im Gymnasium einen Juden angetroffen. Warum sollte ein Jude Latein lernen? Er konnte kein Amt zieren, nicht Advocat noch Ingenieur werden. Blos ein wissenschaftlicher Beruf stand ihm offen: Medicin. Als ich dann in das Gymnasium kam — Wunder über Wunder! — betrat ein Jude unsere Classe. Er war über Vierzig 'und hieß Koritschoner. Er war Kaillgraph gewesen, lehrte Schönschreiben und schrieb wie gestochen. Es war natürlich eine armselige Beschäftigung. Aber trotz seines Alters beschloß er, Arzt zu werden. Grammatik und Syntax lernte er für sich zu Hause. Sein Fleiß war riesig. Wir Knaben betrachteten ihn mit seiner merkwürdigen Gestalt, Aussprache und unfreiwilligen Wunderlichkeit als einen komischen Kameraden.. Eines Tages blieb er von der Schule weg, und als der Professor ihn nach dem Grunde fragte, sägte er: „Ich konnte nicht kommen, meine Frau hat mir gestern ein Söhnchen geschenkt." Stellen Sie sich den Jubel vor, der die Classe bei dieser Bemerkung erfaßte! Der Professor blieb ernst und entschuldigte dessen Abwesenheit auch für diesen Tag, so daß er bei seiner Frau bleiben konnte. Einmal hatten wir zwei einen Streit vor der Schulstunde. Der Wortwechsel war in Bezug darauf, ob in der ungarischen Prosodie der Buchstabe h ein Consonant sei oder nicht. Schließlich rief ich ans: „Was wissen Sie darüber. Sie sind blos ein Jude", worauf er erwiderte: „Sie sind blos ein Kind." Eine schreckliche Beleidigung, einen Knaben von 14 Jahren ein Kind zu nennen. Heute würde ein Duell die Folge gewesen sein. Damals faßte ich meinen Entschluß sogleich. Er war 41, ich 14. Er war blos ein Jude, ich ein Magyar. Das war Rechtfertigung genug für mich, ihn beim Kragen zu packen und seinen Rücken mit meiner Faust zu bearbeiten. Als ich in solcher Weise die consonantale Beschaffenheit des lr auf dem Rücken meines Kameraden erprobte, trat der Profeffor ein. Er war ein strenger und gerechter Mann. Er strafte mich, wiewohl ich sein Schwager war, und wegen meines Vergehens mußte ich bis Abends in der Schule bleiben, eine furchtbare Schande. Meine Mutter nahm mich am Abend ins Verhör. Sie hatte ein goldenes Herz, war aber streng wie ein Soldat. Sie fragte, warum ich in der Schule zurückbehalten worden sei. Ich erzählte ihr entrüstet von der Ungerechtigkeit, die gegen mich verübt . würde, denn ich wisse bestimmt, daß das lr ein Consonant sei. „Mußtest Du deshalb einen Kameraden schlagen?" „Es ist nur ein Jude!" „Was!", rief meine Mutter, „nur ein Jude? Ist nicht ein Jude in Deinen Augen dasselbe, wie jeder andere Mensch? Verachtest Du einen Menschen wegen seiner Religion? Vergißt Du, daß unsere Religionsgenoffen vor 50 Jahren in dieser Stadt ebenso verfolgt wurden, wie Du jetzt die Juden verfolgst? Mache Dich gleich auf den Weg, finde den Juden, den Du geschlagen hast, bitte ihn: um Verzeihung und bringe mir seine Verzeihung schriftlich!" Ich war von ihrem Befehl überwältigt. „Wie soll ich mich vor diesem Juden demüthigen?" „Du demüthigst Dich vor Gott, der die Juden gleich Dir geschaffen hat nach seinem eigenen Ebenbilde." „Aber wie kann ich ihn jetzt in dieser großen Stadt finden?" „Das ist Deine Sache; Du weißt, in welcher Straße die Juden wohnen, geh' dort von Haus zu Haus, bis Du ihn findest, öffne Deinen Mund und frage! Komorn ist kein Wald, komme mir nicht unter die Augen ohne seine christliche Verzeihung!" Das war ihr Ultimatum. Ich war schon fast um ein Mittagmahl gekommen, und jetzt sollte ich um mein Nachtmahl kommen; aber ein Appell war unmöglich. Was sollte ich thun? Ich mußte nachgeben. Ich war schon im Begriffe, meinen Kameraden zu suchen, als in dem Augenblicke, wo ich unsere Thür öffnete, er vor mir stand. Mit gesenkten Schultern und gebeugtem Kopfe fragte er mich in mildem, zitternden Tone: „Sind Sie böse mit mir?" Ich böse mit ihm! Und indem er bescheiden den Hut vom Kopfe nahm, fuhr er fort: „Ich kam'zu Ihnen, um Sie um Verleihung zu bitten." Er mich, der ihn beleidigt hat, um Verzeihung bitten! Und Niemand hat ihn gezwungen, so zu handeln. Er hatte keine strenge und gerechte Mutter, die ihn zu mir schicken konnte, und doch kam er. Thränen entströmten meinen Augen, ich drückte ihn an meine Brust. „Nein, Sie müssen nicht um Verzeihung bitten, ich bin es, der Sie bitten muß, mir zu vergeben. Und nun kommen Sie zu meiner Mutter und sagen Sie ihr, daß wir für immer mit einander versöhnt sind!" „Eben deshalb bin ich gekommen." Er ging zu meiner Mutter und sprach: „Ich bin gekommen, gnädige Frau, um Sie um Verzeihung zu bitten für die Kränkung, die ich veranlaßt habe. Ich bin schuldig, ich bekenne es. Moriz hatte recht: der Buchstabe h ist ein Consonant, der Professor hat es mir erklärt. Verzeihen Sie mir, daß ich Moriz veranlaßt habe, mich zu schlagen! Seine Schläge thaten mir nicht weh', denn Moriz hatte recht. Er hat eine derbe Faust, und er wird mit dieser Faust für die Juden eintreten, wenn die Juden Rechte haben werden." In diesem Augenblick wurde ich ein Freund der Juden, ein „Philosemit". Correspondenzen. Wien. (Verzeichniß der in der Zeit vom 14. bis 21. Juni 1898 ein gelaufenen Spenden zu dem aus Anlaß des 50jährigen Regierungsjubiläums Sr. Majestät des Kaisers von der Wiener israelitischen Cultusgemeinde herzustellenden Ausbau des israelitischen Altersversorgungshauses durch eilt Versorgungs Haus in Verbindung mit einer Krankenabtheilung: * - Je 250 ft. die Herren: Bernhard Pollak und Leopold Pollak. 100 fl. Kassenscheine: Herr Bernhard Steinhof. Je 100 fl. die Herren Julius Herz und Sigmund Kassel. 200 Kronen oft. Rente: Herr Ludwig Weishut. Je 50 fl. die Herren: Michael Straffer, B. Strakosch u. Sohn, Heinrich Mendl, Fritz Mendl, Seelig Reicher und Ignatz Schreiber. 25 fl.: Herr Dr. Ludwig Pisk. 20 fl * f^err ^rfac D Rick 15 fl.: Herr Carl Waldmann, endlich 11 Personen in Beträgen von 10 fl. und darunter, zusammen 75 fl. und zwar die Herren: Adolf Böhm, I. B. Böhm, Adolf Schwarz, Wilhelm Fantl, Ed. Raumann, Philipp Jsler, Johann Wehle, Simon Storchheim und Carl Epstein, ferner die Frauen: Emilie von Epstein und Julie Nobel. Krakau. Sonntag den 26. d. M. findet hier die Enthüllung des Denkmals für den großen Dichter Mickiewicz, der in seinen Dichtungen so viel Sympathie und Wohlwollen für die Juden zeigte, statt. Aus diesem Anlasse findet hier ein Gottesdienst in der alten Synagoge und im Tempel statt und zwar am Sonntag den 26. d. M. um 10 Uhr respective 12 Uhr Vormittags. In der alten Synagoge wird Rabbiner-Stellvertreter Dr. L. Horowitz und im Tempel Prediger Dr. Thon sprechen. Am Montag den 27. wird über Einladung des hiesigen Gemeinderathes der Cultusvorstand in eorxors unter Führung des Präsidiums der Cultusgemeinde, der Herren Dr. Leon Horowitz und Hirsch Landau, am Festzuge auf das königliche Schloß Wawel theilnehmen. Der Statthalter Graf Pininski hat bei seiner letzten Anwesenheit in Krakau, sowohl beim Präsidenten der Cultusgemeinde Gemeiuderath Dr. Leon Horowitz wie beim Vicepräsidenten der Cultusgemeinde Hirsch Landau seine Karte abgegeben. Die Nachrichten über die antisemitischen Excesse in Galizien sind mit jebem Tage trostloser und erheischen einen energischen Schritt von Seiten der israelitischen Cultusgemeinden und man hofft hier, daß der hiesige Cultusvorstand nicht zögern wird, beim Statthalter Vorstellungen zu machen wegen energischen Ergreifens von Schutzmaßregeln für die armen bedrängten Juden in Galizien, die ihres Lebens und ihrer Habe nicht sicher sind. Lemberg. Von besonderer Seite wird uns geschrieben: Unsere jüdischen Machthaber und Vertreter sind sonderbare Käuze. Da lesen wir beispielsweise in der letzten Nummer „Israelit", im Leiborgane des jüdischen Reichsrathsabgeordneten und nunmehrigen Präses der hiesigen Cultusgemeinde Herrn Dr. Byk, dessen vier Spalten lange, den größten Theil des Blattes ausfüllende Rede anläßlich der Jnstallirung dreier Gemeinderabbiner. Wahrlich, wir möchten' Herrn Dr. Byk darob nicht tadeln. Er' hört sich gerne reden und läßt noch lieber von sich reden machen. Aber gibt es denn wirklich im gegenwärtigen Momente für ein jüdische Interessen