Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 25 (24.6.1898)
- Date
- 1898-06-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 25 r. Bloch's Wochenschrift Seite 479 Genossen christlicher Confession für die socialdemokratischen Candidaten stimmte. Das bekundete einen Mangel an politischer Erziehung, der behoben werden mußte. Und das Recept ist nun genau dasselbe, das schon in der verfassungstreuen Aera angewendet wurde. Man fand in Pater Stojalowski ein willfähriges Werkzeug zur Mobilisirung der mazurischen Bauern und Grubenarbeiter gegen die Juden und inan brachte nun diesen durch Raub, Brand und Plünderung die Erkenntniß bei, daß auch der jüdische Proletarier der V. Curie sich selavisch unter das Joch der Schlachta zu beugen habe. Und das Resultat der gestrigen Wahl hat ja bewiesen, daß die Herren richtig gerechnet haben. Angesichts der Vorgänge in Galizien zeigt sich der Mangel einer Organisation der österreichischen Judenschaft in empfindlichster Weise. Man wird von den Excessen ü b e rrascht, während man sie hat kommen sehen und die Vorbereitungen mit eigenen Augen beobachtet hat. Wie wohlthätig könnte sich die Wirksamkeit eines genau zu informirenden Gemeindebundes da bewähren! Wie vortrefflich könnte er der Negierung, welche mit diesen Excessen gewiß nicht sympathisirt, zur Seite stehen und ihr Material liefern. Ist es nicht Pflicht jeder Gemeinde und jedes Einzelnen, der die statutarisch erforderliche Qualification besitzt, dem Bunde beizutreten, beziehungsweise einer jeden ^Formation, 'welche durch die ihr innewohnende Vereinigung Schutz zu gewähren, eine Zukunftsstätte zu eröffnen vermag. Wenigstens sollten die maßgebenden Factoren die Pflicht der Hilfeleistung nicht verabsäumen. Zahllose Familien sind an den Bettelstab gebracht, haben ihr ganzes Hab und Gut verloren, sind dem Hnngertove preisgegeben. Der Ruf nach Hilfe ertönt von allen Seiten. Mögen diese Bitten nicht ungehört verhallen, die Organisation eines Hilfscomites zur Unterstützung der geplünderten Juden sollte so rasch als möglich in Actiou treten. Eine von den Inden geschaffene Industrie. Man schreibt dem Berliner Abwehrorgan: Das englische Oberhaus hat bekanntlich vor Kurzem ein Gesetz angenommen, das dazu bestimmt sein soll, die Einwanderung der russischen Juden nach Kräften zu beschränken. Obwohl in dem Gesetz das Wort Jude nicht vorkommt, so hat bei der Erörterung desselben der Ministerpräsident Lord Salisbury keinen Zweifel darüber gelassen, daß die gesetzliche Handhabe die Einwanderung unerwünschter Elemente nach England zu verbieten, speciell gegen die aus Rußland und Polen einwandernden Inden angewandt werden soll. Zweierlei war die Motivirung dieses Gesetzes: Auf der einen Seite behauptete man, daß diese Elemente den englischen Steuerzahlern zur Last fallen, während man auf der andern Seite hervorhob, daß sie die englischen Arbeiter durch ihre billigen Arbeitslöhne in der Concurrenz schädigten. Die erste Thatsache mag in vereinzelten Fällen richtig sein, in der iveitaus größten Mehrzahl werden aber alle unterstützungsbedürftigen Juden durch die jüdischen Institutionen erhalten. Was nun den zweiten Gesichtspunkt angeht, mag auch er in einzelnen Fällen nicht unberechtigt sein; eigenthümlicherweise aber hat man bei der Debatte vollkommen außer Acht gelassen, daß durch die eingewanderten russischen jüdischen Schneider der Londoner Industrie in vielen Zweigen ein neuer Aufschwung gegeben wurde. Manche Artikel, die bisher in London gar nicht hergestellt werden konnten, und in großem Umfange vom Auslande bezogen werden mußten, sind erst durch die billigen Arbeitskräfte der eingewanderten jüdischen Arbeiter in London selbst herstellbar und concurrenzfähig geworden. Ganz speciell gilt dies von der Damenconfection, was die Berliner Geschäfte ebenso gut bestätigen könnten wie die englischen. Noch vor etwa zwölf Jahren importirte England den größten Theil der deutschen Production in Damenmänteln. Der englische Schneider, an sich sehr geschickt und durchaus ein fleißiger Arbeiter, besaß doch absolut kein Verständnis für die wechselnden Moden der Damenconfection. Er arbeitet ausgezeichnet in den verschiedenen Zweigen der Bekleidungsbranche, soweit sie sich mit dem männlichen Geschlecht beschäftigt, und sein Ruf für die Herstellung von Herrenanzügen ist noch unübertroffen. Dagegen fehlt ihm die Fähigkeit, mit leichten Stoffen und allerhand eigenthümlichem Besatz, wie ihn die Mode für das weibliche Geschlecht verlangt, etwas zu schaffen, was das Auge erfreuen kann. Obwohl also der Consum an Damemnäntelu und Jagnets in England selbst ein sehr großer war und obwohl die großen englischen Handelsfirmen auch das Geschäft nach den Colonien fast ausschließlich in der Hand hatten, waren sie doch nicht in der Lage, den Artikel in London oder in der englischen Provinz Herstellen zu lassen, sondern genöthigt, denselben aus Deutschland zu beziehen. Der erste Schneidermeister, der in etwas größerem Umfange Damenmäntel in London herstellte, war ein Jude, Morris Cohen, in Spital Square. Er besteht auch heute noch und hat sich ziemlich emporgearbeitet, aber er erklärt es jedem, der es hören will, daß er seinen Erfolg nur dem verdankt, daß er mit den russischen jüdischen Arbeitern begonnen hat. Zur Zeit beschäftigt er auch englische Arbeiter. Er hat aber die Beschäftigung derart eingetheilt, daß die Engländer in seinem Geschäft als Zuschneider, Commis, Reisende rc. fungiren, Frauen die Besatzarbeiten machen und jüdische Arbeiter die eigentlichen Schneiderardeiten verrichten. Sein Beispiel und die von ihm erzielten Erfolge veranlaßten bald seinen Bruder und einige andere jüdische Schneidermeister ebenfalls derartige Werkstätten aufzumachen, und die von ihnen in den Verkehr gebrachte Waare war so vorzüglich, daß sie anfing, der deutschen importirten Concurrenz zu machen. Daraus hin entschlossen sich auch einige der großen englischen Exportfirmen, Werkstätten aufzumachen, in denen sie jüdische Arbeiter beschäftigten. Eine der Firmen, die erste, die im großen Maßstabe fremde Arbeiter beschäftigte, Messrs. Hitschcock, Williams & Co., veröffentlichten in einer englischen Zeitung einen Brief über diesen Gegenstand, der so charakteristisch ist, daß wir ihn in Uebersetzung wiedergeben wollen: Sehr geehrter Herr! Als Anttvort auf Ihre Frage, inwieweit die von fremden jüdischen Schneidern geleistete Arbeit dem heimatlichen Arbeitsmarkt beeinflußt, erinnern wir Sie daran, daß diese fremden jüdischen Schneider eine ganz neue Fabrikationsmethode einführten, welche für den Handel unseres Landes eine neue Quelle bedeutenden Gewinnes öffnet. Wir waren, wie wir glauben, die ersten Mäntelfabrikanten dieser Stadt, welche jüdische Schneider in einer Fabrik beschäftigen, und es wird von Interesse sein, die Gründe, die dazu veranlaßten, in unser Gedächtniß zurückzurufe». Im Jahre 1885 wurde die Nachfrage nach Damenmänteln auf dem Weltmarkt sehr lebhast und um das Bedürfniß in unserm heimatlichen und colonialen Handel in diesem Zweige zu befriedigen, waren wir ge-' nöthigt, bedeutende Qualitäten dieser Garderobegegenstände aus Deutschland einzuführen. Sie wurden damals fast ausschließlich von Schneidern in und um Berlin aus deutschen Stoffen angefertigt. Wir versuchten diese Mäntel in unseren eigenen Fabriken herzustellen, aber ohne Erfolg. Unsere Arbeiterinnen waren nicht im Stande, mit Handwerkszeug zum 'Arbeiten, welches die Schneidermeister gebrauchen, umzugehen, und wir konnten es nicht durchsetzen, sie an diese Arbeit zu gewöhnen. Da sich die Mode immer lebhafter auf den Artikel warf, waren wir gezwungen, ständig größere Ordres ins Ausland zu geben und allein im Jahre 1888 mußten wir über drei Millionen Mark als Zahlung für diese Waaren nach Deutschland senden. Im Jahre 1889 entschlossen wir uns, fremde jüdische Schneider in einer neuen Fabrik, die wir gebaut hatten, zu beschäftigen, und zwar nach ihrer eigenen Arbeitsweise und wir erzielten damit sehr befriedigende Resultate. Die Arbeit war ausgezeichnet, englische Stoffe wurden jetzt anstatt der deutschen gebraucht, und der größte Theil des Geldes, den wir früher nach Berlin gesandt hatten, kam jetzt englischen Fabrikanten und Arbeitern zu Gute.