Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 24 (17.6.1898)
- Date
- 1898-06-17
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 474 Dc. Vloch's Wochenschrift Nr. 24 der Oberamtmann und der Erzieher, die nach dem Schreiben des Ersteren schon um zehn Uhr Vormittags dem gnädigen Patron ihre Huldigungen hätten zu Füßen legen sollen, waren noch immer nicht angelangt, diese horrende Unpünktlichkeit erschien ihm als eine grobe Verletzung der pflichtschuldigen Ehrfurcht. „Der saubere Graf mit seinem Spießgesellen Rosenberg wird sich bei mir keines freundlichen Empfanges zu erfreuen haben", knurrte der Baron, „ich werde ihnen mit einem tüchtigen Donnerwetter auf den Kopf fahren; was soll denn diese abscheuliche Unregelmäßigkeit bedeuten?" „Aber lieber Papa", hatte Anna einzuwenden, „ich kann es gar nicht begreifen, daß ein so kluger und erfahrener Mann wie Du, so ungeduldig werden und sich vielleicht ganz grundlos so ereifern kann! Vielleicht ist den beiden Herren unterwegs irgend ein Unfall arrivirt." Zur großen Verwunderung des Barons trat diesmal seine Gemahlin, die in der Regel den Ansichten ihrer Stieftochter energisch opponirte, ihren Ansichten bei und vertheidigte die Abwesenden. „Anna hat ja vollkommen recht", meinte sie, „wie leicht kann nicht ein Wagenrad gebrochen sein, man soll Niemanden verurtheilen, ohne ihn gehört zu haben." „Das ist schon richtig", mußte der Baron einräumen; „aber weißt Du, wenn ich die Leute gleich das erstemal tüchtig andonnere, so schadet das gar nichts, auch wenn es ganz unverdient ist — das flößt ihnen gleich einen wohlthätiqen Respect ein, und den können diese Sorte Menschen uns gegenüber nie genug besitzen." Während die freiherrliche Familie so am Kaffeetische plauderte, war Bollwitz mit einem Buche in der Hand in den Gartengängen herumgestrichen und hatte sich zufälligerweise der Ausgangsthüre genähert und sah durch diese drei Personen eintreten, von denen er nur einen, den Juden Leipnik aus dem Dorfe, kannte. Dieser wollte sich jetzt eben mit einem ehrerbietigen Gruße entfernen, aber der Mann in der Mitte hielt ihn zurück. „Kommen Sie nur mit", sprach er mit seiner wohlklingenden Stimme, „ich will sogleich die Angelegenheit, die Sie mir soeben vorgettagen zur Entscheidung bringen, und Sie werden möglicherweise sofort in die Lage gelangen, Ihrer Verlobten und deren Familie Angenehmes berichten zu können." Leipnik lächelte verlegen und ungläubig. „Ich würde recht sehr bitten, mir gütigst zu gestatten, mich zurückziehen zu dürfen; ich bin vollkommen überzeugt, daß seine . freiherrliche Gnaden meine Anwesenheit bei Ihrer ersten Vorstellung nicht gnädig vermerken würde." Da das Gespräch laut geführt wurde, konnte Bollwitz jedes Wort hören, er grüßte die Ankömmlinge, die einen günstigen Eindruck auf ihn machten, und sprach wohlwollend: „Es kann kein Zweifel darüber obwalten, daß die beiden Herren jene sind, die vom Herrn Baron Pellwald mit großer Ungeduld erwartet werden; und ich weiß in der That nicht, ob die aufgeregte Stimmung meines Vetters durch die unberufene Anwesenheit eines seiner Unterthauen verbessert würde. Sind Sie Herr Graf oder Herr Rosenberg?" wandte sich der Fähnrich an den Letzteren. „Ich heiße allerdings so", entgegnete dieser kalt fast unhöflich; der Andere aber beeilte sich das etwas schroffe Benehmen seines Begleiters zu mildern und sprach: „Ich danke Ihnen recht sehr für das Wohlwollen, das Sie einem Ihnen ganz Fremden eutgegenbringen, . oder sollten Sie mich kennen? Ich bitte mir dies ganz offen zu sagen." »Ich wüßte nicht, wie dies möglich sein sollte", entgegnete Bollwitz, den das etwas allzuselbstbewußte Auftreten des jungen Patrimonialbeamten doch verletzte, „ich habe Sie ja nie gesehen; wir verkehrten wohl jeder in einem anderen Kreise." „Das glaube ich selbst", lautete die Antwort und eine ernste Falte auf der Stirne des jungen Mannes bewies, daß auch ihm die aristokratischen Allüren des Fähnrichs mißfielen; aber jetzt bemerkte er plötzlich, daß Bollwitz nur einen Arm beesaß und mit warmer Theilnahme und in völlig verändertem Tone sprach er: „Pardon, ich sehe, Sie haben gedient, für das Vaterland geblutet, diesem ein großes Opfer gebracht — darf ich um Ihren Namen bitten?" Die lebhafte Ansprache machte auf den Fähnrich einen versöhnenden, freundlichen Eindruck und er erwiderte: „Theodor Ritter von Bollwitz, Fähnrich außer Dienst." »Ich setze voraus, Sie haben Ihren Arm auf dem Schlachtfelde verloren, darf ich vielleicht erfahren, wo das geschah?!'' „Mein lieber Herr Graf," entgegnete der Fähnrich lächelnd, „ich hoffe, wir werden später noch so oft zusammeukommen, daß sich dann schon Gelegenheit finden wird, Ihnen das Gewünschte ausführlich mitzutheilen! Sie mögen wohl einen Verwandten bei der Armee haben, daß Sie sich so lebhaft für derartige Dinge interessiren; — aber Sie flößen mir in der That Sympathie ein — 8an8 phrases — welchen Grund hätte ich auch zu solchen? — und da würde ich Ihnen doch rathen, die Geduld meines Vetters auf keine allzuharte Probe zu stellen und nun nicht länger zu zögern, sich ihm mit gebührender Entschuldigung vorzustellen." Der neue Oberamtmann schien ein höchst leichtsinniger Mensch zu sein, Bollwitz' Worte blieben eindruckslos und ein leichtes Lächeln huschte über seine Züge, als er sagte: „Zu dieser Vorstellung komme ich noch immer zeitig genug und ich bitte Sie, vollkommen überzeugt zu sein, daß ich jede Verantwortung für mein spätes Erscheinen mit voller Beruhigung übernehme. Sie können versichert sein, daß mich Ihr Bericht bei weitem mehr interessirt und ich bitte Sie nochmals dringend, mir mitzutheilen, wo Sie Ihren Arm verloren haben." „Jä, werde mich, um Ihren zu so unpassender Zeit ausgesprochenen Wunsche zu willfahren, so kurz als möglich fassen", entgegnete Bollwitz ungeduldig. „Es war am 18. Juni 1757 in der Schlacht bei Kolin, ich stand als Fähnrich bei äs Ligne- Dragonern. Feldmarsch all Dann hatte zu unserem Regimente, meistens junge Leute und Nengeworbene, die das erstemal im Feuer standen, kein Vertrauen und hatte uns zur Unthätigkeit verurtheilt. Das Feldherrntalent und der Scharfblick unseres großen Gegners König Friedrich hatte sich auch diesmal bewährt, trotz Wunder der Tapferkeit, die unsere Jnfanterieregimenter verrichteten, hatte er diese doch nach mehrfachen Angriffen zum Weichen gebracht und einen Augenblick schien es, als wenn die Schlacht verloren wäre; in diesem kritischen Momente näherte sich unser Obrist dem Feldmarschall und bat dringend um die Erlaubniß, mit seinem Regimente eingreifen zu dürfen. „Ah — vous avec vos bec blancs *) hatte der Feldmarschall achselzuckend geantwortet, aber doch die erbetene Erlaubniß ertheilt. Der Obrist hielt nun eine knrze feurige Anrede au uns und mit dem Schlachtenrufe für „Kaiserin und Vaterland!" stürmten wir dem Feind entgegen, daß unser Angriff gelang und wir über den größten Helden Europas einen vollständigen Sieg errangen, ist bekannt!" „Aber Ihr Arm?" frug der junge Mann lakonisch. „Ich trug die Fahne voran, im wildesten Handgemenge wollte mir ein preußischer Kürassier dieselbe entreißen, ich deckte sie mit meinem linken Arme, er hieb mir ihn ab; — aber die Fahne hatte ich doch gerettet!" „Sehr brav, sehr schön — was wurde Ihnen für Ihre Heldenthat! Haben Sie den Maria Theresia-Orden erhalten? der wurde ja zu Ehren dieses glorreichen Sieges gestiftet." Bollwitz seufzte. „Man fand, daß ich zum Dienste untauglich sei; — ich wurde mit einer kleinen Pension entlassen; ich danke es nur der Güte meines Vetters, Ihres Patrons, daß ich hier im Schlosse sorgenlos leben kann." „Ihnen ist Unrecht geschehen — haben Sie sich denn nicht an den Hofgerichtsrath oder direct an die Kaiserin gewendet?" „Ich habe ja nur meine Pflicht erfüllt und wir haben bei Kolin trotz des glänzenden Sieges-große Verluste erlitten, neuntausend Mann verloren — ich bin ja nicht der Einzige, ich habe viele Leidensgefährten." „Sie sind ein wackerer Mann, Herr von Bollwitz! Doch jetzt — zum Herrn Baron!" „Ich will Sie begleiten; — obwohl ich von ihm abhängig und daher nicht viel bei ihm gelte, wird er vielleicht doch ') Sie mit Ihren Gelbschnäbeln! — das Regiment, dessen Inhaber noch in demselben Jahre der Feldmarschall Daun wurde, behielt von dem Tage an, das sonderbare Privilegium, daß Niemand in demselben einen Schnurrbart trug! Jetzt führt es für ewige Zeiten den Namen Fürst Windischgrätz-Dragoner.