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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-06-17 · 24 (17.6.1898) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
24 (17.6.1898)
Date
1898-06-17
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 466 Dr. Vlüch's Wochenschrift Nr. 24 Bon der judeureinen Nordbah». Wie n, im Juni. Am 1. d. M. fand die Generalversammlung der Kaiser Ferdinands-Nordbahn statt. Unter Nordbahn versteht die Außenwelt die Rothschild- oder Judenbahn, den Intimen ist aber schon längst bekannt, daß mit Beginn der antisemitischen Strömung bei dieser Bahn eine Purificirung inscenirt worden ist und daß die Nordbahn an Haupt und Gliedern derzeit nahezu judenrein ist, sowohl in der Verwaltung, als auch in der Executive. Die wenigen semitischen Elemente, die noch aus guter alter Zeit vorhanden, sind auf den Aussterbeetat gesetzt oder werden hinausgeekelt. Aus der Generalversammlung der Nordbahn erfährt man in der Oeffentlichkeit selten etwas Interessantes. Findet hie und da ein Actionär den Muth, eine Debatte zu provociren oder in eine solche einzugreifen, so halten die Journale es nicht der Mühe werth, davon Notiz zu nehmen. Es ist ja bekannt, daß die Verwaltung über die große Mehrheit der Stimmen verfügt, daher sie sich den intensivsten Absolutismus gönnen kann. Ausnahmsweise hat die „Neue Freie Presse" von der letzten Generalversammlung einer Episode erwähnt, welche der brennendsten Actualität nicht entbehrt. Der Verwaltungsrath der Nordbahn beantragte nämlich anläßlich des Regierungs-Jubiläums die Errichtung einer großartigen Stiftung. Es sollen nämlich in einem Internate 100 Knaben und 100 Mädchen, Kinder von Nordbahnbediensteten, verpflegt und unterrichtet werden. Die ersten Kosten des Anstaltsgebäudes sind mit 320.000 Gulden präliminirt, welche aus dem allgemeinen Reservefonde bestritten werden sollen, während der jährliche Aufwand von 60.000 fl. aus dem Betriebsfond zu entnehmen sein wird. Ein Actionär beglückwünschte die Verwaltung zu ihrem Anträge — welcher, in Parenthese gesagt, von der Generalversammlung zum größten Befremden ohne Applaus entgegengenommen wurde — dankte, daß der Generalversammlung Gelegenheit geboten wurde, einem ebenso patriotischen als Humanitären Acte die Zustimmung zu ertheilen und gab der Erwartung Raum, daß die Stiftung, den Intentionen des allerhöchsten Stiftungspatrones gemäß, in streng objectiver, von widerlichen Strömungen unbeeinflußter Weise werde verwaltet werden, die Bitte anfügend, bei Abfassung der Statuten die nöthigeu Cautelen zu schaffen. Der Vorsitzende, welcher für jedes dem Verwaltungsrathe gespendete Lob sonst stets verbindlichen Dank zum Ausdrucke zu bringen sich beeilt, scheint, mit oder ohne Absicht, für dieses avis aux lecteur kein Berständniß gefaßt zu haben. Aber auch der ob a tempo oder nicht jederzeit schlagfertige Generaldirector reagirte nicht. Qui tacet consentire videtur. Die peinliche Scene, welche die Anspielungen des erwähnten Actionärs zur Folge hatte, ist so recht charakteristisch und symptomatisch zugleich und zeigt von der Auffassung, mit welcher der „Judenfrage" derzeit bei der Nordbahu begegnet wird. Zionismus. Wir erhalten folgende Zuschrift: Wien, 12. Juni 1898. Sehr geehrte Redaction! Wenn ich mir erlaube, Sie zu bitten, diesen meinen Zeilen einen bescheidenen Raum in Ihrem sehr geschätzten Blatte zu gewähren, so beabsichtige ich nur, der so oft vorkommenden Erscheinung: Ursache und Wirkung, Zweck und Mittel zu verwechseln, zu begegnen, umsomehr, als dies der Fall ist gerade bei den so herrlichen, erhabenen, mosaischen Belehrungen, Lehren und Satzungen. Angeregt hiezu ward ich durch den in dem: „Zionismus und Mischehe" überschriebenen Artikel Ihres vorwöchentlichen, geschätzten Blattes so positiv lautenden Satz: „Wie der wahre Jude Zionist sein muß, sonst ist er kein wahrer Jude." — Ja, war denn die strenge Conceutrirung des Judenthums auf Zion Zweck und Ziel des Judenthums? War sie nicht vielmehr Mittel, Vorbereitung für seinen wahren Beruf, seine eigentliche Mission? Würde das jüdische Volk, ohne strengste Concentrirung und weitgehendste Beschränkung auf sich selbst sich so vertraut gemacht haben mit den so trefflichen, zielbewußten Lehren Moses und in dieselben sich so eingelebt haben, daß sie ihnen ins Fleisch und Blut übergingen, um so ihrer hohen Mission gerecht werden zu können? Und diese hohe, heilige Mission des Judenthums, die ihm von Moses ver- und übermittelt worden, kann doch nur die fein : als „Priestervolk" Träger, Bewahrer und Verbreiter der erhabenen, reinen, a b st r a c t e n Gottesidee zu sein, welche Mission jedoch erst dann glorreich erfüllt und siegreich vollführt und vollbracht sein wird, so die reine, unverfälschte. abstracte Gottesidee Gemeingut Aller geworden — Whojuh bajom hahu jihjech Adonai echod uschmo echod — womit die wahre Messias-Zeit angebrochen und es nur Eine Gottheit, Eine Wahrheit und Eine Liebe gibt: eine Alle und Alles, die ganze Natur-Schöpfung Gottes umfassende, werkthätige Liebe. Mit vorzüglichster Hochachtung D. Sulzbach-Rosenfeld. Ueber das Berliner Ibsen-Bankett schreiben die „Hamburger Nachrichten" (Nr. 71): „Das Bankett war der übliche Zusammenfluß der Vertreter des hauptstädtischen Schriftthums und der greife des Mäcenatenthums; Fulda und Brahm hielten feinsinnige Ansprachen, und schließlich wurde ein Huldigungstelegramm nach Christiania abgeschickt. Uebrigens habe ich mich auch bei dieser Gelegenheit überzeugen können, ein tvie geringes Interesse die obersten Zehntausend unserer Gesellschaft dem geistigen Leben der Zeit entgegenbringen. Schon in der Vorstellung der „Hedda Gabler" fiel mir auf, daß fast nur jüdische Herrschaften im Theater waren; ohne das Judenthum und seine elastische Regsamkeit, die ihm die mannigfaltigsten Interessen gestattet, könnten die meisten .unserer Bühnen gar nicht bestehen. Das ist eine Schande für das Deutschthum und für die christliche Bürgerschaft. Es ist keine Kunst, sich bei jeder Gelegenheit über das „Vordringen der Juden" auf allen Gebieten zu beklagen, sie zu schmähen und zu beschimpfen! wir brauchen uns gar nicht „verdrängen" zu lassen. Aber mit der geistigen Lebendigkeit unseres Adels und unseres wohlhabenden Bürgerthums ist es leider nicht weit her, und gerade der empfindet das am schmerzlichsten, der sich bemüht, die Verhältnisse von einer höheren Warte aus als der einer engherzigen Parteipolitik zu beurtheilen." Ein Distichon als Lebensretter. Es sind nun gerade hundert Jahre, da diente der Israelit Jtzig Blume aus Kleitersweiler im Kreis Zabern (Elsaß) als Freiwilliger in der rühmlichst bekannten Arm6e d’Italie. Er hatte muthig mitgefochten in den blutigen Schlachten von Mondovi, Roverdo und Riseli und schließlich im März des Jahres 1798 unter der Leitung des Generals Brune auch kühn sich ausgezeichnet bei der Erstürmung der Stadt Bern in der Schweiz. Doch hier sollte ihm Fortuna untreu werden. Bei einem Wortwechsel mit seinem Hauptmann vergaß sich Blume im Jähzorn dermaßen, daß er mit blankem Seitengewehre auf seinen Vorgesetzten drohend losstürmte. Blume ward vor das Kriegsgericht gestellt, und das Urtheil lautete auf Todesstrafe durch Erschießen. Es war am 12. Germinal des Jahres VII, wie die Annalen berichten. Alle Vorkehrungen zur Vollstreckung des Kameradenspruches waren bereits getroffen, als der launige General Brune auf der Richtstätte erschien. Es schmerzte diesen Feldherrn, einen so braven Soldaten zu verlieren, und er ging mit den Gedanken um, ihn zu retten. Er fragte den Delinquenten nach seinem Namen und nach seiner vormaligen Beschäftigung im Civil. Der Unglückliche antwortete: „Ich heiße Blume und bin ein Mßrathener Studiosus, dem aus seinen vergeudeten Studienjahren nichts, zurückgeblieben ist, als eine gewisse Vorliebe für lateinische Versbildung." „So!" entgegnete Brune, „Du verstehst Dich auf den lateinischen Versbau? Was heißt denn Blume auf Französisch?- „Fleur und im Lateinischen Flos" war die behende Antwort. „Nun gut", fuhr der in der lateinischen Metrik ebenfalls recht kundige Brune weiter, „Flos beginnt mit einem F die substantive Blume, Fleur, Flos haben aber alle als zweiten Buchstaben ein L; wenn Du mir nun in fünf Minuten ein Distichon zusammenbringst, wobei in allen Versen alle Wörter mit einem F anfangen, und zudem im Pentameter jedes Wort als zweiten Buchstaben ein L aufweiset, dann soll Dir Gnade für Recht widerfahren!" Blume schmunzelte freudig, denn Jtzig war nicht blos im Temperament sehr hitzig, sondern auch im Dichtertalent recht witzig. Er blickt sinnend vor sich hin, und schon nach drei Minuten sagte er mit der classischen Sicherheit des Bürgers von Andes folgendes Distichon her:

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