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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-06-17 · 24 (17.6.1898) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
24 (17.6.1898)
Date
1898-06-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 24 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 465 bedrohte Lage der jüdischen Bevölkerung Gal i z i e n s und auf die in jüngster Zeit sich auffällig mehrenden Gewaltthätigkeiten gegen dieselbe hin. Der Ministerpräsident nahm die Ausführungen der Herren mit großer Aufmerksamkeit entgegen und gab die Versicherung, daß die Regierung es als ihre Pflicht betrachte, die Rechte der Inden mit derselben Energie zu schützen, wie jene aller übrigen Staatsbürger. Thatsächlich hat bereits Statthalter Graf Pininski die strengste Weisung erlassen, daß die Gendarmerie allen Ausschreitungen gegen die Juden mit größter Energie entgegentrete, daß an gefährlichen Punkten die Gendarmerie verstärkt werde und daß von dem drohenden Ausbruch von Judenexcessen sofort die Statthalterei und das Landes-Gendarmerie-Commando in Lemberg verständigt werde. Trotz dieser dankenswerthen Maßregel ist es in den letzten Tagen an den verschiedensten Punkten zu wilden, theilweise blutigen Judenexcessen gekommen. Es liegen hierüber folgende Meldungen vor: Lemberg, 14. Juni. In der Nacht vom 9. auf den 10. haben im Marktflecken Kolaczyce antisemitische Excesse stattgefunden. 800 Fensterscheiben wurden eingefchlagen. Jntervenirende Gendarmerie wurde mit Steinen beworfen. Ein Gendarm machte von der Feuerwaffe Gebrauch, ohne Jemanden zu verletzen. Den Anlaß zu diesen Ruhestörungen gab die Verhaftung zweier Töpfergesellen wegen Aufreizung gegen die jüdische Bevölkerung. In der Nacht vom 11. auf den 12. wurde in Brzyski ein Dorfgewölbe geplündert. Die Gendarmerie stellte die Ordnung wieder her. Am 12. d. M., Abends, haben Handwerker in Ulaszzowice im Wirthshause und in einem Dorfgewölbe die Fenster zertrümmert. Es fanden Plünderungen statt und eine Spiritusraffinerie gerieth in Brand. Ob Feuer gelegt wurde, konnte nicht erhoben werden. Militär wurde requirirt und die Ordnung wiederhergestellt. Geringere Excesse ähnlichen Charakters fanden im M y slenicer Bezirke statt. Es wurde dort die jüdische Bevölkerung bedroht und Fensterscheiben in jüdischen Häusern eingefchlagen. Ferner kam es zu Exceffeu in S k a w i n a und Radziszowice, Bezirk Podgorze, und im Bezirk Gorlice. Ueberall wurden entsprechende Anordnungen getroffen und die Gendarmerie verstärkt. Ernstlichere Ruhestörungen kamen bisher nicht vor. Lemberg, 14. Juni. Von Jaslo hat jetzt die antisemitische Bewegung nicht blos nach dem Bezirke Gorlice, sondern auch nach dem Bezirke P i l z n o hinübergegriffen. Im letztgenannten Bezirke haben gestern Excesse in B r z o st e k, B u k o w a und Kamienica stattgefunden. Boshafte Beschädigungen am Eigenthum von Juden ließen sich die Excedenten in Lichtarz, Zolkowa und Warzyce (Bezirk Jaslo) zu Schulden kommen. In vielen Ortschaften wurden die jüdischen Wirthsbäuser und Dorfgewölbe geplündert. Es wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Der Bezirkshauptmann von Jaslo hat sich nach Kolaczyce und Ulaszowice begeben. In der letzteren Ortschaft haben die Handwerksgesellen das Wirthshaus und die Dorfgewölbe überfallen. Die ganze Einrichtung wurde zerstört und der Waarenvorrath geraubt. Die Plünderungs-Action beginnt sich bereits auch gegen dieGutsbesitzer zu kehren. Ueberall wurden die Gendarmerieposten verstärkt, und auch sonst werden umfassende Schutzmaßregeln getroffen. Die eigentlichenHetzer, die sich sorgsam im Dunkeln halten, konnten bisher noch nicht eruirt werden. Lemberg, 14. Juni. Wie den polnischen Blättern berichtet wird, werden in Jaslo die Verhaftungen wegen der antisemitischen Exceffe noch immer fortgesetzt. In Brzostek erfolgten, ebenfalls zahlreiche Verhaftungen. Fast im ganzen Jasloer Bezirke wurden die jüdischen Wirtyshäuser geplündert. Bei Dembowiec erschoß ein Gendarm den Bauer Czajka. Die ganze Bewegung verräth eine geheime planmäßige Leitung. Es sollen Zettel sich im Umlaufe befinden, in welchen angeblich im Aufträge der Behörden die Mißhandlung derJuden empfohlen wird. In Swierchowa bei Zmigrod mußte die Gendarmerie von der Feuerwaffe Gebrauch machen. Ein Handwerksgeselle wurde zu Tode getroffen. Der Bezirkshauptmann und eine Militär-Abtheilung sind daselbst eingetroffen. In S o b n i o w bei Jaslo haben die Tumultuanten drei Dorfschänken zerstört. Es wurden der Gemeindevorstand und fünf Arbeiter verhaftet. Bisher wurden fünfzig Individuen in Hast genommen. Die jüdische Bevölkerung ist sehr beunruhigt. Ein großer Theil derselben ergreift die Flucht. Nach Jaslo wurden zwei Infanterie-Bataillone aus Krakau und nach Gorlice eine Militär-Abtheilung aus Tarnow abgesendet. Lemberg, 14. Juni. Dem „Kurjer Lwowski" berichtet man aus Jaslo, daß die dortigen arttisemitischen Excesse durch Umtriebe und Wühlereiendes Abgeordneten Pater Stojalowski und seines Anhanges hervorgerufen wurden. Da die Juden als Gegner des von der Stojalowski-Gruppe für die bevorstehende Reichsrathsersatzwahl in der fünften Cnrie empfohlenen Candidaten Dr. Wladimir Lewicki gelten, wurden die masurischen Bauern des betreffenden Wahlbezirkes gegen die jüdische Bevölkerung aufgehetzt. Durch Verbreitung von Furcht und Schrecken sollten die unfolgsamen Wähler mürbe gemacht werden. In dem Stojalowski'fchen Blättchen „Pszczolka" wurde zu verstehen gegeben, daß zehntausend Juden erschlagen werden müßten, damit e s e n d l i ch besser werde. In der Hetzarbeit that sich am meisten ein Gymnasial- Professor hervor, der jetzt die Inden reuig und flehentlich um Nachsicht angeht. Die verflossene Nacht brachte die ganze Bevölkerung von Jaslo schlaflos zu, da ein Ueberfall. der Stadt seitens der schnapstrunkenen Agitatoren für die Wahl des Stojalowski'fchen Candidaten befürchtet wurde. Fast sämmtliche Juden haben Kolaczyce verlassen. Die Anhänger Stojalowski's kündigen für den 23. d. M., das ist der Tag der Reichsrathsersatzwahl, noch größere Exceffe an. Lemberg, 14. Juni. Wie die amtliche „Gazeta Lwowska" berichtet, haben am letzten Sonntag in einigen Ortschaften des Bezirkes Pilzno antisemitische Exceffe stattgefunden. In B u k o w a überfielen ungefähr 20 Bursche das Anwesen des Josef Offner, bei dem zwei jüdische Familien ans der Flucht von Kolaczyce Schutz gesucht hatten. Im Hause Offner's wurden die Fensterscheiben zertrümmert, die Einrichtung zerstört, die Keller geplündert. Die Excedenten drohten beim Fortgehen, daß fie den Ueberfall erneuern werden. Aehnliche Ruhestörungen kamen in Blaszkowa vor, wo sieben Individuen unter dem Verdachte der Theilnahme an den Excesfen verhaftet wurden. In einigen Ortschaften des Myslenicer Bezirkes wurden in Judenhäusern Fenster eingeworfen und Dorfschänken geplündert. Vier Excedenten wurden verhaftet, worauf die Ruhe wiederhergestellt wurde. Der „Gazeta Lwowska" zufolge seien diese Excesse aus gewissenlose Agitation zurückzuführen. Die Schilderungen der Vorkommniffe seien jedoch übertrieben. Lemberg, 14. Juni Die anttsemitischen Ausschreitungen in der Umgebung von Jaslo find, wie dem „Slowo Polskie" telegraphirt wird, in stetem Zunehmen begriffen. In zahlreichen Orten werden Juden geplündert und am Leben bedroht. Ter amerikanische Gesandte in Conftantinopel. Zum zweiten Male ist O s c a r S. S tr a u ß in New- Iork zum amerikanischen Gesandten bei der Pforte ernannt worden. Er verdantt diese Ernennung nicht blos seinem großen staatsmännischen Talent, sondern wesentlich auch seinem religiösen Bekenntniß. Den Muhamedanern erscheint der Jude als der geeignetste Vermittler zwischen ihnen und den Christen. Es ist aber zugleich ein Beweis von der großen Toleranz, die — in Amerika und in der Türkei herrscht, daß bereits zum zweiten Male ein Jude als diplomatischer Vertreter der Vereinigten Staaten nach Conftantinopel geschickt wird. Auch der amerikanische Generalconsül in Rumänien war ftüher ein Jude, Benjamin Peixotto. Es ist noch in Aller Erinnerung, mit welcher Energie dieser vortreffliche, leider zu früh durch den Tod abberufene Diplomat sich seiner unglücklichen Glaubensgenossen in jenem Lande angenommen hat. Auch Oscar Strauß ist ein treuer und begeisterter Jude; er gehört zu den eifrigsten Mitgliedern der jüdisch-historischen Gesellschaft in Amerika und nimmt an allen das Jndenthum betreffenden Angelegenheiten lebhaften und warmen Antheil.

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