Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 24 (17.6.1898)
- Date
- 1898-06-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 464 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 24 nicht bei einem Leichenbegängnisse geschehen. Das Grab ist doch nicht jener „gesellschaftliche Nährboden", welcher den Juden entzogen werden soll, und Leidtragenden „Hepp-Hepp" nachzurufen, ist doch eher christlich-social als „deutsch volklich. * * * Wahrhaft christlich-social ist beispielsweise eine Mittheilung, die das „Deutsche Volksblatt" aus Prag erhält. In den Judengeschäften Prags sehe man fast, ausschließlich christliche Verkäuferinnen. „Diese bedauernswerthen Geschöpfe, deren Zahl an 10.000 reicht und die nebenbei gesagt sehr jung und hübsch sein müssen, bezahlt der Jude mit 4 bis 12 fl. monatlich bei dreizehnstündiger Arbeitszeit und illusorischer Sonntagsruhe. Eine einzige Enquete in dieser Angelegenheit würde hinsichtlich Moral und Ausbeutung solche mysteriöse und haarsträubende Dinge zu Tage fördern, daß die judenliberale freisinnige Stadt mit einem Schlage in eine antisemitische umgewandelt würde". Zunächst fällt da die ungewöhnlich große Anzahl von Schönheiten auf, um deren Besitz man die böhmische Hauptstadt wirklich beneiden darf. Man denke: „Zeh ntausend junge und sehr hübsche Mädchen. Ha, welche Lust ein Prager zu sein! Wenn diese 10.000 sehr hübschen Mädchen aufhören, schr jung zu sein, so werden sie wahrscheinlich gegen sehr junge umgetauscht, und die übrigen mysteriösen und haarsträubenden Dinge ergeben sich dann von selbst. Von der Entdeckung abgesehen, daß Prag judenliberal und freisinnig ist und daß es in eine antisemitische Stadt erst umgewandelt zu werden braucht, trägt die Notiz die Marke jener schändlichen Pauschalverdächtigung, gegen die ein Einzelner sich gar nicht wehren kann. Alle jüdischen Geschäftsleute Prags werden da irgend welcher unsittlicher Handlungen beschuldigt und der Leser mag sie für Verführer oder für Purschte halten. Je schlimmer, desto besser. * * * Die Geschichte von den zehntausend sehr schönen und sehr jungen Christenmädchen, die den Prager jüdischen Geschäftsleuten zum Opfer fallen, könnte Ernst Schneider persönlich erfunden haben, so dumm und boshaft ist sie. Das hindert aber erfahrungsgemäß nicht ihre Wirkung aus antisemitisch erzogene Gemüther, und an den derzeitigen galizischen Excessen kann die Regierung die Lesefrüchte aus den Hetzblättern studiren. Auf dem Gebiete der Judenhetze herrscht in Oesterreich geradezu das Ideal von Preßfreiheit. Die verbrecherische Aufteizung gegen Juden war bisher straflos. Wenn der Ministerpräsident Graf D h u n einer Deputation der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union im Hinblicke auf die galizischen Judenexceffe erklärte, daß er die Rechte der Juden mit derselben Energie schützen werde, wie die aller anderen Staatsbürger, wird die Erfüllung dieses Versprechens voraussichtlich die Folgen haben, daß die Aufgereizten und Verführten, denen man den Glauben beigebracht hat, daß den Juden gegenüber Alles erlaubt ist, büßen werden, während die intellektuellen Urheber sich ungestört ihres einträglichen Berufes fteuen. Die galizischen Plünderer und Mordbrenner erfreuen sich übrigens, wie begreiflich, der auftichtigsten Sympathien des Verganiblattes, welches die vorgefallenen Exceffe abzuleugnen sucht und meint, es sei wahrscheinlich nichts geschehen, als daß sich die christliche Bevölkerung über die Juden „beklagt" habe. Ein modernes Seitenstück zu der Posaune von Jericho; die Klagen der galizischen Antisemiten zertrümmern Fensterscheiben, demoliren die Läden und stecken die Häuser in Brand. Das Klagen ist zuweilen gefährlich. Herr Vergani weiß es ja aus eigener Erfahrung, was beim „Klagen" zuweilen herauskommen kann. * * * Herr Alexander Purscht aber, diese Blume aller Stadtrathgeister, wird trotzdem klagen. „Die Ehre der Stadt Wien kann nicht auf Urlaub gehen", schrieben wir vor einer Woche, und wenn es nach dem Wunsche des Herrn Purscht und seines intimen und getreuen Freundes Gregorig gegangen wäre, so wäre die Ehre der Stadt Wien unfreiwillig beurlaubt worden. Die Vertuschelung der anrüchigen Geschichte war aber nicht möglich, und nicht einmal der Dr. Lueger konnte seinen vielleicht hervorragendsten Parteigänger schützen, obgleich dieser, wie Herr Dr. Lueger feierlich bekannt gab, ^nichts gethan habe, was seiner Stellung als Stadtrath oder Gemeinderath widerspricht." Und er fügte hinzu, „so weit ich unterrichtet bin", und er fügte noch weiter hinzu: „Und ich habe mich unterrichten lassen." Diese feierliche Aeußerung des Bürgermeisters von Wien in einer die Ehre dex Stadtvertretung empfindlich berührenden Angelegenheit muß im Gedächtnisse behalten werden. Die Gerichtsverhandlung wird zeigen, wie gut Herr Dr. Lueger unterrichtet war. Mittlerweile sind .einige neue Thatsachen bekannt geworden, die den Charakter des mit der Ueberwachung der moralischen Lebensführung der Lehrer betrauten Antisemiten illustriren. Als die Philomena Mark ihrer Entbindung stündlich gewärtig sein mußte, ließ ihr Geliebter Herr Alexander P u r s ch t sie — i h r T e st a m e n t machen. Man kann nicht wissen, es sind schon so viele Frauen im Wochenbett gestorben. Wie zartfühlend hat sich da Herr Purscht benommen, wie tröstlich und stärkend muß für eine Frau, die ihre schwere Stunde erwartet, die Aufforderung sein, ihren letzten Willen aufzusetzen. Das ist eine Art Kannibalismus, wie er antisemitisch ausgebildeten Naturen eigen ist. Fünf Tage nach der Errichtung des Testaments genas die Philomena Mark eines Töchterchens, dessen Vater Herr Purscht war, und es macht dem Herzen dieses Mannes alle Ehre, daß er in jenem Testament sich selbst zum Universalerben hatte einsetzen lassen. Die Scene wäre einer dramatischen Bearbeitung werth, als Herr Purscht die hochschwangere Frau aufforderte, Testament zu machen und ihn zum Erben einzusetzen. Die Thatsache, daß sie eine Kupplerin war, kann das Mitleid mit der menschlichen Creatur nicht unterdrücken. Sie war eine unglückliche Person und ihr Selbstmord hat Herrn-Purscht bereichert. Dienstag Nachmittag nun wartete Herr Purscht in einem Kaffeehause auf eine Nachricht darüber, ob der Bürgerclub mit der Art, wie Herr Purscht vor dem öffentlichen Urtheile auszukneifen beabsichtigte, einverstanden sei oder nicht. Ec hatte sein Mandat als Stadtrath niedergelegt; ob er Gemeinderath bleiben könne, darüber sollte ein Ehrengericht der Partei entscheiden. Nun ist es sehr interessant, daß drei Freunde Purscht's für diesen Ausweg sprechen und daß die Debatte darüber, wie das „Deutsche Volksblatt" selbst meldet, eine sehr heftige war. Wie kann es da heftige Debatten geben, wo die Ehre der Stadt nur einen einzigen Weg offen läßt, den der Klage vor dem Schwurgericht? Nicht um das Privatleben eines Herrn Alexander Purscht handelt es sich, dessen öffentliche Besprechung die bekanntlich so zartfühlenden Antisemitenblätter so peinlich berührt. Zuhälter und Gelegenheitsmacher gibt es Tausende in der Großstadt, Niemand kümmert sich um diesen Auswurf der menschlichen Gesellschaft. Wenn aber zu Tage kommt, daß ein Gemeinderath der Stadt Wien in dem Verdachte steht, in diesem'Auswurf mitten drin zu stecken, an seinem Leben und Treiben, ja sogar mitinleressirt zu sein an dessen schmutzigem Erwerb, so muß die Fackel der Oeffentlichkeit in dieses Dunkel voll hineinleuchten. Das erfordert die Ehre dieses großen und schönen Gemeinwesens auch in dem Falle, wenn Derjenige, dessen Lebensführung in Frage kommt, der Frennd und Vertrauensmann des Dr. Lueger, eine Säule der christlich-socialen Partei, ein Vorkämpfer der antisemitischen Bewegung ist. Robert Wolf. Die antisemitischen Exeesse in Galizien. Die antisemitische Flut in Galizien steigt. Ueberaus beunruhigend lauten die Meldungen, welche in den letzten Tagen über die an Juden verübten Gewaltthätigkeiten in Kolaczyce, Jaslo, Gorlice, Pilzno, Brzostek, Bukowa, Kamienica, Lichtarz, Zolkowa, Warzyce, Ulaszowice. Dembowiec, Swierchowa, Brzyski, Skawina, Radiszowice, Blaszkowa, Sobniow, Myslenice und anderen Orten eingelaufen sind. Es tritt immer deutlicheren Tage, daß die Bewegung aus eine planmäßigeAgitation zurückzuführen ist und es erweist sich die Notwendigkeit, dem Wüthen der aufgestachelten bäuerlichen Bevölkerung mit den energischesten Mitteln entgegenzutreten: In einer Besprechung, welche vorige Woche hier zwischen den jüdischen Mitgliedern des Polenclubs und Vertrauensmännern aus Galizien abgehalten wurde, wurde constatirt, daß unzweifelhaft ein g em e i n s a m e r A g i t a t i o ns h e r d - bestehe. Die jüdischen Abgeordneten aus Galizien sind durch die Ereignisse nunmehr doch aufgerüttelt worden und haben sich an den Minister Jendrzejowicz, sowie an den Statthalter Grafen P i n i n s k i gewendet. Die „Oesterreichisch - Israelitische Union" hat von allem Anfänge an die galizischen Vorgänge mit der größten Aufmerksamkeit verfolgt. Am 10. d. M. wurde das Präsidium der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" vom Ministerpräsidenten Grafen Thun empfangen und wies auf die