Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-06-17 · 24 (17.6.1898) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
24 (17.6.1898)
Date
1898-06-17
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021223-3021248--07926-3032278
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 24 Dr. Bloäi's Wochenschrift' Seite 463 Stojalowski mit seinem Besuche, bei welchem er, seiner Eigenart gemäß, es selbstredend nicht unterließ, dem rohen und groben Publicum seine antisemitische Theorie beizubringen, wodurch selbes zu judenfeindlichen Ausschreitungen animirt wurde. Vor der hier am 4. und 5. d. M. stattgehabten Mickiewicz-Jubiläums-Feier hat der Pöbel das Gerücht verbreitet, ja sogar öffentlich erklärt, daß die hiesige jüdische Bevölkerung auf Raub und Mord gefaßt sein möge. Den ganzen Tag (Samstag) haben wir in Angst und Schrecken zugebracht und nur durch getroffene Vorkehrungen und Verwendung bei der Behörde von Seite des israelitischen Cnltusvorstandes ist es gelungen, dem Uebel rechtzeitig vorzubengen. Dank der Energie des hier stationirten Gendarmerie-Oberlieutenants, welcher in eigener Person und mittelst regnirirter Gendarmen die Stadt bei Tag und Nacht überwachte, hat der Schreckenstag einen normalen, ruhigen Charakter angenommen. Diese antisemitischen Keime und Gährung im Innern des Pöbels pflanzten sich aber rasch wie eine Pest in das von hier eine Meile entlegene Städtchen Kolaczyce fort, wo es leider ja zu thätlichen Ausschreitungen und Exceffen gemeinster und gefährlichster Art gekommen ist Am 9. d. M. um 9 Uhr Abends rollte sich eine unzählige Menge von Excedenten mit einem hochschallenden Hurrah mit Hacken und Keulen in den Händen zusammen, umringte das Bethaus und die jüdischen Häuser, zertrümmerte total die Fensterscheiben und mit den Werkzeugen riß sie sogar Fensterrahmen und Läden heraus. Die dort stationirte Gendarmerie — zwei bis drei Mann stark — eilte herbei, war aber nicht im Stande, die Krawalle, die von Hunderten Leuten hervorgerufen wurden, zu unterdrücken. Ein Gendarm griff zur äußersten Maßregel und machte von der Waffe Gebrauch, indem er einen Schuß in die Luft abfenerte, aber dies schreckte den Pöbel nicht ab, da das Bombardenient mit den Steinen in noch heftigerer Weise erneuert wurde. Es ist einem besonderen Glücke zu verdanken, daß sich kein Jude auf der Straße blicken ließ, sondern verschiedenartige Schlupfwinkel und Verstecke in den Kellern rc. re. aufsuchte, denn sonst wäre er zum Opfer der Brutalität des rasenden Pöbels gefallen. Eine Jüdin wurde in Folge des Schreckens von einer Ohnmacht befallen und nur durch einen Gendarmen konnte der Arzt zur Patientin herbeigeholt werden. Dieser traurige verhängnisvolle Zustand währte bis Mitternacht und bin ich schließlich nicht in die Lage versetzt, die Panik, die dort unter der jüdischen Bevölkerung herscht, genau zu schildern. Als am 10. d. M. Früh sich diese Hiobspost hier verbreitete und die Juden Anzeigen bei der Behörde erstatteten, regllirirte der Herr Bezirkshauptmann vier Gendarmen und begab sich tit eigener Person auf den bedauernswerthen Schauplatz, der einen schauerlichen Anblick bietet, hin. Verhaftungen der Excedenten sind nicht erfolgt, da, wie eS scheint, der Bürgermeister in Kolaczyce, der ein Antisemit vom Schlage Lueger ist, sie in Schutz nahm, hervorhebend, daß nichts Besonderes geschah, nachdem doch kein Menschenleben zu beklagen ist. Wie judenfreundlich der Bürgermeister gesinnt ist, beweist die Aenßerung, die er gegenüber einigen Juden gemacht haben soll. Als manche derselben noch im Laufe der vorigen Woche eine kleine Ahnung von dem bevorstehenden Uebel hatten und daher den Bürgermeister um rechtzeitige Hilfe und Abwehr angingen, soll er ihnen geantwortet haben, daß niemand um sie geschickt hat und sie die Stadt zu jeder Zeit gemüthlich verlassen können. Die Gährung, hauptsächlich die schrecklichsten Drohungen dauern noch immer fort, wodurch die jüdische Bevölkerung in Kolaczyce, ja sogar die in Jaslo unsicher und besorgt ist. Ein sehr bedeutender Theil derselben (in Kolaczyce) darunter der dortige Rabbiner H. Fränkl und vorwiegend Frauen und Kinder, hat vorläufig die Stadt verlassen und sucht sicheren (?) Aufenthalt auf. Als Nachtrag zu meinem Berichte theile ich mit, daß sich eine Horde von Excedenten von Jaslo nach Kolaczyce begab. Am Rückwege plünderten sie im Vereine mit Bauern die jüdischen Dorfgasthäuser, versetzten Schläge gefährlichster Art und zertrümmerten Fensterscheiben. Die ganze Masse concentrirte sich in der Vorttadt von Jaslo, Ulaszarice, wo sie schreckliche Verheerungen anrichtete. Sie zertrümmerte dort total die Fensterscheiben und Rahmen, stürmte mit G walt das Specereigeschäft und den Ligueurflaschen-Ausschank des H. Jacob Frant, plünderte, zerbrach sämmtliche Gefäße, zerstörte die Maaren. Dies that sie auch im Wirthshause des S. Löwy. Hernach steckte sie die Spiritusraffinerie in Brand, welche in Flammen steht. Herr Löwy war mit der Familie versteckt und als er beim Sichtbarwerden des Feuers hervortr», ließ sie ihn nichts retten, nicht einmal die Thorarolle. Die hiesige Gendarmerie ist in Kolaczyce und droht der Stadt Jaslo neue Gefahr. Militär wurde vorläufig nicht requirirt, obwohl die Juden von Kolaczyce es Freitag und heute (Samstag) dringend vom Herrn Bezirkshauptmann verlangten. Die Lage der Inden ist herzzerreißend, da wir in Schrecken sind; auck die Studenten helfen dazu, wenn sie einen Juden erblicken, bewerfen sie ihn mit Steinen rc. Niemand wagt es, bei einer höheren Behörde etwas für uns zu thun. Gott möge sich unser erbarmen. Der Bürgermeister ist ein schrecklicher Antisemit, wie seine vielen gemachten Aeußerungen genügend beweisen. Vom Jahrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. Die Vertagung des Reichsraths wird von den Radicalen als die Flucht eines rathlvsen Ministeriums vor dem Parlament erklärt, während die officiöse Presse für die Nolhwendigkeit, dem erhitzten Parlament den Umschlag einer mehrwöchentlichen Vertagung zu appliciren, den Starrsinn der Opposition verantwortlich macht. Nur die maßgebenden Organe der deutschfortschrittlichen Partei beurtheilen die Situation ruhig und fassen die getroffene Maßregel als einen Beweis dafür auf,- daß das Ministerium Thun nicht gegen die Deutschen zu regieren, sondern eine loyale Verständigung zwischen den Deutschen und Czecheu herbeizuführen gesonnen ist. Wenn aber irgend eine gerechte Sache durch eine ungeschickte Vertretung compromittirt werden kann, so ist es die der Deutschen in Oesterreich durch die unbernfene und vordringliche Anwaltschaft des Herrn Karl Hermann Wolf. Die „Ostdeutsche Rundschau" hat ihrem Herausgeber keinen Dienst damit erwiesen, daß sie seine Laternpfahlrede vom 7. Juni im stenographischen Wortlaute abdruckte. Diese Rede zeigt Herrn K. H. Wolf wie er leibt und lebt, als anmaßend, großmäulig und Politisch unreif. Der Mann spricht, als stünden die 50 Millionen Deutsche unter seinem Commando und würden seines Winkes gewärtig sein, um alle Nichtdeutschen an die Lalernpsähle zu hängen. Er predigt die Revolution, den Massenaustritt aus der katholischen Kirche und sucht die Jubiläumsfeier herabzuwürdigen; das Alles nennt sich einen in Oesterreich lebenden Politiker, welcher sich anheischig macht, den Deutschen zu nützen! Daß er die Austreibung czechischer Arbeiter aus deutschen Gegenden verlangt, ist beinahe selbstverständlich, und es ist bereits dahin gekommen, daß man ein solches Beginnen gutheißt, ohne an die Rücksichten der Menschlichkeit zu denken. Millionen Deutsche leben unter fremden Völkern aus der weiten Erde. Was würde Herr Wolf sagen, wenn die Engländer oder Amerikaner den deutschen Arbeiter boycottiren würden? Einem ehrlichen Menschen die Arbeit entziehen, weil er ein Deutscher oder ein Czeche ist, das ist eine Handlungsweise, an deren barbarischen Charakter nur die jahrelang fortgesetzte Verhetzung vergessen machen kann. Wenn solche Maximen Geltung erlangen, dann gibt es in einem gemischtsprachigen Bezirke, nachdem die Czecheu und die Deutschen nun einmal da sind, wirklich nichts als die Ausrottung, den wirklichen Mesterkamps, nicht blos mit den Messern der Wols'schen Phrase. Daß die Czechen mit dem Boycott angefangen haben, ist keine Entschuldigung. Die Podlipnys sind eben gerade so gemeinschädlich wie die K. H. Wolfs. Von dieser Atmosphäre des Hasses, in welcher auch der Antisemitismus seine Wurzel gefunden und zur Steigerung der Leidenschaften beigetragen hat und noch beiträgt, muß Oesterreich endlich einmal befreit werden; es ist die höchste Zeit, daß die Menschlichkeit und die Einsicht wieder zu Worte kommen. * * * „Der Jude Beer" und „der Jude Falk". Das wären allerdings zwei Juden. Die „Ostdeutsche Rundschau" meint daniit Herrn Hofrath Dr. Beer und Herrn Dr. Max Falk, welche in den Quotendeputationen unterhandelt haben. Anstatt sich jedoch über die Thätigkeit dieser Herren zu ärgern, sollte Herr K. H. W o l f lieber einige Elaborate derselben einem genauen Studium unterziehen. NamenMh aus den in der ganzen Welt anerkannten Berichten, die der Jude Falk in den Delegationen über die äußere Lage erstattet hat, könnte der Herausgeber der „Ostdeutschen Rundschau" Einiges lernen und seine politische Bildung auf wünschenswerthe Art ergänzen. Bei diesem Anlasse möchten wir ihn auch daraus aufmerksam machen, daß es mehr als geschmacklos ist, einen P a r t e z e t t e l zur Verspottung Leidtragender zu benützen. Da ist in Budapest ein Herr Hirschler gestorben, und die „ Ostdeutsche Rundschau" druckt den Partezettel mit den verschiedenen Unterschriften ab, um zu zeigen, wie die Juden ihre Namen magyarisiren, und erzählt dabei die Anekdote von einem Juden, der sich mehreren auf solche Art magyarisirten Glaubensgenossen mit den Worten vorstellt: „Ich heiße auch Kohn". Diese an sich sehr harmlose Anekdote — sie gefällt uns auch sehr gut — hätte sich auch bei einer paffenderen Gelegenheit erzählen lassen, und wenn es schon zum Wesen der „D u r ch v o l k l i ch u n g" gehört, die Juden anzurempeln und zu beschimpfen, so soll es wenigstens

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.