Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 24 (17.6.1898)
- Date
- 1898-06-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021223-3021248--07925-3032277- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Beirut 1× ep/1047833
OCR text
Seite 462 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 24 clamationen des russischen, sranzösischen, englischen, türkischen oder sonstigen Gesandten wegen Verletzung der Exterritorialität, Beleidigung eines Missionärs oder Derwisches, Betreten einer heiligen Stätte durch einen jüdischen Gendarmen, Besteuerung eines fremden Unterthans u. dgl. Und der Reklamation würden sofort ein paar Kriegsschiffe folgen, mit der Drohung Jaffa oder Beirut zu bombardiren, wenn nicht sofort so und so viele Tausend Schekel Entschädigung gezahlt würden. Ein Judenstaat ohne die Minen von Ophir könnte gar nicht existiren. Nun höre ich die Zionisten sagen: „Du bezeichnetst unfern schönen Plan als unausführbar, willst ihn uns verleiden, aber weißt Du denn etwas Besseres? Was soll mit den bedrückten, nothleidenden Juden Rußlands geschehen?" Darauf antworte ich: „Ich weiß ein Land, wo noch Raum für Millionen Menschen ist, wo ein im Durchschnitt ebenso gutes Klima herrscht wie in Palästina, wo noch nie ein Mensch wegen seiner Religion oder Nationalität bedrückt oder verfolgt wurde und wo dies, soweit menschliche Voraussicht reicht, auch in Zukunft nicht geschehen wird; wo das Volk unter dem Schutze eines mächtigen glücklichen Staates sich selbst regiert, wo zwar nicht Milch und Honig fließt, wo aber Jeder, der arbeiten will, sein' gutes Auskommen finden, ja wenn er Glück hat auch reich werden kann. Mein Vorschlag ist nicht das Ei des Columbus, aber es wundert mich doch, daß er bis jetzt meines Wissens noch von Niemanden gemacht wurde. Will uns die alte Welt nicht, findet sich in der Neuen wenig Raum für uns, so gehen wir nach der Neuesten, nach A u st r a l i e n. Australien hat einen Umfang von achthalb Millionen Quadratkilometer mit einer Bevölkerung von nicht ganz vier Millionen, also im Durchschnitt einen Einwohner auf zwei Quadratkilometer, d. h. 25 auf die Qnadratmeile; mit andern Worten es ist ungefähr elfmal so groß wie die österreichischungarische Monarchie, hat aber nur ein Zehntel so viel Einwohner! Bon dieser Bevölkerung sind 75y2 Percent Protestanten, 23 Percent Katholiken, Percent Juden, 1 Percent Mohammedaner und Heiden. Der Nationalität nach sind 50.060 Chinesen, 100.000 Deutsche, alle Uebrigeu Engländer; dem Geschlechts nach 54 Percent Männer, 46 Percent Frauen, so daß Frauen dort leicht Aussicht haben, sich bald zu verheiraten. Der südliche Theil Australiens liegt ungefähr auf demselben Breitegrade südlich wie Palästina nördlich und hat ein dem südeuropäischen ähnliches Klima, die nördlichen Theile, welche bis zum zehnten Breitegrade reichen, haben ein mehr tropisches Klima. In manchen Gegenden tritt alle zwölf Jahre eine Dürre ein, welche der Ernte sehr schadet; aber durch großartige Bewässerungsanlagen werden immer neue Gebiete culturfähig gemacht und durch Verwendung praktischer Maschinen steigen die Erträge. Große Fortschritte macht auch der Weinbau, besonders in der Qualität. Der Hauptzweig der Landwirthschaft ist aber die Schafzucht, und dies wäre für die Juden, die ja auch als Schafhirten nach Egypten' gekommen sind, eine Vorschule für den Uebergang zum Ackerbau. Im Jahre 1889 gab es dort 750.000 Schafe und dementsprechend eine bedeutende Wollausfuhr. Die Industrie ist noch wenig entwickelt und bietet bei dem Reichthum an Naturproducten Handwerkern und Fabrikanten ein lohnendes Feld der Thäiigkeit. Das Land gehört gesetzlich der Krone und wird in öffentlicher Versteigerung an die Meistbietenden verkauft; wird jedenfalls billiger zu haben sein als in Palästina. Außerdem wird zur Beförderung der Viehzucht unverkauftes Kronland zu mäßigen! Preise verpachtet. In politischer Beziehung enthält der Welttheil sieben von einander unabhängige Cvlonien (nach der Größe der Bevölkerung geordnet). Neu-Sndwales, Victoria, Neu-Seeland, Queensland, Südanstralien, Tasmania und Westanstralien, welche sich selbst regieren. Nur die Gouverneure werden von der englischen Regierung ernannt, die dort mehr eine Art Protectorat und Schutzherrfchaft ausübt als direct regiert. Das Volk regiert sich selbst durch die Parlamente der einzelnen Colonien. Das Militär besteht nur aus Freiwilligen, von allgemeiner Wehrpflicht und Aushebung weiß man dort nichts. Selbstverständlich herrscht völlige Gleichheit aller Einwohner, ohne Unterschied von Nationalität und Confession, um die sich die Regierung gar nicht bekümmert. Seit einiger Zeit sind Verhandlungen wegen Vereinigung aller Colonien zu einem Staatenbund, stets unter Oberhoheit Großbritanniens, im Zuge und dürsten wohl bald zu befriedigenden Abschluß gelangen. Sollte es möglich sein, ein größeres zusammenhängendes Territorium für die jüdische Colonisation zu erwerben, so könnte der Judenstaat als achte Colonie dem Staatenbunde beitreten, oder wenigstens eine Stellung einnehmen wie die Territorien in Nordamerika zu den Bundesstaaten und sich so nach und nach zu vollständiger Selbstregierung erziehen. Aber selbst wenn dies nicht mehr möglich wäre, würden die Juden in Australien auch als einfache Colonisten eine viel bessere und gesicherte Stellung finden als in Argentinien, ja selbst in mancher Beziehung eine bessere und freiere als in Nordamerika. Das ist, flüchtig skizzirt, meine Idee vom Judenstaat. Es handelt sich nur darum, daß sich besonnene patriotische Männer finden, die sich der Sache annehmen, und zwar sehr bald annehmen. Denn nur durch positive Arbeit läßt sich der Noth der Juden abhelfen und dem gefährlichen phantastischen Treiben der Zionisten Einhalt thun. Es fragt sich nur, ob für diesen Judenstaat eine besondere Organisation gebildet werden oder ob gesucht werden soll, durch zahlreiche Beschickung des Zionistencongresses diesen selbst für die neue Idee zu gewinnen. Am Ende besteht doch die große Mehrzahl' der Zionisten aus Menschen, die es mit dem Judenthum gut meinen und Vernunftgründen wohl zugänglich sein werden. M. -i- * * Eine Wiener Dame schreibt uns unter der Spitzmarke: Wiel Geschrei und wenig Wolle. Selten hat ein Sprichwort mehr gepaßt, als dieses in Anwendung auf die Zionisten. An allen Straßenecken Reklamezetteln, hochtrabende Worte - und kein Kern. Und die Herren Zionistenführer, die eigentlich selbst die Flinte ins Korn werfen nicht blos durch die Vermählung einer ihrer Haupthäuptlinge mit einer Arierin — weiter kann die Assimilation nicht getrieben werden — hat er dann auch in einer Rede öffentlich erklärt: er begreife vollständig die Antisemiten, da sie - die Zionisten nämlich — so viel von den andern (vernünftigen) Juden zu leiden hätten, so fänden sie den Antisemitismus vollkommen begreiflich, ja erklärlich, durch die Eigenheiten der Juden hervorgerufen. Was wollen wir Wiener Juden denn eigentlich? Wir fühlen uns eben als Wiener jüdischer Confession und sehnen uns eben so wenig nach Palästina zurück, wie der Germane nach seinem Ursitze in Asien oder die anderen arischen Völker nach ihren ursprünglichen Wohnsitzen, wie die Amerikaner nach England oder Deutschland — wir sind ünserer Wiege eben entwachsen, wenn Palästina überhaupt unser Aller Wiege war, siehe die Chasaren, und wer kann heute überhaupt eruiren, wie viele Arier bei dem großen Bankerott der heidnischen Religionen zum Judenthum übergetreten sind? Uns in die Staaten einzuleben, deren Bürger wir sind — das ist doch eigentlich unser Bestreben und darnach müssen wir mit allen Kräften ringen — und für die Zionisten wäre wohl ein wirklicher Sieg ihrer Bestrebungen das größte Malheur, was ihnen passiren könnte. Wenn die Herren wirklich genilthigt wären, statt in Wien oder Paris in Jerusalem zu leben, vielleicht würde ihnen da noch Aergeres passiren, als die Ausschließung aus einem obscuren deutschen Badeort oder die Nichtaufnahme in einem bigotten Alpennest. Mein Gott, zur Liebe kann man Niemanden zwingen — und die Welt rst groß genug. Und wie herrlich weit haben es die lärmenden Kundgebungen der Zionisten gebracht! Was haben sie damit erreicht? Die sonst so duldsaine Pforte ist mißtrauisch geworden und verbietet und erschwert in neuerer Zeit die Einwanderung der Juden in Palästina viel mehr als früher, weil sie das Geschrei für baare Münze nimmt; während früher ein Crämieux, ein Goldsmith, von den Rothschilds und Hirsch unterstützt, eine zwar nicht lärmende aber intensive Thätigkeit entwickelten — zwar keine „Welt" aber blühende jüdische Colonien in Palästina gründeten — ein Zionismus, wo gearbeitet und nicht geschrieen wurde. Es wurde nicht versucht, die französische oder englische jüdische Jugend ihrer wirklichen Heimat durch Hirngespinste zu entfremden — wir wurzeln in Oesterreich oder Ungarn, als Religionsgeuossenschaft; Palästina ist uns ein Ideal, ein ferner Stern — und Sterne — die begehrt man nicht; wenn aber die Zionisten den Versuch am eigenen Leib machen wollen — aber nur dann bis er ihnen gelungen ist — dann sollen Sie von Neuem kommen, uns zu bekehre» versuchen, bis dahin gilt von Ihnen — Gott schütze mich vor meinen Freunden. L. S. Vom Schlachtfeld in laslo. Wir erhalten zur Beleuchtung der traurigen galizischen Zustände nachstehende authentische Berichte: Jaslo, am 12. Juni 1898. Daß heutzutage dem Juden die persönliche Freiheit, die man doch in Oesterreich Jedermann ohne Unterschied der Confession gewährt, buchstäblich geraubt wird, beweisen zur Genüge die fast tagtäglich auftaüchenden Judenexcesse in Galizien, die durch judenfeindliche Agitatoren und Flugschriften methodisch erzeugt werden. Gelegentlich der bevorstehenden Reichsraths-Ersatzwahl im Wahlkreise Jaslo-Sanok beehrte unsere Stadt und Umgebung t'.