Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 24 (17.6.1898)
- Date
- 1898-06-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 24 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 461 Es ist ja viel für das Judenthum zu thun, und je nach Aulage und Charakter mag sich der Eine der Abwehr, der Andere der Beförderung der Auswanderung, besonders der Juden aus Rußland und Rumänien, widmen. Vor Allem aber muß man sich das Wort eines russischen Kaisers an die Polen zum Muster nehmen: Point de reveries Messieurs! Und dies gilt besonders von der Auswanderung. Mit phantastischen Staatsgründungen, mit Plänen zur Restauration eines jüdischen Reiches schadet man nur der guten Sache oder — macht sich lächerlich. Die Griechen sind nur vier Jahrhunderte unter türkischer Herrschaft gestanden, sie sind stets auf dem Boden ihres Vaterlandes geblieben — die reichen Griechen in Paris, London, Petersburg und Wien haben sich wohl gehütet, in das unabhängige Vaterland zurückzukehren — und nun sehe man sich an, was für klägliches Staatswesen sie gebildet haben. Mehr als siebzig Jahre nach ihrer Befreiung sind sie noch nicht zur Ruhe und Ordnung gekommen, taumeln von Revolution zu Staatsbankerott, von Staatsbankerott zu Revolution, und wenn sich die europäischen Mächte ihrer nicht angenommen hätten, wo stünden sie jetzt, vielleicht schon wieder unter türkischer Herrschaft. Moses hat die aus der Sclaverei befteiten Juden vierzig Jahre in der Wüste yerumgesührt (es bleibt sich gleich, ob man es wörtlich oder figürlich nimmt), bevor er es wagte, mit ihnen einen Staat zu gründen, und dann sind noch vier Jahrhunderte der Anarchie verflossen, bis unter König David ein wirklich geordneter Staat daraus ward. Und unsere modernen Staatengründer wissen die unbedeutendsten Kleinigkeiten in ihrem Zukunstsstaate auszumalen, während sie über die wichtigsten Angelegenheiten wie Regierung, Verfassung, Staatssprache u. dgl. leichten Fußes Hinübergleiten, über die Mittel, ihren Plan ins Werk zu setzen, nur geheimnisvolle Andeutungen machen: Das Wichtigste scheint ihnen beinahe die Gründung der Zionsbank zu sein, wozu gar eifrig eingeladen wird. In ihrem officiellen Blatte, der „Welt", wird sogar von Ueberzeichnungen gesprochen und mit großer Genugthuung berichtet, daß die Actien in Braila mit vier Perzent Agio notirt werden! Leider bringt das Blatt nicht auch die Notirnngen von Plojeschti und Tekutsch, nach denen sich wohl die Börsen von Paris und London richten werden. Man möchte darüber lachen, wenn einem nicht das Weinen näher stünde. Und muß man denn den Antisemiten durchaus Anlaß geben, zu sagen, daß die Juden ihre patriotischen Unternehmungen nicht ohne Bankgründung und Agiotage ins Werk setzen können? » Es hat ja gewiß etwas das Gefühl tief Erregendes, alle Jugendträume Wiedererweckendes, wenn man den Inden von einem unabhängigen Reich spricht, wo sie die Herren sein werden; wenn man die Herrlichkeit Zions vor ihren Augen aufsteigen läßt, das leschono habo be ]eruscholaim zu Wahrheit zu machen verspricht. Aber für den frommgläubigen Inden ist an eine solche Restauration ohne den Messias nicht zu denken, und die Andern haben die Pflicht, die Sache nüchtern und verständig zu betrachten, ohne sich von Schlagworten und Phantasien beeinflussen zu lassen. Point de reveries Messieurs! Und betrachten wir die Sache ruhig, als mit den Thatsachen rechnende Menschen mit dem Verstände, nicht mit dem Herzen und der Phantasie und ohne die Brille der Eitelkeit, so finden wir, daß man in Palästina vielleicht noch einige Tausend jüdische Colonisten unterbringen könnte, daß aber kaum ein Land in der Welt zu einer jüdischen Colonisation im Großen so ungeeignet ist als Palästina, daß es kaum irgend eine Gegend gibt, wo ein jüdisches Reich weniger Existenzmöglichkeit hätte, als „zwischen Dan und Berscheba". Leidende und Schwache, Kranke und Reconvalescenten schicken die Aerzte nach Orten mit gesundem, gleichmäßigem Klima, kein vernünftiger Arzt wird seine Kranken nach dem sturmumtosten Cap Horn oder nach Orten schicken, wo Cholera oder gelbes Fieber epidemisch sind. Unsere zionistischen Heilkünstler wollen aber das geschwächte, der ungestörten Ruhe und Sicherheit bedürftige Judenvolk nach einem der exponirtesten, politisch unsichersten Länder schicken, wo sie vom Regen in die Traufe kommen werden. An dieser Grenzscheide zweier Welttheile haben schon in uralter Zeit Egypter mit Persern gekämpft. Palästina war der Zankapfel zwischen Römern und Parthern, später zwischen Persern und Griechen, dann zwischen Saracenen und christlichen Kreuzfahrern und noch an der Schwelle unseres Jahrhunderts zwischen Franzosen und Engländern. Wie lange ist es denn her, daß dort die blutigen Kämpfe zwischen Drusen und Maroniten, zwischen türkischen Soldaten und Beduinen ausgehört haben und welche Garantie haben die Zionisten, daß sie nicht wiederkehren werden? Welche Rolle soll denn bei solchen Kämpfen der „Judenstaat" spielen? Aber vorläufig sind wir noch nicht so weit und es ist auch gar nicht anzunehmen, daß der Sultan sich eine Provinz so mir nichts dir nichts wird wegnehmen lassen. Die Türkei hat ja eben gegen Griechenland gezeigt, daß sie ein sehr zu fürchtender Gegner ist, und es ist nicht anzunehmen, daß die Redaction der „Welt" mit ihren Freiwilligen und dem „Schekelgeld" der Zionisten militärisch und finanziell besser gerüstet sein wird, als die Griechen. Wird sich der Sultan das auch für ihn heilige Land abkaufen lassen? Wir sehen ja, daß Spanien trotz des seit Jahren wüthenden Aufstandes das weit entfernte Cuba nicht verkaufen will, und der Sultan soll eine die Verbindung zwischen Syrien und Egypten bildende Provinz mit loyaler Bevölkerung gutwillig verkaufen? Und wo würden denn die Zionisten das Geld zu einem solchen Kauf nehmen? Unter Hundert Millionen Mark wird doch Palästina nicht zu haben sein. Bliebe also nur die Maffencolonisation unter türkischer Herrschaft. Da man aber die jetzigen christlichen und mohammedanischen Einwohner nicht vertreiben kann, so würde sich dort kaum Platz für ein Zehntel der russischen Juden finden. Und würden diese es in Palästina besser haben, als jn Rußland? Gewiß, so lange Sultan Abdul Hamid II. regiert. Aber wer bürgt für seinen Nachfolger? Wahrlich, die Zustände in Marokko und Persien sind nicht der Art, daß die Juden unter mohammedanischer Herrschaft stets auf eine bessere Behandlung als in Rußland zu rechnen hätten, von Deutschland und Oesterreich, wo es trotz Ahlwardt und Gregorig noch immer auszuhalten ist, gar nicht zu reden. Soweit die politischen Erwägungen. Aber nun kommen die noch ernsteren, religiösen. Gesetzt, das Unmögliche sei möglich geworden, der Judenstaat gegründet, ein Nachfolger Davids regiert in Jerusalem; der Tempel auf seiner alten Stätte, darf nicht wiedererbaut werden, denn dort steht eine den Mohammedanern heilige Moschee. An einer anderen Stelle befindet sich die den Christen heilige Grabkirche. Etwas weiter ist ein Dominikanerkloster, dann ein Nonnenkloster der Töchter Zions, ein russisches Kloster, dann russische, katholische, armenische Klöster und Pilgerhäuser. Es gibt keine christliche Confession, die nicht dort ein Kloster, ein Pilgerhaus oder irgend eine Heimstätte besäße; am meisten haben sich in neuerer Zeit sowohl in Jerusalem, als in ganz Palästina die russischen Niederlassungen vermehrt, und es sind nicht gerade die tolerantesten judenfreundlicksten Leute, die dort wohnen oder zum Besuch dahin kommen. Auch christliche deutsche Colonien finden sich im heiligen Lande und der bevorstehende Besuch des Kaisers Wilhelm, der sich auch in China der katholischen Missionäre annimmt, wird ihre Position gewiß stärken. Es heißt sogar, daß ein palästinensischer Küstenplatz an Deutschland abgetreten werden soll. Weder die Mohammedaner noch die Christen werden auf irgend eines ihrer Rechte oder Besitzungen zu Gunsten der Juden verzichten, selbst wenn Herr Dr. Nordau noch so viele schöne Artikel für die „Welt" schreiben, wenn auf dem Zionistencongreß noch so viele schöne Reden gehalten werden sollten. Jetzt müssen türkische Soldaten in der Grabkirche Wache halten, damit die verschiedenen Confessionen nicht einander aus christlicher Liebe todtschlagen, aber eine jüdische Wache werden sie sich durchaus nicht gefallen lassen. Die europäischen Mächte werden die Gründung des Judenstaates gewiß nur dann znlassen, wenn man ihnen für alle den Christen heiligen Orte die Exterritorialität garantirt, und dasselbe wird sich die türkische Regierung für die Mohammedaner ausbedingen. So werden viele auch den Juden heilige Stätten in nichtjüdischen Besitz bleiben, das ganze Land, am meisten aber Jerusalem, von fremden Enclaven durchsetzt sein. Wie dann eine ordentliche Regierung regelmäßig fungiren könnte, ist unmöglich zu begreifen. Am bedauernswerthesten dürfte aber der jüdische Minister des Auswärtigen sein. Ihm würde kein Tag vergehen ohne Re-