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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-06-17 · 24 (17.6.1898) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
24 (17.6.1898)
Date
1898-06-17
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 460 Dr. Bloch's Wockrnfchrisi Nr. 24 schäften — bald wieder, so nur die Wahlen vorüber waren, in landesüblicher Weise herzhaft gehaßt. — Gestehen muß man, daß früher bei allen Hierzulande bewerkstelligten Judenhetzen die tonangebende feudale „Stanczykcnpartei" sich mit einem gewisseil vornehmeil Tacte benahm, indem sie jede öffentliche Theilnahme an diesen pöbelhaften, antisemitischen Aufreizungen sorgsam mied! Dies hatte auch eine gewisse politische Ursache. Die größtentheils adeligen Mitglieder dieser mächtigen „Krakauer Fraction" wurden und werden noch hierzulande allgemein als „Regierungs-Partei" bezeichnet; und da sie sich auch als die Partei der Ordnung und der Ruhe geriren, fürchteten sie, durch offene Theilnahme an judenfeindlichen Deinoiistrationen sich zu compromittiren und ihre tonangebende Position im Parlamente zu erschüttern. Seit aber die antisemitische Seuche, in Folge der ausgebliebenen prophylaktischen Maßregel seitens der Regierung, sich in ganz Cisleithanieu verheerend entwickelte, trat auch hierzulande-in dem Verhalten unserer feudalen Römlinge gegenüber den Juden eine für letztere ungünstige Wendung ein, indem diese polnischen Politiker jetzt den Antisemitismus als „Blitzableiter" gegen die unter dem Landvolke agitirenden Socialisten gebrauchen. Zu dem Zwecke bedienen sich die Feudalen ihrer alten Verbündeten, der Jesuiten, die in ihren Predigten auf den Dörfern die Socialisten als Bundesgenossen der Juden, und diese wieder als Ausbeuter und Blutsauger der Bauern darstellen. Die traurige Folge dieser fortwährenden -Aufwiegelungen auf der Kanzel und in dem hiesigen antisemitischen Schandblatte sind eben die antisemitischen Excesse in Wieliczka, Kalwarya und erst jüngst am letzten Samstag in der westgalizischen Ortschaft Radziszüw im Podgürzer Bezirke, wo einige hundert Bauern in später Nachtstunde sich zusammengerottet und die Fenster der jüdischen Wohnungen mit. großen Steinen zertrümmert haben, die in die Betten fielen und einige Personen, darunter Frauen und Kinder, die im Schlafe versunken waren, verwundeten! Hierauf trat die Meute in ein jüdisches Wirthshaus und hat daselbst die Schnaps- und Biervorräthe theils ausgesoffen, theils weggeschüttet! Zum Schluffe stürzten sich die zweifellos t aufgehetzten Bauern auf das Haus eines jüdischen Fleischers, das sie vollständig demolirt haben! Bemerkenswerth ist die Thatsache, daß die geheimen Agitatoren den Bauern versicherten, daß sie für Plünderung der Inden nicht bestraft werden! Und all' diese scheußlichen Gräuelthaten geschehen jetzt wie zum Hohn auf die heiligen Manen des nun gefeierten Adam Mickiewicz, dieses glorreichen Sängers der Freiheit und der Toleranz! Am 27. d. M. werden die Polen auf das Grab des Mickiewicz in der Krypte in der Kathedrale auf dem hiesigen Wawelhügel einen Huldigungskranz mederlegen. Könnte der Geist des genialen Schöpfers des jüdischen Cymbalspielers „Jänkiel" aus der Gruft die Stimme vernehmen lassen, er würde zweifellos den ihm huldigenden Polen die mahnenden Worte zurufeu: „Nicht ohne Grund fügte es die göttliche Vorsehung, daß die Juden seit vielen Jahrhunderten in Polen sind und daß ihr Los mit dem der polnischen Nation innig verknüpft ist." — „Der Bauer und der Jude sind uns gleich nothwendig; man muß beide zu wahren Polen umgestalten!" — Jetzt will man aus den Juden Heloten, aber keine Polen machen. Ob dies zum Vortheil unserer Nation ist, wird die Zukunft lehren. Arthur Eibenschütz. Der Iudenflsat?) Als ich vor mehreren Jahren in diesen Blättern mich an dem Kampf gegen die Antisemiten zu betheiligen begann, zu einer Zeit, als manche von den jetzigen Zionistenführern ihr „jüdisches Nationalgefühl" noch nicht entdeckt hatten, ahnte ich nicht, daß wir Juden in diesem uns aufgedrungenen Kampfe auch im Rücken angegriffen werden würden, daß sich unter den Juden Bundesgenoffen der Antisemiten, zu ihrer Entschuldigung sei es gesagt, unbewußte, naive Bundesgenossen finden würden. Wer die bisherige Thätigkeit der Häupter des Zionismus beobachtet, wird bemerkt haben, daß sie zwar recht geistreiche Leute sind und die Feder geschickt zu führen wissen — wenn manchmal etwas Gift herausspritzt, ist es gewiß nicht ihre Schuld — daß sie aber von Geschichte, Völkerrecht und Politik nicht viel verstehen. Freilich scheinen sie, wenn sie an die Gründung eines Staates gehen wollen, von diesem Mangel noch keine Kenntniß zu haben. Sie. erinnern an den Mann, der, als man ihn fragte, ob er Clavier spielen könne, zur Antwort gab, ich weiß nicht, ich habe es noch nie versucht. So sagen sich wohl die Zionistenfiihrer: „Wir haben noch nie versucht, Politik zu . treiben und Staaten zu gründen, vielleicht können wir es." Leider machen sie diesen Versuch nicht in corpore vili, sondern schneiden als wahre V i v i s e k z i o n i st e n ins lebendige Fleisch des Judenthums hinein. Und doch hätte sie, selbst beim Mangel jedes staatsmännischen Talents, schon die Beobach- *) Der Autor dieses Artikels ist einer der hervorragendsten Gelehrten und Schriftsteller der österreichischen Judenheit. tung der Vorgänge in Oesterreich lehren können, wohin man mit solchem Zwietrachtsäen im eigenen Volke gelangt. Wissen sie denn nicht, welchen Schaden - dem Deutschthum in Oesterreich die Spaltung zwischen Liberalen, Fortschrittlichen, Nationalen und Christlich-Socialen verursacht hat? Und wird, was den vielen Millionen Deutschen so geschadet hat, dem kleinen Judenvolke nicht noch viel mehr schaden? Aber es scheint, daß auch uns die Schönerers und Wolfs nicht erspart bleiben sollen. Wir Juden sind jetzt wie eine von einem übermächtigen Feinde belagerte Festung. Und da treten Leute unter uns auf, die sagen: „Jede Vertheidiguug ist ja nutzlos, und dann haben wir ja gar kein Recht auf diese Festung; die Feinde sagen ja, daß wir Fremde, erst seit einem einzigen-Jahrtausend Eingewanderte sind, während sie schon seit Jahrhunderten hier wohnen; gewiß haben die Feinde Recht, sind wir also ehrliche Leute und machen wir ihnen das Vergnügen fortzugehen. Gehen wir dahin, wo wir vor zweitausend Jahren gewohnt haben; es wohnen und herrschen zwar jetzt andere Leute dort, die uns wahrscheinlich gar nicht hineinlassen werden, jedenfalls sehr viel Geld verlangen werden, um uns ein Plätzchen eiuzuränmen; aber wenn wir dabei auch zu Grunde gehen sollten, wir werden jedenfalls gezeigt haben, daß wir edle vornehme Menschen sind, die sich Niemanden aufdrängen." Und die Feinde ringsum klatschen Beifall und rufen laut: „Seht, das sind brave Juden, wir geben euch u'fern Segen auf die weite Reise mit, im Stillen aber setzen sie hinzu: „Euere Häuser, Euere Güter, Euer Vermögen behalten wir hier." Nun wird man mir vielleicht einwenden: „Die Lage der Juden ist doch in Rußland eine so schreckliche, ihre Leiden in anderen Ländern, zumal in Oesterreich und besonders in dem von den Antisemiten beherrschten Wien, nehmen immer zu und es muß doch etwas geschehen, um dem abzuhelfen." Was Oesterreich betrifft, so verzweifeln wir durchaus nicht. Wie der acuten Schreckensherrschaft eines Robespierre plötzlich ein Ende mit Schrecken bereitet wurde, so wird auch die schleichende Schreckensherrschaft der Wiener Antisemiten ein langsameres und minder heroisches Ende finden. Und es ist noch ein anderer Unterschied, der Unterschied zwischen einem ehrlichen Fanatiker und eigennützigen Demagogen. Als Robespiere gestürzt wurde, fand man nur einige Kupfermünzen in seinem Besitz, mit einigen Kupfermünzen ist mancher in die antisemitische Bewegung eingetreten, um ein reicher Hausherr und begünstigter Lieferant zu werden. Das Alles kann uns aber nicht veranlassen, zum Vergnügen dieser Leute das Feld zu räumen. Auch die Polen, die viel länger einen unabhängigen Staat bildeten als die Juden und wenn auch weniger bedrückt als diese, es umso schmerzlicher empfinden, weil sie noch nicht so viel Zeit wie die Juden hatten, sich an die Unterdrückung zu gewöhnen, auch die Polen wandern aus Rußland nicht aus. Dagegen wandert der ausgebeutete katholische Bauer aus Galizien aus, der hungerleidende orthodoxe Bauer aus Rußland, wo man überflüssige Hundert Millionen zur Verstärkung der Flotte verwendet, und auch der arme bedrängte Jude, der zu Hause kein Brot finden kann, soll auswandern. Ihn dabei mit Rath und That zu unterstützen, ist Pflicht der Menschlichkeit, für jeden Juden nationale oder religiöse Pflicht. Aber, wenn wir nicht irren, haben Baron Hirsch und Andere in dieser Beziehung eine segensreiche Thätigkeit entwickelt und reichliche Opfer gebracht, zu einer Zeit als die Herren Dr. Nordau und Dr. Herzl ihres Judenthums sich noch nicht erinnert, ihre Befähigung zur Staatengründung noch nicht entdeckt hatten. Freilich, es haben sich auch Andere erst in Folge der Bedrückung und der antisemitischen Niederträchtigkeiten recht als Juden zu fühlen begonnen und den Kampf gegen den Antisemitismus begonnen, was vielleicht mit größeren Opfern' und Gefahren, verbunden ist, als unter dem Beifall der Antisemiten Congresse einznberufen oder Lächerlichkeiten der Juden auf die Bühne zu bringen. Wenn geistreiche und im Agitiren geschickte Männer, wie es die Führer der Zionisten sind, am Kampfe für das Judenthum theilnehmen wollen, so werden wir es mit Freuden begrüßen und sie werden auch den hervorragenden Platz finden, den sie verdienen. Ein viel Größerer als wir Alle hat gesagt: „Da möchte doch das ganze Volk des Ewigen Propheten sein, so der Ewige seinen Geist auf sie legte."

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