Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 24 (17.6.1898)
- Date
- 1898-06-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 24 J&r. Bloch's Wochenschrift Seite 459 mus umgetauft worden und ist nur noch Privatspecukation verzweifelter Streber, die Nichts erlangen konnten, weder Vermögen, noch Stellung, und sich auf den Trümmern der socialen Ordnung annisten möchten. Diese frechen Abenteurer können doch aus die Unterstützung der Regierungen — und wär's auch nur die rumänische — nicht rechnen, ebenso wenig als aus jene der besitzenden Classen, die recht wohl wissen, daß nach den Juden an sie die Reihe käme; sie bleiben somit blos ein Haufen gefährlicher Mordbrenner, eine schlecht bewaffnete Räuberhorde die den Kittel trägt, während ihre Leiter Frack und weiße Halsbinde tragen, eine feile und feige Schichte moralisch Aussätziger, die doch mit Erfolg bekriegt und besiegt werden könnte, wenn wir ans unserer unqualificirbaren Passivität heraustreten, in geschlossener Phalanx unter Leitung zielbewußter, berufener Personen vorrücken würden. Was sollen in einem Momente harter Noth schöne Pläne, was kümmert uns die ferne Zukunft, wenn unsere Gegenwart so dringend alle unsere Thatkraft fordert und unser Dasein in allen Theilen der österreichischen Monarchie so schwer bedroht ist? Es ist ganz unstreitig ein löbliches und anerkennenswerthes Vorhaben, ein gewiß edles Ziel dem Judenthume, nach 2000jähriger Verfolgung eine Heimstätte zu gewinnen, in der es ein Leben der Arbeit und der Cultur unangefochten leben könnte — aberdieGegenwart hatden Vortrittvor der Zukunft. Die vorhandenen Kräfte dürfen nicht zersplittert werden; die Männer oben ans der Steuerbrücke dürfen nicht weit hinaus in die fernen Weiten des Weltmeeres blicken, bevor die Klippen umschifft sind, von denen wir umgeben sind. Zuerst muß der Kranke gerettet, dann kann für ihn ein milderes Klima zur vollständigen Gesundung ausgesucht werden. Der Congreß in Basel soll stattfinden und zahlreich beschickt, aber in erster Linie soll dort das Elend besprochen werden, mit dem die Inden gegenwärtig kämpfen. Unter Hunderttausenden bebt der Boden; wohin man blickt, winden sich Verfolgte; wohin man horcht, krachen Existenzen; ruchlose Hände vernichten die Früchte jahrelangen Fleißes —es ist wahrlich keine Zeit für Uneinigkeit und Hader zwischen den F ü h r e r n, die ihr ganzes Denken und Trachten, ihr ganzes geistiges Vermögen einträchtig der Gefahr des Augenblicks zuwenden sollen, in der wir schweben. Die neuesten Excesse in Galizien, über welche unsere jüdischen Abgeordneten sich gründlich ausschweigen, mahnen zur Eintracht, zur Vereinigung aller Theile, zu einem starken Bunde. Sollen wir warten, bis die Verfolgungen jene Höhe erreichen, wie sie im Jahre 1881 im Nachbarreiche die Emigration hervorriefen? Wenn wir warten und die Regierung zusieht, so werden wir bald dahin kommen, den russischen Juden, die sich einst nach Oesterreich flüchteten, eine Gegenvisite zu machen, indem wir uns aus Galizien nach Rußland retten. Wenn es wahr ist, daß Graf Stanislaus Badeni die antisemitische Bewegung inspirirt und protegirt, so muß mau sich doppelt vorsehen, da dies ein ganz schlauer Manu, der trefflich den jüdischen Jargon spricht und es bekannt ist, daß vornehme Christen, die den Jargon sprechen, geriebene Antisemiten sind. Wenn sich selbst die Hoffnung verwirklichen sollte, daß der Gras St. Badem seinem Bruder in die wohlverdiente Verborgenheit folgen werde, bleibt er den Juden als Gegner gefährlich, da er leider sehr reich und gescheidt ist. Drum ist jetzt mehr denn je ein eiumüthiges Zusammengehen, eine stramme Organisation, eine energische Abwehr und ein sehr lauter Appell an die Regierung, nöthigen Falls eine I m m e d i a t Vorst e l l u n g bei unserem Monarchen, dessen Jubeljahr solche Excesse und Bürgerkriege trüben, dringend erforderlich! Ans Werk! Teplitz, 12. Juni. Leo Herzber g-F c ä n k e l. Miclnewirx über die Juden. (Blaublütige und bäuerliche Antisemiten in Galizien.) Krakau. 10. Jnni. Aus Anlaß der Säcularfeier des polnischen Dichters Adanl Mickiewicz herrscht unter den Polen eine überaus festliche Stimmung. Obgleich der hundertjährige Geburtstag desselben erst am 24. December l. I. sich jährt, wird derselbe bereits seit nahezu drei Wochen abwechselnd in allen hierländischen Städten und Dörfern solenn begangen. Den Glanzpunkt dieses Gedenktages, sozusagen die de ieaistauce“ desselben, wird jedoch die am 27. und 28. dieses Monates daselbst stattfindende nationale Doppelfeier, nämlich des genannten hundertjährigen Jubiläums und der gleichzeitigen Enthüllung des hier errichteten Denkinales dieses polnischen Dichterfürsten, bilden. Während nun die Mickiewiczfeier die ganze polnische Nation enthusiasmirt, gewahrt man leider zu gleicher Zeit das entsetzliche, jeden human denkenden Menschen wahrhaft erstarrende „schlangenbedeckte Medusenhaupt" der bei uns immer mehr umsichgreifenden Judenhetze, die einen häßlichen, unstreitig entweihenden schwarzen Schatten auf diese nationale Feier wirst; und unwillkürlich fühlt man sich gedrängt, einen Vergleich anzustellen zwischen der antisemitischen Versolgungswnth der gegenwärtigen degenerirten Epigonen der einstigen polnischen Patrioten und den judenfreundlichen Gesinnungen des unsterblichen Barden Adam Mickiewicz! — Bekanntlich stammte Letztgenannter mütterlicherseits von Juden her. Diesbezüglich erzählt Graf Branicki in seinem, im vorigen Jahre in der „Oesterreichischen Wochenschrift" besprochenen Werke: „Das Thor der Buße" (..Brama pokutA“), daß ihm einst Mickiewicz sagte: „Mein Vater stammte von Masuren her; die Ahnen meiner Mutter waren getaufte Juden, und ich rühme mich, daß ich zur Hälfte ein „Masur" und zur Hälfte Jude bin!" Im Gegensätze zu denjenigen pseudo-polnischen Patrioten hatte Mickiewicz, der die Juden von seiner frühesten Jugend genau kannte, die beste Meinung von ihren Eigenschaften und forderte auch stets mit der Kraft seiner fascinirenden Worte, daß den Juden in Polen, als „ungemein nützlichen Bestandtheil" der Bevölkerung, vollständige Gleichberechtigung gewährt werde! Dies erhellt zur Genüge ans seiner Kritik des phantastischen Dramas „Ungöttliche Eomödie" t „ Nieboaka Komedya ) des frömmelnden polnischen Dichters Grasen Siegmund Krasinski, worin dieser unter anderen Völkerschaften auch die Juden in schlechtes Licht darstellte. Darüber äußerte sich Mickiewicz (in der slavischen Literatur) „was zunächst die Juden betrifft, kann man sagen, daß der Verfasser (Krasinski) gegen seine eigene Nation sich vergangen, indein er dieselben als für den Adel und das Landvolk verderbenbringend und als Gefahr für das Ehristenthum darstellte. Er hat in den Mund einiger von ihm geschaffener jüdischer Typen Worte von Haß und Verachtung gegen die Christen gelegt. Allerdings gibt es jüdische Secten und Fanatiker, die in Vorurtheile und Aberglauben versunken sind. Allein man darf so nicht von dem gesummten jüdischen Volke denken; man darf auch nicht die Absicht der göttlichen Vorsehung zu vereiteln suchen, die nicht ohne Grund es fügte, daß die Juden seit vielen Jahrhunderten n Polen sind und daß ihr Los mit dem der polnischen Nation innig verknüpft ist!" — Gegenüber seinem intimen jüdischen Freunde, dem Franzosen Armand Lewy, der bekanntlich Mickiewicz nach Constantinopel begleitete und ihm daselbst im Sterben die Augen zudrückte, äußerte sich Mickiewicz: „Ich wünsche nicht, daß die Juden aus Polen auswandern, denn die Union Polens mit den Israeliten ist zur Befestigung der polnischen Republik prädestinirt, wie sie einst durch die Union mit Litthaucn militärisch befestigt wurde. Der Bauer und der Jude sind uns gleich nothwendig, man muß beide zu wahre Polen umgestalten." Mickiewicz hat die Juden auch des aufrichtigen polnischen Patriotismus fähig gehalten, wie dies aus der meisterhaften Darstellung des berühmten jüdischen Patrioten in der Person des Cymbalspielers „Jankiel" im „Pan Tadeusz" überzeugend hervorgeht, und daß er den Juden auch persönlichen Muth und militärische Tapferkeit zuerkannte, zeugt sattsam die Thatsache, daß er im Jahre 1855 während des Krimkrieges an die türkische Regierung ein Memorandnin richtete, worin er, im Hinblicke auf die Verfolgungen der Inden in Rußland, die Bildung eines jüdischen Regimentes proponirte, und dabei die — wie er hinznsügte - auch vom polnischen Schriftsteller Czajkowski (Mohamed Sadik) anerkannte Tüchtigkeit der jüdischen Soldaten zur Zeit Kosziuskos und während des polnischen Ausstandes im Jahre 1831 rühmend hervorhob! So vorurtheilsfrei dachte der größte Sohn der polnischen Nation, der bekanntermaßen als Opfer seiner glühenden Vaterlandsliebe stets ein nomadenhaftes Märtyrerleben in der Fremde führte, während die jetzigen, mehr nach Rom gravitirenden, als wahrhaft patriotisch fühlenden Polen den sozusagen „theokratischen" Grundsatz aufgestellt haben, daß nur ein Katholik polnischer Patriot sein kann! * * * Wenn man den Bück von der strahlenden Lichtgestalt des Adam Mickiewicz, dieses größten Poeten aus dem polnischen Parnaß und zugleich größten polnischen Patrioten, zu den kleingeistigen nationalen Pygmäen der Gegenwart wendet und ihren großen Enthusiasmus anläßlich der jetzigen Mickiewiczfeier wahrnimmt, ist es wahrlich schwer, keine Satyre darüber zn schreiben, daß dieselben einerseits dem gefeierten „Seher" („Wieszcz") — so wird Mickiewicz von den Polen genannt — geradezu anbetungsvolle Huldigungen darbringen, andererseits dagegen seine hohen Ideale und humane, großherzigen Gesinnungen verleugnen, daß sie im krassen Gegensätze zu seinem liberalen Ausspruche, daß den Juden in Polen vollständige Gleichberechtigung gewährt werden muß, die Letztgenannten nun in jeder Hinsicht brutaler Weise zu unterdrücken suchen! Was diesbezüglich die „oberen Zehntausend" der hierländischen Nationalen betrifft, so hat das Verhältniß unserer blaublütigen „Staatsmänner" zu den galizischen Juden stets an sogenanntem politischen Wechselfieber laborirt! Die Juden winden je nach Bedürfniß und Umständen bald mit geheuchelten Schmeicheleien geliebkost, — wie zum Beispiel vor den Wahlen in parlamentarische Körper-