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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-06-17 · 24 (17.6.1898) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
24 (17.6.1898)
Date
1898-06-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 458 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. S4 zu erlernen. Der Exporteur muß bereit sein, alle Sprachen zu lernen, die er nöthig braucht. Ihm muß das Chinesische nicht zu schwer sein, geschweige denn das Russische, welches wieder viel schwerer ist als das angeblich nicht erlernbare czechische Idiom. Solange man den österreichis che n Völkern dergleichen nur der Faulheit schmeichelnde Thorheiten e i n r e d e n kann, sind sie für den Weltmarkt nicht reif. Darum glauben wir, daß unsere Glaubensgenossen auf diesem Gebiete, auf welchem nur Qualität und Billigkeit des Geleisteten entscheidet und nicht die Confession des Urhebers, große Erfolge zu feiern berufen find, und zwar Erfolge, die ihnen vielleicht ausnahmsweise nicht mißgönnt werden. Man kann zwar den Judenfeinden einen hohen Grad von Verstocktheit zumuthen, aber wenn es gelänge, durch Hebung des Exportes, unseren Antheil am Reichthum des Weltmarktes zu steigern und im Vaterlande den Preis der Arbeit und des Bodens zu erhöhen, so steht ja doch zu hoffen, daß die'hämische Albernheit des Vorurtheils nicht auch noch diese Art des Erfolges, die offenbar Niemandem etwas wegnimmt und Vielen etwas bringt, den Juden als Verbrechen anrechnen wird. Freilich ist dies nicht so leicht; der Export i st eine außerordentlich schwere Aufgabe; denn auf dem Weltmarkt weht die scharfe Brise internationaler Concurrenz. Wir wünschen cs, wir wünschen es von ganzem Herzen, daß unsere herrliche, arbeits- und denkgewohnte Race endlich müde werde, sich daheim zurücksetzen zu lassen, aber nicht um mit großen Worten über Zion, denen niemals die angekündigte That folgt, zu spielen, sondern um hinauszusegeln über die Meere, hinauszuwandern über die Lande und ins Vaterland heimzukehren, ausgestattet mit seltener Kenntniß von Land und Leuten, von Sprachen und Bedürfnissen, wie sie da draußen in der weiten Welt existiren, wo mau nicht Zeit hat, sich um die Uebersetzung des Talmud zu kümmern, weil man Meere zu übersetzen und Landwege zu durchstechen hat. Zu solcher Auffassung aber sollte der jüdische Vater seine Söhne schon von der Kinderstube an erziehen. Schenkt ihnen Bücher, die von der großen Welt erzählen, aber nicht Jndianerabenteuer, sondern die Großthaten des Handels. Schenkt ihnen Lebensbeschreibungen wie die von Werner Siemens, dem großen Kaufmann. Lehrt sie alle wichtigeren Sprachen der Monarchie sprechen, was durch Kindertausch in den Ferien gerade in der Jugend gar nicht schwer zu erzielen ist. Lehrt sie, daß das Vaterland wie das Vaterhaus das Centrum ist, zu dem wir immer wieder gravitiren sollen, aber nicht die Peripherie, die Grenze unserer Reisen und unseres Horizonts. Nur der Weltbürger hat ein Recht, von Patriotismus überhaupt zu reden, nur er hat ein Urtheil über die Heimat, weil er auch Anderes kennt, nur er hat die wahre Liebe für sie, nach der er Jahre lang in herzverzehrender Sehnsucht geschmachtet hat. Zwei große Lehren sollte man jedem Juden einprägen: Mache Deine Söhne zu Geschäftsmännern, denn diese allein können nnabhängig werden, und mache sie zu Kennern des Weltgeschäftes, denn diese allein sind unabhängig. Der Jude theilt überall mit den Vorzügen auch die Fehler der Bevölkerung, so auch in Oesterreich. Alle Oesterreicher sind zu festgesessen, zu wenig Weltbürger, der österreichische Jude ist es auch. Darum möchten wir an unsere Stammesgenossen den Ruf richten: Macht Eure'Söhne exporttüchtig; denn die Zukunft fordert gebieterisch den Export und Oesterreich Hut viel zu wenig Exporteure! Zn unserer Lage in Galizien. Die mephitischen Dämpfe des Antisemitismus steigen jetzt auch schon in Galizien auf, das bislang ruhig blieb, wo der mächtige Adel mit und durch Juden einen lebhaften geschäftlichen Verkehr unterhält und der Bauer im Dorfe an dem jüdischen Arrendator seinen Berather in allen zweifelhaften Fällen, seinen Berichterstatter über alle Vorkommnisse da draußen in der Welt und seinen, wenn auch nicht uneigennützigen Helfer in Zeiten der Noth hatte. Selbst jetzt noch gibts keinen noch so vornehmen Edelhof ohne eine jüdische Vertrauensperson und sowohl der gegenwärtige Statthalter Graf Pininski, als auch sein Vorgänger Graf Badeni, sowie viele, viele andere Mitglieder der höchsten polnischen Aristokratie haben Juden als Geschäftsleiter, Theilnehmer oder Pächter ihrer Unternehmungen, und jene Juden, die sich zu Gutsherren emporgearbeitet haben, betreiben zumeist eine Musterwirthschaft, die von ihren erbgesessenen Nachbarn, zuweilen sogar neidlos, anerkannt wird. Weder Oben noch Unten, weder in den hohen Regionen des polnischen Adels, noch in den niederen Schichten des Volkes, besonders der Ruthenen, hätte der leidige Antisemitismus Wurzel gefaßt, wenn er nicht vom mittleren Stande gewaltsam hinein getragen worden wäre. Der kleine Geistliche, meist unwissend, beschränkt und armer Eltern Kind, findet im Antisemitismus ein dankbares Feld für sein erstes Auftreten auf der Kanzel und bei seiner Dorfgemeinde, in der er sich zuerst die Weiber und durch sie die Männer — in Lneger'scher Manier — erobert. Die christlichen Kaufleute in den Städten, besonders die deutschen Renegaten, hassen und verfolgen im Juden den gefährlichen und oft siegreichen Concurrenten. dem sie die Existenz verbittern und aus ihrem Bereich verdrängen wollen, während der Beamte der unteren Rangsclassen, aus dem unbemittelten Bürger- und besseren Handwerkerstande hervorgegangen, unterwürfig und servil nach Oben, nach Unten gerne tyrannisirt, an den Juden gefahrlos seine Herrscherlaune anslassen zu dürfen meint, wofür er von seinen Vorgesetzten keine Zurechtweisung, noch weniger eine Behinderung in seinem Avancement zu befürchten hat; denn wenn in den höheren Gesellschaftslagen der Polen, die sich so gern als die Franzosen des Ostens bezeichnen hören, der Antisemitismus nicht offen manifestirt wird und nicht so schamlos nackt wie in der Wiener Gemeindestube umhergeht, so wird er doch schmunzelnd tolerirt und schleicht latent durch die socialen Röhren, die sich parterre öffnen. Dem unwissenden Bauer gegenüber genügt das Wort des Vicars oder des Gemeindeschreibers, um ihn in die Judenhetze hineinzuspinncn, ohne daß er weiß, weshalb er's thut, wozu er's thut. Einige Lügen, einige Vorspiegelungen und einige Schnäpse reichen hin, den gedankenlosen, auf der niedersten Culturstufe stehenden slavischen Bauer in die Mordbrennerbande zu bringen, wie es neulich wiederholt im westlichen und östlichen Galizien der Fall war, wo kleine reizende Judenverfolgungen inscenirt wurden. Wie lange nun werden wir kleinmüthig und muthlos diese schändlichen Mißhandlungen dulden? Wie lange noch werden Hunderttausende normale Menschen mit Hirn im Kopfe und Fäusten an den Händen wehrlos gegenüber" einer betrunkenen Bande stehen, die auf sie von entmenschten Hallunken gehetzt wird? Wie lange werden jene Männer unseres Volkes, die vermöge ihrer socialen Stellung berufen sind, für ihre Brüder einzutreten, seitwärts stehen und dem großen Unrecht zuschauen, ohne sich zu rühren? In allen antisemitischen Versammlungen wird auf die Uebermacht der Juden und ihren weitreichenden Einfluß hingewiesen; während wir uns so. kleinlaut jede Unbill gefallen lassen, ohne daß unsere Abgeordneten den Muth einer zahmen Interpellation hätten. Die Paschas vom Polenclub gebieten Schweigen und man schweigt. Als man noch in den finsteren Zeiten vergangener Jahrhunderte Scheiterhaufen für die Juden errichtete, gingen die Regierungen mit der fanatischen Geistlichkeit und der losgelassenen Volksmeute und gestatteten, daß dem Gott der Liebe rauchende Menschenopfer gebracht werden — gottgefällige Werke, wie sie in Spanien und Portugal so herrlich verübt wurden und zur Zeit der Kreuzzüge Deutschland und Böhmen verschönten. — Heute liegen aber die Sachen denn doch anders. Heute ist eine Judenverfolgung nicht mehr eine von Herrscher und Inquisition vereinbarte öffentliche Belustigung, wo das Geschrei der Opfer mit Psalmen, der Brandgeruch des menschlichen Fleisches mit Weihrauch bedeckt wurden; heute ist die Judenverfolgung in etwas schämiger Weise in Antisemitis-

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