Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 15 (1898)
- Issue
- 23 (10.6.1898)
- Date
- 1898-06-10
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 454 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 23 Herrn Dr. Julius Rothholz, Leiter des statistischen Bureaus der Versicherungsanstalt Berlin, verlobt. Prag. Am 22. Mai starb in Hostowitz bei Bilin der langjährige Custos der Pinkassynagoge in Prag H. Reichmann. Beim Leichenbegängnisse am 24. widmete im Trauerhause Se. Ehrwürden Rabbiner Brock aus Bilin einen erhebenden Nachruf dem Verstorbenen, der allenthalben wegen seiner Frömmigkeit und biederen Charakter hochgeschätzt war. Am Friedhofe in Bilin hielt Herr Rabbiner Brock eine meisterhafte Trauerrede, die auf die zahlreich Versammelten den tiefsten Eindruck machte. Er behandelte den Satz aus Bamidbar: „Vesoviv hamiskon cachaen“. Kein Auge blieb thränenleer. Prag. Den Inhabern der hiesigen Wäschefabrik M. I o ß und L ö w e n st e i n wurde der Titel k. und k. Hoflieferanten verliehen. Dieselben beschäftigenin ihren Fabriken mehrere taufend Arbeiter und exportiren ihre Erzeugnisse nach den entferntesten Weltgegenden. Die genannten Herren zeichnen sich auch durch große Wohlthätigkcit in hohem Grade aus. Breslau. Herr Dr. Israel Finkelscherer aus dem hiesigen jüdisch-theologischen Seminar wurde zum zweiten Rabbiner in München gewählt. Washington. Sehr erfreulicherweise ist zum Botschafter der Vereinigten Staaten abermals Oscar S. Strauß, unser bekannter Glaubensgenosse, ernannt worden, der diesen Posten schon vor einigen Jahren längere Zeit inne hatte. Er ist zu diesem Posten bestimmt worden, obwohl er nicht Parteigenosse des Präsidenten ist, gerade seiner Religion halber, denn man setzt nicht mit Unrecht voraus, daß er als Jude leichter mit den Muhammedanern fertig werden wird, als ein Christ es könnte. Der neue Oberamtmann. Erzählung aus dem dritten Viertel des XVIII. Jahrhunderts von S. Kohn, Verfasser von „Gabriel". (Fortsetzung.) Fünftes Capitel. Es war ein heißer Julitag, als Jacob Leipnik seine Heimat verließ, um in der Ferne die Mittel zu einem bescheidenen Glück zu suchen, das er zu Hause nicht zu finden vermochte. Am frühen Morgen hatte er sich von seiner Verlobten, deren Vater und Bruder verabschiedet, Hanna hatte sich gefaßt benommen und der kluge Weritsch hatte, um den peinlichen Moment abzukürzen, zur raschen Trennung gedrängt. Leipnik schritt nun rüstig aus; aber kaum war sein Heimatsort seinem Gesichtskreise entschwunden, als ihn ein eigenthümliches Gefühl der Entmuthigung, der Verlassenheit, der Vereinsamung überfiel. Die dreizehn Decennien, die seit dieser Zeit über die Welt geschritten, haben auf dieser so wunderbar merkwürdige Veränderungen hervorgerufen, daß selbst die lebendigste Phantasie sich kaum in die barocken Zustände jener Zeit zurückzuversetzen vermag. Die damalige Stellung des Juden in den österreich-deutschen Erblanden war eine eigenthümliche. Schon durch den gelben Fleck am Aermel von der Bevölkerung unterschieden, war er auch schon dadurch der allgemeinen Mißachtung preisgegeben; das Maß der ihm vom Staate zugestandenen Existenzberechtigung war in jeder Beziehung ein so knapp zugcmefsenes, daß der Bestand und die Erhaltung der Juden in der That als eines jener in der Weltgeschichte nicht allzu Men austauchenden Wunder zu betrachten ist. Der Jude in Böhmen und Mähren war an seine Scholle gebunden, und blos seine Ortsbehörde pflegte ihn zuweilen in Schutz zu nehmen. Außerhalb seiner Gemeinde war er in der That der Willkür des ersten besten schon aus dem Grunde preisgegeben, weil er aus scheinbar nebensächlichen Ursachen von den gesetzlichen Bestimmungen kaum einen Gebrauch zu seinen Gunsten machen konnte. Allerdings war es streng verboten, einen Juden zu beleidigen, zu mißhandeln; aber das Zeugniß der Juden galt dem Christen gegenüber vor Gerichte nichts. Unter Maria Theresia, welche den Juden abhold (dies beweisen die Judenvertreibungen aus Böhmen, gegen welche die ersten europäischen Höfe ernstliche Vorstellungen erhoben und auch deren Rückberuftmg erlangten) war die Abneigung der Bevölkerung, namentlich der -bäuerlichen auf dem flachen Lande geweckt worden, und diese glaubte sich für den Druck, den sie vou den Grundherren und deren Beamten zu erdulden hatte, durch Mißachtung und Quälen der Juden zu entschädigen, und die Lage eines wandernden Juden war in der That nichts weniger als beneidenswerth! Leipnik hatte eine Wanderung ohne bestimmtes Ziel vor sich, er war in Ungarn fremd und unbekannt, er besaß keinen Paß, kein Reisedocument, das ihn drüben im fremden Lande beglaubigen konnte, nichts als einen Chower*) seines Localrabbincrs, mit dem er sich in den Judengemeinden des Nachbarlandes answeisen konnte. Leipnik lvar je länger er ging, desto trauriger geworden; er hatte wie dies am flachen Lande üblich ist, zuerst die des Weges Vorüberziehenden gegrüßt, aber von Niemandem eine freundliche Erwiderung, höchstens ein Zeichen der Verachtung, einen halblauten Fluch erhalten; etwas später war er von Burschen, die in einem Gebüsch versteckt waren, mit Steinen beworfen worden, von denen ihn einer empfindlich getroffen. Hätte er von seiner Körperkraft Gebrauch machen und den nichtsnutzigen Jungen die wohlverdiente Züchtigung für ihren grausamen Muthwillen angedeihen lassen wollen, so hätte ihn Niemand daran verhindern können-; aber trotzdem sein Blut warm aufwallte, unterließ er dies doch; zum Theil aus angeborener Gutmüthigkeit, vielleicht mehr noch aus dem Grunde, weil er befürchten mochte, daß die gezüchtigten Buben sowohl als deren Angehörige an schwachen jüdischen Personen, etwa Greisen, Frauen, Kindern gemeine Rache üben würden. Daß solche kleine mißliebige Abenteuer einem Menschen, der, mit schwerem Herzen von der Heimat scheidend, einer ungewissen Zukunft entgegengeht, kaum zu erheitern vermögen, ist leicht begreiflich. Leipnik war schon einige Stunden gegangen; als nach und nach die Straße öder zu werden begann, die^ Bauern und Bäuerinnen, welche Sonntags die Kirche besuchten^ waren schon in dieser, landwirthschaftliche. Arbeiten, Wirthshausbesnch und Lustbarkeiten waren während der Kirchenzeit strengstens verboten, und es gab daher für Niemanden Veranlassung, sich jetzt im Freien zu befinden und so konnte es Leipnik nicht auffallen, daß er jetzt, es war 9 Uhr Vormittags, schon eine volle Stunde keinem Menschen auf der Straße begegnet war. Die Sonne begann nun schon tüchtig zu brennen und Leipnik zog es nun vor, jetzt seine Schritte durch den Wald, zu dem er gelangt lvar, zu lenken. Er machte hierbei zwar einen gewaltigen Umweg; aber er war einige Stunden vor den brennenden Sonnenstrahlen geschützt. Der Waldweg war ein vielfach gewundener und vexästeter und jetzt von keinem Menschen betreten. Leipnik mochte wohl schon eine Stunde in voller Waldeseinsamkeit allein mit seinen Gedanken gewandelt sein, als er zu seiner Ueberraschung plötzlich Stimmen hörte und sich bei einer Wegeilibiegung zwei Männern gegenüber befand. Der eine, rechts gehend, mochte etwa sechs- bis achtundzwanzig Jahre zählen, er trug eine einfache, aber sehr elegante Reisekleidung. Die stramme aufrechte Haltung des jungen Mannes machte Leipnik geneigt, ihn für einen jener zahlreichen entlassenen Osficiere zu erkennen, welche am Ende des siebenjährigen Krieges, nach dem Hubertsburger Frieden, aus der österreichischen Armee entlassen worden waren. Er war mittelgroß, in seinem wohlgeformten, leicht gerötheten Gesichte, das von einem kleinen Backenbarte eingerahmt war, fielen zuerst die prächtigen großen, geistvollen blauen Augen auf; wenn er sprach oder lächelte, ward eine Oberreihe gleicher und herrlicher Zähne sichtbar, während die untere Reihe durch die kirschrothe, aber etwas stärkere und etwas vortretende Unterlippe theilweise verdeckt wurde. Sein Begleiter mochte um zwei, drei Jahre älter sein und schien sich in Bezug auf Kleidung und Anordnung des Bartes seinen jüngern Reisebegleiter zum Vorbilde genommen zu haben. Als die Beiden Leipnik ansichtig wurden, zog der jüngere höflich den Hut und sprach: „Guten Morgen, lieber Mann! Sind sie aus dieser Gegend? wir haben uns hier im Walde verirrt — wir sind auf dem Wege nach Brauschitz." Einen Augenblick glaubte Leipnik, daß der artige Gruß und die höfliche Ansprache nur Ironie seien, denn der Fremde mußte ihn ja schon des gelben Fleckes am linken Aermel wegen als Juden erkennen, und hatte ihn doch mit „Sie angesprochen, das war ja geradezu beispiellos^; aber es, lag eine eigenthümliche Milde in seinen Zügen und in deni Tone seiner *) Hebräisch geschriebenes Zeugniß.