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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1898-06-10 · 23 (10.6.1898) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
15 (1898)
Issue
23 (10.6.1898)
Date
1898-06-10
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Seite 452 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 23 des Schicksals schien, war in Wahrheit eine Gunst der Götter, denn als der Erwartete nun nahte, waren gerade die zahlreichen Theater auf den großen Boulevards aus, die Menge strömte vorüber, staute sich, die Wagen konnten nur langsam vorwärts, die engbesetzten Omnibusse mußten halten — kurz und gut, Derjenige, welcher nicht wußte, daß es hier alle Tage um diese Stunde etwa gerade so aussieht, fand, daß es ein außerordentlich gelungenes Fest wäre. Allerdings war den Arrangeuren leider ein sehr schöner Effect verdorben worden. Mehr als ein Dutzend Alluminiumfackeln hätten über den Wageuzug ihr magisches Licht ergießen sollen. Aber das Licht der meisten Fackeln war unterwegs erloschen, und so warf nur noch ein einziger Fackelstumpf seinen grünlichen Schein auf dieses seltsame, die Blüthe des neuen französischen Geistes in sich tragende Gefährt, in dessen Mitte der Held des Festes einen kleinen grauen Filzhut schwang. Ein vielfaches Rufen: „Hoch Drumont! Tod den Juden!" erhob sich auf allen Seiten (gepfiffen wurde freilich auch), Cylinder und Ballonmützen bewegten sich grüßend durch die Luft, im Cafe Veron, gegenüber der „Libre Parole", begann man sich zu prügeln — und dann erscholl die neue Nationalhymne, welche die Marseillaise abgelöst hat und für immer in den französischen Liederschatz ausgenommen scheint: „Conspuez Zola, conspuez Zola, conspuez!« Gestern sind Drumont und die übrigen „Algerier" zum erstenmale in der Kammer erschienen. Sie waren alle vier gleich gekleidet, trugen die gleichen hellen Ueberzieher und die gleichen kleinen grauen Hüte und schienen schon durch ihr Costüm verkünden zu wollen: „Die einzige wahre Bajazzotruppe ist -bie algerische." Man muß abwarten, was die Millevoye und Deroulöde dazu sagen werden. Paris. Der Großrabbiner Zadok Kahn veröffentlicht einen Aufruf zu Gunsten der hungernden Juden in den französischen Tageszeitungen rc. Er schreibt darin: „Unsere Glaubensgenossen, selbst die wohlhabenden, stehen vor einer argen Gefährdung ihrer finanziellen Situation. Aber besonders die Kleinen, die armen Arbeiter, sind grausam betroffen worden. Die christlichen Arbeitgeber, selbst die wohlwollendsten, haben sich unter dem Druck von Drohungen und unaufhörlichen Denunciationen bei der «ufgehetzten Menge fast Alle entschließen müssen, ihre jüdischen Arbeiter und Angestellten zu entlassen. Bon einem Tage zum andern siud Hunderte von jüdischen Arbeitern und Arbeiterinnen brotlos geworden, besonders in den Tabak- und Cigarrenfabriken, den Schneider- und Schuhmacherwerkstättea und die jüdischen Kutscher. Alle diese brotlosen Arbeiter haben mit ihren Familien die Zahl der Nothleidenden vergrößert, welche der jüdischen Wohlthätigkeit zur Last fallen. Leider vermindern sich gleichzeitig mit der steigenden Noth die Hilfsquellen, denn die Geschäfte in Algier stehen fast völlig still." Die Zeitungen eröffnen eine Subscription, allen voran die „Aurore", die selbst mit 100 fl. die Sammlung beginnt. St. Petersburg. Der Kaiser hat in der That die über die Excedenten von Spola verhängten Strafen abermals erheblich gemildert, obwohl schon die höhere Instanz die vom ersten Gericht festgesetzten bedeutend vermindert hatte. So erhalten die Höchstbestraften nur sechs Monate Zwangsarbeit statt vierzehn und die anderen dementsprechend weniger. — Die kaufmännische Corporation in Charkow hat die Errichtung einer Handelsschule beschloffen, zu der die Kaufleute erster Gilde 50, die zweiter Gilde 15 Rubel jeder beizusteuern haben, Juden sogut wie Christen. Dagegen sollen aber von der Benützung dieser Schule die Juden ausgeschlossen sein. Die jüdischen Kaufleute petitioniren zwar dagegen, aber sie werden mit ihren Beschwerden bei der Regierung keinen Erfolg haben, denn dort weht der Wind den Juden wieder einmal sehr ungünstig. So hat der Marineminister verfügt, daß zu den Seeschulen Juden nicht mehr zugelaffen werden dürfen, wodurch ihnen äs facto die ganze Handelsmarine verschlossen ist. Dagegen sollen den ausländischen Einkäufern von Hopfen, auch wenn sie Juden sind, der Eintritt nach Rußland erleichtert werden, damit die Bauern ihr Product leichter absetzen können, denn diese klagen Lber Mangel an Absatz, feit die „Hopfenjuden" nicht mehr kommen dürfen. In zwei Vororten von Kiew, Predmostnaja und Nikolskajahaben die Juden wieder .Ausweisungsbefehle erhalten, da die Polizei beide Plätze als Dörfer betrachtet. Bombay. Am 13. April besuchte der Generalgouverneur Lord Sandhur mit der gesammten Pestcömmission das hiesige jüdische Pestspital und sprach sich sehr befriedigt über die ausgezeichneten Einrichtungen desselben aus. In der That ist mit demselben auch viel mehr geleistet worden, als die kleine Genieinde der Bnei Israel aus eigenen Mitteln hätte aufbringen können. Wir danken der Munificenz der Baronin Hirsch ein Geschenk von 6000 Mark und einer Reihe anderer großherziger Geber in Europa ebenfalls bedeutende Beiträge, die uns in den Stand setzten, eine so zweckentsprechende Anlage zu machen. Auch Professor Haffkine, der mit seinem sachverständigen Rath uns beistand, hat große Verdienste. — Bei dem diesjährigen Wettschießen errang Jacob Saffoon vom 9. Regiment eine silberne Medaille und einen der Geldpreise, auch Sergeant S. Sampson von den Bombayer freiwilligen Schützen erhielt einen Preis. — Capitän Samuel Bastekar vom 12. Infanterie-Regiment ist zum Major ernannt worden. Da Bastekar zu den Bnei Israel gehört und Eingeborene nach den neuen Gesetzen in der Armee nicht mehr avanciren sollen, ist diese Auszeichnung um so ehrenvoller. In Poona ist die Pest erloschen,, aber sie wüthet neuerdings in Calcutta und breitet sich auch im übrigen Bengalen aus. So starben in Alibag 4, in Reodanda 2, in Calcutta drei Juden an der Seuche. Die jüdische Bevölkerung dieser Städte zählt: Calcutta 1399, Reodanda 200, Alibag 210 Seelen. Philadelphia. In unserer Stadt hat sich das erste Freiwilligeuregiment zum Kampfe gegen Spanien gebildet, das nur aus Juden besteht. Nach einer Ansprache des Rabbiners Rosenkranz meldeten sich am Sonntag den 15. Mai über 300 Recruten, wovon mehr als 50 Drenstzeugnisse aus dem russischen Heere aufzuweisen hatten. Sie treten unter das Commando von Benj. Gordon, unterwerfen sich einer ärztlichen Untersuchung und werden, wenn für tauglich befunden, einexerciert. Sie sollen das erste jüdische Freiwilligen-Regiment formiren und aus New- Iork den nöthigen Zuzug erhalten, um vollzählig zu werden. Das Gefecht bei Cardenas hat unter anderen auch ein jüdisches Opfer erfordert, einer der Gefallenen auf den amerikanischen Schiffen, Seesoldat Feldmann, war Jude. Vermilchles. Wien. Fräulein Ludmilla A n n i n g e r, Tochter des kaiserl. Rathes und Präsidenten der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union, Herrn W i l h. A n n i n g e r, hat sich mit Herrn Rudolf Sie i n e r, Juwelier, Firma Schwarz und Steiner, verlobt. Wien. Herr Ingenieur Josef Kareis, General-Repräsentant der Allgemeinen Elektricitäts-Gesellschaft in Berlin, hat sich mit Fräulein Elsa Schefftel, Tochter des Fabriksbesitzers kaiserl. Rathes N. Schefftel, verlobt. Wien. Der Wein-Großhändler Herr Rudolf Abeles in Döbling, hat sich mit Fräulein Helene Freyberg, Tochter des Fabriksbesitzers Herrn Wilhelm Freyberg, verlobt. Herr Freyberg hat aus diesem Anlaß für das israelitische Versorgnngshaus 200 fl., für die israelitische Volksküche 100 fl., für das israelitische Spital Gleichenberg 100 fl., für den Baufond des Ferienheim 100 fl. gespendet. Wien, 1. Juni. Im Befinden des schwer erkrankten, allseitig verehrten Gelehrten und Kaufmannes Herrn Tobias, Spiegel ist Dank der fürsorglichen Behandlung des Doceuten Herrn Dr. I. Grünfeld eine erfreuliche Besserung eingetreten. Todesnachricht. Donnerstag den 2. Juni entschlief sanft nach kurzem Leiden, 42 Jahre alt, Herr Sigmund Blatt, Inhaber der renommirten Selchwaarenfabrik, ein wegen seiner strengen Frömmigkeit und wegen seiner milden Sinnesart allgemein geachteter, in weiten Kreisen beliebter Mann, der Bruder des Herrn Cantors Blatt. Der Verewigte, von seiner trefflichen Gattin und zwei unmündigen Kindern schmerzlich beweint, wurde unter großer Theilnahme am Sonntag den 5. d. M. zu Grabe leitet. Ehre seinem Andenken! Wie». Vorige Woche ist hier Frau Jacobsohn hochbetagt gestorben, eine wegen ihres Edelsinns und ihrer Wohlthätigkeit in weiten Kreisen verehrte Frau. Sie war die Schwiegermutter des Leopoldstädter Arztes Dr. Josef Marmorek und Großmutter des Architekten Oscar Marmorek und des Pariser Arztes Dr. Alexander Marmorek. Die Heimgegangene war eine Esches chajil, hilfsbereit für jeden _ Nothleidenden. Dies zeigte sich am Lebhaftesten bei dem Freitag den 3. d. M. stattgefundenen Begräbnisse der Verblichenen, an welchem nebst den nächsten Leidtragenden sich auch eine große Zahl von Freun-

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